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Drehscheibe der MafiaDas schmutzige Goldgeschäft

Für die Geldwäsche vertraut die Drogenmafia auf türkische Goldhändler in Köln. Drogengeld wird dabei zu Gold, Gold zu Bargeld. Kriminelle Seilschaften sollen millionenschwere illegale Transfers in die Türkei organisiert haben. Viele Taten sind verjährt.

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Razzia in NRW gegen Geldwäsche-Netzwerke (Archivfoto)

Nach Analysen der Staatsanwaltschaft Köln wird ein Großteil von Einnahmen aus Straftaten mit Hilfe von Schmuckhändlern aus Köln und Umgebung mittels Goldexporten in die Türkei geschleust. „Insbesondere Köln ist ein bundesweiter Hotspot für die Geldwäsche des organisierten Verbrechens in die Türkei“, erklärt Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Hauptabteilungsleiter für Wirtschaftskriminalität hat dazu einschlägige Verfahren aus den Jahren 2018 bis 2021 ausgewertet und das Volumen der bewegten Vermögenswerte ermittelt. Danach wurden allein in jenen Verfahren mehr als 800 Millionen Euro durch illegale Transfers in die Türkei gewaschen.

Die Vorgehensweise hat sich seither nicht geändert. Am 7. Oktober erst ließ der Kölner Oberstaatsanwalt Lutz Niemann in einer groß angelegten Razzia 40 Objekte in Wuppertal, Leverkusen, Gelsenkirchen, Berlin und Bayern bis hin in die Niederlande durchsuchen. In Köln etwa durchstöberten die Ermittler nach Informationen dieser Zeitung unter anderem ein Juweliergeschäft in der Keupstraße und auf der Berliner Straße in Mülheim.

Altgold zu Barren eingeschmolzen

Seit Ende 2020 soll die Bande um drei türkische Geschäftsleute eine Art Geldwäsche-Dienst für Drogenhändler angeboten haben. Jährlich wurden bis zu 35 Millionen Euro aus kriminellen Einnahmen über illegale Transfers in der Türkei gewaschen. Kuriere sammeln bei Drogendealern die Erträge ein. Einer der Bandenbosse erwirbt dann bei Schmuckhändlern Altgold und lässt es zu Barren einschmelzen. Anschließend verfrachten die Finanzschieber die Barren in eigens präparierten Schmuggelfahrzeugen oder Lastwagen nach Istanbul. Oder aber Boten schleusen die heiße Ware per Flugzeug in die Türkei. Dort wird das Gold wieder in Bares verwandelt oder zu Schmuckstücken geformt. Die kriminellen Investoren werden nach Abzug einer Provision entsprechend ausbezahlt. Die Schmuckstücke gehen an die rheinischen Juweliere zurück. „Crime as a service“ avanciert angesichts einer zunehmenden Kokainschwemme aus Südamerika über die Seehäfen der Beneluxstaaten und Hamburg zu einem höchst lukrativen Geschäftsmodell.

Auf die Spur der 24 Tatverdächtigen gerieten niederbayerische Polizisten bei einer Fahrzeugkontrolle auf der A3 Ende Oktober 2023. Dabei fanden sich in einem Versteck über 55 Kilogramm Gold und knapp eine halbe Million Euro in bar. Nachforschungen durch die Strafverfolger führten nach Köln und den Raum Wuppertal. Mustafa Kaplan, Verteidiger in dem Fall, zeigt sich trotz der Beweislage zuversichtlich: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass auch dieses Mal die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft als Tiger starten und als Bettvorleger landen werden.“ Kompromittierender Chat-Verkehr über den kryptierten Messenger-Kanal Sky Ecc soll die Gold-Bande ferner überführt haben. Ende 2020 gelang es Europol, die verschlüsselte Gangster-App zu knacken.

Das Bundeskriminalamt (BKA) kümmert sich seither um die Auswertung der übermittelten Fälle, die hierzulande eine Rolle spielen. Ähnlich wie bei der Krypto-Software Encrochat wähnten sich die Kriminellen sicher vor Abhörmaßnahmen durch Justiz und Polizei. Und so redeten sie ganz offen über ihre Machenschaften. Mal ging es um Mord, mal um andere Schwerverbrechen. Oft drehten sich die Chats um Drogenhandel im großen Stil oder auch Geldwäsche. Das BKA stand vor der Herausforderung, die wahren Protagonisten hinter benutzten Legenden zu enttarnen. An erste Stelle drängten zunächst Vorgänge rund um Leib und Leben oder Terrorpläne – gut 2000 Ermittlungskomplexe allein bis zum Vorjahr. Inzwischen kümmern sich die BKA-Analytiker auch um Erkenntnisse aus Geldwäsche-Fällen.

Ein Beispiel aus dem März im Jahr 2020. Über Sky Ecc wickelten zwei italienische Mafiosi ihre Geschäfte ab. Freimütig redeten die Gesprächspartner über das Problem, die Gewinne aus Drogengeschäften zu waschen. Ein Führungsmitglied der neapolitanischen Camorra, das in Dubai lebte, erkundigte sich bei seinem hochrangigen Pendant der kalabrischen N’drangheta nach Möglichkeiten, 20 bis 30 Millionen Euro in der Türkei in sauberes Geld zu verwandeln. Die Rauschgift-Erlöse hatte der Camorra-Boss bereits in Italien in den Kauf von Altgold investiert. Nun müsse man die Barren über zuverlässige Mittelsmänner nach Istanbul schaffen, um sich dort das Geld nach Abzug einer Provision auszahlen zu lassen. Die N’drangheta-Größe betonte, „das können nur die Tedesci“. Gemeint waren türkische Schmuckhändler aus Köln. „Die sind doch aber so teuer, nehmen so hohe Gebühren“, wendete sein Bekannter ein. „Du kannst das auch mit Leuten aus Bulgarien machen“, so die Antwort, „aber da weißt Du nicht, ob alles ankommt, was losgeschickt wurde.“ Die Kölner hingegen seien zuverlässig. Ein kurzes Gelächter folgte. Gepaart mit dem Satz: Köln sei „die Geldwaschmaschine von Europa“. Die Deutschen recycelten Edelmetalle aus ganz Europa. „Sie sind die Seriösesten.“ Erneut Gelächter: „Das sagen die immer und schimpfen dann über die bösen Italiener.“

Der Camorra-Boss ließ das Gold per Lkw von Italien in den Kölner und Wuppertaler Raum bringen. Lieferungen von etwa 316 Kilogramm Gold im Zeitraum von Oktober 2020 bis Ende Januar 2021 sind belegt. Der Wert belief sich auf 20 bis 30 Millionen Euro. Fahrer und Empfänger tauschten am Übergabepunkt ein Foto von einem Geldschein aus, das sie vorher erhalten hatten. Die Goldmenge wurde gewogen und für gut befunden. Das Edelmetall verschwand umgehend in die Türkei.

Die Türkei ist für uns momentan weitgehend eine Blackbox
Torsten Elschenbroich, Oberstaatsanwalt

Die Strafverfolger hätten mit den Beweisen einen Volltreffer gelandet. Wäre da nicht die Verjährungsfrist für Geldwäsche von fünf Jahren gewesen. Erst Ende 2025 erhielt die Kölner Staatsanwaltschaft vom BKA den Chatverkehr der Mafiosi nebst den weiteren Vorgängen. Somit verjährten Dutzende illegale Gold-Lieferungen, nur drei Transporte können aufgrund von zuvor eingeleiteten Ermittlungsverfahren weiterverfolgt werden. Dabei wäre es so einfach gewesen, endlich einmal in einem Mafia-Verfahren den Geldwäsche-Vorwurf im Zusammenhang mit Rauschgiftdelikten im großen Stil nachzuweisen. Für die Geldwäsche braucht es eine Vortat. Nur selten gelingt den Anklägern ein stichhaltiger Nachweis.

In der Justiz hofft man nun, dass die Politik reagiert und die Verjährungsfrist für solche Finanzschiebereien verlängert. Schließlich rechnen die rheinischen Wirtschaftsermittler mit weiteren Sky Ecc-Verfahren. Oberstaatsanwalt Elschenbroich geht davon aus, dass sich in der Türkei längst organisierte Geldwäschenetzwerke gebildet haben, die Vermögenswerte entgegennehmen und den Auftraggebern wieder zur Verfügung stellen. Doch die Zusammenarbeit mit der Justiz dort sei schwierig. „Die Türkei ist für uns momentan weitgehend eine Blackbox.“ Zumindest zu einem Erfolg hat das Mafia-Verfahren dann noch geführt. Beide italienischen Gangster wurden inzwischen verhaftet und haben sich der Justiz als so genannte Aussteiger („pentiti“) angedient.