Großrazzia auch in KölnKurdisch-irakisches Schleusernetzwerk ausgehoben

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Einsatzkräfte der Polizei verlassen ein Gebäude. Bei einer großangelegten Razzia gegen Schleuser hat die Polizei mehrere Gebäude durchsucht.

Einsatzkräfte der Polizei sind einem kurdisch-irakischen Schleusernetzwerk auf der Spur.

Die Bande soll Flüchtlinge aus dem mittleren Osten und Ostafrika in kleinen Motorbooten nach Großbritannien geschmuggelt haben.

Die Polizei hat im Rahmen eines internationalen Einsatzes ein weit verzweigtes kurdisch-irakisches Schleusernetzwerk ausgehoben. Allein in NRW wurden am Mittwochmorgen 28 Objekte durchsucht und Dutzende Haftbefehle vollstreckt – darunter in Köln-Seeberg, Düsseldorf, Bergisch Gladbach und Detmold. 700 Beamte waren im Einsatz. Die Verdächtigen sollen an Schleusungen über den Ärmelkanal nach Großbritannien beteiligt gewesen sein.

Europol und die Justizbehörde Eurojust hatten die Groß-Razzia in Frankreich, Belgien sowie in Hessen, Bayern, Schleswig-Holstein und NRW initiiert. In einer kurzen Pressemitteilung war von einem der größten Schleuser-Syndikate via England die Rede. Die Bande soll Flüchtlinge aus dem mittleren Osten und Ostafrika über Deutschland nach Frankreich gebracht und sie dann in kleinen Motorbooten über den Ärmelkanal nach Großbritannien gefahren haben. Bei der Durchsuchungsaktion haben die Ermittler laut einem Bericht der „Bild“-Zeitung auch Außenbordmotoren sichergestellt.

Nancy Faeser: Schlag gegen menschenverachtende Kriminalität

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sprach von „einem wichtigen Schlag gegen menschenverachtende Kriminalität“. Bereits vor zwei Jahren waren 39 Hauptakteure der Menschenschmuggler-Bande verhaftet worden, doch das Geschäft lief weiter. Seinerzeit hatte die Gruppe sich in logistische Zellen in den Niederlanden und Deutschland aufgeteilt. Finanziert wurden die Schleusungen durch britische Geldgeber. Die Mittel flossen per Hawala-Banking in das Netzwerk. Dabei handelt es sich um ein arabisches Finanzsystem, das keine Kontobewegungen verursacht, sondern das Geld über Vertrauensleute in bar weiterleitet.

Die Beteiligten gerieten aber über Einflussgebiete in Streit. „Der Wettbewerb um die Kontrolle über das lukrative Migrantenschmuggelgeschäft und um Startplätze für die Boote führte regelmäßig zu schweren Gewalttaten innerhalb des kriminellen Netzwerks, darunter zu zwei Mordversuchen in Frankreich und Deutschland“, berichtet Europol.

Nancy Faeser (SPD), Bundesministerin des Innern und für Heimat, spricht auf einer Veranstaltung im Innenministerium.

Nancy Faeser (SPD) spricht von „menschenverachtender Kriminalität“.

Das Schleusernetzwerk agierte bereits seit dem Jahr 2020 hochprofessionell. So hatte man eine eigene logistische Infrastruktur aufgebaut, die große Mengen nautischer Ausrüstung beschaffte. Die Rollen in dem Syndikat waren streng aufgeteilt: Einige Chefs dirigierten das System, daneben agierten Schmuggler, Personalvermittler, Unterkunftsanbieter und Fahrer, die für den Transport des Materials zuständig waren.

Je nach Nationalität mussten die Migranten 2500 bis 3500 Euro für die Tour nach Großbritannien bezahlen. Das kriminelle Netzwerk habe regelmäßig seine Taktik geändert, um nicht entdeckt zu werden, so Europol, „und nutzte auch größere Boote und den Schutz der Nacht, um so viele Migranten wie möglich über die Grenze zu schmuggeln, ohne sich um ihre Sicherheit zu sorgen“. Die Überfahrten waren offenbar lebensgefährlich. Europol schätzt, dass teils nur die Hälfte von 15 ausgesandten Flüchtlingsbooten ihr Ziel erreichte. Die Ermittler vermuten, dass das Netzwerk binnen anderthalb Jahren bis zu ihrer Entdeckung 10000 Migranten geschleust haben könnte, mit einem geschätzten Umsatz von bis zu 15 Millionen Euro.

Als diese Mitglieder der Gruppe inhaftiert wurden, übernahmen andere kurdisch-irakische Schleuser das Geschäft. Die Nachfolgegeneration verfuhr laut Europol nach dem gleichen Muster.

Die Bundespolizei verzeichnete im Jahr 2022 deutliche Zuwächse bei den unerlaubten Einreisen nach Deutschland. Die Zahl stieg im Vergleich zu 2021 um 60 Prozent auf 91986 Fällen. Insbesondere der Weg über die Balkan-Route machte den Grenzschützern mit einer Zunahme von 136 Prozent zu schaffen. Laut Bundesregierung hat auch die Schleuserkriminalität seit 2021 deutlich zugenommen. Die Zahl der Tatverdächtigen sei von 2132 im Jahr 2022 auf 2728 gestiegen. Die mit Abstand größte Gruppe unter den Verdächtigen seien Syrer gewesen. Von 540 im Jahr 2021 stieg ihre Zahl auf 599 im Jahr 2022. Dahinter folgten türkische Schleuser, deren Zahl von 111 auf 285 gestiegen sei.