In Moskau prozessiert das berüchtigte Basmanny-Gericht gegen den Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly. Grund sind seine Putin-Pappfiguren. Ein Gespräch über Narrenfreiheit, Satire und Diktatoren.
Wagenbauer Jacques Tilly im Interview„Alle Menschenrechtsfeinde stehen bei uns auf der Speisekarte“

Jacques Tilly vor einem seiner Putin-Wagen
Copyright: Lena Heising
Als der Prozess gegen Jacques Tilly in Moskau am Mittwoch erneut verschoben wurde, wartete er dort auf Neuigkeiten, wo man einen Wagenbauer kurz vor Rosenmontag erwartet: In der Wagenbauhalle in Düsseldorf-Bilk. Im vergangenen Jahr hat das Moskauer Basmanny-Gericht ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet. Die russische Justiz wirft ihm die Diffamierung des russischen Präsidenten und Oberbefehlshabers der russischen Armee Wladimir Putin vor. Tilly hatte Putin mehrmals im Rosenmontagszug karikiert.
Herr Tilly, drei Wochen vor Karneval prozessierte der russische Staat gegen Sie. Entsteht daraus ein Wagen für den Rosenmontagszug?
Jacques Tilly: Wahrscheinlich fährt im Düsseldorfer Zug ein Wagen zum Thema mit. Mehr kann ich noch nicht sagen, weil wir unsere Mottowagen ja geheim halten. Nur so viel: Wir wehren uns mit den Waffen der Satire – der einzigen Waffe, die uns Narren zusteht. Es ist eine sehr humane Waffe. Putins Waffen sind anders geartet.
Der Prozess in Russland gegen Sie wegen „Verunglimpfung der Staatsorgane“ wurde am Mittwoch erneut verschoben – offenbar, weil Zeugen nicht erschienen sind. Wissen Sie, welche Zeugen da gehört werden sollten?
Nein. Ich habe bis heute nichts aus Moskau gehört. So läuft das halt in Unrechtsstaaten: keine Vorladung, nicht einmal ein Hinweis, dass ich angeklagt bin. Mit meiner Pflichtverteidigerin habe ich auch kein Wort gesprochen. Wenn Bekannte von mir nicht die russischen Gerichtstermine durchgesehen und meinen Namen gefunden hätten, wäre der Prozess völlig an mir vorbeigegangen. Es ist eine Propagandashow. Der unsouveräne Einschüchterungsversuch eines Regimes, das keine Kritik an Zaren zulässt und dem es nicht gefällt, dass man im Karneval eben verspottet wird.
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Motivwagen von Jacques Tilly an Rosenmontag: Putins Blutbad
Copyright: IMAGO/Jochen Tack
Was geht einem durch den Kopf, wenn man erfährt, dass man von einer ausländischen Großmacht verklagt wird?
Es hat schon eine bedrohliche Seite. Niemand weiß, was folgt, wenn man von einem totalitären Unrechtsregime wie Russland vor Gericht gezerrt wird. Viele Leute fragen gerade, ob ich Angst habe. Ich möchte mich nicht aufspielen, aber: Dafür muss Russland sich mehr anstrengen. Ich sehe den Prozess eher als Bestätigung unserer Arbeit. Satire wirkt! Sie kann mehr sein als Unterhaltung.
„Ich reiße mich nicht darum, Staatsfeind von Russland zu sein“
Es ist also eher ein Motivationsschub?
Ja. Natürlich wäre es mir lieber, dieser Prozess hätte nie begonnen. Ich reiße mich nicht darum, Staatsfeind von Russland zu sein und auf irgendwelche Fahndungslisten zu kommen. Aber es ist eine Bestätigung unseres Kurses: Der Kreml fühlt sich herausgefordert, er fühlt sich angesprochen, und das ist er auch. Die Folgen muss ich jetzt in Kauf nehmen. Das gehört zum Berufsrisiko eines Satirikers.
Welche Auswirkungen hat der Prozess auf Sie?
Auf meine Arbeit hat das keine Auswirkungen. Die Menschen am Düsseldorfer Straßenrand erwarten schöne, scharfe Satire, und die sollen sie bekommen. Meine Reisefreiheit schränkt der Prozess dagegen ein. Einige Länder haben ein Auslieferungsabkommen mit Russland geschlossen, darunter Serbien, Indonesien und Indien. Ich mache also weiter Urlaub in unserem Ferienhaus in Italien.

Jacques Tilly, Bildhauer und Karnevalswagenbauer
Copyright: Oliver Berg/dpa
Sie haben in den letzten Wochen viel Solidarität erfahren – auch von Menschen, über die Sie sich mit einem Wagen lustig gemacht haben…
Die Kriminalisierung der Satire ist nicht nur ein Angriff gegen mich, sondern ein Angriff auf die Narrenfreiheit, auf unsere Freiheit und unsere Lebensform. Das weiß unser Oberbürgermeister genauso wie der Ministerpräsident. Besonders hervorgetan hat sich Minister Nathanael Liminski, der Chef der Staatskanzlei. Er hat sich mit seinen Kollegen aus der CDU-Landtagsfraktion vor unseren Putin-Wagen gestellt und gesagt: Wir fanden sicher nicht alle Wagen toll, die Jaques gebaut hat, aber er muss das dürfen. Das war sehr wichtig. Wir sind ja parteipolitisch neutral, bei uns wird jeder Kanzler durch den Kakao gezogen. Es hat sich bisher noch keiner beschwert, mit Ausnahme von Helmut Kohl.
Wieso hat Kohl sich beschwert?
Das war völlig unpolitisch. Ich habe ihn 1994 als Urwald-Indianer dargestellt, der seine innerparteilichen Gegner – Heiner Geißler, Lothar Späth, Rita Süssmuth – als Schrumpfköpfe an einer Angel hinter sich hertrug. Sein Baströckchen war etwas kurz, man sah den kleinen Helmut Kohl zwischen den Beinen. Den kleinen Helmut Kohl habe ich schon sehr klein gemacht, vielleicht hätte ich mich an seiner Stelle auch beschwert. Dagegen gab es eine einstweilige Verfügung und ich musste umbauen. Seit dem Jahr 2000 sind unsere Mottowagen deshalb geheim. Unser Zugleiter sagte immer: Beschwerden nehmen wir nach Aschermittwoch entgegen.
„Wir haben schon sämtliche Despoten dieser Welt auf Wagen gesetzt“
Wenn wir schon beim kleinen Helmut Kohl sind: Wie weit geht die Narrenfreiheit?
Sehr weit. Satiriker haben aber keine Sonderrechte: Sie dürfen dasselbe wie jeder andere Staatsbürger. Die Frage ist eher, wo die moralischen Grenzen liegen. Viele Dinge darf man und sie sind trotzdem voll daneben. Ich versuche zum Beispiel immer, die Täter in die Pfanne zu hauen, aber nie die Opfer. Das ist manchmal eine Gratwanderung, weil man die Täter durch Satire nicht verharmlosen sollte. Wenn man es übertreibt, stellt man Täter wie Putin am Ende als Witzfigur dar, wie ein Teufel im Kasperletheater. Der furchtbare Schrecken, den sie anrichteten, rückt dadurch in den Hintergrund.
Ihre Putin-Wagen sind nicht nur durch die Düsseldorfer Innenstadt gefahren. Den Wagen, der Putin mit Handschellen und in Sträflingskleidung zeigt, haben Sie vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gezogen. Der „Erstick dran“-Wagen, auf dem Putin versucht, sich die Ukraine in seinen Mund zu schieben, stand bereits vor der russischen Botschaft in Berlin. Wie sehr ist ein Wagenbauer auch Aktivist?
Der Karneval ist politisch, damit sind wir Wagenbauer auch politisch. Alle Menschenrechtsfeinde stehen bei uns auf der Speisekarte. Wir haben schon sämtliche Despoten dieser Welt auf Wagen gesetzt. Karneval lebt von Meinungsvielfalt, von Toleranz und einer offenen Debattenkultur – Werte, die autoritäre Systeme abschaffen wollen. Wir haben vorhin über die Narrenfreiheit gesprochen, eine Unterkategorie der Meinungsfreiheit. Wenn diese Meinungsfreiheit angegriffen wird, müssen wir meinungsstark werden.

Ein Rosenmontagswagen von Tilly passiert die Russische Botschaft in Berlin.
Copyright: IMAGO/snapshot
Wann haben Sie zuletzt in Ihren Wikipedia-Artikel geguckt?
Oh, das ist schon eine Weile her.
Es gibt dort eine Auflistung „umstrittener Motivwagen“. Was schätzen Sie: Wie viele Unterpunkte stehen dort?
Das weiß ich nicht. Fünf? Sieben?
Es sind 13.
Das ist doch prima! Ganz im Sinne der Arbeit. Es stimmt, es gab schon öfter Kritik an unseren Wagen. Die polnische Regierung hat sich zweimal bei Merkel beschwert, Geert Wilders beschwerte sich einmal, der damalige italienische Innenminister Matteo Salvini hat dagegen seinen eigenen Wagen gepostet und sich gebrüstet, er sei so wichtig, dass er im deutschen Karneval mitfährt. Es gab schon viele Reaktionen auf die Wagen, aber dass ich wegen Pappmaché vor einem russischen Gericht stehe, ist eine neue Eskalationsstufe.
„Für viele in der AfD bin ich ein Systemling“
Gab es in den letzten Jahren keine Klagen?
Es gab viele Klageandrohungen, gerade von rechtspopulistischer und rechtsextremer Seite. Letztes Jahr haben wir einen Wagen gebaut, auf dem Alice Weidel aus einem Hexenhaus schaut und Erstwählern ein Hakenkreuz aus Lebkuchen reichen will. Daraufhin bekam ich dutzende Mails, dass hochkarätige Rechtsanwälte allererster Wichtigkeit jetzt aktiv werden. Nichts davon ging vor Gericht. Beschimpfungen gab es zwar in den letzten Jahren öfter, Morddrohungen auch, aber das gehört zum Geschäft. Jeder Lokalpolitiker, der ein Flüchtlingsheim in seiner Gemeinde errichten will, muss Schlimmeres über sich ergehen lassen.

Mottowagen vom Umzug 2025: Alice Weidel im Hexenhaus
Copyright: IMAGO/Jochen Tack
Aus der AfD hört man oft die Beschwerde: Karneval sollte gegen die Mächtigen gehen und die AfD als Oppositionspartei werde trotzdem besonders hart rangenommen.
Ach ja, die Armen. Es stimmt, für viele in der AfD bin ich ein Systemling. Wir behandeln alle Parteien gleich, aber die AfD ein bisschen gleicher. Das liegt daran, dass diese Menschen den liberalen Rechtsstaat nicht nur kritisieren wollen – sie wollen ihn abschaffen. Alle Zeichen stehen darauf, dass sie einen Systemsturz planen. In den letzten Jahren hat sich die AfD ins Extreme radikalisiert. Allein dieses Wort „Remigration“ ist dermaßen menschenfeindlich. Man kann nicht die offene Gesellschaft und die Meinungsfreiheit für sich in Anspruch nehmen und diese gleichzeitig abschaffen wollen. Wer das will, muss mit allen Mitteln von der Macht ferngehalten werden. Weil sie diese Macht missbrauchen würden, um die Freiheit abzuschaffen, die wir alle lieben. Das wäre auch das Ende des freien Karnevals. In dieser Situation stelle ich mich tatsächlich vor unseren Staat, den ich in vielen Punkten kritisiere, der aber der beste und freieste Staat ist, den wir auf deutschem Boden je hatten. Den lasse ich mir von geschichtsvergessenen Rechtsextremen nicht kaputtschreien.
Gibt es Motive, die Sie lieber bauen als andere?
Ja. An Trump habe ich mich abgearbeitet. Der Mann ist so furchtbar, das macht einfach keinen Spaß mehr. Vor allem, weil jeder weiß, wie furchtbar er ist. Dazu kommt: Er fährt jede Woche einen anderen Kurs. Wir hatten letztes Jahr drei Trump-Wagen im Zug, weil ständig etwas Neues dazu kam. Es war eine richtige Trump-Parade. Dabei gibt es so viele Themen, die eher einen Wagen verdient haben als dieser narzisstische Supertroll. Mit Putin geht es mir ähnlich: Alle wissen, dass Putin ein grausamer Diktator ist, der einen Mafiastaat führt – mit Ausnahme der AfD-Wähler. Meinen ersten Putin-Wagen habe ich schon 2009 gebaut: eine Pistole, auf der „Pressefreiheit“ stand, und der Knauf hatte sein Profil. Trotzdem erwarten die Leute weiter Putin-Wagen und Trump-Wagen, und das ist auch richtig so. Wirklich Spaß machen mir Wagen, mit denen ich Punkte kritisieren kann, die medial nicht komplett abgefrühstückt wurden. 2024 zum Beispiel haben alle auf die ganzen Kriege dieser Welt geschaut. Wir haben einen Wagen gebaut, der genau dieses Bild zeigt und den Klimawandel dahinter gesetzt, der einem auf die Schulter tippt. 2023 war nämlich das heißeste Jahr seit der Wetteraufzeichnung.
Wie entstehen die Ideen für Ihre Wagen?
Ich versuche nicht, meine Meinung in die Welt zu missionieren und einen Jacques-Tilly-Zug zu machen. Meine Aufgabe als Narr ist, in starke, einfache Bilder zu packen, was die Menschen mehrheitlich denken und fühlen, was in der Luft liegt. Die Leute müssen sich mit meinen Wagen identifizieren. Mehrheitlich tun sie das auch.
Momentan wird viel über Rente und Lebensarbeitszeit gesprochen. Sie sind 62 Jahre alt. Wie viele Sessionen möchten Sie noch machen?
In ein paar Jahren muss ich kürzertreten, weil der Job schon sehr arbeitsintensiv ist. Aber die politischen Wagen möchte ich noch etwas länger bauen und entwerfen. Dass ich die bauen darf, sehe ich als riesiges Privileg. Schließlich schicke ich sie jedes Jahr an Rosenmontag auf eine riesige Ausstellung.

