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Kommentar

CDU-Forderung
Wähler wollten Özdemir – Warum eine geteilte Amtszeit abwegig ist

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3 min
Cem Özdemir ist Wahlgewinner in Baden-Württemberg

Cem Özdemir ist Wahlgewinner in Baden-Württemberg

Ausgelöst durch den Frust der Niederlage bringt die CDU die Idee ins Gespräch, die Amtszeit des Ministerpräsidenten zwischen Özdemir und Hagel zu teilen. 

Die baden-württembergische CDU leckt ihre Wunden. Nach der sensationellen Wahlniederlage gegen die Grünen beklagt die Partei eine „Schmutzkampagne“ gegen den Spitzenkandidaten Manuel Hagel. Und weil die Konkurrenz mit Cem Özdemir nur rund 27.000 Stimmen mehr gewonnen hat und bei der Zahl der Mandate ein Patt herrscht, fordern manche eine Teilung der Amtszeit. Özdemir würde mutmaßlich beginnen und Hagel in der zweiten Hälfte der Wahlperiode übernehmen.

Aus Sicht der Christdemokraten ist die Idee nachvollziehbar. Die Südwest-CDU ist auch nicht die erste Partei, die sich mit einer Niederlage schwertut. Als der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder 2005 gegen Angela Merkel den Kürzeren zog, sagte er am Wahlabend: „Es gibt einen eindeutigen Verlierer: Und das ist nun wirklich Frau Merkel.“ Der Grüne Robert Habeck kommentierte sein Waterloo im Februar 2025 mit den Worten: „Das Angebot war top, die Nachfrage war nicht so dolle.“

Das Adrenalin des Wahlkampfes

In der Politik sind Selbstzweifel weniger verbreitet als enormes Selbstbewusstsein. Wäre es anders, könnten Politiker den mit täglichen Anfechtungen verbundenen Job gar nicht machen. Überdies dauert es, bis das Adrenalin eines Wahlkampfes aus ihnen entweicht. Hagel selbst ist da anders. Er hat seinen Rücktritt angeboten.

Trotzdem ist die Idee der Amtszeitteilung - die wohl dem Ziel dient, den Preis für eine Koalition hochzutreiben - abwegig. Alle Umfragen weisen aus, dass die Wählerinnen und Wähler in Baden-Württemberg Özdemir als Regierungschef wollten und eben nicht Hagel. So kreuzten viele mit der Erststimme die CDU und mit der Zweitstimme die Grünen an. Die Wähler wussten: Das erhöht die Chance, Özdemir zu bekommen. Der jugendlich wirkende Hagel erschien einer Mehrheit wie einer, der nicht reif ist für das Amt. Noch nicht.

Landtagswahlen sind Personalwahlen

Ohnehin sind Landtagswahlen zu Personalwahlen geworden. Dies zeigen auch die Umfragen in Rheinland-Pfalz. Wäre die SPD in „The Länd“ fast an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert, könnte der Mainzer SPD-Ministerpräsident Alexander Schweitzer am 22. März das Rennen auf den letzten Metern noch machen – so wie Cem Özdemir in Stuttgart. Eben, weil er Alexander Schweitzer ist. Gefragt ist das Modell „Landesvater“ oder „Landesmutter“. Sie auf der Hälfte der Strecke auszutauschen, konterkariert den Wählerwillen.

Freilich muss auch Cem Özdemir aufpassen. Zwar ist es verständlich, wenn er die Idee der Teilung der Amtszeit mit den Worten kommentiert, „keine Zeit für Quatsch“ zu haben. Das so zu sagen, ist gleichwohl reichlich unklug. Denn noch ist er nicht Ministerpräsident, sondern will es erst werden. Das gelingt nur mit einer zweiten Partei: der CDU. Die eigene Partei kann Özdemir jedenfalls leicht disziplinieren. Wenn er glaubt, es beim künftigen Koalitionspartner ebenfalls zu können, wird er scheitern.