Ein Sommer wie im Märchen: Von einem Bus, der sogar die Mondlandung in den Schatten stellte, Poldi und Schweini, der Erfindung des Public Viewings sowie der lang geplanten Spontan-Nominierung David Odonkors.
20 Jahre nach dem SommermärchenWarum wir die Fußball-WM 2006 in Deutschland nicht vergessen können

Schwarz-Rot-Gold, wohin das Auge blickt: Im Sommer 2006 sind deutsche Fanutensilien gefragte Accessoires. . /
Copyright: IMAGO/Ina Peek
Manche Partien vergisst man einfach nicht. Oder sogar komplette Turniere. Das erste Spiel, das man live in einem richtigen Stadion gesehen hat, gehört bei den meisten sicher dazu. Für den Autor dieses Textes war dies am ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga 1987/1988 der Fall, als Aufsteiger Hannover 96 den damals großen SV Werder empfing und der spätere Bremer Kulttrainer Thomas Schaaf das einzige Tor der Partie erzielte.
Auch ein erster respektive besonderer Titelgewinn der Lieblingsmannschaft bekommt einen festen Platz im persönlichen Erinnerungsarchiv. Oder der schon nicht mehr für möglich gehaltene Klassenerhalt und sogar – denn auch Tränen prägen sich ein – eine besonders fiese Niederlage. Weil all diese Momente mit Emotionen verbunden sind.
Fähnchenschwenkendes Kollektiv
Die genannten Erinnerungen sind subjektiver Natur, unterscheiden sich je nach Alter und Neigung. Doch es gibt Ereignisse, die hierzulande wohl annähernd jeder Fan nennen wird, wenn er nach magischen Fußballmomenten gefragt wird. Neben den vier Weltmeistertiteln der bundesrepublikanischen Männer-Nationalmannschaft 1954, 1974, 1990 und 2014 (je nach Geburtsjahr setzt die Erinnerung früher oder später ein) ist das die WM 2006 im eigenen Land. Als Deutschland im Kollektiv fähnchenschwenkend und strahlend durchs Leben tanzte – und dabei permanent Fußball schaute.
Doch warum ist das so? Was machte die 18. Auflage des globalen Turniers so besonders? Wir blicken zurück auf Unvergessliches vom „Sommermärchen“ vor 20 Jahren. „Das, was jetzt kommen wird, wird so groß sein, wie es noch nie gewesen ist“, beschreibt der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann in der dreiteiligen ZDF-Dokuserie „Mission Sommermärchen“ seine damalige Erwartung aus heutiger Sicht. Und behielt recht.
„Ein Bus bewegt sich durch Deutschland“, kommentierte Moderator Johannes B. Kerner am 9. Juni 2006 die eingespielten Bilder im TV, in denen die DFB-Auswahl mit ihrem Teamgefährt durch die Menschenmenge in München zum Eröffnungsspiel gegen Costa Rica (4:2) rollte. „Da vergisst man, dass die Menschheit bereits zum Mond geflogen ist vor vielen Jahrzehnten.“ Und Abwehrspieler Per Mertesacker ergänzt in der TV-Dokumentation rückblickend: „Man spürt, das ist hier was anderes. Da steht richtig viel auf dem Spiel.“
Selbst Angela Merkel hatte den Druck ein gutes halbes Jahr zuvor nicht eben herausgenommen. „Die Welt wird auf Deutschland schauen wie zuletzt vor 16 Jahren – beim Fall der Mauer“, hatte die noch neue Bundeskanzlerin bei ihrer ersten Neujahrsansprache gesagt. Berlin sollte auch diesmal der Ort sein, um Geschichte zu schreiben: am 9. Juli 2006 im Olympiastadion. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen sangen die Menschen in Baden-Württemberg vor dem Spiel um Platz drei, in dem Deutschland stand: „Stuttgart ist viel schöner als Berlin, schöner als Berlin, schöner als Berlin.“
Public Viewing: Aufs Stichwort Menschenansammlung. Heute gehören Rudelgucken und wichtige Fußballspiele fest zusammen. Dabei vergisst man oft, dass die sogenannten Fanmeilen hierzulande erst 2006 richtig aufkamen. „Die Menschen begeisterten sich an der eigenen Begeisterung“ schreibt Bestseller-Autor Ronald Reng (55) in seinem Buch „Der deutsche Sommer“, das das Lebensgefühl rund um die WM 2006 anhand der Schilderungen etlicher Protagonisten noch einmal aufleben lässt. Reng erklärt dort, dass Hans-Jürgen Schulke, der damalige Sportreferent des Hamburger Senats, die Idee dazu hatte – in Anlehnung an ähnliche Veranstaltungen, die er vier Jahre zuvor bei der WM in Südkorea erstmalig gesehen hatte – und seine Idee mit großer Beharrlichkeit gegen Widerstände von Kollegen aus anderen Bundesländern durchsetzte.
Odonkor: Die Mutter oder eher der Vater aller Kaderüberraschungen stammt aus dem Jahr 2006. David Odonkor war vor der Aufgebotsbekanntgabe Klinsmanns im Mercedes-Benz-Autohaus am Salzufer in Berlin wohl nur Experten ein Begriff. Im Dunstkreis der Nationalmannschaft war der damalige Dortmunder schließlich noch nicht aufgetaucht. Was aber nicht bedeutete, dass der Bundestrainer ihn nicht längst auf dem Radar hatte. „Klinsmann wollte Odonkor für spezielle Spielsituationen haben”, sagte Reng im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).
Dafür hatte er sich den blitzschnellen Angreifer schon Monate zuvor ausgeguckt und gemeinsam mit Assistent Joachim Löw den Plan gefasst, ihn für das Turnier zu nominieren – allerdings bewusst, ohne ihn zuvor je eingeladen oder vorgewarnt zu haben. Als Überraschungsmoment – und ohne Odonkor früh in Aufregung zu versetzen. Der Plan ging auf – Oliver Neuvilles Tor in der Nachspielzeit im Gruppenspiel gegen Polen war einer der emotionalsten Augenblicke des Turniers. Mustergültig vorbereitet vom eingewechselten Odonkor.
Poldi und Schweini: Das Gefühl, dass da gerade etwas Besonderes entstehen könnte, war bei Lukas Podolski schon ein Jahr zuvor gereift. „Das kam sogar schon 2005 beim Confederations Cup. Da haben wir schon in den neuen Stadien gespielt, die immer ausverkauft waren. Da war eine geile Stimmung. Und das war schon so ein bisschen der Vorgeschmack auf 2006″, sagte der Kultstürmer, der gerade mit 40 seine Karriere beendet hat, im RND-Interview. „Das ist eine schöne Vorbereitung für uns gewesen, um zu sehen, was da so entstehen kann. Und dann ging‘s los: Eröffnungsspiel, meine Tore gegen Ecuador und Schweden, das Elfmeterschießen gegen Argentinien. Das Turnier 2006 war einfach wunderschön.“
Seine Symbiose mit Bastian Schweinsteiger ist bis heute legendär. „Wenn ich Poldi und Schweini höre, kommt so ein Strahlen in mir auf, so Freude“, sagt Schweinsteiger in der neuen Netflix-Dokumentation über das Leben Podolskis. Darauf angesprochen sagt dieser: „Das war mit das schönste Turnier, das ich miterlebt habe. Von der Stimmung, vom Team, von den Charakteren, der Euphorie und wie wir aufgetreten sind. Und dazu kam dann eben diese gewisse Leichtigkeit mit Humor und Witz. Das unterschreibe ich zu 100 Prozent, was der Basti sagt. Wenn ich daran zurückdenke, geht mir das Herz auf.“
Sieger der Herzen: Halbfinale gegen Italien verloren. Na und?! Ihre Euphorie ließen sich die Deutschen von der (allerdings heftigen) Trauer nur kurz vertreiben. Die 0:2-Niederlage nach Verlängerung gegen den späteren Titelträger stürzte die Menschen nur drei Tage lang ins Tal, ehe das Spiel um Platz drei die Jubel-Trubel-Heiterkeit-Stimmung mit Vehemenz zurückbrachte. Auch wenn Bundespräsident Horst Köhler ein wenig durcheinanderkam beim Zitieren einer Sepp-Herberger-Weisheit. „Das Spiel ist vor dem nächsten Spiel – oder so ähnlich“, stotterte er und musste sich von Merkel korrigieren lassen. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, klärte die Bundeskanzlerin ihn lächelnd auf.
Das 3:1 im kleinen Finale gegen Portugal versöhnte mit dem Halbfinal-Aus. „Emotion pur, alles positiv, wunderbarer Moment, um aufzuhören“, sagte der zuvor zur Nummer zwei degradierte Torwart Oliver Kahn, der mit dieser Begegnung sein Nationalmannschafts-Abschiedsspiel bekam. Die Menschen feierten das Team, als hätte es statt der bronzenen Medaille die goldene gewonnen.
Musikalisches: Ob „Zeit, dass sich was dreht“ von Herbert Grönemeyer oder „'54, ’74, ’90, 2006″ von Sportfreunde Stiller - diese WM-Hits werden auch heute noch im Radio gespielt. Kaum etwas triggert Menschen so stark und bringt Erinnerungen an Erlebtes zurück wie Musik. Allein, wer das ikonische „oh-eh-olé-oh-eh“ Grönemeyers hört, wird gedanklich direkt wieder ins Jahr 2006 katapultiert.
Affäre: Etwas mehr als neun Jahre nach dem Turnier wird eine dubiose Zahlung von 6,7 Millionen Euro bekannt, die auf verschlungenen Wegen vom DFB nach Katar zu Skandalfunktionär Mohamed bin Hammam gelangt waren. Die Summe, deren Verbleib bis heute ungeklärt ist, floss rund um die Vergabe des Turniers, an der WM-Bewerbungschef Franz Beckenbauer (†2024) maßgeblich beteiligt war. Der Vorwurf des Stimmenkaufs stand im Raum.
Der Prozess zog sich über Jahre, bis heute ist die Angelegenheit nicht komplett aufgeklärt. Neben anderen Funktionären standen auch Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach vor Gericht, gegen Geldauflagen wurden die Verfahren gegen die ehemaligen DFB-Präsidenten jedoch eingestellt.
Trainer als Revoluzzer: „Klinsmann arbeitete so strategisch und systematisch wie kein Bundestrainer vor ihm“, sagt Buchautor Reng. Immer wieder fällt rund um die Zeit des früheren Mittelstürmers aus Schwaben als Bundestrainer der Begriff „Revolution“. Die bekanntlich nur unter Schmerzen und Überwindung von Widerständen vonstattengeht. Der heute 61-Jährige war angetreten mit den Worten: „Ich habe keine Lust, es allen recht zu machen.“ „Alles, was bislang war, wollen wir so nicht mehr“, formuliert es sein damaliger Co-Trainer und späterer Nachfolger Löw. Mehrmals hatte Klinsmann vor dem Turnier auf der Kippe gestanden, nach der WM legte er sein Amt, ausgelaugt von zwei intensiven Jahren, nieder.
Wiederholung möglich?
Bleibt die Frage: Ist so etwas reproduzierbar? Oder wird es ein Sommermärchen nie wieder geben?
„Ich glaube, dass bei Olympischen Spielen in München oder Berlin eine ähnliche Leichtigkeit entstehen könnte“, sagt Reng und präzisiert: „Wenn man – und das war das Alleinstellungsmerkmal der WM 2006 – die Spiele aus den Stadien heraus in die Innenstädte trägt. Das hat man in Paris 2024 bei Olympia gesehen. Das war ja für die Franzosen ihr 2006, der Sommer ihres Lebens, obwohl sich das Lebensgefühl durch Russlands Krieg gegen die Ukraine und innenpolitische Aufwallungen eingetrübt hatte.“
Aber: „2006 lebte auch davon, dass es das erste Mal war – und dann ist auch die Überraschung über sich selbst und die Euphorie viel größer als sie es bei Wiederholungen sein kann”, sagt der Autor und ergänzt: „Und wir hatten auch eine Bundesregierung, die sehr daran interessiert war, diese WM nicht einfach nur als Fußballturnier auszurichten, sondern Deutschland zu präsentieren. Entsprechend wurden von der Politik Hunderte Millionen Euro in Fanzonen, Imagekampagnen und begleitende Kulturveranstaltungen investiert, damit sich die Fröhlichkeit ausbreiten konnte. Dieses Engagement seitens der Politik war zum Beispiel bei der Europameisterschaft 2024 in Deutschland viel geringer.“
Und so lebt der Mythos des Sommermärchens auch 20 Jahre später weiter. Mit ein paar Dellen wegen des gleichnamigen Skandals rund um die verschwundenen Millionen, doch vor allem als Maßstab für Lebensfreude.