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Mutter-Kind-EinrichtungEine Kindheit im Gefängnis

10 min
Ein grauer Zaun mit bunt angestrichenen Holzbalken.

In der Mutter-Kind-Einrichtung in Fröndenberg stehen im Haus alle Türen offen, die Tür auf den Hof und das kleine Törchen nach draußen sind aber abgeschlossen.

Marija Kovač sitzt in Haft – gemeinsam mit ihrem Sohn in der einzigen Mutter-Kind-Einrichtung NRWs. In Fröndenberg leben sieben Mütter mit acht Kindern hinter verschlossenen Türen. Die Einrichtung hat Platz für mehr, doch viele Behörden kennen sie nicht.

Marija Kovač hat ihr Zimmer so eingerichtet, dass sie sich wohlfühlt. Flauschige Teppiche liegen auf dem Boden, daneben ein Spielteppich in Pastellfarben. Kovač mag Parfüm, eine kleine Sammlung steht im Regal, ganz oben, außer Reichweite kleiner Kinderhände. Am Bett liegen viele Kuscheltiere. Ein Stoffhund mit blauen Ohren spielt während des Interviews immer wieder leise Musik. An den Wänden hängen überall Bilder der 35-Jährigen und ihres Sohnes Milan. Viele zeigen ihn als Baby, inzwischen ist er zwei. Beide heißen eigentlich anders; ihre Namen wurden zum Schutz ihrer Identität geändert.

Von ihrem Zimmer blickt Kovač auf den großen Garten der Einrichtung in Fröndenberg am Rande des Ruhrgebiets: Wippe, Sandkasten, Spielturm mit Rutsche. Alles ist von einem Zaun umrahmt. Dahinter darf sie nur zu festen Zeiten hinaus, jeweils drei Stunden an vier Tagen in der Woche. Kovač und Milan leben im Gefängnis.

Es ist eine Einrichtung des offenen Vollzugs: die Mutter-Kind-Einrichtung der NRW-Justiz in Fröndenberg. Sie soll verhindern, dass Mutter und Kind während der Haft getrennt werden, die Bindung sichern und die Resozialisierung der Mutter fördern. Die einzige in ganz NRW.

Das Gebäude der Mutter-Kind-Einrichtung von außen.

Das Gebäude liegt direkt neben dem Vollzugskrankenhaus und diente vor 1990 als Wohnheim für Pflegekräfte und Mediziner.

Von außen wirkt die Anstalt wie eine Jugendherberge aus den 1990er Jahren: Backstein, schlichte Flure mit Linoleumböden, die sich gut reinigen lassen. Jedes Appartement hat eine kleine Küche, einen Balkon und ein eigenes Bad. Die Mütter wohnen mit ihren Kindern in einem Zimmer. Vergitterte Fenster gibt es nicht. Dafür gilt ein Handyverbot: Die Frauen müssen ihre Telefone abgeben, wenn sie vom Ausgang zurückkommen. Alle Türen im Haus stehen offen. Nur die Tür nach draußen in den Hof ist verschlossen.

Im Keller gibt es ein großes Spielzimmer. Ein paar bunte Bälle liegen verstreut um das Bällebad. Heute Morgen scheinen hier Kinder schon getobt zu haben. Sie sind wahrscheinlich gerutscht, gesprungen, wieder hochgeklettert. An der Wand hängen aus Papptellern gebastelte Tiere: Elefant, Hase, Tiger. Die Fenster hat eine Erzieherin mit bunten Blumen bemalt. Ostern ist erst wenige Wochen her, ein paar Hasen sind an den Scheiben übriggeblieben.

Rund 830 Frauen sind derzeit in NRW im Strafvollzug inhaftiert. Derzeit sind sieben von ihnen mit acht Kindern in Fröndenberg untergebracht. Eigentlich hätten sie Platz für 16 inhaftierte Frauen mit 20 Kindern, sagt Jens Seidler, der Anstaltsleiter des Justizvollzugskrankenhauses Fröndenberg, zu dem auch die Mutter-Kind-Einrichtung gehört. Sie würden sich über mehr Belegungen freuen, doch die Einrichtung scheint bei manchen Behörden nicht präsent zu sein.

„Mein Sohn ist meine oberste Priorität“

Marija Kovač ist eine der Mütter, die es in die Mutter-Kind-Einrichtung geschafft haben. Beim Jugendamt habe sie um die Finanzierung kämpfen müssen. Die Jugendämter zahlen für die Unterbringung einen Tagessatz von 171,89 Euro. Seit Januar 2025 sind sie und ihr Sohn Milan in Fröndenberg untergebracht.

Eine Frau von hinten abgebildet vor einem Fenster.

Marija Kovač und ihr Sohn leben in der Mutter-Kind-Einrichtung in Fröndenberg. Ihr kleines Appartement beinhaltet auch einen Balkon mit Blick auf den Garten.

Sie stammt aus Kroatien, dort hat sie Ökonomie studiert. Für die Arbeit ist sie vor sieben Jahren nach Deutschland gekommen, zuletzt hat sie in der Pflege gearbeitet. Das habe ihr gefallen. In ihrem Leben sei alles immer gut verlaufen: Familie, Freunde, Job. Doch dann sei sie 2022 in ein Loch gefallen, aus dem sie nicht mehr herausgekommen sei.

Das Ergebnis dieser Zeit: fünf Jahre Haft wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Damit gehört sie zur Mehrheit der verurteilten Frauen in den NRW‑Gefängnissen. Die meisten von ihnen sitzen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz ein. Viele von ihnen waren drogenabhängig und haben den Konsum durch Straftaten finanziert.

Stofftiere liegen in einer Kiste, daneben liegt ein Spielteppich.

Milan hat reichlich Auswahl an Spielzeug bei sich im Zimmer. Sein Fahrrad liegt unten im Auto.

Als sie bereits verurteilt ist, merkt Kovač, dass sie schwanger ist. Ihr Sohn ist gerade sechs Monate alt, als sie ihre Haftstrafe antreten muss. Zunächst in ihrer Heimatstadt, einer Großstadt in NRW. Milan zieht für einige Monate zu ihren Eltern. Sie kämpft darum, mit ihrem Sohn nach Fröndenberg verlegt zu werden, und muss sich schließlich entscheiden: weiterarbeiten oder mit ihrem Sohn zusammenziehen, weg von Familie und Freunden, weg vom Vater des Kindes. Ihre Entscheidung ist schnell klar: „Mein Sohn ist meine oberste Priorität.“ Er habe ihr nach der Krise wieder Sinn im Leben gegeben. Inzwischen sei sie stabil. Die Mutterrolle habe sie noch einmal grundlegend verändert.

Die Frauen müssen in Fröndenberg keine Anstaltskleidung tragen. Marija Kovač trägt einen weißen Jogginganzug mit Glitzer. Sie mag alles, was weiß, beige oder rosa ist. Auch die Justizvollzugsbeamtinnen tragen Zivil. Die Kinder sollen nicht das Gefühl haben, dass sie im Gefängnis sind. Für Anja Grube-Schmidt sei das eine Umstellung gewesen. 35 Jahre lang hat sie als Justizbeamtin im Justizvollzugskrankenhaus nebenan in Uniform gearbeitet. Seit zwei Jahren arbeitet sie nun in Zivil als Bereichsleiterin. Ihr Team ist interdisziplinär: eine Sozialarbeiterin, ein Psychologe, Erzieherinnen und Justizbeamte.

In der Regel bleiben die Mütter zwei Jahre. Inzwischen nimmt die Einrichtung auch schon Frauen mit Ersatzfreiheitsstrafe für einen Monat auf. „Schon bei vier Wochen ist eine Trennung von der Mutter prekär. Für das Kindeswohl haben wir uns entschieden, auch schon bei geringer Strafe die Mütter aufzunehmen“, sagt Grube-Schmidt. Bis zu sechs Jahre können die Mütter bleiben, bis zur Einschulung des Kindes. Der Kontakt zu den Insassinnen sei eng. Viel enger als in einer normalen Justizvollzugsanstalt.

Auch Anstaltsleiter Seidler musste sich daran gewöhnen, dass nicht die inhaftierte Person im Fokus steht, sondern das Kindeswohl an erster Stelle. Hält eine Mutter sich nicht an die Regeln der Einrichtung, müssen die Verantwortlichen Disziplinarmaßnahmen gegen das Recht des Kindes abwägen, weiter auf den Spielplatz zu dürfen. Sie müssten konsequent sein, sagt die Leitung, aber das Kind dürften sie nicht einsperren. Eine Trennung von Mutter und Kind sei immer nur die letzte Möglichkeit. „Meistens gehen die Frauen bei Androhung dessen das Risiko auch nicht mehr ein.“

Vieles müsse mit dem Jugendamt abgestimmt werden. „Wenn die Frauen sagen, sie wollen gerne nach acht Wochen mit ihrem Kind in der eigenen Wohnung am Wochenende übernachten, brauchen wir zuerst eine positive Rückmeldung, dass die Wohnung geeignet ist.“

Die Idee, eine Mutter-Kind-Einrichtung zu eröffnen, ist in den 1980er Jahren entstanden. Damals sei die Politik zu der Überzeugung gelangt, dass man Frauen mit Kindern nicht grundsätzlich milder bestrafen und vor einem Gefängnisaufenthalt verschonen könne, sagt Anstaltsleiter Seidler.

Draußen für drei Stunden: Ausgang, Kita, Arbeit

Viermal in der Woche haben die Frauen Ausgang. Für drei Stunden am Nachmittag dürfen sie das Gelände verlassen. Von 14.30 Uhr an können sie nach draußen, hinter den Zaun. Marija Kovač und ihr Sohn sind dann am liebsten mit dem Rad unterwegs. Ihr Auto steht auf dem Parkplatz vor der Anstalt, darin liegt das Laufrad für Milan. Einmal in der Woche geht er zum Kinderturnen, donnerstags zum Schwimmkurs. Manchmal müssen sie zusammen im Kaufland einkaufen. So viel Programm wie möglich möchte sie ihrem Sohn bieten.

Während Milan in der Kita ist, arbeitet Kovač. Fast alle Frauen arbeiten im Haus, die meisten putzen, sie kocht für alle. Ziemlich gut, finden die anderen, sagt eine Mitarbeiterin. Mittagessen gibt es gemeinsam an einer langen Tafel. Um 17 Uhr ist Kindertreff im Spielraum im Keller. Um 20 Uhr ist Bettzeit für die Kinder. Dann haben die Mütter Freizeit. Manchmal liest Kovač noch ein Buch, macht Sport oder schaut in einem der zwei Fernsehzimmer fern.

Blick ins Spielzimmer.

Neben dem großen Spielzimmer, gibt es noch einen Raum mit Bällebad und ein Ruhezimmer für die Mütter.

Der Mittwoch ist der pädagogische Tag. Nach dem Mittagessen ist das Mutter-Meeting. Dann geht es um Themen, die zwischen den Frauen wichtig sind: Gibt es Konflikte? Was läuft gut? Wo brauchen sie Unterstützung? Danach arbeiten sie oft gemeinsam, zum Beispiel im Garten. Im ganzen Haus hängen selbst gemalte Bilder, die in dieser Zeit entstanden sind. „Ich darf mir Hilfe holen, wenn es mir nicht gut geht“, steht auf einem Bild in der Küche.

Die Kinder bestimmen den Alltag. Für Kovač ist das kein Problem. „Auch wenn wir zu Hause sind und jeder sein Zimmer hat, sind mein Sohn und ich immer zusammen. Wir sind einfach unzertrennlich.“ Für andere Mütter ist das schwieriger: Die Kinder sind ständig präsent. Das sei für manche eine enorme Herausforderung, sagt Kybelle Marx, pädagogische Leiterin der Einrichtung – zusätzlich zur Belastung, in Haft zu sein.

Es sei keine normale Alltagssituation wie zu Hause. „In dieser Zeit verlässlich zu begleiten, Orientierung und Halt zu geben, dafür sind wir und unser Team da.“ Für manche Mütter und Kinder sei es auch eine Umstellung, wenn sie sich lange nicht gesehen haben, etwa wenn die Mütter zum Beispiel vorher im geschlossenen Vollzug gesessen haben.

Zwei Frauen stehen Arm in Arm im Spielzimmer und lächeln in die Kamera.

Kybelle Marx (l.) leitet die Einrichtung pädagogisch, Anja Grube-Schmidt ist Bereichsleiterin. Grube-Schmidt arbeitete zuvor 35 Jahre in Uniform im Justizvollzugskrankenhaus nebenan, heute trägt sie Zivil.

Voraussetzung sei, dass die Mutter in der Lage sei, sich vollumfänglich um ihr Kind zu kümmern. Marx ist wichtig festzuhalten: „Straffällig bedeutet aber nicht, dass sich eine Mutter nicht gut um ihr Kind kümmern kann.“ Die Mütter müssen sich zwar morgens einmal mit dem Kind, voll angezogen, bei den Erzieherinnen melden, eine Morgenkontrolle wie in anderen Mutter-Kind-Einrichtungen gibt es aber nicht. Dafür fehle die Zeit, die Betreuung sei nicht so engmaschig wie anderswo.

Viele Kinder sind noch zu klein, um zu begreifen, wo sie sind. Trotzdem sei es wichtig, mit ihnen darüber zu sprechen, wenn das Thema aufkomme. Ein vierjähriges Mädchen erzählte immer wieder, dass es im Gefängnis wohne. Das sei für sie aber nichts Negatives: „Sie kennt es nicht anders. Für sie ist das jetzt ihr zuhause.“

In einem abgeschlossenen Flur geht eine Tür zur Kinderbibliothek ab. Ein großes Regal füllt eine ganze Wand. „Was ist was?“-Bücher stehen fein säuberlich aufgereiht neben Klassikern wie Nils Holgersson oder Pippi Langstrumpf. Hier dürfen Kinder und Mütter nur unter Aufsicht hinein und sich ein Buch oder Spiel ausleihen. Im normalen Treppenflur steht ein kleiner Tisch mit Büchern, dort darf sich jede und jeder jederzeit bedienen. „Für manche Kinder kann diese Zeit zu den wertvollsten und prägendsten Erfahrungen ihrer Kindheit gehören“, sagt Marx.

Tür mit „Herzlich Willkommen“, daneben hängen Bilder mit Blumen.

Manche Mütter schicken nach ihrer Entlassung noch Karten oder Bilder gemalt mit ihren Kindern. Sie hängen im Eingang der Einrichtung.

„Ort ohne Gewalt“ steht direkt an der Eingangstür, eine der obersten Prämissen im Haus. „Manchmal ist es das erste Mal, dass Frauen das erste Mal in ihrem Leben selbstständig agieren, verwalten und eigene Entscheidungen treffen dürfen, ganz ohne Gewalt.“ Getrennt von der Familie, getrennt vom Partner: ein Schutzraum.

Zu manchen ehemaligen Insassinnen reißt der Kontakt nicht ab. Einige Mütter melden sich wieder, schicken Bilder mit Danksagungen. Die Zeit in Fröndenberg gebe manchen Frauen Halt. Als Anstalt des offenen Vollzugs habe die Einrichtung den Auftrag der Resozialisierung. Dabei könnten die Kinder einbezogen werden. Sie sollen aber nicht dafür bestraft werden, was ihre Mütter getan haben. Die Kinder seien nicht eingesperrt, das betonen die Mitarbeiterinnen immer wieder. Das sei eine Grundfrage der Haltung, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. „Unser Team ist dafür ausgebildet, dass wir das Kindeswohl berücksichtigen und gleichzeitig schauen, was die Grenzen im offenen Vollzug sind.“

Besuch gibt es offiziell nicht, dafür Ausgang und Vertrauen

Außenstehende haben keinen Zutritt zu den Appartements, offizielle Besuchszeiten gibt es nicht. Familie und Freunde sehen die Frauen meist am Wochenende: Dann haben sie bis zu zwölf Stunden Ausgang. Zweimal im Monat darf Marija Kovač inzwischen mit ihrem Sohn auch über Nacht draußenbleiben. Die beiden verbringen die Zeit überwiegend in ihrer Heimatstadt, bei den Schwiegereltern und dem Kindsvater. Besonders hänge der Zweijährige an seinem Großvater. „Die beiden schaukeln dann zusammen. Stundenlang und der Opa lässt ihm alles durchgehen.“

Blick auf den Garten: Ein Spielhaus mit Rutsche und Schaukeln.

Der Garten der Mutter-Kind-Einrichtung: Hier spielen die Kinder, die Mütter arbeiten gemeinsam. Gartenarbeit gehört zu den festen Gruppenaktivitäten.

Ihr eigener Vater ist kurz nachdem sie in Fröndenberg eingezogen war, gestorben; eine schwere Zeit für sie. Sechs Monate hat Milan am Anfang bei seinen Großeltern gewohnt. Wenn ihr Vater von der Arbeit gekommen sei, habe sich ihr Sohn immer sehr gefreut. „Die beiden hatten eine besondere Bindung.“ Ihre Mutter wohnt inzwischen wieder bei der Familie in Kroatien. Trotzdem komme sie so oft es gehe nach Deutschland, um sie zu besuchen. Ihr Bruder ebenfalls. Der Kreis der Menschen, die wissen, wo sie ist, sei klein. Sie spreche das Thema bei Außenstehenden nicht an, auch wenn sie sich inzwischen mehr an die Situation gewöhnt habe.

Mit zwei Jahren verstehe Milan noch nicht, wo er ist. Er freue sich auf die Zeit bei der Familie am Wochenende, und darauf, wieder in „sein“ Zuhause in Fröndenberg zurückzukehren. Irgendwann will sie mit ihm darüber sprechen, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat.

Wenn alles gut läuft, kann sie in einem Jahr die Mutter-Kind-Einrichtung verlassen. Ihre frühere Arbeitsstelle in der Pflege halte ihr den Platz frei. Sie könne dort nach Haftende zurückkehren. Darauf freut sie sich. Doch das Erste, was sie tun möchte, wenn sie wieder in Freiheit ist, ist, mit Milan nach Kroatien zu fahren: „Zu meiner Familie und dem Grab meines Vaters, von Milans Opa.“