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Begleitete ElternschaftWenn Eltern Hilfe brauchen – eine Kölner Mutter erzählt

6 min
Ein Kind und eine Frau lesen in einem Buch.

Kim Huus hat eine kognitive Beeinträchtigung. Die Diakonie Michaelshoven begleitet sie und ihren Sohn im Alltag.

Die Kölnerin Kim Huus lebt mit ihrem Sohn in einer begleiteten Elternschaft. Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig Unterstützung ist und wie schnell Familien sonst getrennt werden.

An den Wänden von Kim Huus' Wohnung hängen viele Fotos: Huus mit ihren Kindern Alessandro (6), Alia (10) und George (14). Auf einem Bild sind Huus und Alia im Zoo, auf einem anderen hält ihre Großmutter den kleinen Alessandro im Arm. Das Foto über dem Esstisch zeigt die Familie an Weihnachten 2024. Es ist das letzte Mal, dass alle vier gemeinsam beisammen waren.

Kim Huus und ihre Kinder leben in drei verschiedenen Einrichtungen. Sie selbst wohnt mit Alessandro im Angebot „Ambulant Plus“ der Diakonie Michaelshoven in Köln. Sie lebt dort, weil sie eine kognitive Beeinträchtigung hat. Das bedeutet, dass sie manche Dinge langsamer lernt und ihren Alltag nicht immer vollständig allein bewältigen kann. Manchmal braucht sie etwas mehr Zeit, um Zusammenhänge zu verstehen.

Kinder habe sie sich immer gewünscht, sagt sie. Ihr erster Sohn sei geplant gewesen, nur halt nicht so früh. Mit 20 hat sie ihn bekommen. Vier Jahre später kam Alia. Ohne Hilfe schaffte sie es nicht, mit den beiden Kindern zusammenzuleben, sie großzuziehen. Kim Huus und ihre Kinder heißen eigentlich anders. Zu ihrem Schutz hat die Redaktion ihre Namen geändert.

Bei jeder Flasche, jeder Windel, beim ersten Baden: Jemand war immer da
Kim Huus über die Wohngruppe für begleitete Elternschaft

Mit ihrer Tochter lebte Huus zwischendurch schon einmal in einer Mutter-Kind-Einrichtung, doch da habe sie sich nicht verstanden gefühlt. Am Ende stand wieder die Trennung von Mutter und Kind. Inzwischen leben die beiden älteren Geschwister in zwei unterschiedlichen Wohngruppen, getrennt von ihrer Mutter.

Bei Alessandro lief es anders. 2019 kam Huus in die begleitete Elternschaft. Das Jugendamt machte sie damals auf das Angebot der Diakonie Michaelshoven aufmerksam, als sie mit ihrem dritten Kind schwanger war. Sie zog mit ihm in die stationäre Wohngruppe auf dem Gelände. Das Angebot richtet sich an Mütter und Väter mit Lernschwierigkeiten oder einer kognitiven Beeinträchtigung. Anfangs war sie zögerlich. 

Eine Probeübernachtung überzeugte sie schließlich: nette Mitbewohnerinnen, eine Köchin vor Ort, ein großer Garten und Therapiepferde. Als die Zusage kam, war die Freude groß. „Bei jeder Flasche, jeder Windel, beim ersten Baden: Jemand war immer da. Wenn ich Hilfe brauchte, konnte ich sofort fragen.“ Rund um die Uhr waren Pädagoginnen vor Ort.

Schritt für Schritt wurde Huus selbstständiger. Sie lernte, mit wenig Geld einzukaufen, den Haushalt zu organisieren, Behördliches teilweise selbst zu klären. Schließlich durfte sie in das Angebot „Ambulant Plus“ wechseln. Vor einem Jahr ist sie in ihre eigene Wohnung gezogen, ebenfalls auf dem Gelände in Michaelshoven. Auch hier helfen ihr Pädagoginnen bei Fragen, doch sie sind nicht rund um die Uhr da und haben feste Bürozeiten. 

Eine Frau spielt auf dem Boden mit ihrem Sohn mit einer Eisenbahn.

Mit der Eisenbahn im Spielzimmer spielt Alessandro gerne.

Im Haus gibt es zwei weitere Wohnungen sowie eine Gemeinschaftswohnung mit dem Büro der Mitarbeiterinnen, einem gemeinschaftlichen Spiel- und Aufenthaltsraum. Die Sozialpädagogin Svenja Sommer leitet das Team von Ambulant Plus: „Wir sind Mitentscheidungshelfer. Wir wollen die Eltern in ihrer Rolle lassen und ihnen Verantwortung nicht abnehmen, solange das Kindeswohl gesichert ist. Aber wenn jemand an Grenzen kommt, übernehmen wir auch einmal.“ Wichtig sei eine gute Kooperation: „Wir treten als Team auf und müssen gleichzeitig immer wieder klarmachen: Ihr seid die Eltern.“

Elternschaft als Recht und eine Realität voller Hürden

Eltern zu werden und Kinder zu bekommen, ist ein Menschenrecht. Artikel 23 der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet Staaten, Benachteiligungen von Eltern mit Behinderung abzubauen und ihnen die nötige Unterstützung zu geben, unabhängig von Art oder Schwere der Beeinträchtigung. Trotzdem bestehen Vorbehalte fort. Die Geschichte von Elternschaft und Behinderung in Deutschland ist geprägt von Fremdbestimmung, Zwangsabtreibungen und Sterilisation – bis in die 1990er-Jahre.

Viele Eltern mit Beeinträchtigungen scheuen heute aus Angst vor dem Verlust des Kindes immer noch professionelle Hilfe. Diese Vorbehalte erlebt auch das Team um Sommer: „Wir hatten schon Kitas, Kinderärzte oder Gynäkologen, die dem Angebot der begleiteten Elternschaft kritisch gegenüberstanden und in der Unterstützung dieser Eltern eine Kindeswohlgefährdung sahen.“ Bis in die 90er Jahre seien Kinder und ihre Eltern teilweise sofort getrennt worden. Für Eltern und Kind bedeute das immer auch ein Trennungstrauma.

Doch nicht immer können Kinder bei ihren Eltern dauerhaft wohnenbleiben. Voraussetzung sei eine hohe emotionale Belastbarkeit, damit eine stabile Bindung entstehen könne, sagt Sommer. Wenn ein Zusammenleben nicht möglich sei, sei es dennoch entscheidend, Beziehungen zu erhalten. Das Ziel bleibe: Elternschaft ermöglichen. Auch in der Form von Besuchen. „Wichtig ist: Auch wenn die Mama Hilfe bekommt, sie bleibt die Mama“, sagt Sommer. Sobald die Kinder alt genug sind, vermitteln die Pädagoginnen und die Eltern den Kindern gemeinsam, welche Unterstützung ihre Eltern erhalten und warum.

Der Bedarf ist groß, das Angebot begrenzt. Acht Kolleginnen betreuen derzeit elf Familien im Großraum Köln, zusätzlich leben acht Familien im stationären Bereich. Sie können Familien und ihre Kinder ab dem Säuglingsalter begleiten. Eine ärztliche Diagnose der Beeinträchtigung ist keine zwingende Voraussetzung. „Häufig ergibt sich der Bedarf aus der Biografie“, sagt Sommer. „Trotzdem fallen Menschen durchs Raster.“

Kim Huus ist bis zur Geburt Alessandros durch dieses Raster gefallen. Die Trennung von ihren älteren Kindern hat Spuren hinterlassen. Huus kämpft mit Verlustängsten. In wöchentlichen Gesprächen mit einer Therapeutin arbeitet sie Vergangenes auf. „Ich kann es nicht rückgängig machen. Aber ich kann aus Fehlern lernen.“

Heute hat sie Bewältigungsstrategien: Bevor sie ihren Sohn aus der Kita abholt, läuft sie drei Runden im Park. Eine zügige, eine mittelschnell, eine langsam. „Danach bin ich ruhiger und kann mich besser auf ihn konzentrieren.“ Wenn es brenzlig wird, geht sie auf den Balkon und atmet. Die Atemtechnik habe ihr ihre Therapeutin gezeigt. Offizielle Schreiben zu verstehen, falle ihr noch schwer. Das wird sich durch ihre Lernschwierigkeiten auch nicht ändern. Doch inzwischen traut sie sich, nach Unterstützung zu fragen: Wenn sie etwas nicht versteht, frage sie noch einmal nach und lasse es sich in einfachen Worten erklären.

„Mama, ich liebe dich, aber ich möchte nicht bei dir wohnen“

Besonders schmerzlich war ein Gespräch mit ihrem ältesten Sohn. „Früher hat er beim Abschied immer gesagt: Mama, ich möchte mit nach Hause. Mit 14 hat er dann gesagt: Mama, ich liebe dich, aber ich möchte nicht bei dir wohnen.“ Es sei ein Stich ins Herz gewesen, aber sie konnte ihn verstehen. 

Nach einer Theateraufführung im Kindergarten habe Alessandro gefragt, warum bei anderen Kindern Mama, Papa und die Geschwister gemeinsam da waren. Huus antwortete: „Mama und Papa hatten früher viele Schwierigkeiten. Und ich habe gemerkt, dass Alia und George in anderen Gruppen besser aufgehoben sind.“

Als Alessandro geboren wurde, wollten seine Geschwister oft den Kinderwagen schieben oder ihm die Flasche geben. Zeit allein mit einem Kind sei aber genauso wichtig, sagt Huus. Mit ihrem jüngsten Sohn ist sie viel draußen: „Bei jedem Wetter will er raus. Wenn es regnet, springt er in jede Pfütze.“

Ein besonderes Erlebnis war ein Ausflug zu dritt in einen Indoorspielplatz. „Alia kommt mit kleinen Kindern besser klar, das Spielen mit ihrem Bruder fand sie toll.“ Zugleich mache es Huus auch traurig: „Alessandro hat eine gute Beziehung zu seinen Geschwistern, aber die anderen beiden wachsen nicht wirklich gemeinsam auf.“ Die Termine von drei Einrichtungen zu koordinieren, sei schwierig.

Im kommenden Jahr kommt Alessandro in die Grundschule. Der nächste große Schritt. Kim Huus wünscht sich für ihn, was sich wohl alle Eltern wünschen: „Dass er eine schöne Kindheit hat. Dass er mal eine Ausbildung macht.“ Für sich selbst hat sie einen klaren Wunsch: irgendwann allein mit Alessandro in einer eigenen Wohnung leben. Am liebsten weiterhin im Süden Kölns. „Ich möchte ihn nicht aus seinem Umfeld reißen. Er hat hier so viele Freunde.“