In den Krallen hängt vermutlich ein Rotauge. Der Fischadler hat seine Beute sicher gepackt. Ein Vogel, ein Fang, eine alltägliche Szene – wäre da nicht die lange Zeit, in der dieser Jäger in Nordrhein-Westfalen zwar zu Gast war, aber nicht mehr heimisch und schon gar keinen Nachwuchs mehr aufgezogen hat.
Der Schnappschuss des Adlers mit Fisch hat den ersten Preis gemacht im Natur-Fotowettbewerb von Umweltministerium und NRW-Stiftung. Mehr als 90 Jahre war der Vogel nur Durchreisender. Im Herbst auf dem Weg zum Winterquartier in Afrika, im Frühjahr beim Flug zu den Brutgebieten in Europa. Im vergangenen Jahr wurde nach 1933 in NRW erstmals wieder Nachwuchs geboren. Und in diesem Jahr, in einem von Tierschützer auf einem Strommast platzierten Horst in der Gernheimer Marsch im Kreis Minden-Lübbecke, kamen erneut drei Jungvögel zur Welt.
Noch kein großer Bestand, aber mehr als eine Stippvisite - immerhin. Ob daraus eine dauerhafte Ansiedlung wird, muss sich zeigen.
Wieder Nachwuchs beim Fischadler
Klimawandel und Artensterben, trotz aller Katastrophenmeldungen kann die Natur in NRW atemberaubend schön sein. Aufregend, anrührend, pur. Auf dem Foto, das den zweiten Platz im Wettbewerb belegt hat, steht die Sonne noch tief über dem Recker Moor. Ihr Orange sammelt sich am Horizont, darüber ein weiter blauer Himmel mit feinen, wie ausgekämmten Wolken. Links wartet die hölzerne Beobachtungshütte unter einem Baum.

Sonnenaufgang im Recker Moor (Fotowettbewerb NRW)
Copyright: Hans Bensmann
Die Aufnahme hat die Ruhe eines Morgens, an dem noch nichts entschieden ist. Man möchte die Stufen hinaufsteigen, sich ans Sehfenster stellen und für eine Weile keine andere Aufgabe haben als zu schauen.

Rotkehlchen, aufgenommen in Siegen (Fotowettbewerb NRW)
Copyright: Lars Juffa
Die Kälte auf dem Bild des Drittplatzierten hat weiche Ränder. Zweige und rote Früchte verschwimmen in bläulichem Licht, Schnee liegt in schmalen Streifen auf den Ästen. Mittendrin sitzt ein Rotkehlchen, rund aufgeplustert, mit einem winzigen weißen Rest am Schnabel. Sein orangefarbenes Brustgefieder leuchtet umso wärmer, je länger man die kühle Umgebung betrachtet. Nichts an diesem Bild ist dramatisch. Es wirkt still und beinahe behütet, ohne die Kälte zu leugnen. Ein stilles Gegenbild zu jenem Nordrhein-Westfalen, das man gewöhnlich mit Autobahnen, Schloten und dicht bebauten Städten verbindet.
43.000 Arten in NRW
Dabei gehört beides zu unserem Land. Zwischen den Auen des Niederrheins und den Wäldern der Eifel, zwischen Mooren im Münsterland und Wiesen im Siegerland findet sich eine erstaunliche Vielfalt. Mehr als 43.000 Tier-, Pilz- und Pflanzenarten sind aus NRW bekannt. Allein im Nationalpark Eifel wurden inzwischen 11.582 Arten nachgewiesen. Solche Zahlen sind eindrucksvoll, aber sie erzählen nur einen Teil. Sie sagen nichts über das Vergnügen, einen Specht zu entdecken, oder über das Licht, das durch ein Blätterdach fällt. Wer Natur ausschließlich in Beständen, Speicherleistungen und Schutzkategorien beschreibt, lässt ausgerechnet das weg, was viele Menschen zunächst für sie einnimmt: die Freude an ihrer Gegenwart.

Steinpilze, aufgenommen im Wald bei Siegen-Oberschelden (Fotowettbewerb NRW)
Copyright: Jonathan Fieber
Dabei erzählt diese Gegenwart auch vom Gelingen. Im Großen Torfmoor brütete nach der Wiedervernässung 2008 erstmals wieder ein Kranichpaar. Die Wildkatze breitet sich wieder aus. In der Weseraue gelang dem Fischadler 2025 die erste erfolgreiche Brut in NRW seit mehr als 90 Jahren. Das sind keine Belege dafür, dass nun alles gut wäre. Nur kleine Siege, aber gute Gründe, nicht nur den Verlust wahrzunehmen.
Aus Freude bewahren
Die Krise verschwindet dadurch nicht. Rund 44 Prozent der untersuchten Arten gelten in NRW als gefährdet. Und ein Waldspaziergang ersetzt weder politische Entscheidungen noch den Schutz einer Feuchtwiese. Trotzdem muss aus jedem Naturerlebnis nicht sofort eine Gewissensprüfung werden. Wer ständig nur hört, was verschwindet, kann leicht übersehen, wofür sich der Einsatz noch lohnt. Freude hält den Blick offen. Sie lässt uns einen Ort kennenlernen, bevor er zum Streitfall wird, und einen Vogel bemerken, bevor sein Fehlen auffällt.

Singvogel Schafstelze, aufgenommen in Höxter (Fotowettbewerb NRW)
Copyright: Dominic Kieneke
Die Schöpfung zu bewahren heißt deshalb auch, ihre Schönheit an sich heranzulassen. Nicht als Besitz, über den wir beliebig verfügen, sondern als etwas, an dem wir teilhaben dürfen. Daraus kann der Wunsch entstehen, ein Stück Wiese ungemäht zu lassen, einen Brutplatz zu schützen oder für einen lebendigen Bach einzutreten. Oder manchmal auch nur den Atem anzuhalten. Denn das Gelb, das ein weiteres prämiertes Foto im Landeswettbewerb zeigt, scheint kein Ende zu nehmen. Rapsblüten vorn, Rapsblüten hinten, dazwischen eine Schafstelze, deren Brust die Farbe des Feldes aufnimmt. Nur der graue Kopf, der dunkle Augenstreif und der spitze Schnabel des Singvogels setzen sich davon ab. Während ringsum die Blüten in Unschärfe zerfließen, bleibt sein Blick nach rechts ganz wach. So viel leuchtende Weite – und mittendrin ein kleines Wesen, das sich nicht darin verliert.
Steinpilze – der Wald von unten
Wer sich so tief hinunterbeugt wie der prämierte Fotograf im Wald bei Siegen, entdeckt eine andere Welt. Die Steinpilze stehen mit dicken, hellen Stielen im Laub, ihre braunen Hüte weit ausgebreitet, manche mit einem gelbgrünen Saum. Aus dieser Perspektive bekommen sie beinahe die Statur der Bäume hinter ihnen. Zwischen den Stämmen bricht die Sonne hervor und bringt einen Streifen trockener Blätter zum Glühen. Weiter oben ist das Laub noch grün. Hier unten aber haben sich die Farben schon gesammelt, die man später mit dem Herbst verbindet: Kastanienbraun, Kupfer, ein wenig Gold.

Rehe im Heimbacher Winterwald bei Düren (Fotowettbewerb NRW)
Copyright: Liddy Lange
Und noch ein meisterhaftes Foto, das eine eigene Geschichte erzählt. Im Wintermorgen-Foto aus dem Heimbacher Wald bei Düren hat der Frost jeden Halm einzeln nachgezeichnet. Dazwischen stehen drei Rehe, das vorderste so deutlich, als wäre es gerade einen Schritt aus der blassen Landschaft herausgetreten. Die beiden anderen bleiben halb verborgen, ihre aufgerichteten Ohren, die dunklen Augen mit festem Blick. Für einen Moment ist nicht ganz klar, wer hier wen betrachtet. Wir die Rehe oder die Rehe uns? Der einzelne Halm, der quer durch den Vordergrund des Bildes verläuft, wirkt wie eine feine Grenze zwischen ihrer Welt und unserer.
