Der Antisemitismus in NRW nimmt zu: Im Jahr 2025 gab es 786 Straftaten und 1102 Vorfälle.
Höchststand bei antisemitischen Straftaten in NRW„Judenhass darf nicht zur Normalität werden“

Sylvia Löhrmann (Grüne), Antisemitismusbeauftragte, stellt in der Staatskanzlei den Jahresbericht zur aktuellen Situation im Land Nordrhein-Westfalen vor.
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Die Zahl antisemitischer Straftaten in Nordrhein-Westfalen ist weiter gestiegen. Nach Angaben aus der Statistik zur politisch motivierten Kriminalität registrierte die Polizei im Jahr 2025 insgesamt 786 antisemitische Straftaten. Im Vorjahr waren es 695 Fälle. Das entspricht einem Anstieg von rund 13 Prozent. Statistisch wurden damit in Nordrhein-Westfalen mehr als zwei antisemitische Straftaten pro Tag erfasst.
Die Antisemitismusbeauftragte des Landes, Sylvia Löhrmann (Grüne), stellte am Montag ihren siebten Jahresbericht zur Bekämpfung des Antisemitismus, zu jüdischem Leben und Erinnerungskultur vor. Für ihr erstes Jahr im Amt zog sie eine gemischte Bilanz. Einerseits gebe es zahlreiche Projekte, Bildungsangebote und Begegnungen mit jüdischem Leben. Andererseits zeigten die aktuellen Zahlen, dass Antisemitismus weiterhin ein großes gesellschaftliches Problem sei.
21 Vorfälle pro Woche
Neben den Straftaten wurden im vergangenen Jahr 1102 antisemitische Vorfälle dokumentiert – 17 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Nach Angaben Löhrmanns entspricht dies durchschnittlich 21 Vorfällen pro Woche in Nordrhein-Westfalen.
„Antisemitismus in Deutschland und auch in Nordrhein-Westfalen hat eine alltagsprägende Dimension erreicht“, sagte Löhrmann. Hinter den Zahlen stünden konkrete Erfahrungen von Menschen. Sie verwies auf Fälle von Schmierereien an Wohnhäusern, beschädigten Fenstern oder Diskriminierungen im Alltag. So sei ihr ein Fall berichtet worden, bei dem ein Taxifahrer jüdische Fahrgäste nach einem Synagogenbesuch mit den Worten abgewiesen habe: „Ihr seid sicher Juden, euch nehmen wir nicht mit.“
Löhrmann sieht zudem eine Veränderung im gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema. Die Solidarität und Anteilnahme der Mehrheitsgesellschaft sei zurückgegangen. „Wir dürfen das nicht als Normalität akzeptieren. Judenhass darf nicht zur Normalität werden“, sagte sie.
Angespannte Situation an Hochschulen
Auch an den Hochschulen bleibt die Situation angespannt. Die zentrale Beratungsstelle für Antisemitismus an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen registrierte 2025 insgesamt 85 antisemitische Vorfälle. 2024 waren es 79 Fälle, 2023 noch 25. Jüdische Studierende und Lehrende seien weiterhin mit erheblichen Belastungen konfrontiert.
Nach Angaben der Beauftragten tritt Antisemitismus in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen auf. Er lasse sich nicht einem einzelnen Milieu zuordnen. Rechtsextreme, linksextreme und islamistische Formen müssten ebenso in den Blick genommen werden wie antisemitische Einstellungen, die bis in die Mitte der Gesellschaft reichten.
„Wer Antisemitismus nur bei den jeweils anderen verortet, trägt nicht zur Lösung bei, sondern externalisiert das Problem“, sagte Löhrmann. Entscheidend sei, alle gesellschaftlichen Gruppen in die Verantwortung zu nehmen.
Ein Schwerpunkt ihres Berichts liegt auf Bildung und Prävention. Lehrkräfte müssten besser darauf vorbereitet werden, antisemitische Äußerungen und Vorfälle zu erkennen und darauf zu reagieren. Löhrmann begrüßte deshalb die 2025 verabschiedete Empfehlung, Antisemitismus stärker in allen drei Phasen der Lehrkräftebildung zu verankern – im Studium, im Vorbereitungsdienst und in Fortbildungen.
Positiv bewertete sie die zunehmende Zahl von Projekten und Begegnungsformaten zu jüdischem Leben und jüdischer Geschichte. Auch die Zahl der Gedenkstättenfahrten von Schulen zu ehemaligen Konzentrationslagern sei gestiegen. Gleichzeitig gebe es Hinweise darauf, dass antisemitische Äußerungen und Gewalt bereits an Grundschulen zunähmen. „Das sind Anfänge von aggressiver Ausgrenzung“, sagte Löhrmann.
„Der Holocaust hat nicht irgendwo weit weg stattgefunden, sondern hier“
Besuche von Schülerinnen und Schülern im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz seien weiterhin sinnvoll. Wichtig sei aber auch, die Geschichte vor Ort zu vermitteln. In vielen Städten und Gemeinden gebe es Archive und Erinnerungsorte, an denen Jugendliche erforschen könnten, was während der NS-Zeit in ihrer eigenen Umgebung geschehen sei. „Dann wird klar: Der Holocaust hat nicht irgendwo weit weg stattgefunden, sondern hier. Und hier hat es angefangen“, sagte Löhrmann.
Für die weitere Präventionsarbeit fordert die Beauftragte den Ausbau lokaler und landesweiter Netzwerke gegen Antisemitismus, verbindliche Schutz- und Handlungskonzepte an Schulen, Beratungsangebote für Betroffene sowie eine stärkere Förderung von Medienkompetenz.
Auch aus dem Landtag kamen Forderungen nach Konsequenzen. Hartmut Ganzke, Sprecher der SPD-Fraktion im Hauptausschuss, sagte: „Wenn die Zahl antisemitischer Straftaten innerhalb eines Jahres steigt, müssen wir als Gesellschaft alarmiert sein. Mit Hass auf Jüdinnen und Juden und Angriffen auf unser freies Leben dürfen wir uns niemals abfinden.“
Dirk Wedel, Sprecher der FDP-Fraktion im Hauptausschuss, erklärte: „Es ist beklemmend, dass Polizeischutz vor Synagogen zum Alltag gehört.“ Solange diese Bedrohung bestehe, dürfe der Staat beim Schutz jüdischen Lebens keine Kompromisse machen. Nordrhein-Westfalen müsse ein sicherer Ort für jüdisches Leben sein.
