Der Wald der Zukunft in NRW wird nach der Einschätzung von Meteorologen damit leben müssen, dass es eine Regen- und eine Trockenzeit gibt.
NRW passt die Waldstrategie dem Klimawandel anZwischen Dürre und Dauerregen

Luca Biedermann und Sebastian Müller, Mitarbeiter vom Forstlichen Bildungszentrum in Arnsberg betrachten im Wald einen Baumstumpf, aus dem ein Pilz wächst. Foto: dpa
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Wie sieht der Wald der Zukunft aus? Wenn sich rund 50 Fachleute aus Forstwirtschaft, Wissenschaft und Landesverwaltung mehr als drei Jahre lang mit dem Wald in Nordrhein-Westfalen beschäftigen, muss es ihm verdammt dreckig gehen.
Genauso ist es. Die Folgen des Klimawandel machen ihn fertig, hinzu kommen Säure- und Nährstoffbelastungen aus der Luft und ein überhöhter Wildbestand. Wie soll er unter diesen widrigen Umständen gleich vier Jobs erfüllen? Als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, als Erholungsort für Menschen, als Holzlieferant und als Klimaschützer. Jetzt liegt sie auf dem Tisch, die Waldstrategie für das Land NRW.
Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Fangen wir mit der Bestandsaufnahme an. Wie steht es um den Wald im bevölkerungsreichsten Bundesland?
Im Jahr 2018 haben die großen Waldschäden eingesetzt. Ursache war das unheilvolle Zusammenwirken von Stürmen, Sommerdürren und der Massenvermehrung des Borkenkäfers. Seither sind 140.000 Hektar, also 15 Prozent der Waldbestände, flächig abgestorben. Die Vitalität des Waldes nimmt seit 40 Jahren stetig ab.
Woran liegt das?
Das Hauptproblem sei die Veränderung der Niederschläge bis zum Ende des Jahrhunderts in Europa, die aus Klimamodellen hervorgehe. Die Wintermonate würden deutlich nasser und die Sommermonate deutlich trockener, sagte der Meteorologe Karsten Schwanke am Donnerstag in Düsseldorf. „Bei uns fällt der Regen relativ gleichmäßig verteilt über das ganze Jahr, zumindest bisher. Nach diesen Berechnungen dürfte sich das gehörig ändern. Wir bekommen eine Regenzeit und eine Trockenzeit.“ Es ist also höchste Zeit, den Trend umzukehren, ergänzte Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU). Ihre zentrale Botschaft der Waldstrategie lautet: „Wir müssen ganzheitlich denken.“
Wie hoch sind die wirtschaftlichen Schäden?
Der Vorstandsvorsitzende des Waldbauernverbandes NRW, Eberhard Freiherr von Wrede, bezifferte den Vermögensverlust im Privatwald abzüglich von 135 Millionen Euro Fördermittel auf 1,7 Milliarden Euro. „Weg, Windhauch, nicht mehr da.“ Zur Waldstrategie des Landes NRW sagte er: „Bei vielen Zielen gehen wir absolut mit. Bei einigen Zielen sehen wir aber andere Schwerpunkte.“ Rund 63 Prozent der Waldfläche in NRW befinden sich in Privateigentum - ein so hoher Anteil wie in keinem anderen Bundesland. Kommunen gehören 21 Prozent der Waldfläche und dem Land 13 Prozent.
Was ist jetzt vorrangig zu tun?
Die Ministerin sieht großen Handlungsbedarf auch außerhalb des eigentlichen Waldes. „In den 1980er Jahren wurden im Zuge der Waldsterbensdebatte im Zusammenhang mit saurem Regen weitreichende Maßnahmen umgesetzt, darunter die Einführung von Autokatalysatoren und Industriefilteranlagen.“ In einer vergleichbaren, wenn nicht sogar größeren Dimension sollte auf die aktuellen Schäden reagiert werden. Weniger Schadstoffe aus der Luft, ein noch wirksamerer Klimaschutz und eine Reduzierung der Wildbestände, um die Entwicklung von Mischwäldern voranzutreiben - mit Baumarten, die an den Standort optimal angepasst sind.
Also muss sich auch der Wald verändern?
Ja. Letztlich müssen die Wälder mit den veränderten Boden- und Klimabedingungen zurechtkommen.
Was ist seit 2018 geschehen?
Von den 140.000 Hektar Schadflächen in den Fichtenbeständen sind inzwischen 46 Prozent wiederbewaldet, davon 64 Prozent durch Naturverjüngung und 36 Prozent durch Neupflanzungen. Die häufigsten Baumarten sind Fichte (33 Prozent), Weichlaubhölzer (32 Prozent) und Douglasie (13 Prozent).

Ein sogenannter Polter, gestapelte Baumstämme an einem Forstweg im Wald. Die Forstwirtschaft muss sich auf widerstandsfähige Mischwälder einlassen. Foto: dpa
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Das klingt doch nicht schlecht, oder?
Das ist nur ein Anfang. Um das langfristige Ziel der klimaangepassten Mischwälder zu erreichen, muss die Wiederbewaldung noch über viele Jahre fortgesetzt werden, die intensive Pflege der Kulturen und jungen Bestände eingeschlossen.
Ist die Fichte in Deutschland Geschichte?
Noch nicht. Mit einem Anteil von 15 Prozent ist sie in NRW immer noch eine wichtige Baumart. Vorherrschend sind jedoch Buche, die 2022 einen Anteil von 19 Prozent hatte. Die Eiche folgt mit 17 Prozent auf Platz zwei.
Was ist mit der natürlichen Waldentwicklung? Also ohne Forstwirtschaft und Eingriffe des Menschen?
Wälder ohne Holznutzung sind „ein Baustein zur Förderung der biologischen Vielfalt“, heißt es in der Waldstrategie. Waldbäume könnten dort ihr natürliches Höchstalter erreichen und als Alt- und Totholz wertvollen Lebensraum für seltene und gefährdete Arten bieten, ermöglichen abwechslungsreiche Naturerfahrungen und liefern Erkenntnisse zur Waldentwicklung.
Der Landesentwicklungsplan für NRW sieht vor, die Freigabe von Waldflächen für Infrastrukturprojekte, also den Bau von Straßen und Bahntrassen, zu erleichtern. Wie passt das zur neuen Waldstrategie?
Gar nicht. Die drohende Einschränkung bestehender Waldflächen durch eine weitere Zerstückelung der Landschaft gefährde die biologische Vielfalt und die Klimaschutzziele.
Was sagen die Naturschutzverbände?
Das Bemühen, sich gemeinschaftlich um die Wälder zu kümmern, wird zwar begrüßt, das Ergebnis jedoch kritisch gesehen. Die Waldstrategie setze den Schwerpunkt „zu deutlich weiter auf die wirtschaftliche Nutzung und die Holzproduktion“, sagt Heide Naderer, Vorsitzende des Naturschutzbunds NRW. Bei der Wiederbewaldung der riesigen Kalamitätsflächen wie etwa im Sauerland setze das Land vorrangig auf den Waldbau, also die Aufforstung. Die natürliche Wiederbewaldung komme zu kurz. „Wo sich der Wald selbst entwickeln darf, entstehen stabile, artenreiche Mischwälder, die Hitze, Schädlingen und Extremwetter besser standhalten“, sagt Naderer. „Das zuzulassen wäre ein wichtiges Signal für einen echten Neustart in der Forstpolitik.“ Überdies erwartet der Naturschutzbund, dass nicht-heimische Baumarten stärker gefördert werden – nicht nur in Schutzgebieten. Außerhalb von Schutzgebieten sollen ausschließlich europäische Arten verwendet, historische Waldstandorte besonders geschützt werden. (mit dpa)