Der moderat auftretende Martin Vincentz geht vorerst als Sieger aus dem erbittert geführten Machtkampf der AfD NRW. Er gewann jedoch nur knapp.
ParteitagVincentz gewinnt Machtkampf – doch die AfD in NRW bleibt tief gespalten

Martin Vincentz, Landessprecher der AfD NRW, ist auf dem Landesparteitag in Marl erneut an die Spitze des mitgliederstärksten Landesverbands gewählt worden.
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Am späten Nachmittag stehen die Zeichen in Marl noch auf Eskalation. Martin Vincentz, amtierender Chef der NRW-AfD, hatte zuvor eine Unterbrechung des Landesparteitags beantragt: 30 Minuten Pause für Verhandlungen. Damit die beiden zerstrittenen Lager sich vor der Wahl vielleicht doch auf gemeinsame Kandidaten für den neuen Landesvorstand einigen. Können sie nicht. Eine halbe Stunde später plumpst ein Verhandler erschöpft auf einen weißen Delegiertenstuhl. Nimmt die Brille von der Nase. Wischt sich mit den Händen übers Gesicht. „Jetzt gehen wir in die offene Feldschlacht“, sagt er.
Es blieb bei einem kurzen Kampf und einem knappen Sieg. Der 39-jährige Martin Vincentz wurde mit knapp 55 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt, die befürchtete Machtübernahme durch das völkische Lager blieb aus. Damit steht der moderat auftretende Arzt aus Krefeld zum dritten Mal in Folge an der Spitze des mitgliederstärksten AfD-Landesverbands und wird die Partei vermutlich in den Landtagswahlkampf 2027 führen. Trotzdem verließ auch das Lager um Vincentz das Eventzentrum in Marl geschwächt: Auf fünf von zwölf Posten im Landesvorstand sitzen nun Vertreter von Rechtsaußen.
Weidel: Unterstützung für eingestufte Generation Deutschland NRW
Es ging um viel, als sich die 500 AfD-Delegierten am Samstagmorgen in einer Autoschlange an den Gegendemonstranten in Richtung Eventzentrum Marl vorbeidrängten. Der Parteitag galt schon im Vorfeld als richtungsweisend. Es ging um die Frage, ob die AfD sich endgültig an ihrer Radikalität und ihren Affären zerstreiten würde, und auch um die Frage, ob es ein Naturgesetz sei, dass sich in der AfD immer der radikalste Kandidat durchsetzt. Sie sollten erst am Abend beantwortet werden.
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Marl: Bundesvorsitzende Alice Weidel spricht beim Landesparteitag der AfD.
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Der Parteitag begann nach einigen Verzögerungen – erst fehlten Parkplätze, dann Stimmgeräte – gegen Mittag. Alice Weidel stieg für ein kurzes Grußwort auf die Bühne, der Ton gewohnt scharf. Die Parteichefin dankte der frisch zum rechtsextremen Verdachtsfall ernannten Jugendorganisation „Generation Deutschland Nordrhein-Westfalen“ für ihre Arbeit. „Wir stehen voll hinter der Generation Deutschland!“, rief sie. Einstufungen des Verfassungsschutzes seien ein „Orden, den man sich ans Revers klemmen kann“. Weidel betonte die Bedeutung der nordrhein-westfälischen AfD und forderte einen „Landesverband, der geeint wahrgenommen wird“.
Vincentz: „Die meisten Menschen in Nordrhein-Westfalen wollen nicht irgendwelche Verrückten von rechts“
Zunächst verpuffte dieser Appell. Knapp zwei Stunden lang stritt sich der alte Landesvorstand auf der Bühne, mal mit den Delegierten, mal untereinander. Als ein Vorstandsmitglied der Generation Deutschland ans Mikrofon trat, wurde es im Saal kurz lauter: Er kritisierte, dass Vincentz sich nicht vor die Jugendorganisation stelle. Vincentz, dessen Verhältnis zur Parteijugend als notorisch schlecht gilt, zielte zurück: „Die meisten Menschen in Nordrhein-Westfalen wollen nicht irgendwelche Verrückten von rechts“, sagte er. Der Rest seiner Antwort ging in Pfiffen, Applaus und Buhrufen unter.
Beim Fall Klaus Esser zerlegte sich der alte Landesvorstand selbst. Dem Landtagsabgeordneten und Vincentz-Verbündeten wird vorgeworfen, sich mit gefälschten Unterlagen auf eine AfD‑interne Stelle beworben zu haben. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein, sein Parteiausschlussverfahren endete glimpflich – auch, weil das Vincentz-Lager dem stellvertretenden Landesvorsitzenden und Vincentz-Herausforderer Fabian Jacobi das Verfahren entzog. Mehr als eine halbe Stunde stritten Vorstandsmitglieder, wem wann welche Dokumente vorlagen, welche Informationen auf Bundestagsfluren zugeraunt wurden und wer E-Mails an die Presse durchstach. Jacobi bezichtigte seinen Vorstandskollegen Christian Blex auf offener Bühne der Lüge, Vincentz schimpfte über eine „Hexenjagd“ gegen Esser. Einen Antrag, die Kameras für die restliche Aussprache des Saals zu verweisen, um peinliche Fernsehbilder zu vermeiden, lehnen die Delegierten ab.

In Marl sprechen Martin Vincentz, Landessprecher der AfD NRW, Christian Blex, Schatzmeister AfD NRW, und Kay Gottschalk, stellvertretender Landessprecher der AfD NRW, auf dem Podium.
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So dauerte es bis 17.30 Uhr, bis die Delegierten vor ihrer ersten entscheidenden Abstimmung standen. Das moderater auftretende Vincentz-Lager wollte den neu zu wählenden Landesvorstand in einer Einzelspitze führen, das Rechtsaußen-Lager um den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich plädierte für eine Doppelspitze aus den Bundestagsabgeordneten Christian Zaum und Fabian Jacobi. Helferich selbst war in Marl nicht anwesend: Er hatte Hausverbot.
So knapp war der Sieg von Martin Vincentz
Mit 53 Prozent schwangen die Delegierten das Pendel knapp zur Einerspitze. Jacobi trat allein gegen Vincentz an. Der 52-jährige Jacobi beschwor in seiner Rede den Widerstand gegen den „Extremismus der Herrschenden“, raunte von „Umvolkung“, blieb aber rhetorisch eher schwach. Vincentz zeigte sich kämpferischer. Er sprach von persönlichen Angriffen gegen ihn, spulte das AfD-Parteiprogramm ab, redete von Innenstädten, „illegaler Migration“ und „Reindustrialisierung“. „Wir sind nicht bereit, dass man unsere Kühltürme sprengt“, rief er. Ein Teil der Delegierten reagierte mit „Martin“-Rufen und stehendem Applaus. Vincentz schlug Jacobi mit 54,8 zu 43,4 Prozent der Stimmen.

Fabian Jacobi (AfD), Mitglied des Deutschen Bundestages, steht auf dem Podium und redet zu den Delegierten.
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Auf den Sieg folgte prompt die Niederlage. Vincentz schlug Sascha Lensing als seinen Stellvertreter vor, das Helferich-Lager schickte Christian Zaum ins Rennen. Zaum siegte mit einer einzigen Stimme Vorsprung. Die nötigen 50 Prozent knackte durch Enthaltungsstimmen keine Seite. Zwischen den blauen Tischen der Halle bildeten sich Trauben aus Delegierten beider Lager, diskutierten, gestikulierten. Dann der erste Kompromiss des Abends: Zaum wird erster Stellvertreter, Lensing zweiter.
Kampf um Mehrheiten bis zum Schluss
Bei manchen Parteien wären die noch offenen Posten – dritter Stellvertreter, Schatzmeister, stellvertretender Schatzmeister, Schriftführer und fünf Beisitzer – Formalien. Abstimmungen, bei denen die ersten Journalisten ihre Laptops zuklappen und Delegierte zum Kaffeestand bummeln. Anders bei einer Partei, die so tief gespalten ist wie die AfD: Ein Vorsitzender, der keine Mehrheit im eigenen Landesvorstand hat, ist nahezu machtlos.

Christian Zaum (M, AfD), Mitglied des Deutschen Bundestages, wird für die gewonnene Wahl beim Landesparteitag der AfD NRW mit Vorstandswahlen bejubelt.
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Nach weiteren Verhandlungen, Traubenbildungen und hektischen Telefonaten einigten sich beide Lager auf einen Deal: keine Kampfkandidaturen mehr. Für jeden Posten wollte man nur einen Kandidaten vorschlagen. Im künftigen Landesvorstand der AfD sollten sieben Vertreter des Vincentz-Lagers und fünf des Helferich-Lagers sitzen. Damit wären etwa Parteiausschlussverfahren des Landesvorstands, für die Zweidrittelmehrheiten nötig sind, kaum noch vorstellbar.
Zunächst schien der Deal zu funktionieren, wenn auch auf wackeligen Beinen. Kay Gottschalk, eigentlich Kandidat des weniger radikalen Vincentz-Lagers, zeigte, dass es bei Lagerloyalität nicht zwingend um Inhalte geht, und hielt die erste „Remigration“-Rede des Abends. Sollte er sich damit mehr Stimmen vom gegnerischen Lager erhofft haben, scheiterte dieser Plan: Trotz fehlendem Gegenkandidaten wird er nur mit 57 Prozent als dritter stellvertretender Landessprecher wiedergewählt.
Am späten Abend, als einige Delegierte das Kongresszentrum in Marl längst verlassen haben, steht der mühsam verhandelte Kompromiss kurz vor dem Scheitern. Markus Matzerath, Bundestagsabgeordneter aus dem Vincentz-Lager, wird für den Posten als 4. Beisitzer vorgeschlagen. Er ist Teil des Deals. Fabian Jacobi dagegen nicht, der plötzlich ans Mikrofon tritt und ebenfalls seine Kandidatur verkündet. Es ist ein riskantes Spiel: Verliert er seine zweite Wahl an diesem Abend, wäre der Schaden für seine Parteikarriere irreparabel. Gewinnt er, ist der Pakt nichtig und das Helferich-Lager hätte Vincentz' knappe Mehrheit im Landesvorstand weggeputscht. Vincentz und seine Verhandler stünden blamiert da. Schließlich hatten sie zuvor geholfen, Helferichs Büroleiter Tim Csehan in den Landesvorstand zu hieven, der sich mit einer aggressiv-völkischen Rede vorgestellt hatte. Um 21.13 Uhr entscheiden die Delegierten über die letzte Kampfkandidatur. Matzerath gewinnt sie nur knapp mit 53 Prozent. Der Burgfrieden scheint bereits nach zwei Stunden brüchig.

