Abo

Tresorraub in Gelsenkirchen„Stimmung schwankt zwischen Wut und Frust über das Verhalten der Sparkasse“

3 min
Das Bild zeigt ein im Zusammenhang mit dem Überfall auf eine Sparkasse in Gelsenkirchen durch die Polizei Nordrhein-Westfalen veröffentlichtes Foto eines Fahrzeugs (mit Hannoveraner Kennzeichen).

Im Zusammenhang mit dem Überfall auf eine Sparkasse in Gelsenkirchen hat die Polizei Nordrhein-Westfalen dieses Foto eines Fahrzeugs (mit Hannoveraner Kennzeichen) veröffentlicht. Nach dem spektakulären Millionen-Coup im Tresorraum einer Sparkassenfiliale sucht die Polizei die flüchtigen Panzerknacker. 

Inzwischen haben zahlreiche Geschädigte Anwälte hinzugezogen, um das Geldinstitut in Gelsenkirchen zu verklagen, ein Jurist wirft den Bankern massive Versäumnisse vor.

Burkhard Benecken hängt dauernd am Telefon. Der Strafverteidiger aus Marl erhält beinahe stündlich neue Hilferufe. Zahlreiche Geschädigte des Sparkassencoups von Gelsenkirchen melden sich. Die Besitzer der gut 3000 geplünderten Schließfächer brauchen einen Anwalt, der ihre Interessen vertritt. Im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ schildert der Anwalt die Gemütslage seiner Mandanten. Bisher sind es bis zu 40 – und täglich werden es mehr. „Die Stimmung schwankt zwischen Wut und Frust über das Verhalten der Sparkasse, viele können nicht mehr schlafen.“ Zu sehr setzt ihnen die Angst zu, die gehorteten Werte nicht mehr wiederzusehen. „Das Gros der Klienten beklagt im Schnitt einen Verlust von mehr als 100.000 Euro, manche aber beziffern ihre verlorenen Einlagen auf den sechs- oder gar siebenstelligen Bereich“, weiß Benecken zu berichten. Enorme Summen, die im Schließfach gehortet wurden.

Über die Vermögen liegen uns entsprechende Unterlagen, Kontoauszüge und Quittungen vor. Wir sollten nicht versuchen, die Opfer in die Täterecke zu drängen
Burkhard Benecken, Rechtsanwalt

Die Polizei beziffert den Schaden bisher auf einen mittleren zweistelligen Millionenbereich. Jurist Benecken schätzt die tatsächliche Verlustsumme auf 300 Millionen Euro. „Wenn sich dies bewahrheiten sollte, geht es um den Jahrhundertcoup der deutschen Nachkriegsgeschichte.“ Bei vielen Geschädigten handelt es sich demnach um türkischstämmige Mandanten, die für ihre Altersvorsorge, für Immobilienkäufe oder für die sogenannte Brautgabe Gold und Bares in ihren Sparkassendepots angespart hatten. Benecken beteuert, dass diese Vermögen seiner Klienten zu 95 Prozent aus legalen Quellen stammten. „Darüber liegen uns entsprechende Unterlagen, Kontoauszüge oder Quittungen vor. Wir sollten nicht versuchen, die Opfer in die Täterecke zu drängen.“

Der Anwalt wirft der Sparkasse vor, ihre Sorgfalts- und Aufklärungspflicht gegenüber ihren Kunden versäumt zu haben. So hätten diese Verträge unterzeichnet, in „dem im Kleingedruckten steht, dass die Versicherungssumme sich je Schließfach nur auf 10.300 Euro beläuft, aber darüber hat man sie nie aufgeklärt.“ Auch seien die Informationen an Betroffene nach dem Einbruch anfangs nur spärlich gelaufen.

Zudem gebe es Informationen und Hinweise darauf, dass die mangelnden Sicherungsvorkehrungen in dem Geldinstitut den Einbruch begünstigt haben könnten, erklärt Benecken. „So berichtet ein Insider aus dem Sparkassenumfeld, dass die Alarmanlage im Tatzeitraum defekt gewesen sei.“ Die Ermittler überprüfen derzeit diesen Hinweis. Sollte er sich bewahrheiten, droht Anwalt Benecken mit zahlreichen Zivilklagen gegen die Sparkasse. „Dann müsste das Geldinstitut voll umfänglich für den entstandenen Schaden haften.“

Die Ermittler untersuchen indes diverse Spuren nach den Tätern. Überwachungskameras hatten in einer Tiefgarage nahe der Sparkasse drei vermummte Personen aufgenommen, die mit einem Audi und einem Mercedes durch die Schranke gefahren waren. Wie die Gangster hineinkamen, sei noch Gegenstand der Untersuchungen, sagte ein Polizeisprecher. Genau wie die Frage, woher die Diebe wussten, wie sie zum Schließfachtresor gelangen konnten.

Inzwischen sind zwei Autokennzeichen aufgetaucht, die womöglich zu einem der Fluchtfahrzeuge gehören. Ein Zeuge habe die beiden Nummernschilder am Sonntagmittag am Dortmunder Hauptbahnhof gefunden, teilte die Polizei mit. Die aufgedruckte Kennung passt zu dem gefälschten Kennzeichen, mit dem ein hochmotorisierter Audi vom Tatort weggefahren war. Ob es tatsächlich die echten Schilder sind, die an dem Fluchtfahrzeug befestigt waren, muss noch überprüft werden.