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Vietnamesische Azubis in KölnWenn die Ausbildung zur Ausbeutung wird

7 min
Eine Schulklasse im Hintergrund, im Vordergrund ein Schüler von hinten abgebildet.

Unterricht am Berufskolleg Ehrenfeld: Manche Plätze bleiben leer, weil vietnamesische Auszubildende neben der Ausbildung weiterarbeiten müssen. Viele geraten dabei in Ausbeutung und Abhängigkeit von Betrieben und Vermittlungsagenturen.

Am Berufskolleg Ehrenfeld zeigt sich, wie vietnamesische Azubis in der Gastronomie zwischen Arbeitsdruck, Sprachhürden und Abhängigkeiten geraten.

An einem Montag im April steht die Klasse von Christoph Schneider am Berufskolleg Ehrenfeld kurz vor dem Ziel. Am nächsten Tag schreiben die Schülerinnen und Schüler die Abschlussprüfung ihrer Ausbildung zur Fachkraft für Gastronomie. Und trotzdem bleiben zwei Stühle leer im Unterricht von Schneider, Leiter des Bereichs für die Gastronomieberufe am Berufskolleg. Ob jemand wisse, wo die beiden seien, fragt er. Schweigen. Kopfschütteln.

Mit einem der Schüler hatte Schneider vor einigen Wochen gesprochen. Er war durch eine Prüfung gefallen und mental wie körperlich am Ende. „Ich kann nicht mehr“, habe er zu seinem Berufsschullehrer auf Englisch gesagt. Deutsch sprach der Auszubildende aus Vietnam kaum. Wie sollte er es auch lernen? Bei 40 Stunden Arbeit pro Woche plus Überstunden. Seit zwei Jahren habe der Schüler keinen Urlaub bekommen, an Feiertagen gearbeitet, auch nach dem Unterricht.

Schneider sagt, er habe den Chef des Schülers angerufen. So etwas werde in Zukunft nicht mehr vorkommen, habe der ihm versichert. Schneider glaubt ihm nicht. Später am Tag erzählten Klassenkameraden in einer kleineren Runde: Die beiden fehlenden Schüler seien arbeiten. Sie würden dafür bezahlt. Unter der Hand. Deutschland sei teuer, irgendwie müssen sie ihren Alltag finanzieren. 

Fachkräftemangel als Treiber und die Kehrseite der Anwerbung

Solche Fälle sind kein Einzelfall, weder am Berufskolleg Ehrenfeld, noch an anderen Berufsschulen in Deutschland. Christoph Schneider schätzt die Zahl der Betriebe, die ihre Azubis auf diese Weise ausbeuten, auf etwa 20. Es seien kleine Unternehmen, meist Asia-Restaurants. In Berlin scheint das Ausmaß größer: Dort tauchten 2025 fast 250 vietnamesische Auszubildende kurz nach Schulbeginn unter. Medienberichte legen nahe, dass einige illegal in Kosmetikstudios, Casinos oder Bordellen arbeiten könnten.

Auch Thanh-Son Pham, der eigentlich anders heißt, landete in so einem System der Ausbeutung. Er geht ebenfalls in Schneiders Klasse. In Köln gehe es ihm gut. Doch als er vor drei Jahren nach Deutschland gekommen sei, habe er zuerst bei einem Restaurant in Bayern angefangen. Pham redet leise, es fällt ihm sichtbar schwer, darüber zu sprechen. Gelegentlich übersetzt ein Mitschüler.

Zwei Männer schauen in die Kamera. Hinter ihnen ein Schulhof.

Christoph Schneider (l.) und Johannes Segerath am Berufskolleg Ehrenfeld: Sie beobachten, wie vietnamesische Azubis in der Gastronomie unter Druck geraten.

Zwischen 5.000 und 8.000 Euro habe er gezahlt, um einen Sprachkurs zu belegen und nach Deutschland zu kommen. Andere Vietnamesen zahlen dafür noch mehr. Bis 20.000 Euro. Auch Pham bekam bei dem Betrieb in Bayern keinen Urlaub, machte viele Überstunden. Nach der Schule habe er ebenfalls arbeiten müssen. „Ich habe viel geweint“, sagt er. Weil die Zeit so stressig gewesen sei. Nach der Probezeit habe er gekündigt und durch die Hilfe eines Bekannten nach Köln wechseln können. Warum er sich früher keine Hilfe geholt habe? Er lacht kurz. „Ich bin allein hier in Deutschland.“ Wen habe er fragen sollen?

Laut Bundesagentur für Arbeit absolvierten im Jahr 2025 rund 16.000 Menschen aus Vietnam ihre Ausbildung in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen stieg der Anteil vietnamesischer Auszubildender von 84 im Jahr 2020 auf 1.041 im Jahr 2024. 

Sie werden dringend benötigt: 2023 blieben laut Bundesbildungsbericht mehr als 70.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. In den vergangenen Jahren hat Deutschland die gezielte Anwerbung internationaler Auszubildender und Fachkräfte ausgebaut, um den demografisch bedingten Fachkräftemangel zu dämpfen.

Ein Einwanderungsgesetz schafft dafür die Grundlage. Deutschland und Vietnam bekräftigten diese Linie in einer im Januar 2024 unterzeichneten Vereinbarung zur Anwerbung und Qualifizierung vietnamesischer Fachkräfte

Von der Zuwanderung sollen alle profitieren, so die Idee. Betriebe suchen Nachwuchs, junge Menschen in Ländern wie Vietnam und Marokko Perspektiven. Arbeitgeber dürfen dank solcher Abkommen inzwischen gezielt Auszubildende in Drittstaaten rekrutieren, auch für Berufe, die hier kaum noch jemand machen will. Frühe Schichten, körperliche Arbeit und niedrige Löhne schrecken Deutsche ab. Nicht immer entsteht aber daraus eine Win-Win-Situation für alle: Für die ausländischen Auszubildenden ist die Ausbildung vielfach mit hohen Hürden, Risiken und prekären Lebenslagen verbunden.

Der Arbeitgeber: die stärkere Partei

2.800 Schülerinnen und Schüler besuchen das Berufskolleg Ehrenfeld. Es ist zuständig für alle Berufe im Lebensmittelhandwerk, in der Gastronomie und Hotellerie sowie im sozialpädagogischen Bereich. Fast 100 von ihnen besitzen eine vietnamesische Staatsangehörigkeit. Sie durchlaufen hauptsächlich die Ausbildungsgänge „Fachkraft für Restaurant“ und „Fachkraft für Systemgastronomie“. 

Die vietnamesischen Auszubildenden bringen zwar das geforderte B1-Sprachzertifikat mit, sprechen aber häufig kaum Deutsch. Um dem Unterricht zu folgen, reicht es oft nicht.

Die meisten werden von privaten Agenturen in ihrer Heimat angeworben und an Betriebe in Deutschland vermittelt. In Vietnam und anderen Herkunftsländern im ostasiatischen und nordafrikanischen Raum hat sich eine private Vermittlungsindustrie herausgebildet. 

Almut Schmitz von der NRW Fachkräfte Agentur International (Fai NRW) berät Unternehmen zur Frage der fairen internationalen Anwerbung von Auszubildenden und Fachkräften. Sie kennt die Webseiten der Agenturen. „Da wird angepriesen, dass man in Deutschland zweieinhalb bis dreitausend Euro verdienen kann. Dass man mit dem Visum Reisefreiheit in Europa hat.“ Nirgends werde jedoch erwähnt, dass von dem Geld Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abgehen.

„Manche saßen schon den Tränen nahe hier vor mir“

Stattdessen legen ganze Familien oder sogar ein ganzes Dorf zusammen, in der Hoffnung, ein junger Mensch könne in Deutschland Fuß fassen und Geld in die Heimat schicken, sagt Schulleiter Johannes Segerath vom Berufskolleg Ehrenfeld. „Unter diesem Druck stehen dann diese Menschen. Sie haben Angst vor dem Gesichtsverlust, fühlen sich gefangen in dem Ausbildungsbetrieb und denken: Wenn ich nicht alles mitmache, muss ich zurück in die Heimat.“

Der Druck ist hoch, die jungen Menschen verzweifelt. Mit ihren sprachlichen Kenntnissen hätten sie keine reelle Chance auf einen Abschluss, so Schneider. „Das ist eine Situation, die auch unsere Kolleginnen und Kollegen fertigmacht. Manche saßen schon den Tränen nahe hier vor mir.“ Sie wüssten nicht, wie sie den jungen Menschen noch helfen sollen.

Die wenigsten ausländischen Azubis sind Mitglied einer Gewerkschaft. Doch nur dann können Menschen wie Leon Koop von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten helfen. Berufslehrkräfte hätten ihm berichtet, dass zu Beginn des neuen Schuljahres Auszubildende nicht mehr erschienen oder schlicht abgemeldet worden seien. Wo diese Schülerinnen und Schüler geblieben sind, wisse niemand so recht.

Solche Fälle kämen laut Koop vor allem in der Systemgastronomie und in sogenannten Asia-Restaurants vor, aber auch in größeren Gastronomie- und Hotelleriebetrieben. Die meisten Betriebe holten dabei nicht nur einen, sondern gleich mehrere Auszubildende aus Vietnam. 

Ein junger Mann lächelt in die Kamera.

Leon Koop von der NGG: Oft fehlt vietnamesischen Azubis in der Gastronomie Unterstützung, und genau das mache sie anfällig für Ausbeutung.

Manche Auszubildende werden nicht einmal für den Beruf ausgebildet, für den sie eingestellt wurden. Christoph Schneider erinnert sich an eine Begegnung mit einem seiner Schüler. „Auf einmal grüßt der mich aus der Küche heraus. Aber eigentlich steht im Vertrag, dass er für den Service eingestellt wurde.“ Das Restaurant habe nicht einmal einen Service gehabt. Ausbildungsfremde Tätigkeiten sind nach dem Berufsbildungsgesetz verboten.

Gütesiegel als mögliche Orientierung

Das Ministerium des Landes Nordrhein-Westfalen für Arbeit, Gesundheit und Soziales teilt auf Anfrage der Redaktion mit, das Problem sei ihnen bekannt. Man führe zum Schutz von Beschäftigten regelmäßig Kontrollen im Arbeitsschutz durch, besonders in Branchen mit prekären Arbeitsbedingungen. Das Ministerium verweist zudem auf Beratungsstellen wie das Projekt „Beratungszentrum gegen Arbeitsausbeutung und Menschenhandel NRW“ und auf Initiativen der NRW Fachkräfte Agentur International (Fai NRW).

Die Fai NRW will Unternehmen dafür sensibilisieren, auf Agenturen zu setzen, die Bewerber nicht ausbeuten. Transparenz sei ein Zeichen für eine vertrauenswürdige Agentur. Kosten sollten nachvollziehbar aufgeschlüsselt sein. Unternehmen könnten prüfen, ob eine Agentur bereits für ihre Branche rekrutiert hat. Auf der Webseite des Fai NRW können Agenturen mit Sitz in Deutschland eine Selbstauskunft ausfüllen, um einen besseren Überblick zu ermöglichen.

Almut Schmitz von der Fai NRW erinnert noch einmal daran, dass die anwerbenden Betriebe die Vermittlungskosten tragen sollten, nicht die jungen Menschen selbst. Das sei internationaler Standard: Der Arbeitgeber sei die stärkere Partei.

Wie könnte es besser laufen? Schulleiter Johannes Segerath und Lehrer Christoph Schneider haben konkrete Ideen. Eine davon: ein verpflichtender Sprachkurs in Deutschland, der vor Beginn der Ausbildung stattfindet. Die Betriebe müssten für diesen Zeitraum den Lebensunterhalt der Auszubildenden sichern. Außerdem fordern sie, dass Vermittlungsagenturen zertifiziert werden müssen. Dafür sehen sie die Politik in der Pflicht.

Bis das geschieht, werden wohl immer wieder Stühle in Berufsschulklassen frei bleiben. Mal sind die dazugehörigen Schüler noch am Arbeiten, andere vielleicht schon in einer neuen Stadt. Einer der Schüler aus Schneiders Klasse sei kürzlich nach Dortmund gewechselt. Ob das stimme, kann der Lehrer nicht nachvollziehen.