Der „NRW-Check“ misst die höchsten Zustimmungswerte für die AfD, die es je gegeben hat. Kann Hendrik Wüst (CDU) verlorenen Boden zurückerobern?
Vor LandtagswahlWarum Wüst zum Anti-Merz werden muss


Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hört den Worten des Bundeskanzlers bei einem gemeinsamen Termin zu.
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Er hatte einst versprochen, die AfD zu halbieren. Inzwischen ist Friedrich Merz seit einem Jahr Bundeskanzler, und die Rechtsaußenpartei ist in NRW so stark wie nie. Wenn jetzt Landtagswahlen wären, würde die AfD die zweitstärkste Partei im bevölkerungsreichsten Bundesland. Mit 20 Prozent könnte sie das Ergebnis, das 2022 noch bei 5,4 Prozent lag, fast vervierfachen.
Die Zahlen aus dem neuen „NRW-Check“ sind schockierend, nicht nur für Merz, mit dessen Arbeit mittlerweile 80 Prozent der Bürger unzufrieden sind, sondern auch für NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Der erdrutschartige Einbruch des Vertrauens in den Bundeskanzler reißt auch die Zustimmung für die schwarz-grüne Landesregierung in NRW in den Sinkflug. Die Beliebtheitswerte der NRW-CDU, die immer deutlich über denen der Bundespartei lagen, schmelzen dahin. Am 25. April 2027 ist in NRW Landtagswahl. Den schlechten Bundestrend jetzt mit Bordmitteln zu bekämpfen, dürfte für Wüst zur Herkulesaufgabe werden.
Weitere Zumutungen für Bürger zu befürchten
Denn: Eine Besserung der politischen Stimmung ist vorerst nicht in Sicht. Im Gegenteil – die von der Bundesregierung für den Sommer geplanten Reformen bei Steuern, Rente und Gesundheit dürften für viele Bürger weitere Zumutungen bedeuten. Wüst appelliert bereits an Berlin, die Belastungen gerecht zu verteilen. Er weiß, dass die drohenden Proteste zu einem weiteren Booster für die AfD werden könnten.
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Wüst verweist in NRW in fast jeder Rede auf die positive Regierungsbilanz von CDU und Grünen. Rückläufige Kriminalitätszahlen, mehr Lehrereinstellungen und Fortschritte beim Ausbau der erneuerbaren Energien sind Erfolge, die früher eine gute Grundlage dafür gewesen wären, Wahlen zu gewinnen. Zumal auch die SPD unter dem Bundestrend leidet und mit nur noch 14 Prozent Zustimmung weit davon entfernt ist, in Schlagdistanz zu geraten. Stattdessen sitzt Wüst jetzt die AfD im Nacken.
Mit der Harmonie dürfte es vorbei sein
Zwischen Wüst und Merz gab es nie eine innige Männerfreundschaft. Der NRW-Ministerpräsident hatte erst spät seinen Verzicht auf eine eigene Kanzlerkandidatur bekannt gemacht und damit den Weg für den Sauerländer frei gemacht. Weil die Union im Wahlkampf Einigkeit demonstrieren wollte, stellten Merz und Wüst Harmonie zur Schau.

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (links, CDU) und CDU-Vorsitzender Friedrich Merz beim Sommerfest des Landes NRW in Berlin am 21.6.2023. (Archivbild)
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Mit der dürfte es jetzt allerdings vorbei sein. Wenn Wüst das stabile Zweierbündnis mit den Grünen fortsetzen will, muss er unbedingt Boden gutmachen. Das wird wohl nur gelingen, wenn sich Wüst vom Bundeskanzler abgrenzt, und zwar nicht nur durch eine ambitioniertere Energiepolitik. Es geht auch um einen anderen Sound. Wenn Merz quasi im Vorbeigehen verkündet, dass die gesetzlichen Rentensysteme künftig nur noch eine Basisabsicherung bieten sollen, macht das vielen Menschen Angst.
Steigt die Zustimmung zur AfD? Es liegt jetzt an Wüst
Wüsts Chance besteht darin, dass er solche Sorgen aufnimmt. Die christliche Soziallehre hat eine starke Tradition in der NRW-CDU, auf die sich Wüst berufen kann. Viele der Menschen, die jetzt ihr Kreuz bei der AfD machen, sind enttäuschte Arbeitnehmer und Rentner, die früher SPD gewählt haben. NRW war nie ein Land, in dem Rechtsradikale starke Wurzeln fassen konnten. Das macht ein bisschen Hoffnung. Es kommt vor allem auf Wüst an, ob der blaue Balken am Wahltag nicht ganz so hoch klettert, wie die Umfragen vorhersagen.
Fest steht: Sollte Wüst in NRW als politischer und menschlicher Gegenentwurf zu Merz erfolgreich sein, wird eine oft geführte Debatte wieder an Fahrt aufnehmen. Nämlich die, ob eine Kanzlerkandidatur von Hendrik Wüst nicht erfolgreicher sein könnte als die eines Amtsinhabers, der am Ende der Beliebtheitsskala steht.
