- Um annähernd Herdenimmunität zu erreichen, muss in Deutschland noch viel passieren.
- Impfmuffel auch noch zu belohnen, indem man sie mit Geschenken ködert? Geht gar nicht, findet Autorin Lydia Schauff.
- Sarah Brasack hält dagegen: Erlaubt sein muss alles, was das Virus und weitere Mutationen eindämmt.
Ich habe mich gegen das Coronavirus impfen lassen. Weil es in meiner Familie Risikopatienten gibt.
Weil keiner garantieren kann, dass dieses Virus mich, auch als jungen Menschen, nicht doch auf die Intensivstation bringt. Und damit alle hoffentlich bald wieder einigermaßen sorglos leben können. Und weil man das eben macht. Impfen gehört für mich zum Standardprogramm. Für mich als DDR-Kind sowieso. Da wurde nicht darüber diskutiert, ob Impfungen Nebenwirkungen haben oder ob man das überhaupt machen muss. Man wurde geimpft. Punkt.
Dass es gerade jetzt umso wichtiger ist, vom Luxus, sich impfen lassen zu können, Gebrauch zu machen, damit Corona zum kaum wahrnehmbaren Hintergrundrauschen wird, sollte klar sein. Doch für viele ist es das wohl nicht. Nun lautet die große Frage: Was tun?
Eine Impfplicht kommt in Deutschland, das persönliche Freiheit als enorm schützenswert versteht, nicht wirklich infrage. Einige degradierten, nur weil sie Maske tragen und Abstand halten sollten, das Land ja schon zur Diktatur. Was würde da eine Impfpflicht auslösen? Impfbusse, die quasi bis vor die Haustür fahren und Impfaktionen in Einkaufszentren sollen es denen, die sich schwer tun, leicht machen. Doch das reicht nicht, um die nötige Impfquote zu erreichen und die um sich greifende Deltavariante im Zaum zu halten.
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Nun überlegen einige Bundesländer mit Belohnungen zu arbeiten. Bisher Unwillige, die sich nun doch impfen lassen, bekommen das sprichwörtliche „Zuckerbrot“. Eine Geldprämie oder Tickets sind etwa in der Diskussion. Das ist, als würde man einem trotzigen Kind, damit es sich endlich benimmt, einen Schokoriegel vor die Nase halten. Damit wird auch suggeriert: Wenn du aus der Reihe tanzt, bekommst du auch noch etwas dafür. Alle anderen, die sich einfach so haben impfen lassen, gehen leer aus. Pädagogen können Bestechung nicht umsonst nicht viel abgewinnen. Und: Bestechung ist sogar ein Straftatbestand.
Eine Belohnung für die, die sich jetzt impfen lassen, wäre nur dann akzeptabel, wenn alle, die sich den Corona-Piks abgeholt haben, auch ein Dankeschön bekommen. Ansonsten dürfte schnell ein Gefühl der Ungleichbehandlung aufkommen.
Eine andere Option ist es, nur Geimpften und Genesenen gewisse Privilegien zu gewähren, etwa den Zugang zu Kinos oder zu Restaurants. Wer das auch möchte, muss sich zur Impfung durchringen. Aber auch das ist nicht ideal. Viele verstehen das als Impfpflicht durch die Hintertür. Letztlich fällt den Regierenden ein Fehler auf die Füße, den sie in der Coronakrise nicht das erste Mal machen: Sie haben einfach nicht richtig darüber nachgedacht. Nun wird auf der Suche nach Lösungen herumgedoktert. Heraus kommt: Halbgares.
Am Ende offenbart die Situation ein tiefer liegendes Problem: mangelndes Vertrauen gegenüber politischen und medizinischen Institutionen aller Art. Solange das nicht kuriert wird, werden wir spätestens beim nächsten neuartigen Virus, das unser Land in den Griff nimmt, dieselbe Situation wieder erleben.
Lydia Schauff
Erlaubt sein muss alles
Wenn Impfstoffe in NRW in Lagern ihrem Verfallsdatum entgegen versauern, wenn im Kölner Impfzentrum mehr Leere als Betrieb herrscht, dann sind angesichts einer längst noch nicht durchgeimpften Gesellschaft kreative Ideen gefragt – und zwar dringend. Denn sämtliche Gesundheitsgremien sind sich einig, dass noch deutlich mehr Menschen geimpft werden müssen, um die bei 85 Prozent erreichte Herdenimmunität auch nur annähernd zu erreichen. Die Delta-Variante kennt keine Freunde. Und weitere Varianten drohen, weil das Virus überall dort Mutationen bildet, wo ihm eine Gesellschaft mit Impf-Lücken die Möglichkeit bietet.
Nun gibt es in Deutschland Menschen, die werden sich vom Pieks partout nicht überzeugen lassen – weil sie Coronaleugner sind oder andere unüberwindbare Ängste haben, auch wenn diese mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehbar sind. Es gibt aber viele gute Gründe, sie – anders, als Frankreich es gerade für sein Pflegepersonal beschlossen hat – nicht dazu zu zwingen. Aber es gibt neben den entschlossenen Verweigerern eben auch die große Gruppe der noch Unentschlossenen, die keine zwingenden Gründe gegen das Impfen vorweisen kann. Menschen, die vielleicht zu bequem sind, sich zu kümmern. Oder zu beschäftigt mit ihrem Leben. Die hundertmal bei der Impfhotline nicht durchgekommen sind und dann entnervt aufgegeben haben. Die keinen Hausarzt haben. Die ihren Impfausweis verlegt haben und nicht wissen, dass sie auch ohne kommen können. Die zurückhaltend sind wegen Sprachbarrieren.
Hürden niedrig halten
Ihnen allen muss man so nahe wie möglich kommen mit einem Impfangebot und die Hürden so niedrig wie möglich legen. Mit Impfangeboten überall dort, wo sie sind. Die Stadt Köln war bundesweit Vorreiter, was Impfangebote in sozial schwachen Vierteln anging. Allerdings wurden die Hoffnungen auf eine rege Teilnahme auch enttäuscht. Jürgen Zastrow, leitende Impfarzt im Impfzentrum, dass statt erwarteter 3000 Teilnehmer manchmal nur 300 gekommen wären. Die Stadt hatte sich wohl auch zu sehr darauf verlassen, dass sich das Angebot in der Ortsmitte rumspricht und Kulturvereine, Moscheegemeinden oder Sozialarbeiter nicht genügend eingebunden.
Nun haben andere Länder, die ebenfalls im letzten Drittel festhängen, was den Impffortschritt anbelangt, ähnlich Probleme. Und einige haben sich bereits Strategien überlegt, die Impfquote zu erhöhen. Was spricht dagegen, in Deutschland Impfangebote in einer Bar zu machen und ein kostenloses, ziemlich köstliches Getränk gratis anzubieten? Was spricht dagegen, Impfungen mit der Teilnahme an einer Lotterie zu verknüpfen oder mit dem Besuch eines Konzerts?
Was spricht gegen die Verlosung von Fahrrädern oder Sprachkursen, die Tobias, Hans, der saarländische Ministerpräsident, ins Spiel gebracht? Was spricht gegen das Prinzip der Gamification, die viele in anderer Hinsicht schon sehr erfolgreich motiviert hat? Auch Unternehmen kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu: Sie könnten Boni oder Geschenke an alle Mitarbeiter verteilen, die sich impfen lassen. Erlaubt muss alles sein, was sich herumspricht bei Menschen ohne Pieks – und was zum Erfolg führt.
Sarah Brasack



