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MissbrauchsstudieKatholischer Pfadfinder-Verband „durchsetzt von sexualisierter Gewalt“

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Drei Personen sitzen nebeneinander an einem Tisch und geben eine Pressekonferenz.

Vertreter des DPSG-Bundesvorstandes zeigten sich von den Ergebnissen der Studie betroffen: Sebastian Becker (v.l.), Annkathrin Meyer und Maximilian Strozyk.

Konkrete Zahlen liefert das Forschungsteam nicht. Es stellt aber ein strukturelles Problem bei den Fällen sexualisierter Gewalt fest.

Eine wissenschaftliche Studie zu Missbrauch bei den Georgs-Pfadfindern erschüttert die traditionsreiche katholische Jugendorganisation in den Grundfesten. Der Verband sei „durchsetzt von sexualisierter Gewalt“, sagte Studienleiterin Sabine Maschke bei der Vorstellung der Ergebnisse in Köln. Ein Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen hatte  den Auftrag, in einer qualitativen Untersuchung sexualisierte und spirituelle Gewalt bei der „Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg“ (DPSG) aufzuarbeiten. Konkrete Zahlen, wie viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene betroffen sind, nannten die Forscherinnen und Forscher nicht.  

„Wir kommen zu dem Ergebnis, dass es sich hier um ein Haus mit beschädigtem Fundament handelt“, fasste die Marburger Professorin für Erziehungswissenschaften die Studie zusammen. Nach außen wirke es stabil, nach innen biete es keinen Schutzraum für Kinder und Jugendliche. Den Vergleich wählte sie bewusst. Die DPSG, nach eigenen Angaben mit über 84.000 aktiven Mitgliedern der größte Pfadfinder-Verband Deutschlands, hat bundesweit über 1000 Ortsgruppen, auch Stämme genannt. „Der Vorstand sitzt bildlich gesprochen im Dachgeschoss, während unten auf der Ebene der Stämme eigenständige Königreiche entstehen“, erklärte Maschke. Auf diese könne kaum steuernd zugegriffen werden.

Studie nicht repräsentativ

Diese Strukturen seien mitursächlich für eine unzureichende Aufarbeitung sowie eine unvollständige Datenlage. Denn obwohl der katholische Pfadfinder-Verband seit 1929 existiert, konnten die Forscherinnen und Forscher meist nur Fallakten (insgesamt 129) der letzten 15 bis 20 Jahre auswerten. Darin seien insbesondere Fälle direkter körperlicher Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen dokumentiert. Hinzu kamen unter anderem Interviews mit Betroffenen und Mitgliedern sowie eine standardisierte Befragung, an der rund 400 volljährige DPSG-Mitglieder teilnahmen.

Eine Frau blickt neben die Kamera.

Sabine Maschke ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg und Leiterin des Forschungsprojektes.

Der Gießener Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Gießen, Ludwig Stecher, ordnete ein, dass die Studie nicht repräsentativ sei. Sie weise relevante Stichproben auf, die auf gewisse Häufigkeiten schließen lasse. Wie die Auswertung ergab, hat mehr als die Hälfte (56 Prozent) Erfahrungen mit nichtkörperlicher sexualisierter Gewalt, wie Beleidigungen, Witzen oder Gesten, gemacht. Jede fünfte Person und jede dritte Pfadfinderin erlebte physische sexualisierte Gewalt, „etwa drei Viertel der Befragten haben mindestens einmal eine Form sexualisierter Gewalt im DPSG-Kontext beobachtet“. Damit sind nach Angaben des Forschungsteams vor allem pfadfindertypische Gemeinschaftssituationen, zum Beispiel Fahrten, Feste oder Lager, gemeint.

Täter vorwiegend männlich

Maschke zufolge bergen diese Räume ein besonders großes Risiko, weil sie von Nähe, Intimität und fehlender Kontrolle geprägt sind. Opfer seien oft weibliche Pfadfinder bis 25 Jahre, Täter weit überwiegend männliche Leitende über 30, die ihre Vertrauens- und Machtpositionen ausnutzen. Zudem sei sexualisierte Gewalt unter gleichaltrigen Jugendlichen vorgekommen. Diese Fälle seien bislang häufig bagatellisiert oder als Einzelfall abgestempelt worden. Ferner habe es einen aktiven Täterschutz gegeben, etwa durch Versetzung statt Ausschluss. Dies sei mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche vergleichbar. Bei dieser kritisierten die Forschenden im Übrigen „ein gewisses Desinteresse“ an der Aufarbeitung. Während des von Ende 2023 bis Ende 2025 dauernden Forschungsprozesses sei der Platz eines Vertreters der deutschen Bistümer im Aufarbeitungsbeirat dauerhaft unbesetzt gewesen. Bistumsarchive seien bis auf zwei Ausnahmen vollständig unzugänglich gewesen.

Dieser Umstand wird laut der Projektleiterin dadurch begünstigt, dass die DPSG durch einen quasikirchlichen Spirit Loyalität mit Haut und Haaren einfordert. Abweichung und Widerspruch seien kaum möglich, „in zentralen Texten werden gar die Zeugnisse des Gründungsvaters Baden-Powells neben das Leben und Wirken Jesu Christi gestellt“, sagte Maschke. Ein weiteres „massives Problem“ sei Alkohol, dessen unkontrollierter Konsum in Form von Trinkritualen wie selbstverständlich dazugehöre. Das berichtet auch Lina, die mit 19 Jahren unter Alkoholeinfluss im Beisein von weiteren Mitgliedern einen sexuellen Übergriff, verübt von einem Stammesvorsitzenden, erlebte.

Annkathrin Meyer, DPSG-Bundesvorsitzende, bat stellvertretend für die Pfadfinder-Vereinigung bei den Opfern um Entschuldigung. „Wir erkennen euer Leid an“, stellte sie klar. Der Verband habe als Institution versagt und Strukturen zugelassen, in denen Gewalt möglich war. Wie die DPSG konkret auf den Befund der Studie und die daraus resultierende Empfehlung einer tiefgreifenden Transformation reagieren werde, stehe zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest, sagte Bundeskurat Maximilian Strozyk. Notwendig seien jedenfalls neue, niedrigschwellige Meldewege. Der DPSG-Bundesvorsitzende Sebastian Becker schloss auch Sanktionen gegenüber unkooperativen Stämmen und sogar eine Auflösung des gesamten Verbandes nicht aus. Lina betonte, dass sie gerne an eine Veränderung in der DPSG glauben wolle, „doch komplett darauf zu vertrauen, ist mir aktuell nicht möglich.“