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„Alles liegt vor uns“Ukrainischer General berichtet von Durchbruch der ersten russischen Verteidigungslinie

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Ukrainische Soldaten feuern eine Pion (M-1975) Kanonenhaubitze auf russische Stellungen in der Nähe von Bachmut. (Symbolbild)

Ukrainische Soldaten feuern eine Pion (M-1975) Kanonenhaubitze auf russische Stellungen in der Nähe von Bachmut. (Symbolbild)

Die Ukraine vermeldet einen großen Erfolg im Krieg gegen Russland. Jetzt wolle man noch mehr und noch schneller angreifen.

Die ukrainischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben die erste russische Verteidigungslinie in der Nähe von Saporischschja durchbrochen. Nach wochenlanger Minenräumung sei dieser entscheidende Schritt gelungen, dies berichtet Brigadegeneral Oleksandr Tarnavskiy, der die Operation im Süden des Landes leitet, im englischen „Guardian“.

Seinen Ausführungen zufolge rechnet das ukrainische Militär nun mit einem schnelleren Vorstoß auf die schwächere zweite Linie. Tarnavskiy schätzt, dass Russland 60 Prozent seiner Ressourcen in den Aufbau der ersten Verteidigungslinie und nur jeweils 20 Prozent in die zweite und dritte Linie investiert habe. Moskau habe nicht damit gerechnet, dass die ukrainischen Streitkräfte die erste Linie brechen würden, so Tarnavskiy.

Ukraine berichtet von großem Schritt: Erste Verteidigungslinie der Russen durchbrochen

Genau dies aber sei seinen Truppen nach wochenlanger und mühsamer Mienenräumung gelungen. „Im Zentrum der Offensive schließen wir jetzt die Zerstörung der feindlichen Einheiten ab, die den russischen Truppen Deckung für den Rückzug hinter ihre zweite Verteidigungslinie bieten“, sagt Tarnavskiy im Interview mit dem Guardian. Man habe die russischen Truppen zurückgedrängt.

Ein Zeichen dafür, dass Moskau den Druck spürt, ist die Verlegung von Truppen von Frontabschnitten innerhalb der besetzten Ukraine – Cherson im Westen und Ljman im Nordosten – und auch von innerhalb Russlands, sagte er. Die Militärführung in Russland habe Truppen teilweise zurückziehen und Truppen von Frontabschnitten verlegen müssen, das macht den General zuversichtlich. „Früher oder später werden den Russen die besten Soldaten ausgehen. Das wird uns einen Anstoß geben, mehr und schneller anzugreifen“, sagte Tarnavskiy. „Alles liegt vor uns.“

Ukrainischer General zuversichtlich: Truppen können nun mit Panzer vorrücken

Erfolge kann die Ukraine gut gebrauchen, schließlich stockte die ukrainische Gegenoffensive lange. Hohe Verluste und kaum nennenswerte Erfolge: Lange Zeit blieben die Frontlinien unbeweglich. Die Kritik an der Militärführung der Ukraine kann der General trotzdem nicht verstehen. Man solle die Aufgabe erst beurteilen, wenn sie abgeschlossen sei, sagte er laut Guardian. Für die Probleme gebe es eine Erklärung. „Als wir mit der Gegenoffensive begannen, verbrachten wir mehr Zeit als erwartet mit der Entminung der Gebiete.“

Umso optimistischer zeigt er sich ob der jüngsten Erfolge. „Meiner Meinung nach glaubten die Russen, dass die Ukrainer diese Verteidigungslinie nicht überwinden würden. Sie hatten sich über ein Jahr lang vorbereitet. Sie haben alles getan, um sicherzustellen, dass dieses Gebiet gut vorbereitet war“, sagt Tarnavskiy. Weil die zu durchqueerenden Minenfelder zusätzlich durch russische Stellungen, die den Bereich aus der Ferne beschossen, sobald sich ukrainische Aufklärtrupps näherten, seien seine Infanteriekräfte nachts losgezogen, um die todbringenden Minen zu räumen.

Zweite Verteidigungslinie nicht so gut gesichert

Die mühsame und gefährliche Arbeit habe sich ausgezahlt. Da das Minenfeld durchbrochen wurde, hätten die Russen einen Großteil ihres Vorteils verloren, schätzt der General die Lage ein. „Es gibt einen großen Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Verteidigungslinie“, erklärt Tarnavskiy.

Die zweite Linie sei weniger gut gesichert, das ermögliche es den Ukrainern mit Fahrzeugen vorzurücken. Minen blieben zwar ein Problem, mit komplett vermienten Zonen sei aber nicht mehr zu rechnen – nicht der einzige Grund, der den General optimistisch stimmt. Die Ukraine bereite weitere Überraschungsoffensiven vor, sagt Oleksandr Tarnavskiy, ohne konkret zu werden. „Um in einer Richtung erfolgreich zu sein, muss man den Feind immer in die Irre führen.“

Ukrainischer General kündigt Überraschungsoffensiven gegen Russland an

Die Einschätzungen von Tarnavskiy können im Detail nicht unabhängig überprüft werden, zuletzt hatten aber auch die USA Fortschritte bei der ukrainischen Gegenoffensive vermeldet. Auch Politikwissenschaftler Carlo-Antonio Masala zeigte sich jüngst im KStA-Interview zuversichtlich, dass die ukrainischen Truppen in den kommenden Wochen noch wichtige strategische Ziele erreichen könnten. „Den Vorstoß bis zum Asowschen Meer halte ich für unwahrscheinlich. Aber dass sie Tokmak einnehmen und dann weiter bis Melitopol vorrücken könnten – das halte ich für durchaus wahrscheinlich, wenn es gut läuft“, so Masala. 

Die Ukraine hatte für die laufende Gegenoffensive zur Befreiung der von russischen Truppen besetzten Gebiete Geduld eingefordert. „Das ist keine Show, bei der die ganze Welt zuschaut und Wetten abschließt“, so Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj Ende Juni. Die fehlende Luftunterstützung hätte seinen Auftrag erschwert, hieß es.

Die langsamen Fortschritte sowie die bekannt gewordenen Verluste westlicher Panzer in den ersten Tagen der ukrainischen Offensive hatte im Westen teilweise zu Kritik geführt und die Forderung nach Verhandlungen mit Wladimir Putin zur Beendigung des Krieges bestärkt. „Wenn wir aufhören, vorzurücken, wird der Feind neue Kräfte sammeln und stärker werden. Wir werden die Grenzen der Ukraine von 1991 erreichen ... Wir wollen nicht, dass unsere Kinder und sogar unsere Enkel gegen die Russen kämpfen, und wer kann sie aufhalten? Nur wir“, sagt Tarnavskiy.

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