„Wahr ist, dass es hier keine Nazis gibt“Russischer Pilot läuft samt Helikopter über – und widerspricht Moskaus Lügen

Lesezeit 4 Minuten
Der russische Pilot Maxim Kuzminow ist laut Angaben des Militärgeheimdienstes der Ukraine übergelaufen und hat sich nun in einem Interview zu seiner Flucht aus Russland geäußert.

Der russische Pilot Maxim Kuzminow ist laut Angaben des Militärgeheimdienstes der Ukraine übergelaufen und hat sich nun in einem Interview zu seiner Flucht aus Russland geäußert.

Nach seiner Flucht äußert sich ein russischer Pilot – und nutzt die Gelegenheit, um seine Landsleute dazu aufzurufen, es ihm gleichzutun.

Es ist eine Geschichte wie aus einem Film – und wird das vielleicht irgendwann auch sein: Bereits am 24. August meldete der Chef des ukrainischen Militärgeheimdiensts, Kyrylo Budanow, ein russischer Hubschrauberpilot sei übergelaufen. Seinen russischen Mi-8-Helikopter habe er gleich mitgebracht, hieß es.

Nun hat die Ukraine ein Interview mit dem russischen Piloten, der offenbar Maxim Kuzminow heißt, veröffentlicht. Der Pilot schildert darin, wie er samt seinem Fluggerät aus Russland desertiert ist.

Sechs Monate sei die Aktion vorbereitet worden, ehe der russische Pilot am 23. August schließlich auf einem Luftwaffenstützpunkt in Charkiw gelandet sei, hatten ukrainische Behörden zuvor mitgeteilt. Die Familie des Piloten sei vor seiner Flucht aus Russland in die Ukraine gebracht worden, teilte Geheimdienstsprecher Andriy Yusov mit.

Russischer Pilot läuft zur Ukraine über – und bringt seinen Helikopter direkt mit

Zwei Begleiter des Russen seien nach der Landung in der Ukraine und einem Fluchtversuch getötet worden, der Pilot selbst wurde demnach bei dem kurzen Gefecht verletzt. Viel mehr war über den von Kiew vermeldeten Geheimdienstcoup nicht bekannt.

Nun hat der augenscheinlich noch junge russische Pilot in einem Interview, das vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlicht wurde, geschildert, wie es zu seiner Flucht in die Ukraine gekommen ist. Die genauen Umstände des Gesprächs sind unklar, Kuzminow schien aber frei und ohne offensichtlichen Druck zu sprechen. Das Interview wurde auf Youtube veröffentlicht und zuvor im ukrainischen TV gezeigt.

Russische Soldaten seilen sich aus einem Mi-8-Helikopter bei einer Übung ab. Mit einem solchen Hubschrauber gelang einem russischen Piloten ukrainischen Angaben zufolge die Flucht aus Russland. (Archivbild)

Russische Soldaten seilen sich aus einem Mi-8-Helikopter bei einer Übung ab. Mit einem solchen Hubschrauber gelang einem russischen Piloten ukrainischen Angaben zufolge die Flucht aus Russland. (Archivbild)

„Ich habe mich mit Vertretern des ukrainischen Geheimdienstes in Verbindung gesetzt, ihnen meine Situation erklärt und sie haben mir folgende Option angeboten: ‚Kommen Sie, wir garantieren Ihre Sicherheit, wir garantieren neue Dokumente, wir garantieren eine finanzielle Entschädigung, eine Belohnung'“, erklärte der Pilot darin. Schließlich seien Einzelheiten besprochen und ein Fluchtplan entworfen worden, so Kuzminow.

Flucht aus Russland: „Versuchen wir es, ich bin nicht weit weg“

Vor seiner Landung in der Ukraine habe er sich zufällig bei einem Flug nahe der Grenze befunden – und den ukrainischen Kontaktleuten spontan seinen Standort mitgeteilt. „Versuchen wir es, ich bin nicht weit weg“, habe er gesagt, so Kuzminow. Mit absoluter Funkstille und im extremen Tiefflug habe er dann die Ukraine angesteuert. „Keiner verstand, was mit mir los war“, beschrieb der Pilot die Verwirrung an Bord des Helikopters. Schließlich sei er in Charkiw gelandet – und von ukrainischen Truppen in Empfang genommen worden.

„Es gelang uns, den richtigen Zugang zum Piloten zu finden, seine gesamte Familie unbemerkt außer Landes zu bringen und schließlich die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass er das Flugzeug mit der Besatzung, die nicht wusste, was vor sich ging, rüberholen konnte“, erklärte Geheimdienstchef Budanow. Die beiden anderen russischen Soldaten hätte man „gerne lebend gefangen genommen“, fügte er an. „Als sie erkannten, wo sie gelandet waren, versuchten sie zu fliehen. Leider wurden sie erschossen.“

Russischer Pilot ruft Landsleute zum Desertieren auf: „Ihr werdet eine bunte Welt entdecken“

Pilot Kuzminow nutzte das Interview auch, um andere russische Soldaten zum Überlaufen aufzurufen. „Ihr werdet versorgt sein, man wird euch überall einen Job anbieten, egal was ihr macht. Ihr werdet einfach eine bunte Welt entdecken“, wandte der Russe sich an seine Landsleute bei den russischen Streitkräften.

Kuzminow widersprach in dem Interview auch einigen Narrativen des Kremls deutlich. „Die Wahrheit ist, dass es hier keine Nazis oder Faschisten gibt. Es ist eine echte Schande, was hier passiert. Mord, Tränen, Blut. Die Menschen bringen sich einfach gegenseitig um und ich möchte nicht daran teilhaben“, sagte Kuzminow. „Was jetzt geschieht, ist einfach ein Völkermord am ukrainischen Volk.“

„Was jetzt geschieht, ist einfach ein Völkermord am ukrainischen Volk“

Er habe nicht weiter zu „diesen Verbrechen“ beitragen wollen, führte der Pilot aus und versicherte: „Die Ukraine wird diesen Krieg eindeutig gewinnen, einfach weil das Volk sehr geeint ist. Früher war es nicht so, aber jetzt ist es sehr geeint. Die ganze Welt hilft ihnen, denn in erster Linie sollte das menschliche Leben wertgeschätzt werden.“

Unabhängig überprüfen lässt sich die Identität des Piloten derzeit nicht. Der unabhängige russische Telegram-Kanal Agenstvo gab jedoch an, ein Social-Media-Profil von Kuzminow gefunden zu haben. Demnach sei er ein Kampfpilot des 319. Hubschrauberregiments der russischen Streitkräfte.

Das belarussische Exil-Medienprojekt Nexta, das seinen Sitz in der polnischen Hauptstadt Warschau hat, meldete am Montag derweil, der Mi-8-Helikopter, den der russische Pilot mit in die Ukraine gebracht habe, werde „bald“ von den ukrainischen Streitkräften im Kampfeinsatz gegen Russland eingesetzt werden.

Nachtmodus
KStA abonnieren