Ein estnischer Sicherheitsexperte hält einen russischen Angriff auf Rügen für denkbar. Ein CDU-Politiker findet diese Einschätzung „richtig“.
Warnung vor Angriff auf Rügen„Deshalb ist Deutschland aus russischer Sicht der Jackpot“

Kremlchef Wladimir Putin mit einem Fernglas. (Archivbild)
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Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 wird immer wieder vor einem weiteren russischen Angriff in der Zukunft gewarnt – oftmals steht dabei das Baltikum im Fokus der Experten. Tatsächlich kommen aus Moskau regelmäßig bedrohliche Worte in Richtung der drei baltischen Staaten Litauen, Estland und Lettland, die mitunter an die Verbalattacken aus Russland erinnern, die dem Angriff auf die Ukraine vorausgingen. Konkrete Anzeichen für einen bevorstehenden Angriff gibt es allerdings nicht.
Nun sorgt ein estnischer Sicherheitsexperte jedoch für Aufsehen – bereits im März erklärte Erkki Koort in einem Interview mit dem „Baltic Sentinel“, dass eine begrenzte russische Operation gegen die deutsche Insel Rügen denkbar sei. Im Gespräch mit t-online hat sich der Leiter des Instituts für Innere Sicherheit an der Estnischen Akademie der Sicherheitswissenschaften nun noch einmal zu seiner Warnung geäußert.
„Es könnte Angriffswellen geben“ – Rügen im Kreml-Visier?
„Aus meiner Sicht könnte es verschiedene Angriffswellen geben“, sagte Koort mit Blick auf seine Warnung vor einem Angriff auf Rügen. „Zuerst würde der Kreml Soldaten oder andere Sympathisanten auf die Insel schleusen. Sie würden zwischen den anderen Touristen gar nicht auffallen, könnten in Airbnb- oder Ferienwohnungen unterkommen und sich unauffällig verhalten.“ Dann würde, so der Sicherheitsexperte, wohl eine zweite Welle folgen.

Eine Luftaufnahme zeigt das Kap Arkona auf Rügen. (Archivbild)
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Koort spricht dabei von einem „sogenannten Tag X, an dem plötzlich viele als Touristen getarnte Russen auf einmal auf Rügen ankommen“. Wenn die vermeintlichen Urlauber dann ihre Quartiere auf der Insel bezogen haben, könnte eine „dritte und letzte Angriffsphase beginnen“, heißt es weiter.
Sicherheitsexperte: „Kleine grüne Männchen“ auch auf Rügen denkbar
In der Folge könnten ähnlich wie im Jahr 2014 auf der ukrainischen Halbinsel Krim auch „kleine grüne Männchen“ zum Einsatz kommen, warnt der Sicherheitsexperte. Damit sind russische Soldaten, die ohne Hoheitszeichen auf den Uniformen agieren, gemeint. „Das ginge etwa von einem Schiff der Schattenflotte aus oder von einer großen Jacht.“
Zuletzt hatte es auch in Schweden entsprechende Warnungen gegeben – der Kommandeur der schwedischen Streitkräfte, Michael Claesson, hatte vor einem russischen Angriff auf die schwedische Ostseeinsel Gotland gewarnt. Der estnische Experte sieht in Rügen jedoch ein „attraktiveres Ziel“ für den Kreml.
„Das eigentliche Ziel heißt Berlin, nicht Stockholm und nicht Gotland“
„Der Grund dafür liegt in der DNA des russischen Militärs: Das eigentliche Ziel heißt Berlin, nicht Stockholm und nicht Gotland“, begründet Koort seine Einschätzung und verweist dabei auf den Schlachtruf „Nach Berlin“, mit dem die russische Zivilbevölkerung neue Angriffe der Armee feiert. „Deutschland ist also immer noch ein wichtiges Angriffsziel für Russland.“
Über einen Angriff auf die schwedische Insel werde hingegen bereits lange spekuliert – auf Gotland gebe es dementsprechend viele Soldaten und militärisches Gerät. Auf der deutschen Insel sehe die Lage jedoch anders aus, warnt Koort. „Rügen ist über eine Brücke mit dem deutschen Festland verbunden, was die Infiltration durch russische Soldaten erleichtert.“
Experte schränkt Warnung ein: Krieg in der Ukraine entscheidend
Außerdem sei die Ostseeinsel ein beliebtes Ziel deutscher und internationaler Touristen. „Ein paar Männer mit kurzen Haaren und bulligem Körperbau fallen zwischen den anderen Besuchern nicht so stark auf wie auf Gotland“, erklärt der Sicherheitsexperte den Vorteil, den Russland auf der deutschen Insel erkennen könnte.

Blick auf die Rügenbrücke in Stralsund kurz vor dem Sonnenaufgang. (Archivbild)
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Wie realistisch dieses Szenario sei, hänge jedoch vom Ausgang des Krieges in der Ukraine ab, schränkt Koort seine Warnung ein. „Danach verändert sich die Sicherheitsarchitektur Europas, egal, wer den Krieg letzten Endes gewinnt.“ Daher sei eine seriöse Prognose nur schwer zu treffen.
„Deutschland ist für die Sicherung der NATO-Ostflanke enorm wichtig“
Es sei jedoch „gefährlich, wenn westliche Politiker sagen, vor 2029 sei Russland zu keinem Angriff auf die NATO fähig“, führt Koort aus, der auch erklärt, warum ausgerechnet Deutschland in den Fokus Moskaus rücken könnte. „Wenn man Deutschland stört, stört man Europa. Deshalb ist Deutschland aus russischer Sicht der Jackpot.“ Hinzu komme die strategische Rolle der Bundesrepublik. „Deutschland ist für die Sicherung der NATO-Ostflanke enorm wichtig“, lautet die Einschätzung des estnischen Experten.
Auch in Deutschland wurde das Jahr 2029 als mögliches Datum für einen möglichen russischen Angriff auf NATO‑Gebiet genannt, etwa von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), der jedoch hinsichtlich der Analysen im September einschränkte: „Vorsicht an der Bahnsteigkante, das wird häufig falsch verstanden.“
Sowohl dem Bundesnachrichtendienst (BND) als auch dem Bundesverteidigungsministerium zufolge wird Russland seine Streitkräfte „um das Jahr 2029 so weit rekonstituiert haben“, dass es „zu einem Angriff auf NATO-Gebiet in der Lage wäre“, erklärte der Verteidigungsminister. „Das heißt nicht, dass Putin tatsächlich diesen Schritt geht, aber er könnte es.“ Es gehe daher darum, „dass wir nicht nur auf den günstigsten Fall hoffen dürfen, sondern uns auch auf den Worst Case vorbereiten müssen“, mahnte der SPD-Politiker.
Roderich Kiesewetter: „Ich halte die Einschätzung für richtig“
Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter reagierte unterdessen auf die jüngste Warnung aus Estland. Deutschland sei „bereits im Fokus hybrider Angriffe und kognitiver Beeinflussung aus Russland“, schrieb Kiesewetter mit Blick auf Koorts Aussagen auf der Plattform X am Donnerstag (24. April). „Wir sind besonders vulnerabel, weil wir keine ausgeprägte strategische Kultur haben und kaum wehrbereit sind. Das macht uns zu einem ‚leichten‘ Ziel“, führte der CDU-Politiker aus.
Wirtschaftlich und logistisch sei Deutschland für die NATO und die Ukraine jedoch „besonders relevant“, schrieb Kiesewetter weiter und fügte hinzu: „Auch deshalb halte ich die Einschätzung vom estnischen Verteidigungsexperten Erkki Koort für richtig.“

