Mutter mit ADHS„Ich will nie mehr, dass meine Kinder Angst vor mir haben“

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Tamara Spielman hat ADHS. Es dauerte acht Jahre, bis die Krankheit diagnostiziert wurde.

Köln – Als Tamara Spielmann zum ersten Mal merkt, dass sie eine Wut in sich trägt, die nicht zu bändigen ist, ist sie 33 Jahre alt und hat ein kleines Baby, Franziska. Das Baby schreit, wie Babys das eben so tun. Tamara Spielmann verliert die Beherrschung. „Ich hatte mich gerade zum Essen hingesetzt, es gab Kartoffelgratin. Ich hörte das Schreien, es hörte nicht auf, und ich wurde plötzlich so wütend, dass ich mit der Gabel in die Auflaufform stach. So fest, dass sie auseinanderbrach. In diesem Moment wusste ich, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich war von mir selbst erschrocken, dass ich so ausgeflippt bin“, erzählt sie.

Acht quälende Jahre bis zur Diagnose

Bis sie herausfindet, was sie hat und dass man ihr helfen kann, werden acht Jahre vergehen. Acht Jahre, in denen sie sich immer wieder Vorwürfe macht, weil sie ihre Kinder anschreit. Weil sie nicht geduldig genug ist. Weil sie nicht so funktioniert, wie sie glaubt, funktionieren zu müssen. In acht Jahren stellt sie sich bei unzähligen Ärzten und Psychologen vor, macht Therapien und nimmt Medikamente, doch nichts hilft. Bis sie bei Astrid Neuy-Lobkowicz landet. Sie ist Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie und findet heraus: Tamara Spielmann hat ADHS, Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit Hyperaktivität.

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Tamara Spielmann beim Spaziergang mit ihrem Hund.

Bruder mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen

Die übermäßige Wut in ihr zeigt sich in ihrer Erinnerung zum ersten Mal nach der Geburt ihrer Tochter vor mittlerweile elf Jahren. Man habe sie zwar schon immer als aufbrausend und Dramaqueen bezeichnet, aber es sei nie jemand zu Schaden gekommen. Ihre Cousinen und ihr Halbbruder sind anderer Meinung: Spielmann sei schon als Kind sehr wütend gewesen und habe ihren Bruder mit dem Kopf gegen die Wand gehauen oder ihre Cousine im Schwitzkasten festgehalten. „Das habe ich alles komplett verdrängt“, sagt Spielmann. Im Rückblick erkennt sie, dass sie auch als Erwachsene in vielen Situationen auf vermeintliche Kleinigkeiten übertrieben emotional reagiert: „Ich habe auf der Arbeit wutentbrannt Meetings verlassen, weil ich persönlich angegriffen gefühlt habe. Bei einem Streit mit meinem ersten Freund habe ich ein Regal aus der Wand gerissen und ihm vor die Füße geschmissen. Für mich war die Reaktion aber immer richtig. Ich habe immer gedacht: So bin ich halt.“

Wie ein Monster, das das Ruder übernimmt

Als sie Jahre später mit der Gabel die Schale zertrümmert, ändert sich etwas: „Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass da in mir etwas ist, was nicht normal ist. Es ist wie ein Monster, das in mir das Ruder übernimmt. Teilweise erinnere ich mich hinterher gar nicht mehr, warum ich sauer war.“ Heute weiß sie, dass ein Mensch mit ADHS unbedingt eine feste Struktur und einen planbaren Tag braucht, um zufrieden zu sein. Daran ist mit einem Baby natürlich nicht zu denken. „Mein Tag war vor den Kindern akribisch durchorganisiert, mit kurzfristigen Planänderungen konnte ich schlecht umgehen. Mit dem ersten Kind ist der ganze Rahmen, der mich zusammengehalten hat, einfach weggefallen. Das hat mich völlig aus dem Konzept gebracht“, sagt sie.

Sie vermisst die Struktur und Anerkennung in ihrem Job

Trotzdem bekommt sie zwei Jahre später noch ein Kind, ihren Sohn Darian. Die Wut ist immer noch da, sie schiebt es auf die Hormone, die in ihrem Körper verrückt spielen, weil sie viel zu früh in die Wechseljahre kommt. Außerdem vermisst sie ihre Arbeit, die Struktur, die Anerkennung. Sie liebt ihren Job in der Logistikbranche und verausgabt sich hier bereits vor den Kindern so sehr, dass bei ihr ein Burnout mit mittelschwerer Depression diagnostiziert wird. Zu dieser Zeit bekommt sie zum ersten Mal Antidepressiva verschrieben, die sie ein halbes Jahr einnimmt und dann wieder absetzt, weil die Tabletten ihr nicht helfen.

Mit den Kindern kommt zur Erschöpfung die Wut hinzu und Spielmann sucht weiter nach Hilfe. Mittels Hypnose und anderen psychologischen Methoden, die das Unterbewusstsein erreichen sollen, versucht sie herauszufinden, warum sie so wütend ist. Ohne Erfolg. Sie sucht an allen möglichen Stellen weiter. Es folgen: Ein „Mut-tut-gut“-Kurs mit dem Ziel, positiv zu denken, viele Bücher dazu, der Austausch mit Hebammen und Kinderärzten, fünf Wochen psychosomatische Reha, Demenz-Ambulanz, Heilpraktiker für Frauenheilkunde, Schilddrüsenuntersuchung, Kontrolle der Nebennierenwerte, Familienaufstellung und Gespräche mit Psychologen, die vermuten, dass Spielmann in Wirklichkeit wütend auf ihren Vater ist, der in ihrer Kindheit zu selten da war.

Aus Wut Glas gegen die Wand geworfen

Spielmann sagt: „Ich habe immer gewusst: Das ist es nicht. Das ist nicht der Grund, warum ich bei Alltagsdingen so ausflippe. Wenn die Kinder ein Glas umgeworfen haben, hat mich das manchmal so wütend gemacht, dass ich das Glas genommen und an die Wand geworfen habe. Meine Kinder hatten Angst vor mir. Ich fand mich selbst unmöglich, aber ich konnte mich nicht ändern. Alles, was ich versucht habe, hat mir nur für kurze Zeit ein besseres Gefühl verschafft. Nach spätestens drei Monaten war es wieder so schlimm.“ Aber sie gibt nicht auf: „Ich will nie mehr, dass meine Kinder Angst vor mir haben.“

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Zum dritten Mal sitzt sie also vor ihrer Hausärztin und sagt: „Ich bin schon wieder völlig durch und total depressiv. Ich müsste doch glücklich sein. Ich habe zwei gesunde Kinder, wir haben ein Haus. Warum bin ich so wütend und so unzufrieden?“ Wieder bekommt sie die Diagnose „Depression“ und ein Antidepressivum, das wieder nicht hilft. Sie bleibt traurig, deprimiert und wütend. Die Ärztin empfiehlt ihr schließlich, einen Termin bei Astrid Neuy-Lobkowicz zu machen. Das ist die Rettung.

"Das haben doch nur kleine Jungs, die nicht still sitzen können"

Neuy-Lobkowicz ist spezialisiert auf ADHS bei Erwachsenen (lesen Sie hier das Interview mit der Fachärztin). Schon beim ersten Anamnese-Gespräch mit Spielmann und einigen speziellen Fragen, zum Beispiel, ob sie im Restaurant die Gespräche an den Nachbartischen ausblenden kann und ob sie die Straßengeräusche stören, ist die Diagnose klar. Neuy-Lobkowicz sagt zu Spielmann: „Sie haben ganz klar ADHS.“ Spielmann schaut sie verwundert an und antwortet: „Nee, das haben doch kleine Jungs in der Schule, die nicht still sitzen können! Doch nicht ich!“ Neuy-Lobkowicz erklärt ihr, dass Erwachsene zum Teil andere Symptome als Kinder haben und gibt ihr das Buch „ADHS – erfolgreiche Strategien für Kinder und Erwachsene“ mit, das sie selbst geschrieben hat, als sie noch Neuy-Bartmann hieß. Sie habe dieses Buch gelesen und permanent geweint. „Oh Gott, das bin ich. Wie schlimm ist denn das, das habe ich ja alles“, habe sie gedacht, erinnert sich Spielmann.

Alle Emotionen sind im Übermaß vorhanden

Nach der Diagnose ist sie einerseits erleichtert, andererseits verunsichert. „Ich wusste nicht mehr, was bin denn jetzt ich, was ist mein Charakter und was ist die Krankheit. Was ist Tamara und was ist ADHS. Ich war sehr lange damit beschäftigt, mich zu sortieren.“ Mit dem Wissen um die Krankheit setzen sich in ihrem Kopf plötzlich die einzelnen Erinnerungen wie Puzzleteile zu einem großen Ganzen zusammen: „Ich bin ja nicht nur wütend. Auch alle anderen Gefühle wie zum Beispiel Freude und Trauer sind bei mir im Übermaß vorhanden“, erzählt Spielmann. Sie erkennt, dass auch ihr Sohn ADHS hat. Jetzt wird klar, warum es zwischen den beiden zum Beispiel bei den Hausaufgaben immer Stress gibt: „Es war immer ein Schreien, immer ein Weinen, es ist immer eskaliert“, erzählt sie. Nach einem Besuch beim Kinderpsychologen bestätigt sich, dass ihr Sohn die gleiche Krankheit hat. Er sagt: „Ich wäre so gerne ein lieber Junge, aber mein innerer Körper lässt mich immer das machen, was mein äußerer Körper gar nicht machen will.“ Kein anderer Satz könnte die Krankheit besser beschreiben, meint Spielmann.

Das Ausflippen ist jetzt nur noch ein Schimpfen

Endlich beginnt Spielmann bei Neuy-Lobkowicz eine Behandlung, die ihr hilft. Sie bekommt ein Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat, das wie Ritalin zur Behandlung der ADHS bei Erwachsenen empfohlen wird. In einem Kurs will sie lernen, besser mit der Krankheit umzugehen. Sie bekommt ein neues Medikament, ein Amphetamin, das zwölf Stunden lang wirkt und alle Emotionen deckelt. „Das war meine Rettung. Natürlich flippe ich auch mal aus, wenn mein Sohn zum dritten Mal seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Aber es ist nur ein Schimpfen, es ist kein Schreien und Wüten mehr. Ich habe mich mittlerweile im Griff – auch, weil ich so hart an mir gearbeitet habe.“ Spielmann nimmt das Medikament morgens ein. Wenn sich die Wirkung gegen Abend ausschleicht, merkt sie, wie sie wieder dünnhäutiger wird. Deshalb übernimmt ihr Mann abends alle Aufgaben rund um die Kinder. Sie weiß: „Die Medikation ist kein Allheilmittel, das muss man ganz klar dazu sagen. Das nimmt man nicht ein Leben lang und dann ist jeder Tag gut.“ Für Spielmann ist es aber sehr viel besser geworden.

Nach all den Jahren der Suche hat sie endlich Ruhe gefunden. Rückblickend sagt sie: „Dieses Monster in mir war ein Fremdkörper. Ich bin eigentlich ein extrem gutherziger und hilfsbereiter Mensch. Da hat dieses Monster nie in das Bild hineingepasst. Natürlich ist es immer noch viel Arbeit und es gelingt mir auch nicht immer, aber es ist definitiv nie mehr so gewesen, dass ich völlig außer Kontrolle geraten bin.“

Zum Weiterlesen:

Die Homepage von Astrid Neuy-Lobkowicz bietet viele Informationen über ADHS bei Erwachsenen und Kindern. Sie hat auch ein Buch zum Thema geschrieben. 

Weitere hilfreiche Adressen:

  1. Sprechstunde der LVR-Kliniken Köln
  2. Europäischer Dachverband
  3. Bundesverband der Selbsthilfegruppen
  4. Zentrales ADHS-Netz
  5. Informationen und Tipps
  6. Netzwerk
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