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Forscherin erklärtWenn Kita-Kinder weinen

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Köln – Frau Eckstein-Madry, viele Kleinkinder haben gerade ihre ersten Wochen in der Kita hinter sich. Wie können Eltern erkennen, ob sich ihr Nachwuchs dort wohlfühlt?

TINA ECKSTEIN-MADRY: Am leichtesten beim Hinbringen und Abholen: Das Weinen lässt immer mehr nach. Die Kinder sind zunehmend entspannter und manchmal freuen sie sich schon auf die Kita.

Dennoch kann das Hinbringen hin und wieder noch eine Stresssituation für die Kinder sein. Ist während der Eingewöhnung das gefürchtete Weinen beim Abschiednehmen normal?

ECKSTEIN-MADRY: Das ist normal. Weinen ist ein Zeichen dafür, dass das Kind seine Sicherheitsbasis, die es zu den Eltern aufgebaut hat, behalten will. Das Vertrauen, dass jemand seine Signale versteht, baut es zur Erzieherin erst auf.

Hält das Weinen lange an? ECKSTEIN-MADRY: Das geht meist relativ schnell zurück. Die Erzieherin bemüht sich ja darum. Sie nimmt das Kind entgegen, tröstet es, versucht es abzulenken und Spielangebote zu machen. Das ist aber individuell unterschiedlich. In unserer Wiener Kinderkrippenstudie haben wir nach der Eingewöhnung Daten in Kitas erhoben. Da gab es Kinder, die nach drei Wochen noch beim Abgeben geweint haben. Schüchterne Kinder weinen oft länger. Und es gibt Kinder, die in den ersten Wochen gar nicht weinen, weil alles interessant ist, dafür aber später.

Jeder fünfte Erzieher (18,9 Prozent) fühlt sich in seinem Beruf extremen Stress ausgesetzt und läuft Gefahr, an einem Burnout zu erkranken. Das hat eine Studie der Katholischen Hochschule NRW ergeben. Mehr als jeder vierte Erzieher (27,4 Prozent) sagte, dass ihn die Arbeit oft überfordert und er sich Sorgen macht, den Arbeitsalltag nicht gut zu bewältigen. Fast jeder Dritte (32,8 Prozent) arbeitet über die normale Arbeitszeit hinaus, um seine Aufgaben schaffen zu können. Mehr als ein Viertel (27,6 Prozent) gab an, dass die Freude am Beruf teilweise bereits verloren gegangen ist. Befragt wurden 830 Erzieher.

Und nach der Eingewöhnung?

ECKSTEIN-MADRY: Auch danach gibt es immer noch Situationen, in denen das Weinen sporadisch auftritt. Da sollten Eltern nicht denken: Mein Kind fühlt sich dort nicht wohl. Oft hat das Weinen ganz andere Gründe: Das morgendliche Anziehen war stressig, der beste Freund ist nicht in der Kita, schlechter Schlaf.

Sie haben in Wien untersucht, welchem Stress gerade eingewöhnte Kita-Kindern ausgesetzt sind. Mit welchem Ergebnis?

ECKSTEIN-MADRY: Zunächst mal muss man differenzieren: Wenn wir von Stress sprechen, meinen wir körperlichen Stress. Der sagt aber nichts über emotionale Belastung aus, sondern darüber, wie viel Energie das Kind in der neuen Situation braucht. Körperlich reagieren wir auf Stress mit einer vermehrten Ausschüttung des Hormons Cortisol. Das kann man im Speichel messen. In einer Berliner Eingewöhnungsstudie kam heraus, dass der Cortisol-Spiegel in der Kita um 70 bis 100 Prozent höher als zu Hause ist. In der Wiener Studie konnten wir zeigen, dass jüngere Krippenkinder – unter 24 Monaten – offenbar eine schlechtere Stressverarbeitung haben als ältere.

Haben Sie dazu eine Theorie?

ECKSTEIN-MADRY: Ältere Kinder besitzen schon Bewältigungsstrategien, sie können sich besser ablenken, rufen etwa mit dem Spielzeugtelefon die Mama an. Jüngere nutzen oft noch die Erzieherin, um sich zu beruhigen – allerdings muss diese ihre Aufmerksamkeit auch anderen Kindern geben.

Sollte man Kinder erst ab einem gewissen Alter in die Kita geben?

ECKSTEIN-MADRY: Das muss jede Familie für sich entscheiden. Außerdem haben wir ja nur Durchschnittswerte erhoben: Wir sagen nicht, dass jedes jüngere Kind die Kita als stressig empfindet. Das, was wichtig ist, ist die Betreuungsqualität der Einrichtung.

Also die Zahl der Erzieherinnen pro Kind?

ECKSTEIN-MADRY: Nicht nur das. Die Betreuungsqualität setzt sich aus vielen Faktoren zusammen. Wichtig ist vor allem die Interaktion: Wie verhält sich die Erzieherin gegenüber dem Kind? Es bringt nichts, wenn fünf Erzieherinnen sich um zwei Kinder kümmern, und keine von ihnen ist zugewandt.

Experten fordern für die Betreuung von Unter-Drei-Jährigen ein Erzieher-Kind-Verhältnis von 1: 3. In der Realität liegt es eher bei 1:6. Ist das für die Eingewöhnung gefährlich?

ECKSTEIN-MADRY: Das hängt davon ab, wie Erzieherinnen die Eingewöhnung gestalten. Wichtig wäre etwa, dass das Kind immer von derselben Person begrüßt wird. Dann kann eine Eingewöhnung sehr wohl funktionieren, auch wenn es eine große Gruppe ist.

Leidet durch Fremdbetreuung die Eltern-Kind-Bindung?

ECKSTEIN-MADRY: Diese These stammt aus der frühen Bindungsforschung. Heute weiß man, dass ein Kind die fehlende Zeit kompensieren kann. Es fordert sie am Nachmittag wieder ein. Dann liegt es an den Eltern, ob sie ihm die Zuwendung geben, die es braucht.

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