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Macht euch locker!Warum die digitale Erziehung der Kinder bei den Eltern anfängt

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Digitale Medien fesseln Kinder sehr. Gar nicht so einfach für Eltern, damit umzugehen. 

  • Digitale Medien fesseln Kinder oft so sehr, dass sie kein Ende finden.
  • Eltern fällt es schwer, den richtigen Umgang mit der Mediennutzung in der Familie zu finden.
  • Warum Väter und Mütter sich nicht von Ängsten leiten lassen sollten und welche Regeln sinnvoll sind, erklärt Katja Seide.

Frau Seide, wie kann eine gute Regelung zum Medienkonsum in der Familie aussehen – die für alle gleichermaßen gilt?

Wir können uns sicher alle darauf einigen, dass Handys und Konsolen beim gemeinsamen Essen und in Gesprächen nichts zu suchen haben. Das gilt für Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Aber wie die sonstige Regelung in einer Familie aussieht, muss individuell entschieden werden. Die eine Familie fährt gut damit, wenn es feste Medienzeiten gibt, über die im Ausnahmefall diskutiert werden darf. Der anderen Familie ist es angenehmer, wenn es keinerlei Restriktionen für Bildschirmzeit gibt.

Gar keine Regeln und Grenzen für die Mediennutzung?

Manche Kinder können durchaus von alleine ausschalten. Diese muss man dann nicht mit starren Regelungen einengen. Einige Kinder programmieren eigene Spiele an ihrem Laptop, arbeiten also sehr kreativ daran. Sollten Eltern das unterbrechen, weil die Bildschirmzeit vorbei ist? Ich denke nicht.

Zur Person

Katja Seide ist Sonderpädagogin und dreifache Mutter. Gemeinsam mit Danielle Graf betreibt sie den den Familienblog „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ .

Was kann ich als Mutter oder Vater gegen diese Ohnmacht tun, die entsteht, wenn das Kind immer wie magisch von dem kleinen blinkenden Ding angezogen wird?

Diese Ohnmacht zeigt wunderbar auf, welche eigenen Ängste man in sich trägt. Es wäre gut, diese Ängste mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Wovor fürchte ich mich so in Bezug auf die neuen Medien? Dass mein Kind abhängig wird? Dass es die Schule nicht schafft? Dass ich meinen Einfluss aufs Kind verliere? Das sind durchaus alles valide Punkte, schließlich liebt man ja sein Kind und möchte, dass es im Leben gut vorankommt und nicht auf die schiefe Bahn gerät. Wenn ich meine Ängste beleuchtet habe, kann ich anfangen, sie zu zerstreuen.

Wie kann das funktionieren?

Das geht am besten darüber, sich kundig zu machen. Nehmen wir das Thema Sucht zum Beispiel. Wie entsteht Sucht eigentlich? Früher wurde ja angenommen, dass es eben irgendwelche süchtig machenden Stoffe gibt, denen sich kein Mensch entziehen kann, wenn er sie einmal probiert. Das spukt immer noch in unseren Köpfen herum. Dabei wissen wir mittlerweile, dass jemand eher dann süchtig wird, wenn ihm gute Beziehungen im Leben fehlen, also eine liebevolle Familie und Freunde. Oder wenn es keine Zukunftsperspektive gibt.

Was können Eltern denn in solchen Fällen ganz konkret tun?

Wenn ich bei mir selbst oder auch bei meinem Partner oder Kind mögliches Suchtverhalten erkenne, sollte meine erste Frage nicht sein: Wie halte ich mich oder ihn davon fern? Sondern: Welches Bedürfnis ist gerade nicht befriedigt und wie können wir das ändern? Bin ich noch in Beziehung mit meinem Kind? Fehlt ihm etwas? Fehlt mir selbst etwas, weil ich so oft auf Instagram nachgucke, ob mein letztes Bild geherzt wurde? Was ich sagen will, ist: Machen wir nicht den Fehler, uns von unseren inneren Ängsten, unserer Ohnmacht, leiten zu lassen, sondern machen wir uns lieber schlau, ob das, was unsere Kinder da so dringend wollen, wirklich so ein Teufelswerk ist, wie wir denken. Ist es nämlich in den meisten Fällen nicht.

Viele Eltern sind sich unsicher, ob sie die Chatverläufe ihrer Kinder regelmäßig kontrollieren sollten. In meinen Augen eine Verletzung der Privatsphäre. In Ihren auch?

Ja. Chatverläufe sind privat und sollten nicht von den Eltern durchgeschaut werden. Aber natürlich muss man mit seinen Kindern im Gespräch bleiben und sicher sein, dass sie sich trauen, sich an uns zu wenden, wenn ihnen was auf dem Herzen liegt. Wir sollten uns so verhalten, dass unsere Kinder sich uns anvertrauen. Sie werden dann zu uns kommen, wenn da irgendwas schief gelaufen ist.

Einigen Eltern fällt dieses Vertrauen aber sehr schwer. Sie nutzen ihrerseits Apps, mit denen sie das Smartphone oder Tablet ihres Kindes abschalten können.

Solche Apps sind für Eltern verführerisch, weil sie ihnen den Konflikt mit dem Kind abnehmen. Wenn die Eltern sagen: „So, jetzt mach mal deine Konsole aus!“, sind Kinder oft wütend und es gibt große Diskussionen und Tränen. Die Eltern müssen sich dem stellen. Das ist unangenehm. Geht das Handy oder der Fernseher einfach aus, akzeptieren das die Kinder oft mit weniger Gegenwehr. Ich halte solche Apps trotzdem für ungünstig. Kinder sollen ja lernen, ihre Impulse zu zügeln und im besten Fall ihre Konsole selbst auszumachen oder das Handy selbst wegzulegen. Geht das Handy aber von allein aus, wird dem Kind die Verantwortung für sein Verhalten abgenommen. Es muss sich niemals selbst aktiv dafür entscheiden, nun aus zu machen, um mal nach draußen zu gehen oder die Hausaufgaben zu machen.

Ja, das ist verständlich. Und was ist der weitere Grund?

Die Konflikte, die Eltern und Kind haben, wenn die Eltern das Ende der Medienzeit ankündigen, empfinde ich als durchaus hilfreich. So bleibt man in Kontakt mit seinem Nachwuchs und kann nachhaken: „Warum willst du mehr Medien-Zeit?“ „Woran arbeitest du gerade?“ „Mit wem chattest du denn?“ Dann erfahren wir nämlich, dass die Tochter nur deswegen seit drei Stunden im Internet hängt, weil die beste Freundin Liebeskummer hat. Und dann kann man eben schauen, was die beste Lösung für den Konflikt ist: Vielleicht fahren wir die Tochter lieber rüber zu ihrer Freundin, auch wenn es schon spät ist.

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Streit gibt es ja in vielen Familien um den Messenger-Dienst WhatsApp. Offiziell ist die App erst ab 16 zugelassen. Was, wenn mein Kind mault, es sei das einzige im Freundeskreis, das sie nicht benutzen darf?

Das stimmt, die App ist erst ab 16 und zieht auch sehr viele Informationen vom Handy herunter. Meine Kinder haben sie deshalb auch nicht auf dem Handy und auch den Eltern meiner Schüler sage ich auf Elternabenden, dass es bessere Alternativen gibt. An diesem Punkt würde ich als Eltern also tatsächlich nicht nachgeben. Ich würde eher darum bitten, dass der Klassenchat auf einer anderen App abgehalten wird, oder darum, dass mein Kind die Infos via SMS zugeschickt bekommt. Wenn die anderen Familien uns nicht entgegen kommen, dann haben wir Pech gehabt. Dann müssen wir andere Wege finden, um an die Informationen zu kommen.

Digitale Medien sorgen in vielen Familien für ziemlich großen Wirbel. Haben sie auch einen positiven Nutzen?

Es gibt tatsächlich einige Aspekte. Studien belegen, dass die textbasierte Kommunikation in Online-Spielen oder Chats Kinder beim Schriftspracherwerb unterstützt. Lesemuffel können durch ein Adventure auf der Konsole zum Lesen angeregt werden. Videospiele können sich auf das Arbeitsgedächtnis auswirken – sie steigern die Fähigkeit, mehrere Informationen gleichzeitig im Kopf zu behalten, sie können kritisches Denken fördern und das Entwickeln von Problemlösestrategien. Der Umgang mit Niederlagen und Rückschlägen im Konsolen-Spiel kann der Entwicklung der Frustrationstoleranz positiv zugute kommen. Und sogar das soziale Lernen kann durch Online-Spiele gefördert werden. Nämlich dann, wenn höhere Level nur erreicht werden können, wenn man sich mit anderen Spielern weltweit zusammenschließt und freundlich und hilfsbereit mit ihnen umgeht.

Blogfamiliär

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Blogfamiliär, die sich der Digitalen Bildung widmet, gibt Bestsellerautorin Katja Seide Tipps im Umgang mit dem Medienkonsum innerhalb der Familie. Außerdem wird Constanze Osei-Becker Einblicke in ihr Arbeiten bei Instagram geben. Tickets (10 Euro + VKK) gibt es bei Eventbrite oder unter https://blogfamilia.de/event/blogfamiliaer-koeln.

Termin: 17.11.2018, 17.30 Uhr, im Kindermöbelhaus De Breuyn, Girlitzweg 30

Danielle Graf und Katja Seide: „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn – Gelassen durch die Jahre 5 bis 10“, Beltz-Verlag, 292 Seiten, 16,95 Euro.

Das klingt jetzt alles sehr positiv. Aber früher haben Kinder doch auch gelernt, Frustrationstoleranz zu entwickeln – ohne Videospiele.

Schauen wir doch mal zurück in unsere eigene Jugend. Unsere Kinder gehören ja nicht zur ersten Generation, die mit digitalen Medien aufwächst. Als ich Teenager war, wurde das Internet gerade erst für alle nutzbar. Aber wir haben auch schon auf Konsolen gespielt, und zwar nicht zu knapp. Und was ist aus den Nerds geworden, die früher „Lan-Partys“ abgehalten haben und in Fantasy-Welten abtauchten, die wir coolen Kids eher albern fanden? Nun, sie verdienen heute als Software- oder App-Entwickler gutes Geld. Dass es einmal Jobs wie diese geben würde, konnten wir damals noch nicht ahnen. Aber die Kinder, deren Eltern ihnen erlaubten, sich mit neuen Medien ausgiebig zu beschäftigen, waren besser vorbereitet, als der Rest von uns. Der digitale Trend wird sich nicht umkehren. Auch in Zukunft wird es Jobs geben, von denen wir jetzt nicht einmal träumen. Einige unserer Kinder werden auf diese Zukunft gut vorbereitet sein.

Die digitale Welt ist aber nicht nur rosa. Wie viel Online-Konsum ist zu viel?

Auch das muss individuell betrachtet werden: Kann mein Kind allein ausschalten? Und kann ich es? Hat mein Kind Freunde im echten Leben? Trifft es diese? Spielt es auch noch Spiele, die nicht digital sind? Vernachlässigt es seine schulischen Aufgaben? Wird es aggressiv, wenn es nicht spielen darf? Legt sich diese Aggression nach kurzer Zeit wieder und es findet eine andere Beschäftigung? Ich finde, eigentlich können Eltern entspannt auf das Medienverhalten ihrer Kinder schauen - die meisten Kinder gehen verantwortlich damit um. Und ab und zu eine Woche ohne alles – für die ganze Familie – kann sehr bereichernd sein.

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