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Geburtsmedizin in Köln„Ich habe wirklich viele Frauen lächelnd ihre Kinder kriegen sehen“

7 min
Im Kreißsaal liegt ein neues Kettchen für ein Baby bereit.

„Mir kann auch niemand erzählen, dass die Beziehung zum Kind dadurch besser wird, dass man besonders schmerzensreich geboren hat“, sagt die Kölner Geburtsmedizinerin Tanja Groten.

Warum leiden Frauen, obwohl sie es nicht müssten? Tanja Groten, Professorin für Geburtsmedizin an der Uniklinik Köln, wagt eine Antwort.

Frau Professor Groten, der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat auf seiner Titelseite vor 50 Jahren gemeldet, dass die Uniklinik Köln den Durchbruch in der reversiblen Sterilisation feierte. Für Frauen, die keine Pille mehr nehmen wollten, sollte eine neue Option entstehen. Was ist daraus geworden?

Tanja Groten: Naja – man muss hier ganz klar sagen: Dieses Versprechen hat sich so nicht erfüllt. Die Refertilisierung, also das Rückgängigmachen einer Sterilisation, ist heute noch immer ein komplexer Eingriff. Eine mikrochirurgische Operation, die bei Frauen mindestens vier Stunden dauert – beim Mann in etwa zwei. Zudem sind die Erfolgsaussichten sehr unterschiedlich und können nur beim Mann überprüft werden. Man sucht nach Spermien im Ejakulat und hat so eine Kontrolle über den Erfolg des Eingriffs.

Außerdem hängt bei Frauen die Refertilisierung von vielen Faktoren ab. Die Durchgängigkeit der Tuben allein bedeutet noch keine Chance auf eine Schwangerschaft. Die veröffentlichten Schwangerschaftsraten nach Refertilisierung liegen bei nicht mal 40 Prozent. Also eher niedrig.

Immerhin, möchte man sagen.

Aber das ist eine Bauch-Operation über mehrere Stunden. Kostspielig, aufwendig, mit ungewissem Ausgang. Und man muss auch irgendwo hingehen, wo jemand das wirklich regelmäßig macht. Das ist keine Routine. Also kosten-nutzen-mäßig ist das ganz sicher keine ernstzunehmende Alternative zur Pille. Das war es damals nicht, und das ist es heute nicht. Zudem: Wenn man die Eileiter nur durchschneidet oder abbindet, ist eine Refertilisierung zumindest möglich – mit all den Einschränkungen, die ich gerade genannt habe. Aber hier an der Uniklinik ist es traditionell Praxis, die Eileiter ganz zu entfernen. Dahinter steckt eine gut gemeinte Krebs-Prophylaxe, aber eine Wiederherstellung der Fruchtbarkeit ist dann sicher nicht mehr möglich.

Kennen Sie Frauen, die diesen Schritt bereuen?

Ich werde nie vergessen, wie eine Patientin in der Sterilitätssprechstunde vor mir saß, völlig verzweifelt. Sie hatte einen neuen Partner, der sich ein Kind wünschte. Und sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie sterilisiert war. Das war kein Einzelfall. Ich habe zu viele Frauen gesehen, die nach zehn Jahren diese Entscheidung tief bereut haben. Deshalb lehne ich es zum Beispiel ab, eine 24-Jährige beim Kaiserschnitt zu sterilisieren. Das möchte ich nicht verantworten.

Portrait Tanja Groten Frauenklinik

Professorin Tanja Groten von der Uniklinik Köln sagt: „Wir haben Jahrhunderte lang unter Zyklusschmerzen gelitten, waren jeden Monat eingeschränkt, haben Kinder gekriegt, die wir nicht wollten. Und jetzt haben wir ein sicheres, gut erforschtes Mittel, das uns von den zyklusabhängigen Schmerzen und Leistungseinbrüchen befreit – und der Trend geht dahin, das zu verwerfen. Als wäre der Schmerz und die Blutung irgendwie wertvoller.“

Aber ist das nicht bevormundend? Die Frau ist erwachsen, sie hat entschieden.

Selbstverständlich respektiere ich die Entscheidung. Aber ich bin in der Letztverantwortung. Und bei einer 24-Jährigen sage ich: Es gibt andere Lösungen. Eine Hormonspirale zum Beispiel hat eine sehr niedrige Hormonbelastung, wirkt zuverlässig.

Zur eigentlichen Ausgangsfrage: Warum kamen die Frauen damals und kommen heute immer noch mit diesem Wunsch – raus aus der Pille, koste es was es wolle?

Das ist eine gute Frage. Es gibt natürlich Frauen, die echte medizinische Gründe haben – bestimmte Erkrankungen, bei denen hormonelle Verhütung kontraindiziert ist. Da ist die Sterilisation dann auch medizinisch eine echte Alternative, und die Krankenkasse trägt die Kosten. Aber der große Trend, den ich beobachte, hat einen anderen Ursprung. Es ist vielleicht eine generelle Medizin-Aversion. Und eine – ich sage es bewusst so – falsch verstandene Rückbesinnung auf Natürlichkeit.

Das müssen Sie erklären.

Ich bekomme das auch durch meine eigenen Töchter mit. Die jüngere der beiden nimmt die Pille nicht aus Verhütungsgründen, sondern weil sie nicht mehr dauerhaft und reichlich bluten will. Das finde ich vernünftig. Aber im Umfeld der beiden sind sie inzwischen fast die Einzigen, die die Pille nehmen. Alle anderen leiden jeden Monat, möchten aber nicht das Mittel, das die Beschwerden einfach und dauerhaft beseitigen würde, nehmen. Das ist von einem medizinischen Standpunkt nicht verständlich.

Wirklich nicht? Nebenwirkungen, Thromboserisiko – das sind doch reale Bedenken.

Natürlich gibt es immer Risiken im Leben. Aber die modernen Pillen sind so niedrig dosiert und so eng an den natürlichen Zyklus angepasst, dass sie bei einer gesunden, schlanken, aktiven jungen Frau aus meiner Sicht das Mittel der Wahl sind. Und wenn eines nicht gut vertragen wird, gibt es Dutzende andere Präparate. Man findet meistens eines, das passt. Und die Pille schützt übrigens auch vor Eierstockkrebs – weil die Zahl der Ovulationen in diesem Fall das Risiko erhöht.

Gibt es aber nicht auch eine feministische Argumentation gegen die Pille – das Gefühl, künstlich so funktionieren zu müssen wie Männer?

In meiner Brust schlagen da zwei Herzen. Den Gedanken verstehe ich im Prinzip wie jeden Lebensentwurf, der sagt: Ich will nah an der Natur leben, ich will mir nichts Künstliches geben. Das ist legitim, solange man damit niemanden anderen belastet. Aber wenn Frauen monatlich leiden und tatsächlich über zwei, drei Tage krank sind, dann brauchen sie ein Umfeld, das dies mitträgt. Meine Haltung ist tatsächlich eher, dass es emanzipatorisch ist, die Pille zu nehmen. Wir haben Jahrhunderte lang unter Zyklusschmerzen gelitten, waren jeden Monat eingeschränkt, haben Kinder gekriegt, die wir nicht wollten. Und jetzt haben wir ein sicheres, gut erforschtes Mittel, das uns von den zyklusabhängigen Schmerzen und Leistungseinbrüchen befreit – und der Trend geht dahin, das zu verwerfen. Als wäre der Schmerz und die Blutung irgendwie wertvoller.

Den Schmerz als Ausdruck von Authentizität – das taucht bei der Geburt ja auch auf. Da gibt es Frauen, die sagen: Es muss wehtun. Sonst war es keine echte Geburt.

Und das ist für mich ein Irrweg, der wirklich gefährlich werden kann. Ich habe in Jena gearbeitet, da lag die PDA-Rate vor 15 Jahren noch unter zehn Prozent. Das fand ich frauenfeindlich. Und ich habe wirklich alles darangesetzt, das hochzubringen.

Warum wird die Periduralanästhesie – die PDA – in manchen Häusern so selten verabreicht?

Weil viele Hebammen und auch Medizinerinnen und Mediziner das vor sich hertragen: PDA ist schlecht. Aber es gibt schlicht keine Daten, die das in irgendeiner Form bestätigen.

Und Sie sagen das als jemand, der selbst Kinder hat.

Ja genau eine Tochter mit PDA und eine ohne. Aber ich hatte leichte, unkomplizierte Geburten und war bereits Fachärztin, also auch eine sehr informierte und damit sicher selbstbestimmte Gebärende. Daher möchte ich mich nicht als Maßstab nehmen. Aber ich habe meine Ausbildung in einer Klinik mit einer hohen PDA-Rate gemacht und wirklich viele Frauen lächelnd ihre Kinder kriegen sehen – mit PDA. Und ich kann nicht sehen, warum das schlechter sein soll. Keine Frau muss heute noch Schmerzen bei der Geburt haben. Das gehört für mich zur regelgerechten Versorgung. Wenn jemand aus meinem Team sagt „Es ist jetzt zu spät für die PDA, da müssen Sie jetzt durch", dann würde ich hier ins Gespräch gehen wollen mit der oder dem Betreffenden.

„Es ist zu spät" ist also eine Schutzbehauptung?

Ich sage mal so: Es ist Unsinn. Wenn eine Frau Schmerzmittel braucht, dann soll sie sie bekommen. Und mir kann auch niemand erzählen, dass die Beziehung zum Kind dadurch besser wird, dass man besonders schmerzensreich geboren hat.

Ist es Zufall, dass ausgerechnet bei Frauenthemen – Pille, Geburt, Hormone – diese Rückbesinnung zur Natürlichkeit so stark ist? Wer Zahnschmerzen hat, nimmt ja auch ein Schmerzmittel.

Das ist eine Beobachtung, die mich schon lange nicht loslässt. Und ich habe keine befriedigende Antwort darauf. Natürlich passt das in einen allgemeinen Trend – ob Krebspatienten zur Kältetherapie gehen statt zur Chemotherapie, ob man in esoterischen Kreisen landet. Aber bei Frauenthemen hat dieser Trend eine besonders virulente Form. Vielleicht weil das Weibliche so mythologisch aufgeladen ist und überhöht wird, ohne dass die Realität das hergibt. Denn ich sage Ihnen auch: Wenn Frauen beispielsweise allein im Wald oder im Ozean gebären wollen – und diesen Trend gibt es zumindest auf Social Media – dann müssen sie wissen, dass die Gefahr zu verbluten einfach gegeben ist.

Das sind drastische Worte.

Es ist aber die Realität. Früher sind Frauen und Kinder bei Geburten gestorben. Immer mal wieder, schon immer. Wir haben das nur vergessen, weil es in der modernen Welt so selten geworden ist. Wenn jetzt doch mal eine Mutter stirbt, ist das ein Riesenskandal – aber keiner zieht daraus den Schluss, dass man lieber in einer Klinik mit umfassender Ausstattung und Vorhaltung aller Notfallsettings hätte gebären sollen.

Wie sieht Ihre Utopie der Geburtshilfe aus? Wo würden Sie sagen: So sollte es sein?

Schauen Sie nach Skandinavien. Die Länder mit der geringsten Kinder- und Müttersterblichkeit sind die nordischen Länder – und die zentralisieren stark. Wenige Häuser, viele Geburten, maximale Erfahrung, maximale Versorgungssicherheit. Mütter reisen teils eine Woche vor dem Termin an und wohnen in Hotels. Das klingt für uns absurd.

Aber das passt nicht zum deutschen Bedürfnis, nahe an der Oma im Krankenhaus zu sein.

Das ist das Problem. Eine Kollegin hat ausgerechnet, dass man, wenn man von jedem Punkt Deutschlands aus maximal 40 Minuten bis zur nächsten Entbindungsklinik mit umfassender Ausstattung fahren müsste, immer noch 200 Geburtsstationen schließen könnte. Dies ist auch übertragbar auf andere Krankheitsbilder. Ich frage mich manchmal: Was ist den Menschen wichtiger – die halbe Stunde Fahrzeit oder die Garantie, dass beim Herzinfarkt auch wirklich ein Linksherzkatheter bereitsteht? Die Folge unserer vielen Standorte ist nämlich: In Deutschland haben Sie gerade mal eine 50:50-Chance, nach einem Herzinfarkt in einem Krankenhaus zu landen, das das kann. Das ist eigentlich ein Skandal, auch wenn nicht jeder Herzinfarkt einen Linksherzkatheter benötigt, der Notarzt vor Ort kann das nicht sehen.

Und für die Geburt gilt das selbe?

Genau das gleiche. Wenn eine Mutter verlegt werden muss, weil die kleine Klinik um die Ecke den Notfall nicht beherrscht – dann ist wertvolle Zeit verloren. Dabei ist der Ruf von Unikliniken, hier würde man nicht spontan gebären dürfen, vollkommen falsch. Ich erlebe täglich, dass wir spontane Geburten ermöglichen, die anderswo nicht möglich wären – bei herzfehlgebildeten Kindern, bei Frühgeborenen. Weil wir wissen: Wenn es nötig ist, sind in zehn Minuten alle da. Genau deshalb können wir uns auch mehr Natürlichkeit leisten. Das ist kein Widerspruch.

Was wünschen Sie sich von den nächsten 50 Jahren – für die Sterilisation, für die Verhütung?

Wir hoffen auf die Pille für den Mann. Auch wenn ich nicht weiß, ob das geht und ob es akzeptiert würde. Ansonsten: Wir haben heute ein gutes Portfolio an Verhütungsmitteln, es sollte für jede und jeden etwas dabei sein. Und: es braucht niemand zu leiden – nicht jeden Monat, nicht bei der Geburt. Wir müssen nur aufhören zu glauben, dass der Schmerz zum Frausein dazugehört.


Professor Tanja Groten ist Direktorin der Abteilung für Geburtsmedizin an der Universitätsklinik Köln.