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Hospiz – die letzte StationDie letzten Dinge regeln und das Beste daraus machen

5 min
Blick auf ein kleines Regal mit einem gerahmten Bild, Kerzen und Blumen darauf.

Martin Becker, 63, lebt seit gut drei Monaten im Johannes Hospiz Oberberg.

Martin Becker erzählt aus dem Johannes Hospiz Oberberg von Abschied, praktischen Entscheidungen und dem Versuch, die verbleibende Zeit bewusst zu leben.

Martin Becker (Name geändert): „Gebürtig komme ich aus dem Osten. Hierher bin ich durch die Wende gekommen. Meine Schwester war schon hier, und arbeitsmäßig ging es im Osten nicht mehr so gut. Da habe ich mich mit meiner Frau entschieden: Wir packen unsere sieben Sachen und kommen rüber. Zusammen haben wir einen Sohn.

Mein Sohn ist in der Pflege tätig, aber nicht hier. Als die Entscheidung kam, ins Hospiz zu gehen, hat er das alles organisiert. Gott sei Dank. Er wusste schon vor mir, dass ich sterben werde. Er hat es mir gesagt, aber ich wollte das lange nicht wahrhaben, bis ein Arzt mir das noch einmal gesagt hat.

Seit gut drei Monaten wohne ich jetzt hier. Der Anfang war das schwierig, denn ich komme hier nicht mehr raus. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Man muss damit leben, so lange wie man noch kann. Ich bin sonst immer auf die Beine gekommen. Diesmal soll es nicht sein. So ist das Leben, und jetzt sage ich mir: Warum mache ich mir eigentlich Gedanken? Ich bin gut aufgehoben. Die letzten Tage schön machen, so weit wie es geht.

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Ein Tag wird schön, wenn ich nicht zu viel über alles nachdenke. Einfach so laufen lassen, wie es läuft. Ich werde morgens wach, meistens sehr zeitig, halb sieben, sieben Uhr. Dann mache ich den Fernseher oder Musik an, döse noch etwas. Irgendwann schaut jemand rein, Frühstück, Pflege. Und dann den Tag genießen. Fernsehen gucken. Die Schwestern ärgern.

Ich hatte früher auch Sorgen, allein schon wegen meines Sohnes. Aber er ist jetzt erwachsen, er geht seinen eigenen Weg. Wofür soll ich mir noch Sorgen machen? Er ist keine acht mehr. Die Verantwortung habe ich abgegeben. Familie war mir immer wichtig. Auf meine Ehe blicke ich mit viel Stolz. Ich war mehr als 30 Jahre verheiratet. Bis meine Frau gesagt hat, sie hat keine Lust mehr. Aber ich war gerne verheiratet. Eine Familie gründen, wissen, wofür man arbeiten geht, um wen man sich kümmern muss, das sind die Werte, wofür man gerne kämpft.

Letztes Jahr war ich das letzte Mal drüben im Osten. Ich bin regelmäßig rüber, weil meine Schwiegermutter, meine Ex-Schwiegermutter, noch dort wohnt. Wir haben immer ein gutes Verhältnis gehabt. Ich war immer eine Hilfe für sie: habe ihr unter die Arme gegriffen, etwas repariert, eingekauft, weil sie selbst nicht mehr viel kann. Bis letztes Jahr Pfingsten, da konnte ich das noch. Das ist jetzt gut ein Jahr her. Letztes Jahr konnte ich noch laufen.

Was noch offen ist: die Auflösung meiner Wohnung, da ich ja nicht mehr nach Hause komme. Und ich muss mich mit einem Bestatter kurzschließen, einen Bestattungsvertrag machen, damit mein Sohn nicht so viele Wege hat, wenn es so weit ist.

„Die Gespräche sind sachlicher geworden, seitdem ich hier bin“

Bestattet werden möchte ich auf dem Waldfriedhof. Wer soll das Grab denn auch sonst pflegen? Ich sehe das bei meinen Eltern: Die haben ein Grab, und wir Kinder sind alle weit verstreut. Dann lieber der Waldfriedhof. Da gibt es keine Grabsteine, keine Einfassungen, nichts. Vielleicht ein Schildchen am Baum.

So etwas hätte ich gerne früher geregelt. Aber ich habe gedacht, dass ich Rentner werde und das Leben dann genießen kann. Man kann ja über 80 werden, da hätte ich jetzt noch 20 Jahre. Und jetzt: Pustekuchen. Man hat 45 Jahre gearbeitet, 45 Jahre eingezahlt, und am Ende kann man nichts davon genießen. Das macht mich traurig. Aber wütend? Nein.

Es muss jeder gehen, früher oder später. Jeder ist irgendwann dran. Man macht sich im jüngeren Leben Gedanken: Kriegt man noch alles mit? Kann man noch selbst reagieren, selbst entscheiden? Aber wenn es soweit ist, muss man Abstriche machen. Du musst gehen. Keiner weiß wann. Mach das Beste daraus.

Mein Sohn kommt mich besuchen, manchmal meine Ex-Frau. Wenn mein Sohn zu Besuch kommt, reden wir über alles: Schule, Arbeit, was er so vorhat. Er macht gerade mit Ende 20 noch sein Abitur nach. Danach will er Maschinenbau studieren.  Die Gespräche sind sachlicher geworden, seitdem ich hier bin. Nicht mehr so nebenbei, nicht mehr larifari. Und sachlicher. Meinen Sohn heiraten sehen. Das ist ein Wunsch, der vielleicht noch in Erfüllung gehen könnte. Er lebt mit seiner Freundin zusammen. Aber heutzutage heiratet man nicht mehr so früh, wie ich damals.

Ich möchte einfach bei meinem Sohn im Herzen bleiben und in den kleinen Dingen des Alltags. Wenn mein Sohn irgendwann sagt, er macht das genauso wie sein Papa, zum Beispiel beim Kochen, wäre das genug. Sein Leibgericht ist Kartoffelsalat: schlesischer Art, mit Fleischsalat und Mayonnaise. Das Rezept kommt aus der Familie: Meine Mutter stammte aus Schlesien. Was bei ihm bleiben soll, ist eine einfache Botschaft: Bleib ehrlich. Mit Ehrlichkeit kommt man am weitesten.“


Zur Person: Martin Becker (Name geändert), 63 Jahre alt, lebt im Johannes Hospiz Oberberg. Der gebürtige Ostdeutsche kam nach der Wende mit seiner Frau in den Westen; gemeinsam haben sie einen Sohn. Besonders wichtig sind ihm Familie, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit.