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Kölner Mediziner Ingo Froböse„Die meisten Menschen verhalten sich ungesund, weil sie sich selbst nicht mehr verstehen“

7 min
Ingo Froboese sitzt im Fitnessstudio

Ingo Froböse rät Menschen, mehr in sich hineinzuhören statt Fitness-Devices zu verwenden: „Wir sind aber ja keine Maschinen. Wir sollten deshalb auch keinen Werten hinterherhecheln, die eine Maschine uns vorgibt.“

Was soll ich essen, wie viel soll ich mich bewegen, um gesund und fit zu bleiben? Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse glaubt, dass ein Experte alle Antworten kennt: Unser Körper. Wir müssten nur zuhören.

Sie fordern, dass wir Menschen mehr auf die Stimme unseres Körpers hören sollen. Was raten Sie absoluten Anfängern?

Ingo Froböse: Ich würde mit der Wahrnehmung des Herzens starten. Spüren Sie jeden Morgen noch im Bett am Handgelenk den Ruhepuls. Dann wissen Sie in etwa, wo Sie stehen. Normal sind 61 Schläge pro Minute. Weicht das Herz davon fünf Schläge ab, zeigt es etwas an, will mit ihnen reden: Achtung! Hier herrscht Unruhe, Stress. Und das bevor Ihr Geist diese Anspannung vielleicht bewusst wahrnimmt. Das Herz weiß schon Bescheid. Und mahnt uns, uns mehr um uns zu kümmern.

Gibt es einen Schlüsselmoment, der Sie dazu bewegt hat, sich mit dem Thema zu beschäftigen? Vielleicht eine Stimme in Ihrem eigenen Körper?

Die Idee hatte nichts mit mir persönlich zu tun, sondern eher mit der Beobachtung, dass viele Menschen ihrem eigenen Körper nicht mehr zuhören. Sie essen Dinge, die ihnen nicht gut tun, sie sitzen zu lange. Und ignorieren die Stimme ihres Körpers, die sie warnt. Meistens erzählt der Körper ganz genau, was ihm gut tut und was nicht.

Haben Sie ein ganz konkretes Beispiel? Welche Signale des Körpers ignorieren wir?

Wir sitzen beispielsweise eindeutig alle zu lange vor Bildschirmen. Wer in sich hineinhört, der merkt nach einer Stunde, dass die Durchblutung erlahmt, die Muskeln sich verspannen, die Beine dicker, die Füße schwerer werden. Trotzdem unternehmen wir nichts dagegen. Das Sehen und Hören lenkt uns so sehr ab, dass wir die Beschwerden unseren Körpers nur noch als Flüstern wahrnehmen oder ganz verdrängen. Irgendwann haben wir dann Rückenschmerzen. Aber auch in der Aktivität hören wir nicht immer auf unseren Körper. Ich beobachte beispielsweise, dass Menschen viel zu schnell durch den Park joggen. Ich frage mich dann oft: Warum haben viele das Gefühl für die passende Belastung verloren? Sie lassen sich von ihrer Fitnessuhr leiten, von dem Bedürfnis vor anderen als stark und schnell zu glänzen. Sie übertreiben. Und vergessen dabei, was sie individuell bräuchten, um ihrer Gesundheit und ihrer Leistungsfähigkeit tatsächlich etwas Gutes zu tun.

Ich bin der Meinung, dass wir kein Belastungsproblem haben in der Gesellschaft, sondern ein Regenerationsproblem.
Ingo Froböse, Sportwissenschaftler

Die Fitnessuhr übersetzt die Stimme unseres Körpers also nicht ideal.

Nein, überhaupt nicht. Sie berücksichtigt keine Tagesform, nicht, ob ich euphorisch oder bedrückt bin. Wir sind aber ja keine Maschinen. Wir sollten deshalb auch keinen Werten hinterherhecheln, die eine Maschine uns vorgibt. Wer sich zu wenig bewegt oder schlecht schläft, der weiß das, wenn er auf seinen Körper hört, dafür braucht er keinen Computer.

Könnte so ein Device sogar dazu führen, dass wir das Gefühl für unseren Körper noch mehr verlernen?

Das passiert jedenfalls dann, wenn wir die Verantwortung für unseren Körper an eine Fitnessuhr abgeben. Am Anfang kann so ein Device zur Motivation helfen, aber auch, um zu verstehen, wo man nachspüren kann. Zum Beispiel der Herzfrequenz. Die meisten Menschen hören ihr Herz nicht schlagen. So eine Uhr kann da einen Takt vorgeben, dem ich im Körper nachspüren kann. Aber man sollte solche Dinge sehr, sehr vorsichtig einsetzen und dann auch wieder ablegen.

Manchmal sendet der Körper missverständliche Signale. Er schreit zum Beispiel oft laut nach Schokolade. Verstehen wir unseren Körper da falsch?

Grundsätzlich gibt es in der Funktionsweise des Körpers eine wesentliche Systematik, die zum Problem werden kann. Das ist die sogenannte Allostase. Das bedeutet, dass der Körper auf unsere Gewohnheiten reagiert und sich anpasst. Man könnte sagen, er verschiebt seine Regler, um im Gleichgewicht zu bleiben. Das kann in einer Mangelsituation Überleben sichern. Wenn wir aber regelmäßig zu süß essen, programmiert der Körper auch diese Ernährungsweise als neue Normalität ein und beschwert sich, wenn er plötzlich weniger Zucker bekommt. Das gleiche passiert bei Stress. Auch der wird bei einem zu Viel zur neuen Normalität und es fällt uns plötzlich schwer, uns zu entspannen.

Nun stehen viele von uns aber unter Zeitdruck und wer nach einer Stunde vor dem Rechner schon wieder aufsteht, der schafft sicher keinen Acht-Stunden-Bürotag. Was ist zu tun?

Das ist eine Herausforderung, da haben Sie Recht. Allerdings müssen auch Arbeitgeber bedenken, dass es eine 100-prozentige Leistungsfähigkeit über acht Stunden ohnehin nicht gibt. Der Körper eines jeden funktioniert in Kurven. Nach 70 bis 90 Minuten Konzentration verändern sich Temperatur und Blutdruck minimal. Damit will uns der Körper sagen, dass wir eine Pause machen müssen. Wer sich daran hält, ist danach wieder leistungsfähig. Wer die Rufe nach Pausen ignoriert, schadet sich und erreicht auch keine Höchstleistungen mehr. Ich bin deshalb der Meinung, dass wir kein Belastungsproblem haben in der Gesellschaft, sondern ein Regenerationsproblem. Wir nehmen die Bedürfnisse unseres Körpers nach einer Pause nicht wahr.

Buchcover „Die innere Stimme unseres Körpers“

„Die innere Stimme unseres Körpers“ von Ingo Froböse will seinen Leserinnen und Lesern vermitteln, wie man seinem Körper besser zuhört, um gesund zu bleiben. Es ist bei Ullstein erschienen.

Wie lernen wir, die Stimmen des Körpers zu hören?

Oft orientieren wir uns nur nach außen: Die Nachbarn, die Kollegen, der Lärm, das Gehetze um uns herum. Diese äußerlichen Stimmen muss man auch mal auf stumm schalten und stattdessen in sich hineinhören. Dann kann man jedes Organ in seiner eigenen Sprache sprechen hören. Anfangen würde ich damit, auf die Lunge zu achten. Hören Sie der mal zu: Wie atme ich? Bin ich in der Lage, den Körper ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen? Atme ich nur im oberen Brustbereich? Oder komme ich wirklich in den Bauchraum hinein? Aber auch die Muskeln sprechen. Sie spüren eine Verspannung im Nacken? Dann ist die Botschaft: Die Muskeln sind mit Nährstoffen unterversorgt.

Und wie ändere ich das?

Stehen Sie auf, gehen Sie raus. Geben Sie dem Körper Dynamik. Erhöhen Sie die Durchblutung, den Stoffwechsel, laufen Sie die Treppen ein paarmal hoch und runter, kreisen Sie die Arme, dehnen Sie sich. Nach fünf Minuten ist der Körper erfrischt.

Hilft die körperliche Pause auch dem Geist?

Absolut. Körperliche Aktivität wirkt sich immer auch auf den Geist aus. Wer seinen Körper beansprucht, entlastet seinen Geist. Wer zum Beispiel Lampenfieber vor einer Präsentation oder einer Prüfung hat, der geht auch am besten ins Treppenhaus und nimmt einige Etagen auf und ab. Und zu Prüfungen fahren Sie besser mit dem Rad statt mit dem Auto. Letzteres stresst Sie noch mehr.

Für mich ist Körperwahrnehmung eine Eigenverantwortung des Einzelnen, niemand kann erwarten, dass die Medizin ihm das abnimmt.
Ingo Froböse, Sportwissenschaftler

Kann eine gute Körperwahrnehmung auch vor chronischen Erkrankungen schützen?

Davon bin ich überzeugt. Die meisten Menschen verhalten sich ja falsch und ungesund, weil sie sich selbst nicht mehr verstehen. Nehmen wir zum Beispiel den Rückenschmerz. Der ist in neun von zehn Fällen selbstgemacht. Wir trainieren die Muskeln dort nicht ausreichend, belasten sie nicht, was zu einer Unterversorgung und letztlich zu Schmerzen führt. Wir stählen vielleicht die Bauchmuskeln, vernachlässigen aber den Rücken. Dabei ist die Wirbelsäule in gewisser Weise das Zentrum unseres Körpers. Unsere Gesellschaft leidet insgesamt unter Muskelschwund. Das begünstigt auch andere Erkrankung wie zum Beispiel Diabetes Typ 2. Denn wer Muskelmasse verliert, dem kommt damit auch der größte Zuckerfresser des Körpers abhanden. In der Folge entgleitet der Stoffwechsel. Auch viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen ergeben sich daraus, dass wir die Bedürfnisse unseres Herzens nicht mehr wahrnehmen. Dieser Motor arbeitet Tag und Nacht und wir bemerken nicht mal, wenn er ins Stottern gerät. Wir bemerken erst den Infarkt.

Wenn mehr Körperwahrnehmung uns gesünder machte, müssten dann auch Ärzte mehr darin geschult sein, uns das zu vermitteln?

Das wäre wünschenswert. Aber ich glaube, dass Ärzte diese Kompetenz nicht haben. Sie sind in ihrer Arbeit viel zu sehr auf biologische Messparameter fokussiert. Und zwar ausschließlich auf die ihrer Fachrichtung. Einer ist Kardiologe, der andere Internist, der nächste Orthopäde. Aber die Organe kommunizieren ja untereinander. Der Körper funktioniert in seiner Ganzheit, nicht in seinen Einzelteilen. Für mich ist Körperwahrnehmung eine Eigenverantwortung des Einzelnen, niemand kann erwarten, dass die Medizin ihm das abnimmt.

Ist die Medizin und vor allem die Pharmazie manchmal sogar kontraproduktiv, indem die körperliche Stimme durch Chemieblocker zum Schweigen gebracht wird, ohne das Problem zu beheben?

Natürlich, die Pharmazie heilt ja nicht. Sie hilft im besten Fall, Lebensqualität zu erhalten, weil sie Symptome wegnimmt. Das bedeutet aber eben auch, dass sie die innere Stimme zum Schweigen bringt. Solange es möglich ist, würde ich deshalb auf solche überdeckenden Medikamente wie Schmerzmittel und Blutdrucksenker verzichten.

Leben wir in einer Gesellschaft, die den Körper ernst genug nimmt oder verliert er eher an Bedeutung?

Die Gesellschaft reduziert sich gerade auf ein geistiges Moment. Wir reden über künstliche und analoge Intelligenz. Der Körper spielt nur in messbaren Parametern eine Rolle. Vom Körpergefühl und dem Fühlen generell entfernen wir uns immer mehr. Und das obwohl uns diese ganzen Labor- und Blutanalysen gar nicht unbedingt weiterhelfen beim gesunden und langen Leben. Sie zeigen uns ja nur einen minimalen Ausschnitt. Insgesamt bedeutet Menschsein aber eben Ganzheitlichkeit, Humanismus statt messbare Technokratie.


Ingo Froböse ist Experte in unserem Medizintalk am 9. März. In einem unterhaltsamen Vortrag und im Gespräch wird der Sportwissenschaftler erklären, wie wir unsere innere Stimme besser wahrnehmen können. Tickets für 16 Euro zzgl. VVK finden Sie hier. Ort: Workstage des Kölner Stadt-Anzeiger, 20 Uhr.