Andreas Oestern hat Parkinson. Er zittert, schläft schlecht, kämpft nachts gegen unsichtbare Gegner. Aufhören, sein Leben zu gestalten, will er trotz der unheilbaren Krankheit nicht.
Kölner mit Parkinson„Ich nehme einfach meine Tabletten und versuche, mein Leben zu leben“

Andreas Oestern hat vor sechs Jahren die Diagnose Parkinson erhalten. Seither versucht er dem Leben so viel Qualität und Aktivität abzutrotzen, wie eben möglich ist. An seiner Seite: Seine Frau Dorothee Dernbach.
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Andreas Oestern wischt den Schläger flach von unten am Ball entlang – eine flüssige Bewegung aus dem Handgelenk, als würde er einen Tortenboden teilen. Der Tischtennisball fliegt, dotzt hohl knapp hinter das Netz, dreht dann aber im Flug die Richtung. Wie ein Schulkind, das schon aus dem Haus gegangen ist und nochmal umkehrt, weil es das Pausenbrot vergessen hat. Für den Gegner auf der anderen Seite der Platte kaum zu erreichen. Über Andreas Oesterns Gesicht zieht sich ein Lächeln – als hätte jemand den Vorhang zum Frühling aufgerissen.
Das mit dem Lächeln ist so eine Sache. Er tut es vielleicht häufig, aber man sieht es sehr selten. Eingefrorene Mimik ist ein Symptom der Parkinson-Erkrankung. „Manchmal ist das nicht einfach, wenn man in ein Gesicht blickt, das die eigenen Gefühle so wenig spiegeln kann“, sagt seine Frau Dorothee Dernbach. Wenn sie an das Kennenlernen vor zehn Jahren zurückdenkt, vermutet sie heute, dass es damals schon Anzeichen gab – sie diese aber nicht einordnen konnte. „Ich dachte mir: Oh je, dieser Mann ist aber schwer zu lesen.“ Pokerface. Geheimnisvoll. Ein Herz, zu dem man erst vordringen muss. Dorothee Dernbach hat das vermocht. Seit fünf Jahren sind die beiden verheiratet. Seit knapp sechs hat Andreas eine Diagnose: Parkinson.
Ein Zittern, das alles verändert
Der Aschermittwoch 2020 war ungewöhnlich mild. Im Hause Dernbach-Oestern herrschte beste Laune, das Jahr schien sich gerade erst zu einem der besten ihres Lebens aufschwingen zu wollen. „Für Mai hatten wir unsere Hochzeit geplant“, sagt Dernbach, noch war nicht klar, dass die Festivitäten sich wegen der Pandemie um ein Jahr verschieben würden. Dann, abends auf dem Sofa, begann plötzlich Andreas’ Zeigefinger zu zittern. Ohne Unterlass, „wie beim Morsen“. „Wir haben noch gescherzt, ich hätte vielleicht zu wild gefeiert“, sagt Oestern. Dorothee Dernbach war die Sache von der ersten Sekunde an unheimlich. „Ich dachte sofort: Hirntumor oder Parkinson.“
Einige Monate später dann die Gewissheit: Es ist Parkinson. Die Krankheit ist komplex – und bis heute nicht vollständig verstanden. Vereinfacht erklärt: Im Gehirn sterben jene Nervenzellen ab, die den Neurotransmitter Dopamin produzieren. Als Ursache macht die Forschung eine Anhäufung eines bestimmten Proteins aus – doch viele Fragen bleiben offen, auch für erfahrene Neurologen. Beim Patienten schlägt sich der Dopaminverlust so nieder: Bewegungsstörungen, Muskelsteifigkeit, Zittern – aber auch Schlafstörungen, Verdauungsprobleme, Depressionen. In Deutschland leben rund 400.000 Betroffene; Parkinson ist die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung nach Alzheimer. Heilbar ist sie nicht.

Andreas Oestern und seine Frau Dorothee Dernbach spielen regelmäßig Tischtennis im Keller.
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Der Termin beim Neurologen, bei dem Oesterns nuklearmedizinisches Bildgebungsverfahren besprochen wurde, geriet zur Ernüchterung. Die Aussage, kaum gestrafft: „Sie haben Parkinson, hier ist ein Rezept, die Medikamente müssen Sie nehmen. Einen Flyer habe ich leider nicht. Alles Gute.“ Erst einmal Schock. Dann Wissensdurst, den Oestern im Internet zu stillen sucht – und schnell wieder aufgibt. „Da war alles voller Wehklagen. Grässliche Berichte. Da habe ich die Kiste schnell wieder zugeklappt.“ Was Oestern von Beginn an wirklich sucht, ist etwas anderes: „Mit anderen Parkinson-Patienten sprechen, die noch leben.“ Er versteht das Verb dabei maximal, mit Fülle, nicht als Minimalversion des Überlebens. Erkrankte, die reisen. Die Neues ausprobieren. Die ihr Leben gestalten.
Parkimotion und Parkinossen – die Netze haben sich Oestern-Dernbachs selbst geknüpft
Solche Menschen hat Oestern gefunden – weil er sie sich selbst gesucht hat. Er war Mitbegründer von Parkimotion Köln, einer Gruppe für Parkinson-Erkrankte, die sich zu aktiv für den Sitzkreis fühlen und lieber wandern, Karate machen oder ins Kino gehen. Später entstanden die Parkinossen, in denen Dorothee Dernbach und andere Angehörige aktiv sind. Dieser Zusammenschluss ist kein Luxus – er ist Notwendigkeit. Denn Parkinson ist, wie Oestern erfahren hat, eine Krankheit, die auch die Medizin noch längst nicht im Griff hat. „Häufig erlebt man auch beim Arzt ein hilfloses Suchen nach Lösungen. Oft heißt es: Probieren Sie dies oder jenes mal aus, das könnte helfen.“ Eine Krankheit im Konjunktiv.

Andreas Oestern feilt an seinem Spinball mit Unterschnitt. „Den kriege ich nicht richtig gefasst.“
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Oestern will aber im Indikativ leben. Dopamin-Präparate, alle vier Stunden, halten seine Symptome im Zaum – stimulieren Motivation, verbessern die Bewegungsfähigkeit, regulieren das Belohnungsgefühl. Der Preis ist mitunter hoch: Kaufsucht, Glücksspielsucht, Esssucht, Sexsucht – der Beipackzettel ist, wie Oestern trocken anmerkt, „ewig lang“. Er selbst habe Glück. Keine nennenswerten Nebenwirkungen. Und doch weiß er: Der Körper gewöhnt sich, die Dosis steigt. „Viele Patienten brauchen irgendwann eine Dopaminpumpe. Das wird dann schon komplizierter.“
Nachts fehlt die Bewegungssperre – die Folge: Tritte
Die Krankheit nagt nicht nur an Oesterns Leben, sie macht auch vor der Beziehung nicht Halt. Andreas schlägt nachts um sich, tritt, kämpft gegen unsichtbare Gegner – typisch für Parkinson. „Uns fehlt die nächtliche Bewegungssperre“, sagt er. Es gibt Paare, die deshalb getrennt schlafen. Ein befreundetes Paar klemmt eine Holzplatte in die Besucherritze, um die unkontrollierten Tritte abzufangen. Die Dernbach-Oesterns teilen ein 140 Zentimeter breites Bett. „Es passiert nicht jede Nacht. Und die Nähe ist uns wichtig“, sagt Dorothee Dernbach und schnell ist klar: Vertreiben lassen wird sie sich von dieser Krankheit nicht.
Überhaupt hat Dorothee Dernbach ihren Mann, so, wie sie ihn vor zehn Jahren kennenlernte, nie aus dem Blick verloren. Natürlich, vieles habe sich verändert: Andreas Oestern ist seit zwei Jahren erwerbsunfähig. Manchmal steckt sein Kopf bis mittags in einer Art Nebel fest. Seine Sprache hat sich verwaschen, seine Stimme ist leiser geworden, seine Handschrift verliert sich in Winzigkeit. Mittlerweile hat auch sein rechter Fuß zu zittern begonnen. Und trotzdem ist es am Ende eben Andreas, der Mann, der nach wie vor Gas gibt.
„Ich denke nicht dauernd über meine Krankheit nach“, sagt Oestern. „Ich nehme einfach meine Tabletten und versuche, mein Leben zu leben. Wir reisen viel und verschieben nichts. Wer weiß, ob ich in fünf Jahren noch auf einem Floß den Fluss runterschippern kann.“ Natürlich: Parkinson ist nicht durchforscht. Aber schließlich ist auch das Leben nicht planbar. Beides gilt gleichzeitig, und vielleicht lässt sich Letzteres sogar besser aushalten, seit Oestern weiß, dass er Parkinson hat.
Im Keller läuft derweil die K.T.T.A. auf Hochtouren. Keller-Tischtennis-Arena, wie auf einem Plakat an der Wand vermerkt ist. Dorothee Dernbach ist nicht „der Balltyp“, aber mit Andreas hat auch sie der Ehrgeiz gepackt. „Man ist schon stolz, wenn man einen Ball trifft, der schwierig war.“ Oestern selbst arbeitet noch an seinem Spinball mit Unterschnitt. „Den kriege ich nicht richtig gefasst.“ Ein Tischtennistrainer hat ihm geraten: Fuß mit nach vorne nehmen, dann kommt man besser unter den Ball. Oestern probiert es. Der Schläger wischt perfekt. Der Ball klackt übers Netz.
Oestern jubelt kurz. Und strahlt. Die Vorhänge: ganz offen.
Was bedeutet es, mit Parkinson zu leben – und wie kann ganzheitliche Medizin dabei helfen, die Lebensqualität zu erhalten? Diesen Fragen widmet sich ein besonderer Abend in der Workstage des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Veranstaltet wird der Medizintalk in Zusammenarbeit mit der Parkinson-Selbsthilfegruppe Köln der Deutschen Parkinsonvereinigung und parkimotion.de Köln. Er ist Teil der Kölner Parkinson-Tage 2026. Zu Gast ist Dr. Sandra Szymanski. Sie leitet die Neurologie und Komplementärmedizin an der Augustaklinik in Hattingen mit zertifizierter Parkinson-Abteilung. Ihr Ansatz verbindet modernste neurologische Wissenschaft mit der Erfahrungsmedizin des Ayurveda. Ein Abend für Betroffene, Angehörige und alle, die mehr verstehen wollen.
Wann & Wo: 13.4., 19 Uhr, Workstage des Kölner Stadt-Anzeiger, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Tickets: 14,00 Euro zzgl. Vorverkaufsgebühr, erhältlich über Rausgegangen.
