Bis 2050 wird in NRW jede zehnte Person pflegebedürftig sein. Dabei ließe sich ein Teil verhindern, wenn die Politik endlich beherzt umsetzen würde, was Experten seit Jahren fordern: mehr Prävention
KommentarArmut erhöht das Pflegerisiko. Wo die Politik ansetzen muss


Jeder zehnte Nordrhein-Westfale wird bis 2050 pflegebedürftig sein - so die Prognose. Warum das nicht nur an einer alternden Gesellschaft liegt.
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Die Zahlen sind keine Überraschung. Bis 2050 wird jede zehnte Person im Land pflegebedürftig sein. Die Babyboomer werden alt, die Medizin hält sie länger am Leben, und ab achtzig Jahren steigt das Pflegerisiko dramatisch. Das war absehbar. Trotzdem trifft uns die Prognose hart.
Dabei liegt ein Teil der Lösung auf der Hand – und wird dennoch hartnäckig ignoriert: Prävention. Gerade einmal fünf Prozent der Gesundheitsausgaben fließen in Deutschland in die Vorbeugung, der Rest versickert in Kuration und Rehabilitation. Dabei müsste allen Verantwortlichen klar sein: Wer erst behandelt, wenn der Schaden eingetreten ist, zahlt das Zehnfache – in Euro und in menschlichem Leid. Chronische Erkrankungen, die im Alter in Pflegebedürftigkeit münden, entstehen nicht über Nacht. Sie wachsen über Jahrzehnte – genährt von Zucker, Nikotin, Bewegungsarmut und sozialer Ungleichheit. Wer arm ist, wird früher krank. Wer früher krank wird, braucht früher Pflege. Diesen Kreislauf zu durchbrechen, erfordert mehr als gut gemeinte Aufklärungskampagnen. Es braucht Verhältnisprävention: eine Zuckersteuer, bezahlbare Sportstätten, gesunde kostenfreie Schulspeisungen – Strukturen, die gesundes Leben erleichtern, statt es den Willensanstrengungen des Einzelnen zu überlassen.
Soziale Absicherung für Pflegende ist dringend nötig
Doch auch wenn die Prävention greift, bleibt die Kernfrage: Wer kümmert sich um die Alten? Fast 60 Prozent der Pflegebedürftigen beziehen ausschließlich Pflegegeld, werden also zu Hause versorgt. Heute schultern das vor allem Frauen – unbezahlt, unsichtbar. Nicht selten opfern sie dafür eine Erwerbsbiografie und damit auch ihre Unabhängigkeit. Schon heute verursacht das Folgeprobleme, die bei einem weiteren Anstieg der Pflegebedürftigkeit systemsprengende Kraft entwickeln könnten.
Eine Gesellschaft, die ausschließlich wirtschaftliche Produktivität honoriert, Sorgearbeit aber unsichtbar lässt, sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt. Ohne Fürsorge, ohne das tägliche Ermöglichen von Leben gibt es keine Wirtschaft. Die Politik muss das endlich anerkennen – und handeln: Durch soziale Absicherung für pflegende Angehörige, durch attraktive Verdienst- und Karrieremöglichkeiten in sozialen Berufen, durch Arbeitszeiten, die Pflege für alle zulassen – auch für Söhne und Ehemänner.
