Warum Herr Malsam immer noch lebt. Die Zulassung der Immuntherapie mit CAR-T-Zellen kam gerade rechtzeitig, um einem Patient der Uniklinik Köln das Leben zu retten.
Krebsforschung NRWWarum Herr Malsam immer noch lebt

Am Centrum für Integrierte Onkologie der Uniklinik Köln wird die CAR-T-Zelltherapie beispielsweise bei Lymphomen angewandt.
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Als der Blutbeutel die Uniklinik verlässt, weichen Jörg Malsams Gedanken nicht mehr von seiner Seite. 35 Tage bis zur Rückkehr. Im Kopf fährt und fliegt er mit, fürchtet widrige Verkehrsbedingungen, die die gekühlte Fracht im Gepäckraum überstehen muss. Denkt an seine Zellen, wie sie bearbeitet werden. Wie sie schließlich – wieder mit raumgreifendem Isolationsmaterial ummantelt – die Rückreise antreten. Im Kopf der Gedanke, der alles andere an den Rand verdrängt: „Wenn der Kurier einen Autounfall hat, was dann?“
Jörg Malsam sitzt in der Uniklinik Köln. Seine Augen nehmen die Farbe des Winterhimmels an, wenn er aus dem Fenster blickt. „Live Simply“ steht auf seinem blauen Kapuzenpullover. Besinne dich auf das Wesentliche, lebe im Einklang mit der Gemeinschaft, mit der Natur. Vielleicht ist das auch die Essenz, an der man sich festhält, wenn man auf so eine Krankengeschichte zurückblickt: Jörg Malsam, 61 Jahre alt, ist am Mantelzell-Lymphom erkrankt, dabei handelt es sich um eine seltene Art von Lymphdrüsenkrebs, sie gilt als unheilbar. Unheilbar ist ein großes Adjektiv, eines voller Schrecken. Und doch kann es viel Leben in sich tragen. In Malsams Fall sind es bislang fast 23 Jahre, denn diagnostiziert wurde die Bösartigkeit schon kurz nach seinem 39. Geburtstag.
Vom Todesurteil zum kurativen Ansatz
Forschungsdurchbrüche lassen sich vielleicht in keinem anderen Fachgebiet mit solch guten Nachrichten bebildern wie in der Onkologie. War die Diagnose Krebs noch vor dreißig Jahren meistens ein Todesurteil, gegen das man höchstens die extrem aggressive und körperschädigende Chemotherapie in den Ring schickte, verfolgt man heute nach Aussage von Ron Jachimowicz, Oberarzt an der Uniklinik Köln, mit den Möglichkeiten der Immuntherapie auch einen „kurativen Ansatz“. Es geht also um Heilung, es geht um Sieg. Möglich macht das gerade in Köln die enge Vernetzung von Forschung und Anwendung. Jachimowicz muss mit einer Blutabnahme eines Patienten der Uniklinik nur über die Straße gehen und schon ist er in seinem Labor im Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns und kann Forschungsreihen starten.

Jörg Malsam lebt seit 23 Jahren mit der eigentlich unheilbaren Krankheit Mantelzell-Lymphom. Ron Jachimowicz und seine Forscherkolleginnen- und kollegen versuchen, Patienten wie ihm mit neuen Therapien zu helfen.
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Als die Krankheit 2003 in Malsams Leben tritt, wartet er zunächst ab, bevor er in die damals übliche Therapiekarriere einsteigt: 2007 erste Chemotherapie, 2020 zweite Chemotherapie, 2021 ein Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor (BTK), ein Medikament, das spezifisch die Lymphomzellen im Wachstum hemmt und absterben lässt. Ein Weg von Hoffnungsschimmer zu Hoffnungsschimmer, das Licht wird aber immer blasser. „Kehrt der Tumor nach der BTK-Therapie zurück, steht man mit dem Rücken zur Wand. Dann bleiben einem nur noch wenige Monate“, sagt Ron Jachimowicz.
Malsams Vorteil: Beim bislang letzten Rückfall hat er sich zeitlich schon herangerobbt an die Zulassung der CAR-T-Zellen-Therapie für sein Mantelzell-Lymphom, die man durchaus als Revolution in der Krebsbehandlung bezeichnen kann. Denn anders als bei medikamentösen Behandlungen von außen, werden die Zellen des eigenen Körpers in diesem Fall fit gemacht, sich selbst gegen den Tumor zu wehren. Eine Art Weiterbildungsmaßnahme für das Sicherheitspersonal des Körpers, könnte man vielleicht vereinfacht sagen. Oder euphorischer: Die Lebensrettung für Malsam.
Ein präpariertes Virus schleust als blinden Passagier ein Protein ein
Die Unterrichtsmodule dieser Weiterbildung sind schnell aufgezählt: Bei einer Blutwäsche werden Immunzellen aus dem Körper gefiltert. Am Ende landen da etwa 200 Milliliter Flüssigkeit im Beutel, in dem ein Konzentrat von Millionen, dicht gedrängter T-Zellen schwimmt. Gekühlt wird der Blutbeutel ans Labor geliefert, wo im Reagenzglas ein Gentransfer stattfindet. Am Ende fungiert dabei ein präpariertes Virus wie ein U-Boot, über das als blinder Passagier ein Protein eingeschleust wird. Die Mission: Sich in der Zellmembran verankern und von dort mittels Aktivierungseinheit Tumorzellen zerstören. Die weitergebildeten Zellen werden zurück zum Patienten geschickt und injiziert. Und dort starten sie dann die Razzia – den Krebszellen geht es an den Kragen.
„Das faszinierende ist: Die genetisch veränderten Zellen leben und verbleiben im Körper, während sie an der Krankheitsbekämpfung arbeiten“, sagt Jachimowicz. Sie vermehrten sich dort sogar, bevor sie wieder weniger werden. Einige findet man noch Monate später in Blutproben, „ob sie noch länger verweilen können, ist noch unklar“.

Dr. Ron Jachimowicz forscht am Max-Planck-Institut und ist Oberarzt an der Uniklinik: Er sagt: „Alles, was uns aufhält, kostet Menschenleben.“
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Für den Patienten selbst ist die ganze Prozedur kein Spaziergang, das weiß, wer Malsam zuhört. Schon das Anlegen des Katheters, der das Blut waschen soll, erlebt er als traumatisch. „Es funktionierte erst nicht richtig. Noch Monate später konnte ich nicht daran denken, ohne einen riesigen Kloß im Hals zu haben und Panik zu bekommen.“ Während die zurückgespritzten, hochmotivierten Zellen im Körper wüten, nehmen sie zudem wenig Rücksicht und Kollateralschäden in Kauf. Malsam hat hohes Fieber, das sich viele Tage lang in seinen Gliedern festsetzt. „Das war schon sehr belastend.“ Auch vorübergehende Gedächtnisstörungen, Kopfschmerzen oder andere neurologische Probleme können laut Jachimowicz auftreten.
Das Ergebnis kann sich dann aber mehr als sehen lassen. Laut den bislang letzten Kontrolluntersuchungen ist Malsams Körper derzeit krebsfrei. Er trainiert also wieder mit den Basketball-Jungs der Bergischen Löwen den perfekten Korbleger. Er geht ins Fitnessstudio, in die Sauna, fotografiert, spaziert mit dem Hund durch den Wald. Sogar den Traum einer Fahrradtour zum Polarkreis hat er sich verwirklicht.
Meine Ideen sind kurzfristiger geworden. Ich habe nie gedacht, das Rentenalter überhaupt zu erreichen. Jetzt lebe ich gerne in den Tag hinein
Zu Ende ist die Geschichte deshalb lange nicht. Malsams persönliche ohnehin nicht. Auch wenn er sich weite Blicke in die Zukunft schon kurz vor seinem 40. Geburtstag abtrainiert hat, als die erste Diagnose ihm das Urvertrauen in die vermeintliche Unsterblichkeit raubte. „Meine Ideen sind kurzfristiger geworden. Ich habe nie gedacht, das Rentenalter überhaupt zu erreichen. Jetzt lebe ich gerne in den Tag hinein“, sagt Malsam.

Jörg Malsam am Polarkreis mit den Füßen im Wasser. Mit dem Rad war er 4000 Kilometer von Rösrath an den nördlichsten Punkt Norwegens geradelt.
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Der Blick der Forschung springt dagegen weit nach vorne. Jedenfalls viel weiter als sich Jachimowicz das bei seinem Berufseinstieg 2010 zu erträumen wagte. Natürlich versperrten zuweilen Hürden die Sicht, die seien aber eher bürokratischer Natur. Behördliche Bewilligungszeiträume für klinische Studien oder bestimmte, in der Onkologie übliche Versuche an Modellorganismen umfassten viele Monate, Anträge seien so umfangreich, das Jachimowicz allein dafür eine Teilzeit-Postdoc-Stelle einrichten musste. „Wir könnten noch weiter sein in der Krebsbekämpfung, fallen im Vergleich zu anderen Staaten aber wegen dieser hohen Anforderungen und langen Wartezeiten oft zurück“, ärgert sich Jachimowicz. Denn: „Alles, was uns aufhält, kostet Menschenleben.“
Wir könnten noch weiter sein in der Krebsbekämpfung. Alles, was uns aufhält, kostet Menschenleben
Aber man will auch nicht nur klagen. Insgesamt gelänge es gerade der Onkologie durch die vielen Erfolge beim Retten von Menschenleben auch viel Forschungsgeld einzutreiben, um weitere Sprünge in den Blick nehmen zu können: „Die Immuntherapie ist ein großer Schlüssel. Aber auch gezielte, individuelle Therapien werden künftig wichtiger werden. Wir sind derzeit auch dabei, die Krankheit selbst genauer zu verstehen. Wann bricht sie aus? Warum? Wie verändert sie sich im Laufe der Zeit? Warum verläuft sie nicht bei allen Menschen gleich?“, sagt Jachimowicz. Künftig sei denkbar, den veränderten Immunzellen noch andere Moleküle quasi als Rucksack mit auf ihren Weg in den Körper umzuschnallen. Und neueste Projekte experimentierten auch schon mit internen Schulungen, das heißt: „Die genetische Veränderung kann über injizierte Viren im Körper stattfinden.“ Das würde die Prozedur vereinfachen, Geld sparen und vor allem Zeit – die wertvollste Ressource, wenn ein Leben verrinnt.
Einige Schritte sind schon gemacht. Die Uniklinik Köln stellt seit Januar 2025, als erstes Zentrum in NRW, CAR-T-Zellen selbst her. So kann immerhin eine Sorge von der Liste gestrichen werden: Die Angst des Patienten um den Kurier.
Das CIO Köln veranstaltet gemeinsam mit dem Westdeutschen Tumorzentrum Essen und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen den Onko-Talk. Diesmal dreht sich alles um Forschungsdurchbrüche aus Nordrhein-Westfalen, die die Onkologie verändert haben. Im Fokus stehen Lymphome und die CAR-T-Zelltherapie.
Prof. Peter Borchmann von der Klinik 1 für Innere Medizin wird zu diesen Themen die Entwicklung und den Beitrag der Wissenschaft aus Nordrhein-Westfalen aufzeigen. Die Kölner Patientin Lisa Schröter berichtet von ihrem Hodgkin Lymphom und ihrem Engagement in der Stiftung „Junge Erwachsene und Krebs“. Die Podiumsrunde mit der NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes (MdL), Prof. Dr. Martin Schuler (stellv. Direktor WTZ Essen) und Prof. Dr. Michael Hallek (Direktor CIO Köln) diskutiert, wie Forschungserfolge entstehen und wie sie bei den Patienten ankommen. Abgerundet wird die Veranstaltung durch Jörg Malsam, der an der Uniklinik Köln eine CAR-T-Zelltherapie erhalten hat und gerade krebsfrei bis ans Polarmeer geradelt ist.
Ort: Centrum für Onkologie (CIO) an der Uniklinik Köln. Zeit: Montag, 19. Januar, 18.30 - 20 Uhr. Die Veranstaltung ist öffentlich und kostenfrei, um Anmeldung wird per Mail gebeten.

