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Diagnose Neuro-Covid„Ich habe gemerkt, dass ich ganz vergesslich wurde“

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Als Neuro-Covid werden neurologische Manifestationen im Zusammenhang mit Covid-19 bezeichnet - unabhängig davon ob in der akuten Phase oder im späteren Verlauf.

Köln – „Ich muss gar nicht mehr 100 Prozent so sein wie vorher, ich will einfach nur zurück ins Leben.“ Seit Jan Niklas Lehmann sich im Oktober 2020 mit Corona infiziert hat, ist nichts mehr, wie es vorher war. Die akute Erkrankung verlief relativ mild bei dem zuvor gesunden 28-Jährigen, grippeähnliche Symptome wie Fieber habe er gehabt, und Geruchs- und Geschmacksverlust. „Aber ich war zuhause, nicht im Krankenhaus.“ Im November und Dezember sei es ihm dann besser gegangen. „Ich war noch etwas erschöpft, bin aber trotzdem arbeiten gegangen.“

Er habe sich nichts dabei gedacht, bis Mitte Januar plötzlich seine Nerven anfingen zu schmerzen. „Ich habe Nervenprobleme bekommen, wie ein Kribbeln im Körper, auch ein Brennen – vor allem im Gesicht und an verschiedenen Körperstellen. Ich habe dann gemerkt, dass ich ganz vergesslich wurde. Mit einfachen Dingen, wie mir etwas zu merken oder einem Gespräch zu folgen, hatte ich Schwierigkeiten.“ Seine Ärzte sind ratlos, organische Ursachen scheint es nicht zu geben. Bis Lehmann selber darauf stößt, was mit seinem Körper los ist: Post-Covid, oder in seinem Fall speziell auch Neuro-Covid. Neurologische Langzeitfolgen, offenbar durch das Virus ausgelöst.

Covid-19 ist keine reine Lungenkrankheit

Wie Lehmann geht es zunehmend mehr Menschen in Deutschland. Schätzungen zufolge treffen die Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung zwischen 20 und 50 Prozent aller Betroffenen – je nach Schwere der akuten Erkrankung. Auch bei jungen Menschen, die nur einen leichten Akutverlauf hatten, treten die Folgesymptome auf. Mittlerweile werden in Deutschland auch Kinder und Jugendliche behandelt. 

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Die Langzeitfolgen einer Covid-19-Infektion werden unter dem Begriff „Long-Covid“ zusammengefasst. „Wir haben lernen müssen, dass Covid-19 keine reine Lungenkrankheit ist, sondern auch andere Organe betreffen kann. Zum Beispiel die Nieren, das Herz und eben auch das Gehirn“, erläutert Professor Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Neuro-Covid kann während der akuten Phase oder später auftreten

Berlit war einer der ersten Neurologen in Deutschland, der Behandlungsempfehlungen zur Versorgung von Patienten mit Sars-CoV-2-Infektion und neurologischen Manifestationen gegeben hat. Denn schon 2020 stellte sich heraus, dass Covid-19 sowohl während der akuten Erkrankung als auch noch Monate danach neurologische Störungen verursachen kann. Um diese  Symptomatik besser umschreiben zu können, schuf  man für sie mittlerweile einen eigenen Namen: Neuro-Covid.

Die fließenden Grenzen zwischen Covid-19, Long-, Post- und Neuro-Covid sorgen oftmals für Verwirrung, weiß auch Professor Berlit und erklärt: „Alles, was bei einer Covid-19-Erkrankung länger als die akute Phase dauert – und die wird immer mit etwa vier Wochen angesetzt – wird als Long-Covid bezeichnet. Wenn Symptome länger als drei Monate nach der akuten Infektion bestehen, oder aber wenn nach drei Monaten neue Symptome auftreten, die man auf den Infekt beziehen kann, spricht man von Post-Covid. Neuro-Covid ist der Überbegriff für neurologische Manifestationen im Zusammenhang mit Covid-19, unabhängig davon ob in der akuten Phase oder im späteren Verlauf.“

In der akuten Phase der Erkrankung trete bei Patienten häufig das Bild eines Delirs auf, berichtet der Experte. Dazu gehören Verwirrtheit, Halluzinationen und epileptische Anfälle. Auch Hirnblutungen und Schlaganfälle können auftreten. „Bei Post-Covid ist es so, dass sehr viele Patienten über das, was auf Neudeutsch als Fatigue bezeichnet wird, klagen. Das heißt, eine abnorme Erschöpfbarkeit und reduzierte Belastbarkeit.“ Hinzu können Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen kommen. Oft auch Ängste und Depressionen. Andere Symptome, die bei Post-Covid vorkommen, sind belastungsabhängige Muskelschmerzen, Muskelschwäche oder Schlafstörungen. Auffällig sind die Bandbreite und die Variabilität der möglichen Post-Covid-Symptome.

Spezielle Neuro-Covid-Sprechstunde in Köln

Für Ärzte ist es deshalb oft schwierig, die Zusammenhänge zu erkennen. Das musste auch Jan Niklas Lehmann erfahren: „Ich war bei meinem Hausarzt, ich war bei einem Pneumologen, ich war auch beim Kardiologen. Aber es wurde nichts festgestellt. Ich habe das Gefühl, dass gerade bei jungen Patienten körperlich alles gut ist, aber es stimmt einfach irgendwas nicht mit dem Körper.“ 

Tatsächlich finden sich oftmals keinerlei organische Schäden oder Auffälligkeiten im Körper der Erkrankten. Keine Spur vom Virus - weder im Blut, noch im Nervenwasser. Mediziner Berlit wundert das allerdings nicht, denn das Virus könnte womöglich bis in bestimmte Gewebe selber vordringen. Hinweise darauf lieferten Obduktionen von Menschen, die an oder mit Covid-19 verstorben sind. Bei ihnen seien Viruspartikel in unterschiedlichen Geweben nachweisbar. „Darunter auch im Hirngewebe.“ Es gebe bestimmte Hirnregionen, die besonders häufig betroffen sind. „Nicht verwunderlich ist, dass das Riechhirn und der Riechkolben häufig betroffen sind“, erläutert der Neurologe. „Auch der sogenannte Hirnstamm, wo das Atemzentrum sitzt, ist häufig betroffen, aber auch andere Hirnregionen.“

Kein Behandlungsansatz für Post-Covid

An der Uniklinik Köln gibt es seit Februar eine spezielle Neuro-Covid-Sprechstunde. Dr. Clemens Warnke meldete sich freiwillig dafür, sie zu leiten. Auch er wolle herausfinden, was mit Patienten wie Lehmann los ist, wie er unserer Zeitung erzählt.

Warnke arbeitet deshalb eng mit den Internisten zusammen, denn in vielen Fällen ließen sich die Symptome der Patienten nicht klar entlang der Fachgrenzen zuordnen. „Die internistische infektiologische Post-Covid Ambulanz weist uns die Patienten zu, wenn sie zum Beispiel aufgrund von Fatigue oder subjektiven Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen nicht mehr arbeitsfähig sind. Das ist eine Gruppe, die wir am Anfang gar nicht so sehr auf dem Schirm hatten, die jetzt aber natürlich immer weiter anwächst und um die man sich noch stärker kümmern muss.“

Auch Lehmann ist seit Mitte Januar krankgeschrieben. Der Teammanager bei einem Reiseveranstalter hatte sich erst im März 2020 nach Berlin versetzen lassen, „das war immer meine Traumstadt“, sagt er. Anfang Juni versuchte er eine Wiedereingliederung. „Es ist zwar nicht so, dass es mir besser geht, aber ich möchte einfach versuchen, wieder einen kleinen Alltag zu haben, wieder das Gefühl haben, gebraucht zu werden.“

Anderthalb Tage im Büro hat er durchgehalten. „Einfach nur meine E-Mails zu sortieren – allein das konnte ich schon nicht. Auch auf den Bildschirm zu schauen, hat mich total überanstrengt.“ Wenn er sich überlaste, reagiere sein Körper sofort: „Es passieren dann so komische Sachen, wie dass der Hals total steif wird und die Nervenschmerzen zunehmen, und man weiß einfach nicht, was mit seinem Körper los ist.“ Die Wiedereingliederung in seinen Beruf musste Lehmann wieder abbrechen. „Mein Geist will so gerne, ich möchte so gerne wieder mein normales Leben haben, aber mein Körper will nicht.“

Für Betroffene wie Lehmann ist das oft ein Grund zur Verzweiflung. Denn einen ausgereiften Behandlungsansatz für Post-Covid gibt es gegenwärtig nicht. Die neuartige, häufig diffus verlaufende Krankheit stellt nicht nur die Patienten selber, sondern auch Neurologen weltweit vor Rätsel. In seiner Sprechstunde macht  Clemens Warnke zunächst die Anamnese: „„Wir hören dem Patienten sorgfältig zu, anschließend machen wir eine neurologische Untersuchung. Dabei geht es auch ganz klar darum, nicht etwas ganz anderes zu übersehen. Wie etwa eine Parkinson-Erkrankung oder eine Multiple Sklerose.“ Denn teilweise entwickelten Patienten kurz nach einer Covid-Infektion weitere Krankheitssymptome. „Für den Arzt, aber auch für den Patienten, ist es teilweise dann gar nicht so einfach herauszufinden, ob das jetzt etwas mit Covid zu tun hat oder nicht. Oft haben diese Zweiterkrankungen aber nichts mit Covid zu tun“, betont Warnke.

Mögliche Folgeerkrankungen wie Demenzen

Dennoch  ist es nach Einschätzung  von  Experten nicht ausgeschlossen, dass Covid-19 das Risiko für mögliche Folgeerkankungen erhöht. Da sei zum Beispiel die Sorge vor einem erhöhten Demenzrisiko nach durchgemachter Covid-Erkrankung. Auch das Risiko eines Parkinsonismus könne womöglich erhöht sein. Das sei bereits bei früheren Pandemien beobachtet worden, sagt Neurologe Berlit. Beispielsweise bei der Spanischen Grippe.

Long Covid Deutschland Selbsthilfegruppe

Die Informationsplattform LongCovidDeutschland.org versammelt Infomaterial, Kontaktmöglichkeiten und Selbsthilfeangebote für Betroffene. 

Über die Website können Erkrankte oder Interessierte beispielsweise eine Liste der Post-Covid-Ambulanzen in Deutschland finden, einen Überblick über aktuelle Studien und Forschungsprojekte zu dem Krankheitsbild und eine Übersicht über Selbsthilfegruppen, die durch die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) erstellt und regelmäßig aktualisiert wird. 

Auch online können Betroffene in den Austausch miteinander treten, etwa über geschlossene Facebook-Gruppen.

Betroffene, Interessierte, Politiker und Unternehmen können sich auch direkt an info@longcoviddeutschland.org wenden, um Kontakt aufzunehmen. (rel)

„Wir wissen, dass das Coronavirus eine Neurotropie zeigt, das heißt, dass es an ganz bestimmte Nervenzellen andocken kann, und theoretisch ist es in der Tat denkbar, dass das Risiko erhöht ist.“ Solche Spätmanifestationen zeigten sich jedoch erst fünf bis zehn Jahre nach dem Infekt. „Das werden wir also frühestens etwa 2025 richtig einschätzen können.“

Bis Betroffene wie Lehmann in eine spezielle Post- oder Neuro-Covid-Sprechstunde finden, ist es häufig ein langer Weg. Der 28-Jährige hat online durch eine Selbsthilfegruppe Unterstützung bekommen: Long Covid Deutschland vernetzt Betroffene im ganzen Land miteinander. Dort können sie Erfahrungen und Tipps austauschen. Besonders belastet habe ihn, dass er sich von vielen Ärzten mit seinen Symptomen überhaupt nicht ernst genommen gefühlt habe, sagt Lehmann. „Die Ärzte schieben das oft psychisch ab, aber ich war vorher ein komplett gesunder Mensch, ich hatte psychisch nie irgendwelche Probleme.“

Die Gruppe habe ihm sehr geholfen, seine Problem besser zu verstehen und damit umzugehen. „Wenn ich in den Supermarkt gehe, bin ich total überfordert. Ich weiß dann zum Teil gar nicht mehr, was ich eigentlich kaufen wollte. Das macht mich total nervös, auch diese vielen Menschen und diese vielen Eindrücke. Das ist wie eine Reizüberflutung.“ Durch Tipps, wie sich nicht zu überanstrengen und viel Ruhe zu gönnen, könne er mittlerweile besser durch den Alltag kommen.

Hoffnungsschimmer durch Covid-Impfungen

Eine weitere entscheidende Unbekannte ist die Ursache der neurologischen Störungen, ausgelöst durch das Coronavirus. Erste Hypothesen gebe es aber schon, sagt Berlit:  „Ein möglicher Mechanismus ist die Virus-Persistenz, das bedeutet, dass das Virus sozusagen latent noch im Organismus vorhanden ist und zu einer Schädigung führt. Auch die Autoimmunantwort auf das Virus wird als Ursache diskutiert. Dass das Immunsystem also eine anhaltende Entzündungsreaktion zeigt. Eine Störung von Stoffwechselvorgängen aufgrund des Virusinfektes ist die dritte Theorie.“

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Trotz all der Unsicherheit gibt es seit kurzem einen kleinen Hoffnungsschimmer: die Impfungen. „Es gibt einzelne Patienten, die berichten, dass ihre Beschwerden besser geworden seien,  nachdem sie ihre Covid-Impfung bekommen haben“, berichtet Warnke. Und Berlit bestätigt: „Ja, das ist tatsächlich so. Das würde auch für die Theorie sprechen können, dass eine Virus-Persistenz bei Post-Covid eine Rolle spielt. Und die würde durch eine Booster-Impfung nach durchgemachtem Infekt positiv beeinflusst werden. Auch die Immunantwort wird durch so eine Impfung natürlich nochmal anders getriggert.“

Dennoch sei es zu früh, Post-Covid-Patienten unmittelbar nach Auftreten der Symptome zu impfen. Derzeit gilt die Empfehlung, erst sechs Monate nach der Genesung eine Impfung durchzuführen. „Wir wissen nicht, inwieweit eine zu früh durchgeführte Impfung zu Risiken führt“, betont der Neurologe. „Wenn man jetzt Patienten impfen würde, die drei bis vier Monate nach durchgemachter Erkrankung noch Symptome zeigen, könnte es natürlich sein, dass sich das positiv auswirkt, der Schuss könnte aber - ehrlich gesagt - auch nach hinten losgehen.“

Für Post-Covid-Patienten wie Jan Niklas Lehmann aber könnte sie ein erster Schritt auf ihrem langen Weg zurück ins Leben sein.

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