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MedizintalkWas Parkinson-Patienten über Ayurveda wissen müssen

7 min
ILLUSTRATION Gehirn

Ob Arm heben oder loslaufen: Das Gehirn steuert unsere Bewegungen. Bei Parkinson funktioniert das allerdings zunehmend schlechter. 

Dr. Sandra Szymanski leitet eine der wenigen Parkinson-Spezialabteilungen, die westliche Schulmedizin und traditionelle indische Heilkunde systematisch verbinden. Was das Patienten bringen kann.

Was ist Parkinson überhaupt – und warum reicht die klassische Erklärung nicht mehr aus?

Die Schulmedizin definiert Parkinson als chronisch fortschreitende, degenerative Erkrankung des Nervensystems, deren genaue Ursache bis heute ungeklärt bleibt. Im Zentrum steht der Untergang bestimmter Nervenzellen, die den Botenstoff Dopamin produzieren. „Parkinson ist keine einheitliche Erkrankung", sagt Dr. Sandra Szymanski beim Medizintalk dieser Zeitung. Zwar bildet die klassische Trias aus Bewegungsverlangsamung, Muskelsteifigkeit und Ruhetremor die klinische Grundlage der Diagnose – aber dahinter verbirgt sich ein breites Spektrum sehr individueller Verläufe. 

Heute weiß die Forschung: Parkinson beginnt nicht mit dem ersten Zittern. Lange bevor motorische Symptome auftreten, läuft eine prämotorische Phase ab – und davor sogar eine präklinische Phase, in der das zentrale Nervensystem bereits messbare Veränderungen zeigt, ohne dass der Betroffene etwas spürt. Wer früh unter Riechstörungen, Schlafproblemen oder Verstopfung litt und Jahre später die Parkinson-Diagnose erhielt, versteht rückblickend oft: Das waren die ersten Signale.

Was meinen Ärzte, wenn sie von „nicht-motorischen Symptomen" sprechen – und warum sind die so wichtig?

Nahezu alle Parkinson-Patienten entwickeln im Verlauf der Erkrankung nicht-motorische Symptome. Erhebungsstudien belegen: „Diese Symptome entscheiden maßgeblich über die empfundene Lebensqualität – oft stärker als die Bewegungsstörungen selbst“, sagt Szymanski. Auffällig werden kann das im vegetativen Nervensystem, etwa durch Blutdruckabfall, Völlegefühle, Verstopfung, das sogenannte „Salbengesicht" – eine ölige, glänzende Haut. Auftreten können laut Szymanski aber auch neuropsychiatrische Störungen wie Angst, Depression, kognitive Einschränkungen bis hin zur Demenz sowie in späteren Stadien Halluzinationen. Besonders bemerkenswert: „Ängstlich-depressive Zustände treten häufig bereits vor der motorischen Diagnose auf – oft ohne dass irgendjemand den Zusammenhang zu Parkinson ahnt.“ Viele Patienten berichten rückblickend auch von früheren Schmerzsyndromen, Schlafstörungen, Energieverlust, Tagesmüdigkeit, Sehstörungen und eben jenen Riechstörungen, die als besonders frühes Warnsignal gelten. „Die Kombination aus reduziertem Geruchssinn und bestimmten Schlafstörungen erhöht das statistische Risiko, später an Parkinson zu erkranken, erheblich.“

Dr. Sandra Szymanski

Dr. Sandra Szymanski von der Augusta-Universität in Hattingen bei der Veranstaltung in der Workstage des Kölner Stadt-Anzeiger.

Welche Rolle spielt der Darm?

Diese Frage habe die Forschung in den letzten Jahren grundlegend verändert, sagt Szymanski. „Es gibt eine wechselseitige Kommunikation zwischen Darm und Gehirn, an der unter anderem der Vagusnerv beteiligt ist.“ Der Neuropathologe Heiko Braak konnte zeigen, dass die für Parkinson typischen Eiweißablagerungen – das sogenannte Alpha-Synuclein – sehr früh sowohl im Darmnervensystem als auch im Riechsystem nachweisbar sind. Und diese Ablagerungen wandern offenbar aufsteigend ins Gehirn. „Nicht jede Parkinson-Erkrankung nimmt ihren Ursprung im Darm – aber sehr viele tun es.“ Kein Wunder also, dass viele Betroffene retrospektiv berichten, schon Jahre vor der motorischen Diagnose unter Magen-Darm-Beschwerden gelitten zu haben.

Entscheidend ist außerdem das Mikrobiom – die Gesamtheit der Bakterien im Darm. In Mausmodellen ließ sich Parkinson durch Stuhltransplantation übertragen, erzählt Szymanski: Sterile Mäuse, denen das Darm-Mikrobiom von erkrankten Tieren eingepflanzt wurde, entwickelten parkinsonähnliche Symptome.

Szymanskis Abteilung konnte 2020 in einer Studie belegen, dass Parkinson-Patienten eine klar veränderte Mikrobiom-Zusammensetzung aufweisen – und dass ayurvedische Ernährungskonzepte kombiniert mit gezielten Darmbehandlungen diese Zusammensetzung messbar in Richtung gesünderer Vielfalt verschieben und entzündungsfördernde Bakterien reduzieren. „Parallel verbesserten sich motorische Symptome. Und ein Jahr nach der Behandlung benötigten die Patienten im Schnitt weniger Parkinson-Medikamente als unbehandelte Vergleichspersonen.“

Was leistet die konventionelle Medizin – und wo stößt sie an ihre Grenzen?

Die schulmedizinische Therapie zielt vor allem darauf ab, den Dopaminmangel auszugleichen. Ergänzend kommen Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie zum Einsatz – sowie, mit wachsendem Verständnis nicht-motorischer Symptome, Antidepressiva und Antidementiva.

Die Grenzen liegen auf der Hand: „Das System ist symptomorientiert. Es behandelt vor allem die Motorik. Riechstörungen beispielsweise kann man schulmedizinisch nicht therapeutisch beeinflussen.“ Ähnliches gelte für viele nicht-motorische Beschwerden. Hinzu komme: In fortgeschrittenen Stadien treten Wirkungsschwankungen auf. „Patienten erleben ‚End-of-Dose-Phänomene‘ – die Medikamentenwirkung lässt vor der nächsten Dosis spürbar nach – oder unwillkürliche Überbewegungen, die sich mit Phasen der Starre abwechseln.“

Georg Haag auf der Bühne des Kölner Stadt-Anzeiger mit Moderatorin Claudia Lehnen

Auch der ehemalige Intendant des Kölner Theaters am Bauturm lebt mit Parkinson. Er beschreibt die Krankheit als ungebetenen Gast. „Ich bin ein gastfreundlicher Mensch. Also habe ich auch Parkinson reingebeten. Aber ich habe die Erkrankung in ein hinteres Zimmer verbannt und versuche mich nicht allzu sehr um sie zu kümmern. Schließlich habe ich sie nicht eingeladen.“

Was ist Ayurveda – und ist das nicht einfach Wellness?

Ayurveda bedeutet wörtlich „Wissen vom Leben" und gilt als ältestes Medizinsystem der Welt. Körper, Geist und Seele werden als gleichwertige, untrennbar verbundene Einheiten gesehen. Gesundheit ist demnach kein Zustand der bloßen Beschwerdefreiheit, sondern ein aktives Gleichgewicht. Krankheit entsteht, wenn dieses Gleichgewicht kippt.

Im Zentrum steht das sogenannte Tri-Dosha-Konzept: Drei Bioenergien – Vata, Pitta und Kapha – steuern alle Lebensprozesse. Vata verkörpert das Bewegungsprinzip, Pitta den Stoffwechsel und die Verdauung, Kapha die Struktur und Stabilität. Bei jedem Menschen sind diese drei Kräfte individuell ausgeprägt und im Krankheitsfall aus individuellen Gründen ins Ungleichgewicht geraten – das erklärt, warum dieselbe Erkrankung bei verschiedenen Menschen so unterschiedlich verlaufen kann.

Für Parkinson ist Vata zentral: Eine gestörte Vata-Energie gilt in der ayurvedischen Lehre als Kernproblem der Erkrankung, erklärt Szymanski. „In ayurvedischen Schriften, die 2000 bis 3000 Jahre alt sind, lassen sich bereits Symptombeschreibungen finden, die der modernen Parkinson-Diagnose entsprechen – und das System unterscheidet dabei schon 42 verschiedene Symptomkombinationen und Subtypen. Eine Erkenntnis, zu der die westliche Neurologie erst jetzt vordringt.“

Wie sieht die integrierte Behandlung konkret aus – und was kostet sie?

Szymanksis Abteilung bettet die Ayurveda-Medizin in die neurologische Parkinson-Komplexbehandlung ein – einen stationären Aufenthalt von etwa zweieinhalb Wochen, der für gesetzlich und privat Versicherte gleichermaßen eine Kassenleistung ist. Durch die Integration entstehen keinerlei Zusatzkosten.

Das multiprofessionelle Team umfasst sowohl schulmedizinische als auch ayurvedische Ärzte aus Indien, die mehrmals pro Woche gemeinsam Visite machen. Während des Klinikaufenthalts werde die schulmedizinische Medikation optimiert. „Parallel verordnen die ayurvedischen Ärzte individuell ausgewählte Pflanzenpräparate – geprüft nach deutschen toxikologischen Standards, bezogen über die Zentralapotheke, auf Pestizidbelastung und Schwermetallrückstände getestet.“ Das Ernährungskonzept ist überwiegend vegetarisch und warm, weil leichter verdaulich – ohne dass Patienten anschließend dauerhaft Vegetarier werden oder gar indisch kochen müssten. „Es geht um Prinzipien: Drei warme Mahlzeiten täglich, die Hauptmahlzeit mittags, kein schweres Essen kurz vor dem Schlafen“, sagt Szymanski.

Die äußeren Therapien umfassen verschiedene Massageformen mit medizinierten Ölen, Gussbehandlungen mit Öl oder Milch, intensive Kopfbehandlungen zur Vata-Regulation sowie die sogenannte Marma-Therapie, eine Art Akupressurbehandlung. Die Sitzungen dauern bis zu einer Dreiviertelstunde und wirken nach Patientenberichten tief entspannend, aber eben auch gewebestimulierend und entgiftend.

Besonders bedeutsam sind die Panchakarma-Entgiftungsbehandlungen: mildes Abführen, gezielte Darmeinläufe mit warmen Ölen in verschiedenen Volumina und die Nasya-Therapie, eine Nasenöl- und Kopfbehandlung. Genau diese Kombination aus Nasenöl und Darmbehandlung verbesserte in einer Studie der Abteilung nachweislich die Riechfunktion von Parkinson-Patienten.

Was können Betroffene selbst tun – und wie nachhaltig wirkt die Behandlung?

Das ist die Frage, die Szymanski am häufigsten hört: „Ich nehme die Medikamente, ich gehe zur Physio – aber was kann ich noch tun?"

Viel, antworte Szymanski dann. Schließlich handle es sich bei Ernährung und Lebensstil inklusive regelmäßiger Bewegung im Ayurveda um keine Randthemen. „Aus ayurvedischer Sicht regulieren Vata-ausgleichende Nahrungsmittel – tendenziell feucht, warm und geschmacklich süß, sauer, salzig – die gestörte Bioenergie. Scharfe, bittere, herbe Speisen verstärken Vata und sind ungünstig.“

Yoga und Meditation spielen in der Ayurveda-Therapie laut Szymanski ebenfalls eine tragende Rolle – nicht nur für Beweglichkeit, sondern für Achtsamkeit, Stressreduktion und mentale Fokussierung. Eine aktuelle Pilotstudie der Abteilung zeige: Parkinson-Patienten, die zusätzlich zur Logopädie Pranayama-Atemübungen aus der Yoga-Therapie praktizieren, erzielen deutlich bessere Ergebnisse bei Sprach- und Stimmstörungen als rein logopädisch behandelte Patienten. Niemand müsse sein Leben komplett umstellen: „Schon das konsequente Abstellen besonders ungünstiger Gewohnheiten macht einen messbaren Unterschied."

Die Abteilung beobachtet laut Szymanski, dass Patienten durch diesen kombinierten Ansatz ein wichtiges Gut zurückgewinnen: das Gefühl von Selbstwirksamkeit über die eigene Erkrankung und Lebensqualität. Verdauungsprobleme bessern sich oft bereits während des Aufenthalts. Manche Patienten brauchen nach dem Kurs kein Abführmittel mehr. Und einige konnten – unter ärztlicher Begleitung – ihre Parkinsonmedikationsdosis langfristig reduzieren.


Zur Person: Dr. Sandra Szymanski ist Neurologin und Leiterin einer Parkinson-Spezialabteilung, die seit 17 Jahren westliche Schulmedizin und Ayurveda-Medizin integriert. Die Abteilung ist von der Deutschen Parkinson Vereinigung zertifiziert und unterhält Forschungskooperationen mit staatlichen Ayurveda-Universitäten in Indien sowie mit Institutionen der indischen Regierung.

Sandra Szymanski

Dr. Sandra Szymanski leitet die Parkinson-Spezialabteilung in Hattingen.