Übersäuert, macht dick, schädigt ZähneWasser mit Kohlensäure soll ungesünder sein als ohne – 3 Mythen im Check

Lesezeit 5 Minuten
Sprudelwasser wird aus einer Flasche in ein Glas geschüttet.

Sprudelwasser werden einige schlechte Eigenschaften nachgesagt. Zurecht?

Unsere Autorin liebt Wasser mit Kohlensäure. Leider soll das aber  ungesünder sein als stilles Wasser. Ein Faktencheck.

Ich muss es direkt zu Anfang dieses Textes sagen: Ich bin ein großer Fan von Kohlensäure. Ich trinke Sprudelwasser nicht Medium, sondern klassisch mit viel Blubber. Im Sodastreamer zu Hause muss ich ständig die Kartusche wechseln, weil ich jedes Mal so lange draufdrücke, bis das Gerät pupst. Die Gerüchte, dass Sprudelwasser ungesünder sein soll als stilles Wasser, lösten sich bisher in den Bläschen meines Wasserglases auf. So ein Quatsch!

Bis ich diesen Sommer mehrere Wochen in Skandinavien verbrachte, wo das Sprudelwasser im Supermarkt teuer ist und man stilles Leitungswasser trinkt. Was auch ich dann tat. Und siehe da – nach ein oder zwei Wochen fühlte sich mein Bauch ein bisschen besser an als sonst. Ruhiger irgendwie. Das leichte Unwohlsein, das sich sonst oft nach dem Essen einstellte, blieb aus. Und ein bisschen schlanker fühlte ich mich auch. Und da blubberte der Gedanke in meinem Kopf auf: Ist Wasser mit Kohlensäure vielleicht doch ungesund?

Im Netz kursieren verschiedene Mythen

Zeit für eine Internetrecherche. Dort kursieren drei Mythen. Erstens: Sprudelwasser übersäuere den Körper. Zweitens: Sprudelwasser mache dick. Drittens: Sprudelwasser greife mit seiner Säure den Zahnschmelz an. Herrje, an Punkt drei hatte ich noch gar nicht gedacht. Doch, was stimmt denn nun? Nichts davon. Das sagt zumindest Astrid Donalies von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Denn eigentlich ist vor allem die Begrifflichkeit irreführend: Was wir gemeinhin als Kohlensäure im Wasser bezeichnen, ist in den allermeisten Fällen Kohlenstoffdioxid.

Mit einem Sodastreamer kann man zu Hause Kohlensäure ins Wasser pumpen.

Ist praktisch und schont die Umwelt: Sprudelwasser kann man auch einfach selbst zu Hause machen.

Dafür müssen wir einen kurzen chemischen Exkurs machen: Kohlensäure (H2CO3) ist eine sehr instabile Säure. Sie entsteht für kurze Zeit, wenn sich Wasser (H2O) mit Kohlenstoffdioxid (CO2) verbindet. Und sie zerfällt an der Luft ebenso rasch wieder zu Kohlenstoffdioxid und Wasser. Beim Öffnen der Flasche entweicht ein Teil der Kohlensäure zischend – und zwar schon in Form von CO2, der übrige Teil zerfällt im Magen. Entweder, indem man aufstoßen muss oder Abbauprodukte über den Verdauungstrakt ins Blut gelangen und dann über die Lunge wieder abgeatmet werden.

Mythos 1: Sprudelwasser übersäuert den Körper

Was stimmt ist, dass Sprudelwasser einen etwas geringeren pH-Wert (ungefähr 5,5) hat als stilles Wasser (etwa 7). Vergessen darf man dabei jedoch nicht, dass der Säuregehalt im Magen bei einem pH-Wert zwischen 1 und 4 liegt. „Die Stoffwechselprozesse sind sehr komplex. Fakt ist aber, dass der Körper den pH-Wert sehr gut abpuffern kann. Sprudelwasser kann nicht dazu führen, dass wir übersäuern“, beruhigt die Ernährungswissenschaftlerin. Mythos eins stimmt also schon mal nicht.

Hinweisen wollen wir an dieser Stelle jedoch darauf, dass zu viel Sprudelwasser für Menschen, die bereits unter Reflux leiden, problematisch sein könnte. Bei einem Reflux ist der Schließmuskel zwischen Magen und Speiseröhre schwach, sodass Magensäure leicht in die Speiseröhre gelangen und dort für Probleme sorgen kann. Wenn man nun durch den hohen Konsum von Sprudelwasser aufstoßen muss, könnte das die Probleme verstärken.

Mythos 2: Sprudelwasser macht dick

Wie steht es um das Thema dick machen? „Von Sprudelwasser kann man nicht zunehmen, denn es enthält – genau wie stilles Wasser – keine Kalorien“, sagt Astrid Donalies. Die Gerüchte ums Gewicht entstanden durch eine Studie aus dem Jahr 2017 mit Ratten. Demnach könne das Kohlenstoffdioxid im Magen den Spiegel des appetitsteigernden Hormons Ghrelin erhöhen. Fakt ist, dass das System, das den Appetit reguliert, komplex ist, und es bisher keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse für den Menschen gibt.

Sy,mbolbild: Vier Wasserflaschen liegen auf dem Boden.

Wer viel Wasser trinkt, kann die Verdauung anregen.

Astrid Donalies weist in dem Kontext darauf hin, dass Sprudelwasser die Verdauung sogar sanft anregen könne. Und: „Ausreichendes Trinken ist generell wichtig für die Verdauung. Es gibt Hinweise darauf, dass Sprudelwasser die Speichelproduktion fördert, die Durchblutung in den Schleimhäuten des Magens leicht stimuliert, ihn dehnt und somit zu einer schnelleren Entleerung führt. Auch der Darm kann durch kohlensäurehaltiges Wasser stimuliert werden.“ Doch sie sagt auch: „Bei Menschen mit einem empfindlichen Magen kann das Sprudelwasser dazu führen, dass es schneller zu einem Völlegefühl kommt, vor allem wenn man gut gegessen hat.“ Bleibt festzuhalten: Mythos zwei stimmt wohl auch nicht.

Mythos 3: Sprudelwasser schadet den Zähnen

Und die Zähne? Tatsächlich können Säuren die harte Schutzschicht der Zähne angreifen. Bereits vor 20 Jahren hatten Forschende der Universität Birmingham gezogene Zähne in verschiedene Flüssigkeiten eingelegt und verglichen, inwieweit diese den Zahnschmelz angriffen. Ergebnis: In sprudeligem Wasser zeigte sich tatsächlich ein leichter Abbau, in stillem Wasser nicht. Eine andere Studie kam 2017 zu einem ähnlichen Ergebnis. Allerdings wurde alles nur im Labor getestet. Astrid Donalies beruhigt indes: „Da Kohlensäure so instabil ist, hat sie keine Auswirkungen auf die Zähne.“ Denn da sie ja so schnell zerfällt, ist es vor allem Kohlenstoffdioxid, das mit den Zähnen in Berührung kommt – und das auch nur für sehr kurze Zeit.

Anders sieht es bei Zitronenlimonade aus – hier ist allerdings die Säure der Zitrone das Problem, nicht die Kohlensäure. Vor allem, wenn die Getränke zusätzlich noch Zucker enthalten wie Softdrinks, dann ist das Risiko, dass der Zahnschmelz angegriffen wird, um ein Vielfaches erhöht. Deswegen empfehlen Zahnärzte und Zahnärztinnen ja auch, nach dem Verzehr von säurehaltigen Getränken (dazu zählt übrigens auch der völlig unsprudelige O-Saft) eine halbe Stunde mit dem Zähneputzen zu warten. Mythos drei ist also auch mehr oder weniger entkräftet.

Letztlich, sagt Astrid Donalies, sei es eine Geschmacksfrage, ob man stilles oder sprudeliges Wasser bevorzuge. „Wichtig ist vor allem, ausreichend Wasser zu trinken.“ Nun, warum fühlte ich mich dann nach dem Verzehr von stillem Wasser wohler? Astrid Donalies: „Je nach Region – oder Getränkemarke – hat das Wasser auch eine etwas andere Mineralstoffzusammensetzung.“ Vielleicht sagte mir die Zusammensetzung des Wassers in Skandinavien einfach eher zu. Vielleicht waren es aber auch nur die entspannten Urlaubs-Vibes, die meinen Magen beruhigt haben. Ich werde mein kleines persönliches Experiment auf jeden Fall fortführen und auch hier in Köln öfter mal stilles Wasser trinken.

Nachtmodus
KStA abonnieren