Achim Miebach begleitet ehrenamtlich sterbende Menschen im Johannes Hospiz Oberberg und zu Hause. Der frühere Ingenieur erzählt, weshalb im Hospiz oft mehr Heiterkeit herrscht, als viele vermuten.
Hospiz die letzte StationVom Ingenieur zum Hospizhelfer – warum Achim Miebach diese Aufgabe erdet

Achim Miebach begleitet als ehrenamtlicher Hospizhelfer sterbende Menschen im Hospiz und in ihrem Zuhause.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Achim Miebach: „,Das Leben fängt an, wenn man den Tod vor Augen hat.‘ Ich mag diesen Spruch sehr, weil ich genau das in meiner Arbeit spüre. Aus der Auseinandersetzung mit dem Tod kann man Lebensfreude generieren. Es gibt dem Leben eine ganz neue Intensität.
Ich war eigentlich Ingenieur, genau wie Reinhard Simon. Vor vier Jahren ging ich mit 58 Jahren in den Vorruhestand, einen Tag später begann ich meine Ausbildung zum ehrenamtlichen Hospizhelfer. Als Ingenieur habe ich die Arbeit mit Menschen vermisst und ich wusste: Mit dem Tod habe ich keine Berührungsängste. Vielleicht, weil ich meine Eltern beim Sterben begleitet habe. Als mein Vater starb, war ich dabei. Er ging friedvoll. Natürlich gab es vorher eine Zeit des Kampfes und Aufbeugens. Aber der Moment des Sterbens war friedvoll. Vorher war auch bei mir der Tod mit Angst belegt. Diese Angst ist nicht weg, aber sie hat einen anderen Rahmen bekommen. Sie hat an Intensität verloren.
Die Arbeit im Hospiz ist tatsächlich mit viel Heiterkeit verbunden. Oft bin ich baff von der Lebensfreude im Raum. Wir hatten mal einen Gast, der hatte richtig starke Probleme mit der Atmung. Atemnot ist ja angstbesetzt, das führt zu Panik und wird sofort mit dem Sterben in Verbindung gebracht. Und trotzdem: Als er mir von seinem Leben erzählte, sagte er: Ich bin zufrieden.
Die Gespräche, die ich hier mit Patienten führe, sind sehr intensiv und reflektiert. Was sterbenden Menschen besonders nahegeht, sind ungeklärte Konflikte in der Familie. Wenn da etwas im Argen ist, wenn etwas unausgesprochen im Raum steht, kann das sehr drängend sein und sie daran hindern, gelassen zu gehen. Ansonsten ist dieser Prozess von der ersten Konfrontation mit dem eigenen Tod hin bis zur Akzeptanz ist höchst individuell. Manchen hilft es auch, die Ungerechtigkeit anfangs herauszuschreien, um sie später zu akzeptieren.
„Sieht man den Tod nicht, füllt man dieses Thema mit Schreckensbildern“
Meine Aufgabe im Johannes Hospiz Oberberg ist simpel: Ich verschenke meine Zeit. Wie sie gefüllt wird, entscheidet der Gast. Wir können draußen spazieren gehen, Mensch-ärgere-dich-nicht spielen, im Garten sitzen oder einfach nur reden. Manche schlafen einfach im Aufenthaltsraum, und ich halte Wache, falls sie etwas brauchen. Wenn ich das Hospiz verlasse, kann ich meist gut abschalten. Nur manchmal hallen Situationen lange im Kopf nach. Zum Beispiel, wenn ein Gast überraschend früh gestorben ist.
Der Tod ist überwiegend kein Thema im Alltag. Da ist eine Barriere vor, die den Tod vom regulären Leben ausschließt. Darin sehe ich ein Problem: Sieht man den Tod nicht, füllt man dieses Thema mit Schreckensbildern vom Dahinsiechen. Das kann sich nur ändern, wenn man mehr über den Tod spricht. Damit der Schrecken davor gar nicht so hochkommt.
Ich bin alle zwei Wochen einen Tag im Hospiz, dazu begleite ich einen sterbenden Menschen in seinem Zuhause. Beides mache ich, weil ich etwas Gutes tun möchte: für andere, aber auch für mich. Nach einem Arbeitstag im Hospiz fühle ich mich sehr geerdet. Noch ein Spruch: ‚Jeder Mensch hat zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn man erkennt, dass man nur eines hat.‘“
Zur Person: Achim Miebach, 62 Jahre alt, begann vor vier Jahren eine Ausbildung zum Hospizhelfer. Die ehrenamtliche Arbeit erde ihn, sagt der ehemalige Ingenieur. Zuvor hatte er seine Eltern beim Sterben begleitet.
