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Hospiz – die letzte StationSchwester Christina begleitet Obdachlose beim Sterben

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Eine Frau in schwarzer Nonnenkleidung steht in einer Kirche.

Schwester Christina Klein in der alten Franziskanerkirche, wo heute die kirchlichen Obdachlosenseelsorge „Gubbio“ ist.

Schwester Christina Klein ist Franziskanerin, Wohnungslosen-Seelsorgerin und Mitgründerin einer Stiftung, die sterbende Obdachlose begleitet. Dieses Protokoll ist Teil der Serie „Hospiz – die letzte Station“. 

Schwester Christina Klein: „Die Frau sprach mich am Hauptbahnhof an. ‚Ich verrecke bald‘, sagte sie. Der Mobile Medizinische Dienst hatte mir von einer Obdachlosen erzählt, Ende 30, krebskrank, Hospizbedarf. Das ist sie, dachte ich.

Ich sagte ihr, dass wir einen Ort für sie haben, wo sie leben kann, wenn es ihr schlechter geht. Erst lehnte sie ab. Sie wolle auf der Straße bleiben, sagt sie, bei ihren Freunden, die sie mit Cannabis und Schmerztabletten versorgten. Über die Wochen traf ich sie öfter. Mal fragte sie nach einem Schlafsack, mal nach einem Zelt. Ich brachte ihr beides und die Frau fasste Vertrauen. ‚Nächste Woche gehe ich ins Hospiz‘, sagte sie schließlich. Es ging ihr sehr schlecht. Die Schmerzen wurden schlimmer, sie schaffte weder das Flaschensammeln noch die Körperpflege – darauf hatte sie immer Wert gelegt. Eine Woche später fuhr ich sie ins St. Hedwig Hospiz in Rondorf.

Am Anfang war sie völlig überfordert. Von ihrem Zimmer mit Bad, aber auch von der Freundlichkeit. Die stellvertretende Hospizleiterin hatte versucht, ihr die Hand zu geben. Kurz vor ihrem Tod besuchte ich sie im Hospiz. Wir saßen draußen, sie rauchte einen Joint und erzählte. Von ihren ersten Lebensjahren in Polen, von ihrem Elternhaus, aus dem sie als Jugendliche weglief, von dem Mann, mit dem sie jahrelang zusammenlebte. Sie hatte kein eigenes Einkommen, keine Absicherung, sie stand noch nicht einmal im Mietvertrag. Als der Mann an Krebs starb, landete sie auf der Straße.

Durch das Hospiz kam sie an ihrem Lebensende zurück in der Gesellschaft an. Einer Besucherin schenkte sie ihr Armband, das sie jahrelang getragen hatte. Wir versuchten, ihre letzten Wünsche zu erfüllen: schicke Klamotten mit Glitzer, Nagellack, ein gutes Parfum. Nach zwei Monaten starb sie.

„Manche sagen: Gott hat mich verlassen. Ich kann das nachvollziehen“

Obdachlose Menschen werden selten alt. Viele sterben mit Ende 40, manche werden 60, eine hohe Lebenserwartung hat niemand. Werden sie operiert, funktioniert die gesamte Nachsorge nicht. Sie verpassen Arzttermine, und Wunden entzünden sich auf der Straße schnell. Ich bin seit 2019 Obdachlosen-Seelsorgerin und habe oft mitbekommen, wie Menschen draußen sterben. Manche kommen todkrank ins Krankenhaus, werden entlassen und liegen dann wieder auf der Straße. Bei einem Teammeeting sagte ich: Es muss doch einen Ort geben, wo diese Menschen in Würde sterben können. Philipp Wittmann, Leiter der Abteilung Diakonische Pastoral, war davon sehr betroffen. Gemeinsam mit seiner Frau Kirsten Lange-Wittmann gründeten wir 2023 die ‚Pace e Bene-Stiftung‘, auf Deutsch ‚Frie­den und Heil‘. Wir begleiten obdachlose Menschen am Ende ihres Lebens, sammeln Spenden und zahlen davon Hospizplätze. Das Projekt ist deutschlandweit einzigartig.

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Meine Aufgabe ist aufsuchend: Ich weise Obdachlose auf unser Hospiz-Angebot hin. Viele kenne ich durch Gubbio, die katholische Obdachlosenseelsorge. Wir empfangen Obdachlose in unserer Kirche, geben Essen aus, laden zu Bibelkreisen ein und feiern Gottesdienste. Oft bekomme ich Hinweise auf schwerstkranke Gäste vom Mobilen Medizinischen Dienst. Mein Glaube hilft mir bei der Arbeit sehr; Ich kann vieles an Gott abgeben. Tagsüber nehme ich mir kurze Auszeiten, dann gehe ich ein paar Minuten in eine Kirche, spreche mit Kollegen. Oder ich gehe einfach am Rhein spazieren.

Sterbebegleitung von Obdachlosen unterscheidet sich nicht groß von anderen Menschen. Niemand sagt: Halleluja, ich gehe ins Hospiz. Die meisten wollen zuhause sterben. Das gilt auch für Menschen, die auf der Straße leben. Sie gehen erst, wenn das Hospiz alternativlos ist, manchmal selbst dann nicht. Im letzten Winter übernachtete ein Paar regelmäßig in unserer Kirche, beide obdachlos, beide schwerst krank. Der mobile medizinische Dienst schätzte ihre Lebenserwartung auf ein halbes Jahr. „Auf keinen Fall Hospiz“, sagten sie. Zuerst verstarb der Mann, vorgestern die Frau. Wir haben immer wieder Angebote gemacht, vielleicht hätten sie es irgendwann angenommen, aber der Tod kam schneller. Die Ohnmacht gehört zu unserem Job dazu.

Für viele Sterbende ist die Versöhnung wichtig, der Kontakt zur Familie. Wir hatten einen Gast, der Fotos seiner Töchter herumtrug. Habseligkeiten auf der Straße sind meist dreckig, aber diese Fotos waren blitzblank. Die hat er gepflegt. Später, im Hospiz, hatte er wieder Kontakt zu seinen Töchtern. Die Fotos hängte er an seine Wand.

Wenn ich sterbende Menschen treffe, reden sie oft vom Tod, von ihrem Leben und über die Lebensunfälle, nach denen sie obdachlos wurden. Manche haben enge Angehörige oder das eigene Kind verloren. Andere wurden missbraucht, an Zuhälter verkauft, wuchsen im Heim auf oder mit drogensüchtigen Eltern. Sucht, Kriegstrauma, psychische Erkrankungen spielen eine große Rolle.

Viele sprechen mich auf Gott an. Einmal besuchte ich einen Gast im Krankenhaus, Anfang 60, Krebs im Endstadium. ‚Ich freue mich auf den Himmel‘, sagte er. Dieser tiefe Glaube hat mich sehr beeindruckt. Ich weiß nicht, ob ich in seiner Situation dieselbe Gelassenheit hätte. Vielleicht würde ich mehr hadern. Andere reagieren mit Wut. ‚Gott hat mich verlassen‘, sagen sie. Oder: ‚Fick dich, Gott.‘ Ich kann das nachvollziehen. An ihrer Stelle würde ich ähnlich reagieren. Es ist nicht meine Aufgabe, ihren Glauben wiederherzustellen. Sie dürfen Gott ruhig anbrüllen und ihre Wut rausschreien. Die Psalme in der Heiligen Schrift sind voll von solchen Klageliedern.

Wenn Obdachlose in Köln sterben, fragen wir bei der zuständigen Behörde nach dem Leichnam. Findet sie keine Angehörigen, bestatten wir den Menschen auf dem Südfriedhof, auf dem Gräberfeld für Obdachlose. Dann trommeln wir unsere Gäste zusammen und machen eine richtige Beerdigung, durch die Weihbischof Ansgar Puff mit einem Messdiener führt. Auf dem Urnenfeld liegen heute 300 Obdachlose. Ihre Namen sind auf einer Tafel verzeichnet. So können ihre Freunde und Angehörigen sie besuchen, wann sie möchten.“


Zur Person: Schwester Christina Klein, 65 Jahre alt, trat 1981 den Franziskanerinnen von Olpe bei. Seit 2019 ist sie als Wohnungslosen-Seelsorgerin in der Kölner Innenstadt tätig und ist Mitgründerin der „Pace e Bene-Stiftung“, die Obdachlose an ihrem Lebensende begleitet.