Mit seinem radikalen Einsatz für Benachteiligte hat es der Kölner Priester Franz Meurer zu bundesweiter Bekanntheit gebracht. Eine Würdigung.
Franz MeurerKölns glaubwürdigster Geistlicher geht in den Ruhestand

Pfarrer Franz Meurer
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Man mag es nicht glauben und muss es hoffentlich nicht wörtlich nehmen: Kölns wohl bekanntester Geistlicher geht in den Ruhestand. Am 30. August wird Pfarrer Franz Meurer mit einer Messe in St. Theodor verabschiedet, einen Monat beendet der 75-Jährige seinen aktiven Dienst und zieht in ein Kalker Seniorenheim.
Mit Meurer verliert das Erzbistum Köln sein wichtigstes liberales Aushängeschild, Kritiker würden formulieren: sein Feigenblatt. Denn Meurer, dieser schmächtige, scharfzüngige Mann, durfte im konservativen Kölner Kirchenbezirk so frei schweben wie niemand sonst: Das Bistum ließ ihn gewähren (und monierte höchstens, ohne ihn zu schassen), dass Meurer Kondomautomaten an der Kirchenmauer befestigte und Antibabypillen verteilte, dass er Spenden sammelte für die Moschee in Ehrenfeld, dass er Religion als brandgefährlich bezeichnete, Obdachlosen riet, auch mal zu lügen und sich lustig machte über den Glauben an die Jungfrauengeburt.
Kardinal Rainer Woelki, der Meurer seit Kindertagen kennt, machte den Höhenberger Sozialpfarrer im Jahr 2018 beim „Pastoralen Zukunftsweg“ zum Verantwortlichen für den Bereich Vertrauensaufbau, womit er seltenes Geschick bewies: Glaubwürdiger als Meurer, der im Viertel Halterungen für Hundekotbeutel anbringt, Klamotten aus der Kleiderkammer trägt, als charismatischer Fundraiser Millionen für seine Gemeinde und sein Viertel einsammelt und Vertrauen als „Risikokapital“ bezeichnet, glaubwürdiger ist im Erzbistum Köln wohl niemand.
Franz Meurer, aufgewachsen in der Bruder-Klaus-Siedlung in Mülheim, von 1978 bis 1982 Kaplan in St. Agnes und seit 1992 Pfarrer in Vingst/Höhenberg, hat über Jahrzehnte ein Beispiel dafür gegeben, wie Kirche im 21. Jahrhundert relevant bleiben kann: nicht durch Rückzug und noch striktere Regeln, sondern durch gelebte Nächstenliebe, Vertrauen in Menschen, durch Arbeit und Solidarität im Alltag.
Eine Würdigung in elf von Meurers Geboten und Selbstbeschreibungen:
1. Ich bin zwanghaft und hysterisch
Das sagte Meurer selbst über sich in einem Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vor vier Jahren. Zwanghaft sei er, weil fleißig, pünktlich und „möglichst immer für alle da“, hysterisch, weil „extrem schnell begeistert und immer von 0 auf 100“.
Marianne Arndt, die als Gemeindereferentin seit zehn Jahren mit Meurer arbeitet, formuliert es so: „Franz Meurer ist immer offen für neue Wege und gibt den Menschen sehr viel Freiheit und Vertrauen. Andererseits kann er auch viel fordern und ein Kontrolletti sein.“ Seine zwanghaften Züge, so analysierte Meurer sich im Gespräch mit dieser Zeitung selbst, geböten den hysterischen Einhalt, wenn er mal wieder zu viele Projekte auf einmal anpacken wollte. Die hysterischen Züge wiederum sorgten dafür, „dass ich nicht den ganzen Tag nur schreibe und lese und über alles Bescheid wissen will“.
Auf mehr Bücher und weniger Projekte freue er sich durchaus, sagt Meurer. Zumal er dazu angehalten ist, sich zu schonen: Nach einem Herzinfarkt habe er „nur noch 26 Prozent Pumpleistung“. Er wird aber Ende September nicht komplett von der Bildfläche verschwinden: Seinem Herzensprojekt Höviland, das eine eigene Stiftung hat, wird er verbunden bleiben. Er wird also lesen, schreiben – und sich weiter einmischen.
2. Et ... et – sowohl als auch
Meurer verbindet mit Vorliebe vermeintliche Gegensätze: Er ist für die Armen und Bedürftigen da und spannt dafür die Reichen und Superreichen ein. Er ist belesen und redet einfach. Er glaubt, dass jeder etwas glaubt, aber keiner alles – und dass „die Jungfrauengeburt Quatsch ist“. Glaube und Vernunft, Dogma und Offenheit, konservativ und progressiv, schwierig und schön sind für ihn keine Widersprüche – im Gegenteil.
Sowohl als auch: Dazu passt, dass Meurer seit 1968 Mitglied der CDU ist, aber immer wieder für Kandidatinnen und Kandidatinnen anderer Parteien geworben hat, wenn die ihm mehr zugesagt haben. Er unterstützt die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim und „ist von seiner Herangehensweise basisdemokratisch und urkommunistisch“, wie sein Bruder Peter sagt. Aber er ist eben auch konservativer Christ und rheinischer Kapitalist.
Meurer hat Kardinal Woelki für seinen Umgang mit den Missbrauchsfällen im Erzbistum immer wieder kritisiert, hält ihn aber im Kern für „eine ehrliche Haut“. Meurer steht für die Ökumene und das Miteinander aller Kulturen, ist „lieber fördernd als dagegen“. Nur, was den Zölibat angeht, hat Meurer das „et ... et“ nach eigenen Worten nie gelebt: Ein Doppelleben hätte ihn kaputt gemacht, hat er dieser Zeitung mal erzählt. „Als ich mich entschieden hatte, war die Sache klar: Das machst du zu 100 Prozent.“ Mit einer Freundin aus Studienzeiten hat er trotzdem bis heute Kontakt – sie schreiben sich Briefe. Also doch auch hier irgendwie et und et. Das gilt freilich nicht für strenge, hierarchische Vorschriften: Wenn er nur gesagt bekomme, was er zu tun habe, ohne nachvollziehbare Begründung, „mache ich lieber das Gegenteil“.
3. Die Menschen sind nicht für die Kirche da, sondern die Kirche für die Menschen
Ein Leitsatz von Meurers Arbeit. Als Pfarrer der wirtschaftlich benachteiligten Gemeinde Vingst/Höhenberg sah er es als seine Aufgabe an, jedem und jeder das Gefühl zu geben, wichtig zu sein. Fast 600 Menschen aus der Gemeinde haben einen Schlüssel für die beiden Kirchen. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“, lautete einer seine Lieblingssätze, von denen es viele sehr einprägsame gibt.
Im biblischen Sinne verstand sich Meurer als „einfacher und bescheidener Arbeiter im Weinberg des Herrn“, der seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen tat – und sich selbst nicht allzu wichtig nahm, auch wenn seine pointierten Sprüche gelegentlich anders tönten. Damit Arbeit etwas bewirkt, müssten Geschichten erzählt werden, die jeder versteht – und die nicht nur seicht dahinplätschern: Auch das wusste Meurer genau und erzählte pointierte Geschichten, die Journalisten dann sehr gern weitererzählten.
4. Jeder Beitrag zählt
Meurer ist ein Meister darin, jeden Menschen mit seinen Kompetenzen für die Gemeinschaft einzuspannen. Studentinnen und Studenten geben Nachhilfe, Musikunterricht und helfen bei der Ferienfreizeit Höviland – im Gegenzug können sie umsonst wohnen. Hartz-IV-Empfänger organisieren die Essensausgabe. Ein Mann, der lange in der Forensik war, bepflanzt Blumenbeete. Ein Milliardär spendet, weil er von Meurers Gemeinschaft begeistert ist, große Summen, eine Mittelständlerin mittlere, ein Rentner kleine.
Wer für Meurers Gemeinde arbeitet oder ihn interviewt, bekommt „erstmal was zwischen die Kiemen“. Für 30 Freunde und Bekannte sammelt er Zeitungsartikel. Wenn er eine Idee für einen Zeitungsartikel hat, schreibt er eine Postkarte oder einen Brief. Ein Handy besitzt er nämlich nicht. Unzähligek kleine Zeichen der Wertschätzung haben ihm geholfen, ein Netzwerk weit über Höhenberg und Köln hinaus zu spinnen.
5. Nix es esu schläch, dat et nit für jet jot es
Ein weiteres von Meurers Lebensmottos ist eng verbunden mit seiner Überzeugung, dass „die Wahrheit symphonisch“ sei und man Menschen nie in Kategorien von Schwarz und Weiß, Gut und Böse trennen sollte, sondern dass jeder Mensch alles in sich trägt. Jede Situation, jedes Ding, jede Erfahrung könne den Menschen weiterbringen und neue Räume öffnen, glaubt Meurer. In Selbstmitleid zu versinken oder die Schuld bei anderen zu suchen, ist ihm daher fremd. Das zeigte sich zum Beispiel nach seinem Herzinfarkt, dessen Folgen ihn körperlich stark einschränkten. Ein paar Wochen später radelte er deutlich langsamer durch sein Viertel und sagte: „Schneller müssen jetzt die anderen machen. Ist doch gut, oder?“
6. Der Weg der Kirche ist der Mensch
Diesen Satz von Papst Johannes Paul I., der 1978 nach 33 Tagen im Amt starb, hat Meurer immer sehr wörtlich genommen. Für den Höhenberger Pfarrer bedeutete das: „Das normale Leben ist der Weg zu Gott.“ Diese Normalität, die sich nicht nur im Gemeindeleben und sehr anschaulichen Predigten zeigte, sondern auch in seinem rheinischen Singsang und seinen Sprüchen, verschaffte Meurer eine Glaubwürdigkeit, um die ihn viele Manager beneiden. „Wir Christen müssen nur normal sein. Also nicht kompliziert sein, nicht hinterlistig sein, nicht hinterfotzig sein“, sagte Meurer in einem Interview. Er war es nie. Und auch das schaffen nur wenige.
7. Ora et labora
Beten und Arbeiten, Gott und die Welt sind für Meurer eine Einheit. Damit „der Laden läuft“, hat der Pfarrer immer sehr viel gearbeitet. Meistens lief es dann „wie die Eieruhr“. Und dafür, dass das Leben lief und einfach da war mit all seinen Möglichkeiten, hat der Pfarrer Gott und seiner Schöpfung gern und oft betend gedankt. Damit eng verwandt ist ein anderes von Meurers Lebensprinzipien:
8. Wer es macht, hat Macht
Wer Dinge tut und nicht nur davon träumt, fühlt sich auch dann selbstwirksam, wenn etwas (oder vieles) nicht funktioniert. Mit dieser Überzeugung hat Meurer in Vingst/Höhenberg eine Gemeinschaft mitgeschaffen, die der Armut trotzt und Chancen schafft. Dabei entscheidend ist seine Vorstellung, dass Demokratie sich vor Ort entscheidet: in der Gemeinde, in der Nachbarschaft, zu Hause am Frühstückstisch, im Büro. Dort etwas zu tun, sich zu engagieren, seine Meinung zu sagen, für seine Vorstellungen einzustehen und neue Perspektiven zu erkennen – das sei wichtiger, als das Weltgeschehen zu verstehen. „Der Keks wird hier gegessen“, sagt er.
In seiner Pfarrei sind mehr als 25 Gruppen aktiv, jede Gruppe sei „ihr eigenes Profitcenter. Keine Gruppe macht es so, wie ich es machen würde.“ Und das sei auch gut so. Die Kirche retten, das wolle er auch. „Aber von unten.“ Unkompliziert. Jeder kann dabei sein. Prinzip: Mach doch eenfach mit, stell dich nit esu aan!
Einfach selbst machen, anpacken, das hat Meurer schon als Kaplan in St. Agnes getan: Die Gitter an den Kryptafenstern hat er selbst geschweißt. Beim Brand in der Kirche 1980 drang der damalige Pfarrer Manfred Lürken darauf, die konsekrierten Hostien, das Allerheiligste, aus dem Tabernakel zu holen. Meurers Einwand, der Heiland sei am sichersten Ort in der Kirche, nämlich in einem Tresor, ließ Lürken nicht gelten. So erinnert sich Pastoralreferent Peter Otten, einer der engsten Weggefährten Meurers. „Also ist Franz in die brennende Kirche und hat das Allerheiligste aus dem Tresor geholt.“
Meurers Abschied, sagt Otten, sei für ihn „eine Zeitenwende. Die Art, wie er Kirche gelebt und gedacht hat ist einmalig und bleibt nötig, gerade angesichts des frommen Gedöns, was sich das Erzbistum gerade einfallen lässt“.
9. Vielfalt ist die Voraussetzung von Gemeinschaft
Dass eine Kirche im eigentlichen Sinne die Vielfalt des Lebens nicht nur akzeptiert, sondern super findet, ist für Meurer logisch – und biblisch begründet. „Wir sind schließlich alle Geschöpfe Gottes.“ Da seien Hautfarbe oder Herkunft, Größe oder Aussehen völlig egal, das gelte übrigens auch für Tiere und Pflanzen. Weil jeder Mensch Gottes Ebenbild sei, sei Vielfalt ein Ausdruck der Schöpfung Gottes – und die Voraussetzung für funktionierende Gemeinschaften. Um Vielfalt auch in der Amtskirche zu erreichen, ließ Meurer seine Gemeindereferentin in der heiligen Messe predigen und setzte sich für die Segnung homosexueller Paare in der Kirche ein. Ob neben Christen auch Muslime, Juden oder Atheisten in die Gemeinde kämen, sei ihm „völlig egal“.
10. Gott hat den Menschen aus freiem Willen erschaffen, damit dieser an seinem glückseligen Leben teilhabe
Der (leicht gekürzte) erste Satz aus dem Prolog des „Katechismus der katholischen Kirche“ bedeutet für Meurer eine große Lebenserleichterung: Wir sollen Freude haben - „Spaß“, würde Meurer sagen – an unserem irdischen Dasein und uns keine Sorgen machen. Als Antwort auf die Frage, warum wir überhaupt hier sind und allzu oft denken, wir liefen irre im Hamsterrad, reiche das doch völlig aus, meint der Pfarrer: Sei dankbar und erfreue dich deines Lebens!
11. Sterben ist scheiße. Hat meine Mutter gesagt. Und das stimmt
Auch das hat Meurer dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vor einigen Jahren in einem Interview gesagt. Angst habe er vor allem davor, dahinzusiechen, bettlägerig zu werden, nichts mehr tun zu können. Mit dem Tod könne er dagegen gut leben: „Ich habe ja viel gemacht, und irgendwann sind andere dran.“ Er gehe davon aus, dass nach dem Leben auf der Erde noch etwas komme. Zum einen, weil „im Kreislauf der Natur nichts verloren geht“. Zum anderen. weil alles, was auf Dauer bleibt, schon im Leben vorkomme. Verbundenheit und Teilhabe zum Beispiel. „Ich glaube, das setzt sich fort.“
