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KI im SprechzimmerWenn der Roboter mithört – Ortsbesuch bei einer Psychotherapeutin

8 min
Kinderpsychotherapeutin Dr. Ewa Cionek-Szpak nutzt die KI von Doctolib als Sprechstundenhilfe

Kinderpsychotherapeutin Dr. Ewa Cionek-Szpak nutzt die KI von Doctolib.

Eine Kinder- und Jugendpsychiaterin lässt in ihrer Sprechstunde eine KI zuhören. Sie dokumentiert, sortiert und spart Zeit. Doch gerade bei Kindergesprächen zeigt die Technik noch deutliche Grenzen.

Im Sprechzimmer von Ewa Cionek-Szpak sitzen Stofftiere: ein Leopard auf der Stehlampe, ein Oktopus vor den Vorhängen, ein Erdmännchen auf einem der Sessel. „Wenn Kinder zu Beginn Angst haben, lasse ich sie die Tiere suchen. Das lenkt ab und lockert den Gesprächsrahmen “, sagt Cionek-Szpak. Die Gespräche, die sie führt, sind selten leicht. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Seit mehr als zwanzig Jahren übt sie ihren Beruf aus, lange Zeit in Kliniken, zuletzt zehn Jahre als Chefärztin. Vor einem halben Jahr hat Cionek-Szpak eine Praxis in Ratingen eröffnet. Sie ist dort allein, das Büro dient zugleich als Sprechzimmer. Bei den Gesprächen hört auch eine KI mit.

Die Software läuft auf ihrem PC, nimmt das Gesagte auf, transkribiert und erstellt eine Zusammenfassung. Bereitgestellt wird sie von Doctolib. Eine Firma, die bislang bekannt für Online-Terminbuchungen ist, jetzt mit dem Anspruch, im Bereich KI voranzugehen. Die Software übernimmt den Teil des Jobs, der die Psychotherapeutin wertvolle Zeit kostet: das Mitschreiben und die Dokumentation des Gesprächs.

03.02.2026, Ratingen  Foto: Charlotte Groß-Hohnacker
Kinderpsychotherapeutin Dr. Ewa Cionek-Szpak nutzt die KI von Doctolib als Sprechstundenhilfe

Kinderpsychotherapeutin Dr. Ewa Cionek-Szpak nutzt die KI von Doctolib. Die hört bei den Gesprächen an dem runden Tisch mit.

Fünf bis sechs Patientinnen und Patienten behandelt Ewa Cionek-Szpak am Tag, meist über eine Stunde. „Ich habe früher viel diktiert, aber wir mussten damals oft lange auf die Transkripte warten. Und ich schreibe nicht schnell“, sagt sie. 

KI ist im deutschen Gesundheitswesen angekommen. Laut einer aktuellen Studie von Bitkom und Hartmannbund vom Mai 2025 setzt bereits jede siebte Arztpraxis KI-Systeme ein. Zwölf Prozent der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte nutzen künstliche Intelligenz zur Diagnoseunterstützung. Doctolib, das in Deutschland Hunderttausende Patienten und Tausende Praxen vernetzt, lancierte im November 2025 eine vollintegrierte KI-Praxissoftware. Aber auch andere Anbieter sind präsent, manche Ärzte geraten auf ihrer Suche bis nach Australien, wo „Heidi“ Gesprächstranskription und Arztbrieferstellung in Echtzeit verspricht.

Der Markt wächst, der Druck auch: McKinsey beziffert das Digitalisierungspotenzial im deutschen Gesundheitswesen auf 42 Milliarden Euro. Wohin die Reise geht, ist politisch längst entschieden – auch wenn die Details noch nicht festgezurrt sind: Das Bundesgesundheitsministerium treibt die digitale Transformation des Versorgungssystems voran; die Umstellung des Finanzierungssystems ist für 2027 bis 2028 vorgesehen. Für KI-gestützte Medizinprodukte gilt bereits seit 2024 die EU AI Act-Regulierung, die Hochrisiko-Anwendungen – also etwa KI in der Diagnostik – einer strengen Konformitätsbewertung unterwirft. Eines ist klar: Wer 2028 noch ohne digitale Unterstützung arbeitet, wird nicht nur langsamer sein als die Konkurrenz – er wird womöglich auch gegen regulatorische Anforderungen verstoßen.

Seit Anfang Februar können Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen die Doctolib-Dokumentation nutzen. Das Unternehmen verweist auf steigende Dokumentationsanforderungen und zunehmenden Personalmangel. In einer Pressemitteilung heißt es, eine rund 2,5‑minütige Dokumentation dauere mit KI nur noch etwa 30 Sekunden. Das entspreche einer Zeitersparnis von bis zu 80 Prozent. Neben der KI für Sprechstunden bietet Doctolib einen Telefon- und einen Abrechnungsassistenten an. Patienten sprechen beim Anrufen zunächst mit der KI, die auch Termine vergibt. Erst ein Rückruf führt dann zu einer echten Person. Der Sprechstundenassistent zeichnet auf, transkribiert und erstellt mithilfe von KI eine strukturierte, medizinische Zusammenfassung für den Arzt, die dieser ergänzen kann, sagt eine Doctolib-Sprecherin. 

Für Cionek-Szpak ist die Entlastung durch die Dokumentation entscheidend: „Ich kann mich besser auf die Kinder und Jugendlichen konzentrieren und auf das, was zwischen ihnen und den Eltern passiert.“

„Dann können wir uns viel besser unterhalten“

Vor der Nutzung holt sie ein schriftliches Einverständnis ein, bei Minderjährigen von den Eltern, ab 14 Jahren auch von den Jugendlichen selbst. Geben sie ihr Einverständnis nicht, schreibt sie von Hand mit. Das sei aber im vergangenen halben Jahr nur einmal passiert. Die meisten ihrer Patienten seien der Technik gegenüber aufgeschlossen. Was mit ihren Daten passiere? Erscheint zweitrangig.

Im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ simuliert sie ein Erstgespräch: Laura, elf Jahre, kommt wegen Schlafproblemen. Jedes Gespräch beginne sie ähnlich: „Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich auf meinem Rechner einen Sprachassistenten starte?“ Bis die KI eine Zusammenfassung erstellt hat, dauert es einen Moment. Darin steht: Besuchsgrund, Anamnese, Krankheitsverlauf und Therapie/Prozedere. Beim Besuchsgrund listete die KI „Einschlafstörung, Schlafstörung, Antriebsstörung und verminderte Energie“ auf. Die letzten beiden streicht Cionek-Szpak wieder. Sie passen nicht zu 100 Prozent zum Gesprächsverlauf. Die Psychotherapeutin prüft die Zusammenfassung. Dafür hat sie 48 Stunden Zeit. Erst nach einer Bestätigung wird sie in der Cloud gespeichert. Ohne Bestätigung löscht sie sich selbst. Diagnosen erstellt die KI nicht, die muss die Therapeutin selbst eintragen.

Technik in den Startlöchern

Andres Hald verantwortet beim Health-Tech-Start-up Heidi die Expansion im deutschsprachigen Raum. Das aus Australien stammende Unternehmen bietet einen KI-basierten medizinischen Schreibassistenten mit Versorgungsplattform an, der Ärztinnen und Ärzte im Alltag entlasten soll. Hald begrüßt die Strategie von EU und Bundesgesundheitsministerium: Sie trage dazu bei, die Seriosität und Dringlichkeit des Themas zu verdeutlichen und nicht zuletzt Vertrauen zu schaffen und zu informieren. „Als wir im vergangenen Jahr in Deutschland gestartet sind, war vielen gar nicht bewusst, was heute schon möglich ist.“

Erik Bodendieck ist Co-Vorsitzender des Ausschusses „Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung“ der Bundesärztekammer. Er sieht nicht nur Potenzial in der Dokumentation, sondern auch in der Patientenversorgung und im Monitoring: „Die Technik ist da. Sie steht in den Startlöchern.“ Als Beispiel führt er das Monitoring von Patienten mit Herzschwäche an. KI kommt bereits heute zudem in der Radiologie zur Optimierung der Bildqualität, Verkürzung der Aufnahmezeit und Bilddatenanalyse zum Einsatz.

Ein großes Problem sieht Bodendieck in möglichen Halluzinationen der KI. „Sie schwindelt manchmal. Vor allem, wenn ich nicht genau filtere, welche Daten sie auswertet.“ Damit das nicht passiert, müsse transparent sein, wie Algorithmen Entscheidungen treffen. 

Gesundheitsdaten gehören nach der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) zu den besonders sensiblen personenbezogenen Daten. Für sie gilt ein entsprechend hohes Schutzniveau. Die Bundesärztekammer spricht in diesem Zusammenhang von einer „Risikoabwägung zwischen Datenschutz und Sicherheit auf dem Stand der Technik“. Doctolib stand bereits in der Kritik von Datenschützern. Damals jedoch wegen der Online-Terminvergabe, nicht wegen der Aufzeichnung kompletter Sprechstunden. Wenn eine Arztpraxis mit Doctolib zusammenarbeitet, wird das Unternehmen zum gesetzlich zugelassenen externen „Auftragsverarbeiter“. In dieser Rolle hätte Doctolib Zugriff auf die Daten aller Patienten der jeweiligen Praxis, unabhängig davon, ob sie einen Termin über Doctolib buchen, telefonisch anfragen oder persönlich vorbeikommen.

Bodendieck wünscht sich staatliche Leitplanken für den Umgang mit Gesundheitsdaten. KI biete zwar großen Nutzen, müsse dafür aber mit qualitativ hochwertigen, korrekten und konsistenten Daten trainiert werden. Deutschland brauche eine Forschungsinfrastruktur, die es unter klaren datenschutzrechtlichen und ethischen Bedingungen ermögliche, KI‑Modelle zu entwickeln und zu testen.

Wichtig sei zudem eine eindeutige Klärung der Haftung: Es müsse feststehen, wann der Hersteller und wann die Ärztin, der Arzt oder die medizinische Einrichtung für Fehler verantwortlich sind.

Die Daten von Doctolib werden in „für Gesundheitsdaten zertifizierten Zentren in der EU“ gespeichert, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. „Doctolib nimmt Datenschutz und -sicherheit sehr ernst und erfüllt hohe Standards nach deutschem Recht und DSGVO.“ Die Server stehen in Paris und Frankfurt, bleiben in der EU. Das Unternehmen betont, dass die Patientendaten unter Kontrolle der behandelnden Ärzte bleiben. Zur Weiterentwicklung der KI können Daten nur nach ausdrücklicher, separater Einwilligung sowohl der Praxis als auch des Patienten genutzt werden, sagt eine Sprecherin von Doctolib. Die Daten würden vor jeder weiteren Verarbeitung so unkenntlich gemacht, dass Personen nicht direkt identifizierbar seien. Ohne diese doppelte Einwilligung finde kein Training statt. 

Björn Schuller hat an der Technischen Universität München eine Professur für Medizinische Informatik inne. Er sieht die Sicherheitslücke für Patientendaten schon früher als die Cloud: Wenn Audiodaten oder Transkripte bis zu 48 Stunden auf dem Endgerät liegen, sei die größte Schwachstelle das lokale System der Praxis: Gerät, Benutzerkonto, Malware-Schutz und Netzwerksicherheit.

Auch die Pseudonymisierung der Daten reiche im medizinischen Kontext oft nicht aus. „Stimme, Sprechstil, seltene Krankheitsverläufe oder Kontextdetails können reidentifizierbar sein – gerade in kleinen Fachgebieten oder regionalen Versorgungskontexten“, sagt Schuller. Für Praxen, die Cloud-Anbieter für Gesundheitsdaten nutzen, empfiehlt Schuller, auf belastbare Zertifizierungen zu achten, und genau zu prüfen, ob deren Geltungsbereich wirklich die konkrete Plattform und ihre Unterauftragsverarbeiter umfasst. 

Effektivität und Datenschutz – in diesem Spannungsfeld bewegen sich viele Experten, wenn man mit ihnen über KI in Arztpraxen spricht. Florian Geissler vom Fraunhofer-Institut für Kognitive Systeme hält es für sinnvoll, generative KI in die Praxis zu bringen und sie direkt im Gespräch mitlaufen zu lassen. „Auf der anderen Seite sehe ich aber das Problem, dass man den Output von KI nur schwer absichern kann. Das ist immer ein Spannungsfeld.“

Und dann ist da ja immer noch die Fehlerfreiheit, die ein sensibles Gebiet wie die Humanmedizin im Idealfall bieten soll. Bei manchen Aufgaben biete die KI bereits gute Lösungen, sagt Geissler. Beim Extrahieren von Symptomen aus einem Gespräch beispielsweise. Der Übergang vom Bericht zur Diagnose sei anspruchsvoller, weil medizinisches Fachwissen und die Kenntnis der Patientengeschichte nötig seien. Am komplexesten sei der Schritt von der Diagnose zur Behandlung: Wechselwirkungen und individuelle Kontraindikationen machten Fehler hier besonders folgenreich. Menschliche Kontrolle hält Geissler deshalb für unabdingbar. 

Fachbereiche stellen Herausforderungen dar

Fehlerfrei arbeitet die KI bei Ewa Cionek-Szpak bisher nicht. Vor allem Kindergespräche seien oft schwer zu erfassen. „Kindliche Störungsbilder sind weicher als in der Erwachsenenpsychiatrie. Es geht häufig um diffuse Ängste. Zudem spreche ich mit Kindern anders.“ Sie verzichte auf Fachbegriffe und frage nicht direkt nach Symptomen. Im simulierten Gespräch erkundigte sie sich nach den Schulleistungen der Patientin und ihren Lieblingsfächern. Die KI stufte das als irrelevant ein und filterte es heraus.

Für Cionek-Szpak bleibt die KI vor allem ein Werkzeug, das Zeit verschafft. Einige Notizen macht sie weiterhin von Hand: Blicke, Dynamiken, Zwischentöne zwischen Kindern und Eltern. Alles Dinge, die relevant für die menschlichen Beziehungen sind und damit auch ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Alles Dinge, die die KI nicht erfasst. Noch nicht.