Mehr als einen ganzen Tag meines Lebens habe ich gespart. 25 Stunden, in denen ich nonstop gequalmt hätte – so viel Zeit ist innerhalb von 14 Tagen zusammen gekommen. Kaum vorstellbar, aber pro Tag habe ich – zusammen gerechnet – mehr als anderthalb Stunden damit verbracht, mich irgendwo draußen hinzustellen, mir eine Zigarette aus der Schachtel zu fischen und mir Nitrosamine, Benzypren, Polonium 210 und ungefähr zweihundert andere giftige chemische Verbindungen anzutun. Weil ich musste, weil ich konnte, weil ich es genossen habe.
Mittlerweile kann ich wieder mich selbst genießen. Auch wenn ich mich noch nicht wirklich mit einem Nichtraucher identifiziere, mich innerlich immer noch maximal als Nicht-mehr-Raucher bezeichnen würde – es ist ein angenehmes Gefühl, so allmählich der zu werden, der man vor dem Rauchbeginn mal war. Sich wiederzufinden. Ich verwandle mich vom rauchfressenden Zombie zurück in einen Martin. Anstatt alle paar Stunden triebgesteuert durch die Gänge der Redaktion bis zum nächsten Balkon zu schleichen, kann ich in aller Ruhe sitzen bleiben und weiter arbeiten. Das Verlangen, das mich sonst überfallartig und so oft aus den Gedanken riss, attackiert mich immer seltener.
Entspanntes Aufwachen
Und ähnlich der Rückverwandlung eines Zombies in einen Menschen verändert sich auch mein Körper immer mehr. Zum Beispiel ist es interessant, dass ich immer entspannter morgens aufwache. Haben die ersten Tage nach meinem Rauchstopp zum absoluten Gegenteil geführt, nämlich zu permanenter Schlaflosigkeit, scheint sich dieses Phänomen jetzt nach und nach umzukehren. Meine Theorie: Durch die abendlichen Rauchsessionen habe ich mich über die Jahre künstlich wach gehalten. Ich schlief erst relativ spät ein und wachte dafür umso schwerer auf. Eigentlich dachte ich bisher, dieses Phänomen wäre einfach Teil meines angeborenen Koala-Biorhythmus. Fehlanzeige. Auch mein Körper ist in der Lage, problemlos aufzuwachen, wenn er rauchfrei ist. Für mich ein neues Erlebnis.
Nüsse sind ein toller Rauchersatz
Auch mein Essverhalten hat sich geändert. Anstatt panisch in der fast leeren Schachtel nach der letzten Zigarette zu fischen, angle ich jetzt nach Hülsenfrüchten. Nüsse sind ein toller Rauchersatz: Allein das Ritual des Knackens, des genüsslichen Auspellens und des Zusammensammelns der essbaren Stücke kann mitunter minutenlang dauern – und lenkt perfekt von den letzten Zügen der Sucht ab. Generell hat knabbern, naschen und schmatzen mittlerweile einen großen Teils des Rauchersatzes übernommen. Ich koche mehr, mein Kühlschrank ist voller und mein Appetit größer. Und statt nach Qualm duftet es in meiner Wohnung nach Lasagne, Ratatouille und Hackbraten. Das ist eine weitere Annehmlichkeit des Rauchstopps – auch wenn ich dadurch gezwungen bin, mich mehr zu bewegen, will ich nicht die Körperform einer der Erdnüsse erreichen.
Doch ab und zu zeigt sich die Rauchlust dann doch – meistens abends nach einem langen und stressigen Arbeitstag. Das sind Abende, an denen es anstrengender erscheint, irgendwelche Ersatzmaßnahmen zu ergreifen als einfach eine Schachtel zu kaufen. Abende, an denen ich einfach anstatt fettiger Nüsse eine ordentliche Portion Tabak möchte. Zeit für zusätzliche Motivationsmaßnahmen: Jeder gesparte Euro wird ab jetzt in einen Ski-Urlaub investiert – hilft auch gegen die Nebenwirkungen der fettigen Nüsse.

