Ein Spruch allein stoppt kein Mobbing. Psychologin Elisabeth Raffauf erklärt in ihrem Buch „Kinder gegen Mobbing stark machen“, wie Erwachsene helfen können.
Interview„Wenn wir Kinder runtermachen, lernen sie wie man andere runtermacht“

Wenn Kinder sich verändern, still oder aggressiv werden oder plötzlich nicht mehr zur Schule gehen wollen, sollten Eltern nachfragen.
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Frau Raffauf, wie haben Sie sich auf dem Schulhof gefühlt, als Sie noch ein Kind waren?
Ich war eine Zeit lang sehr allein. Ich fand keinen Kontakt zu den anderen in meiner Klasse. Das war kein Mobbing, aber ich erinnere mich gut daran. Und ich erinnere mich auch an einen Aufenthalt im Schullandheim, bei dem wir ein Mädchen in unserem Zimmer geärgert haben. Ich war nicht federführend, aber ich war dabei.
Hat niemand eingegriffen?
Die Lehrerin hat das gar nicht mitbekommen. Zudem vertrat man damals eher die Meinung: Das passiert halt, das müssen die Kinder selbst klären. Die Lehrer haben das eher heruntergespielt.
Heute ist man ja im Gegenteil freigiebig mit dem Wort Mobbing. Wo enden Hänseleien, wo beginnt Mobbing?
Nicht jedes Ärgern, nicht jeder doofe Satz ist Mobbing. Auch, wenn auch das verletzen kann. Bei Mobbing kommen drei Merkmale zusammen: Es geschieht zielgerichtet, wiederholt und über einen längeren Zeitraum. Auch wenn wir heute mehr darüber sprechen, erkennen wir diese Fälle oft nicht. Einfach, weil viele Kinder nichts davon erzählen. Sie fürchten sich davor, dass es noch schlimmer werden könnte. Oder sie schämen sich und denken, sie seien selbst schuld. Dabei wird es schlimmer, wenn niemand etwas sagt und niemand eingreift.
Ihr Buch verspricht, Kinder stark zu machen. Wie kann das gelingen?
Vor allem müssen wir den Kindern vermitteln: Du hast keine Schuld. Niemand hat das Recht, dich herunterzumachen. Ich habe zuletzt mit einer Zwölfjährigen gesprochen, die am Ende sagte: „Das Beste, was du gesagt hast, ist, dass ich keine Schuld habe.“ Die Kinder müssen wissen, dass wir sie beschützen und sie nicht alleine sind. Das ist eigentlich das Wichtigste.
Woran merken Eltern, dass etwas nicht stimmt?
Oft verändert sich ein Kind: Es klagt über Bauchschmerzen, will nicht mehr zur Schule, zieht sich zurück. Oder es wird aggressiver. Vielleicht schläft es schlechter oder mag nicht mehr essen. Das sollten Eltern aufgreifen: „Ich merke, dass du morgens so oft nicht zur Schule willst. Was ist los?“
Das Kind erzählt von Demütigungen, die Mutter möchte sofort zum Telefon greifen. Was wäre besser?
Erst einmal zuhören statt senden. Nicht sofort kommentieren, nicht gleich einen Tipp raushauen. Das Kind hat die Situation so erlebt, und dieses Erleben beeinflusst sein Wohlbefinden. Also lassen wir es erzählen. Was war vorher, was nachher? Dann überlegen wir gemeinsam: Was brauchst du? Gibt es Kinder, mit denen du dich verbünden kannst? Kannst du selbst etwas sagen? Oder ist die Situation schon so weit fortgeschritten, dass das nicht mehr hilft? Dann müssen wir die Schule einbeziehen und um Unterstützung bitten.

Diplom-Psychologin Elisabeth Raffauf hat einen Anti-Mobbing-Ratgeber geschrieben. Sie arbeitet in Köln als Therapeutin.
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Was muss eine Lehrkraft tun, wenn ein Kind sich ihr anvertraut?
Sagen: „Gut, dass du kommst. Du bist hier richtig. Ich glaube dir.“ Dann nachfragen: Was ist passiert, wie lange geht das schon? Geht es um verbale Angriffe, um Erpressung oder körperliche Gewalt? Und natürlich muss man den Kindern, die mobben, unmissverständlich sagen: Das muss sofort aufhören. Andernfalls drohen klare Konsequenzen.
Das klingt gut. Tatsächlich wechseln aber oft die gemobbten Kinder die Schule. Warum müssen ausgerechnet sie gehen?
Das passiert eher, wenn das Geschehen nicht ernst genug genommen wird und die klare Ansage fehlt. Gegebenenfalls muss man die Kinder, die mobben, einzeln aus der Situation herausnehmen, vielleicht auch aus der Klasse, zumindest vorübergehend. Übrigens spreche ich ungern von „den Mobbern“. Das sind Kinder, die mobben. Sie haben auch andere Eigenschaften.
Warum ist Ihnen diese Unterscheidung wichtig?
Kinder, die andere heruntermachen, haben häufig selbst erlebt, dass Erwachsene oder Gleichaltrige sie herabsetzen. Ein Mädchen erzählte mir mal: Ich bin so klein gemacht worden, ich habe mir geschworen, das passiert mir nie wieder. Deshalb mache ich es jetzt selbst. Im Zweifel gehöre ich lieber zu denen, die mobben. Das ist ein Versuch, das Erlebte zu verarbeiten, der natürlich misslingt. Wenn wir Kinder runtermachen, lernen sie wie man andere runtermacht.
Können Schulen vorbeugen, bevor sich eine ganze Klasse gegen ein Kind stellt?
Sie sollten das Thema behandeln, bevor es einen schlimmen Vorfall gibt. Das Gegengift gegen Mobbing ist Mitgefühl: Wie fühlt sich ein Kind, dem das passiert? Zugleich müssen Kinder lernen, Worte für ihre Gefühle zu finden. Wer Wut oder Frust hat, braucht andere Wege, damit umzugehen, als andere kleinzumachen. Man kann sich an einem Boxball austoben, aber nicht an einem anderen Kind. Das hilft auch denen, die sonst womöglich anfangen würden zu mobben.
Und zu Hause?
Das Beste, was Erwachsene für ihre Kinder tun können, ist ihnen einen guten Umgang vorzuleben: Sagen wir zueinander oder auch über die Nachbarn „Die sind doof“ oder „Du kannst gar nichts“? Manchmal reicht schon ein abwertendes Augenverdrehen. Gleichzeitig dürfen Eltern Respekt einfordern, wenn ihr Kind sie beschimpft: „Wir können über alles reden, aber nicht so.“ Da muss man dann auch Grenzen setzen.
Was stärkt Kinder ganz praktisch? Reicht es, dem Kind zu sagen: „Du bist toll“?
Ihnen altersgerecht Aufgaben zutrauen: Du kannst schon allein zum Bäcker gehen. So erleben sie, dass sie etwas bewirken können. Und Freundschaften fördern, also Freunde immer zu Hause willkommen heißen. Im Zweifel hat das Kind dann jemanden, dem es erzählen kann, was passiert. Verhindern können wir Mobbing nicht immer. Manche werden angegriffen, weil sie jeden Tag etwas Neues anhaben, andere, weil sie immer das Gleiche tragen. Aber wir können dafür sorgen, dass sie nicht allein bleiben.
Elisabeth Raffauf ist Diplom- Psychologin. Sie arbeitet in Köln in freier Praxis, unter anderem mit Kita-Teams. 21 Jahre war sie an einer Erziehungsberatungsstelle. Sie leitet Fortbildungen zu den Themen „Pubertät“ und „Sexualerziehung“, unter anderem für die Kinderschutz-Zentren. Ihr Buch „Stark gegen Mobbing“ ist bei Fischer Sauerländer erschienen.

Der Ratgeber ist bei Fischer-Sauerländer erschienen.
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