Mit Familie auf WeltreiseWie vier Bonner loszogen, um Zeit füreinander zu haben

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Glückliche Tage in Neuseeland: „Wir waren mehr Familie geworden, als ich mir jemals hätte vorstellen können“, schreibt Wolf Küper.

Glückliche Tage in Neuseeland: „Wir waren mehr Familie geworden, als ich mir jemals hätte vorstellen können“, schreibt Wolf Küper.

Bonn – Mitten in den neuseeländischen Bergen kommt Wolf Küper mit dem Wohnmobil von der Straße ab, landet im Tiefschnee. Es dämmert, kein Geräusch außer gelegentlichen Windstößen, Schnee, so weit das Auge blicken kann.

Die Familie aus Bonn, Wolf Küper, seine Frau Vera, die Kinder Nina (4) und Simon (Mr. Simon, ein Jahr alt), muss auf Hilfe am nächsten Tag warten. Es ist der Punkt, an dem die Küpers am weitesten von Deutschland weg sind, ziemlich genau auf der anderen Seite der Erde. Mit bis zu drei Schichten Fleecejacken gewappnet liegen sie im Wohnmobil, Eisblumen am Fenster, die Nacht schluckt alles. Als ob man den Stecker zur übrigen Welt herausgezogen hätte. Und plötzlich:

Eine Stimme flüstert in der Dunkelheit: „Papa?“

„Ja!“

„Bist du da?“

„Ja.“

„Ich auch“.

„Das habe ich mir fast gedacht“, flüstere ich.

„Und Mama und Mr. Simon sind ja auch da.“

„Ja.“

„Jetzt ist es soo schön zuhausig, ne?“

(aus dem Buch „Eine Million Minuten“)

Wolf Küper ist zu diesem Zeitpunkt seit fast zwei Jahren mit seiner Familie unterwegs. Warum, was machen die vier in der tief verschneiten, friedlichen Einsamkeit Neuseelands? Das ist eine Geschichte, die alles andere als entspannt anfängt.

Nina lebt in ihrer eigenen Welt

Frage Nummer 5 eines psychologischen Standardtests: „Was ist nass und fällt vom Himmel? Der Psychologe schaut Nina an, die Vierjährige muss solche Fragen über sich ergehen lassen, um ihre kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten untersuchen zu lassen.

Die Antwort lässt auf sich warten. Wie üblich bei Nina. Mindestens zehn Sekunden dauert es eigentlich immer. Wer mit dem blonden Mädchen zu tun hat, braucht Zeit, viel Zeit. Eben auch, wenn sie denn über den richtigen Begriff für das Nasse vom Himmel nachsinnt.

„Ein Hund“ lautet schließlich die Antwort. Nina lebt in ihrer eigenen Welt. Natürlich müsse man durch einen Teppich oder ein Bällebad den Aufprall abfedern, gegebenenfalls auch noch das Fell trockenföhnen, damit der Hund nicht friert.

„Regen“ hätte es natürlich richtig heißen müssen. Aber was ist bei Nina schon „richtig“, was ist „normal“?

Wolf Küper, Tropenforscher, und seine Frau Vera – Biologie- und Chemielehrerin – stellen Ende 2005 fest, dass ihr Kind in den ersten Monaten kaum auf Ansprache reagiert, sich so gar nicht wie ein „ordentliches Baby“ verhält. „Das erste Jahr lag Nina nur auf dem Rücken“, erzählt Küper. Diagnose: Cerebrale Bewegungsstörung und eine ganze Reihe weiterer Dinge. Auf Deutsch: Verdacht auf Schwerbehinderung. Es gab eine Zeit, da wollte niemand – außer der Großmutter – darauf wetten, dass Nina irgendwann laufen oder sprechen können würde.

Doch immerhin: Nach 27 Monaten fängt Nina an zu laufen, hat allerdings Koordinationsstörungen, nach außen sichtbar vor allem am sogenannten Seemannsgang. Die Diagnose bedeutet das Ende der Karriere Wolf Küpers bei den Vereinten Nationen. Er hat als Gutachter blendend verdient, hielt vielbeachtete Vorträge zum Thema Klimawandel. „Ich musste mich von meinen Zukunftsplänen verabschieden, hatte Angst um Nina.“ Küper kündigt Ende März 2006, tauscht die Aussicht auf eine Top-Forscherstelle in Kapstadt zunächst gegen ein Referendariat an einem Gymnasium in Bonn-Plittersdorf. Erste Unterrichtsreihe: „Der Hamster – ein geeignetes Haustier?“

Die Befreiung eben aus dem Alltagskorsett

Das Ende der Karriere – auch davon handelt das Buch, mit dem Küper momentan durch Buchläden und TV-Talkshows tourt – bedeutet den Beginn einer Art Befreiung. „Eine Million Minuten“ – das sind 694 Tage oder zwei Jahre, die Küper mit seiner Familie auf Reise geht – weil Nina intervenierte, als der Papa an einem Abend mal wieder nur ein Zeitfenster von zehn Minuten zum Vorlesen hatte. Pflichtlektüre, ein Posten auf der alltäglichen, immer umfangreicheren To-do-Liste. Aber Nina nörgelt:

Zwei Arme zogen mich am Nacken. „Ach, Papa, ich wünschte, wir hätten morgen eine Million Minuten. Nur für die ganz schönen Sachen, weißt du?“

Der Erweckungsmoment, die Befreiung eben aus dem Alltagskorsett. Wolf Küper macht zunächst eine Vollbremsung, Zeit verändert sich zu einem Gewinn, lastet nicht mehr als Druck auf ihm – was man merkt, wenn man ihm gegenüber sitzt: ruhig, entspannt, er sieht fit aus, brauner Teint, Bart, die Haare so, dass er wohl morgens nach dem Aufstehen nur mal kurz mit den Fingern durchgehen muss, passt dann für den Spielplatz wie für den Konferenzsaal. „Mir ist eigentlich immer alles gelungen“, erzählt Küper. Der Karriere stand im Grunde nichts im Wege, bis, ja bis auf die langsame Nina, die so aus dem Takt lebt, ihn zum Umdenken bringt.

Zwei Jahre Thailand, Australien, Neuseeland

Diesen Prozess, diese Veränderung und ihre Folgen beschreibt das Buch. Vordergründig ein anregender Reisebericht über zwei Jahre Thailand, Australien, Neuseeland der Eltern mit Nina und dem Sohn Simon. Man kann das Buch lesen als Eltern-Kind-Geschichte, aber auch als ein politisches Statement. „Warum habe ich nie Zeit für meine Kinder, die im Bett sind, wenn ich nach Hause komme?“, fragt Küper im Gespräch mehr rhetorisch. „Hatte ich nicht selbst, ohne es zu merken, meine großen Träume längst stillschweigend in das Irgendwann verschoben?“ Ein wenig Hobbypsychologie: Er gibt seinen Kindern, was er bei seinen Eltern – Künstler, Musiker, immer unterwegs – vermisst hat: Zeit. Das ist eine noch andere Geschichte.

Das Anrührende an der Erzählung, an der Familie ist die selbstverständliche Hingabe, dieses bedingungslose allumfassende Abgleiten in die Welt der Kinder. Spiele am Strand. Wer schafft es, mit möglichst wenig Sprüngen eine Pfütze wasserfrei zu kriegen? Gewinn der Zeitlosigkeit: Ist eigentlich noch November? Ballast abwerfen: Die Familie verkauft in Bonn den gesamten Hausstand und macht sich mit dem erlaubten Maximalgewicht von 69 Kilogramm Gepäck auf die Reise.

Die Behinderung der Tochter eröffnet dem Vater die Chance zur Selbsterkenntnis. „Woran leidet Ihre Tochter denn?“, wird er gefragt. „An einer ausgeprägten Seelenruhe, an einer blühenden Fantasie, an Humor“, antwortet Küper und erinnert noch einmal an die Hunde-Episode beim Psychologen. „Das kollidiert mit einer Erwachsenenwelt, die sich chronisch zu ernst nimmt und wo es Lernziele gibt.“

„Keine Hastik!“

Der Vater ereifert sich: Seine Tochter werde überall die Letzte sein, ob beim Essen, beim Schuhanziehern, Schwimmen, Klettern, Lernen. „Wir sourcen aus: die Kinder, die Alten, die Kranken, weil sie nicht in unserem Tempo funktionieren. Aber die sind ja nicht lebensuntauglich, sondern nur langsam.“ Und wenn Nina merkt, wie ihr Vater vielleicht dann doch einmal ungeduldig wird, weil sie seit mehreren Minuten die Schuhe mit Klettverschluss nicht zukriegt, beruhigt sie ihn: „Keine Hastik!“

Und kein Missverständnis: Wenn Küper dies erzählt, doziert kein Missionar. Sein Leben, sein Buch sind ein Angebot, eine Anleitung zum Downshifting, wie es auf Neudeutsch heißt. Etwas für Leute, die Seelenruhe suchen.

„Ich empfinde es als eine Bereicherung, auf meine innere Uhr hören zu können.“ Wie der Supermarktbetreiber in Australien, den er am Strand traf. Er hatte schon kurz vor dem offiziellen Geschäftsschluss den Markt verlassen und ließ mit seinem Sohn Drachen steigen.

 Natürlich kommt dann die Frage aller Fragen, schon unzählige Male beantwortet: Wie finanziert man eine zweijährige Auszeit, wenn man nicht gerade über Millionen verfügt? Küper macht eine auf den ersten Blick etwas ungewöhnliche Rechnung auf: Da wären zum Beispiel die 35.000 Euro für einen neuen Passat, den er sich nie geleistet hat. „Das Erstaunen kommt durch eine gesellschaftliche Norm: Die Anschaffung eines Mittelklassewagens ist normal, die Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, ist nicht normal. Natürlich habe er einen Kredit aufgenommen. Was jeder für sich beantworten muss: Wofür?

Wir waren mehr Familie geworden

Vier Jahre liegt die Reise zurück, die Familie lebt wieder in Bonn. Nina geht auf eine weiterführende Inklusionsschule, in der es eine individuelle Betreuung gibt. „Auch deshalb leben wir gerne hier, weil so etwas hier möglich ist.“ Simon besucht die Grundschule, Vera hat eine Stelle als Lehrerin gefunden. Wolf Küper schreibt:

Wir hatten uns in einer Million Minuten verändert, jeder für sich und alle gemeinsam. Wir waren mehr Familie geworden, als ich mir jemals hätte vorstellen können.

Er hat nach der Reise als Lehrer und Lehrerfortbilder gearbeitet, und jetzt das Schreiben entdeckt. „Das würde ich gerne zum Beruf machen.“ Ob das klappt, nach dieser herzergreifenden Geschichte, die sogar ins Niederländische und Koreanische übersetzt wird?

Und seine Nina: „Ich würde ihr das mal gönnen, dass sie die Beste ist.“ Vor einiger Zeit sollte sie ein Referat über die Fledermaus halten. Am Freitag, aber sie wollte am Samstag, am „Tag der offenen Tür“. „Da sind mehr Leute da, und die klatschen dann sogar.“

An dem Tag, als Wolf Küper 43 Jahre alt wurde, schickte ihm der Verlag ein erstes druckfrisches Exemplar des Buches. Jahrelang hatte er auf diesen Moment gewartet, hatte an Formulierungen gefeilt. Er geht voller Freude zu seiner Tochter, die im Garten sitzt, und bedankt sich für eine Million Minuten.

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