- Der Maler Emil Nolde ist eine der Hauptfiguren in dem Film.
- Sie arbeitete mit ihrem Sohn Christian Schwochow, der die Regie geführt hat.
- Der Roman von Siegfried Lenz erschien im Jahr 1968.
Berlin – Wir treffen Heide Schwochow, um mit ihr über ihr Drehbuch für den Film „Deutschstunde“ zu sprechen. Wieder war dies eine Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Christian Schwochow, der die Regie geführt hat. Heide Schwochows Drehbuch beruht auf dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz, erschienen 1968, der eine seiner Hauptfiguren nach dem Maler Emil Nolde formte.
Wann haben Sie „Deutschstunde“ zum ersten Mal gelesen?
Heide Schwochow: Nicht in der Schule – es war in der DDR auch gar nicht Schulstoff. Ich habe es tatsächlich erst gelesen, als Christian es mir gegeben hat. Ob das jetzt sechs Jahre her ist? Ich kannte das Buch vorher jedenfalls nicht. Es ist an mir vorbeigegangen, stand bei uns auch nicht im Bücherregal.
Hat Ihr Sohn es Ihnen gegeben, weil es ihn als Filmstoff interessierte?
Er hat gesagt: Lies das mal. Ich könnte mir vorstellen, daraus was zu machen. Würde dich das interessieren?
Und wie haben Sie reagiert?
Das Buch hat mich sofort reingezogen, ich habe sofort eine Nähe gespürt. Ich komme von Rügen und kenne dieses norddeutsche Nicht-Aussprechen von Dingen, diese wortkarge Atmosphäre zwischen den Leuten. Und dann hat mich einfach die Geschichte eines Kindes interessiert, das zwischen den Erwachsenen zerrieben wird. Vor allem zwischen zwei Männern, dem Vater, der Polizist ist, und dem Patenonkel, dem der Polizist ein Malverbot zu überbringen hat.
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Es kommt zwischen ihnen zum unerbittlichen Krieg. Das hat etwas Archaisches, aber in diesem Archaischen auch etwas Modernes. Interessant finde ich auch, dass die gängigen Symbole der Zeit gar nicht vorkommen. Also keine SA, kein Bild von Adolf Hitler, keine Goebbels-Schnauze, also dieses Radio, an dem man Nachrichten hörte. Trotzdem ist der Krieg überall zu spüren, er wabert durch die Stuben, tobt sich aus in der Landschaft, sitzt in den Köpfen der Menschen. Aber er wird nicht erklärt. Und ich bin ja in einem Land aufgewachsen, in dem immer alles erklärt wurde, wenn auch nicht immer richtig. Dieses Nichterklären fand ich reizvoll.
Lenz hat das Buch in Hinblick auf die Nazi-Zeit geschrieben. Haben Sie denn darin auch einen aktuellen Bezug gesehen?
Ja. Der Polizist Jens Ole Jepsen hat nach dem Krieg seine Meinung ja nicht geändert. Das Gift des Nationalsozialismus wirkt weiter. Für mich ist dieses Zerriebenwerden eines Kindes zwischen zwei Prinzipien etwas, das als Trauma bleibt. Was wird aus einem solchen Kind? Es gibt immer noch autoritäre Strukturen, in denen Kinder aufwachsen. Ich habe etwas total Modernes darin gesehen.
Wie würden Sie denn diese beiden Prinzipien beschreiben?
Beide Männer erfüllen eine Pflicht. Bei dem einen, dem Polizisten, ist sie von außen auferlegt, er ist Befehlsempfänger, und bei dem anderen ist es die innere Mission, die Obsession zu malen. Nur das zählt. Wenn man genau hinguckt, achten sie beide nicht unbedingt auf die Menschen um sie herum. Das ist bei Nansen auch so. Ob das seine Frau Ditte ist oder der Junge – im Grunde sind sie marginal. Ich finde den Maler sehr ambivalent. Und er gefährdet ja auch den Jungen, wenn er ihm ein Bild gibt, das er für ihn verstecken soll. Ich habe das im Drehbuch verstärkt.
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Aber einmal gefährdet der Maler auch sich selbst, nämlich wenn er den Deserteur Klaas bei sich aufnimmt, oder?
Aber der Impuls kommt von Ditte. Ditte verkämpft sich. Und das ist bewusst gemacht. Ich glaube, den Film muss man zwei- oder dreimal sehen, um das zu entdecken. Denn das passiert immer nur durch Blicke.
Ditte „verkämpft“ sich – was heißt das denn?
Ditte ist eine sehr dünnhäutige Frau, die ihren Mann über alles liebt und alles tut, um ihn zu schützen. Sie hat ihren Beruf für ihn aufgegeben und kann es überhaupt nicht ertragen, als seine Bilder abgeholt werden. Sie springt auf den Laster, holt die Bilder wieder runter, packt sie ein. Sie muss trinken. Aber sie benutzt Siggi auch, in dem sie etwa sagt: „Kümmer dich um Max.“
Sein Vater missbraucht ihn, indem er ihn als Spitzel einsetzt und dadurch in einen Zwiespalt stürzt.
Und meint, dadurch wird er ein brauchbarer Mensch. Brauchbare Menschen müssen sich fügen, sagt er einmal zu ihm. Und egal, was der Junge macht: Es kann eigentlich immer nur falsch sein. Wenn er sich für den einen einsetzt, dann verrät er den anderen. Das ist so ein wahnsinniger Konflikt. Das scheint zunächst klein, ist aber etwas Riesengroßes.
Im Buch geht es eher um den von den beiden Männern repräsentierten Gegensatz von Staatsmacht und Freiheit. In Ihrem Drehbuch steht der Junge im Mittelpunkt.
Ja, aber steht Siggi nicht auch in diesem Gegensatz? Er muss sich entscheiden, auf welche Seite er sich schlägt, hat aber eigentlich keine Entscheidungsfreiheit. Es ist immer die Frage, auf welche Kerngeschichte man einen solch riesengroßen Roman mit vielen Seitensträngen im Drehbuch bringt. Und was man hinzufügt. Alle Erwachsenen im Buch stehen unter einem schier unaushaltbaren Druck. Sie übertragen diesen Druck auf das Kind, um sich selbst zu retten. Im Buch steht zum Beispiel nichts davon, dass auch Ditte den Jungen benutzt. Es sind nicht nur die beiden Männer – das hätte mich nicht so interessiert. Die Frage, was aus dieser Generation wird, aber schon.
Was wird aus dieser Generation? Was wird aus Siggi?
Wir hatten mal ein Schlussbild, da holen beide Geschwister ihn ab und Hilke sieht aus wie Gudrun Ensslin. Das war uns dann aber zu direkt. Jetzt sieht man Siggi mit seinem Bücherpaket den langen Gang hinauf gehen. Alles ist möglich. Aber er hat die Last der Erinnerung auf sich genommen. Dass er schreiben kann, dass er kreativ ist, sieht man. Er hat eine Chance.
Zur Vorbereitung auf den Film habe ich mir das Buch noch mal gekauft. Mein Buchhändler sagte: Ah, das verhängnisvolle Buch. Und es komme demnächst eine korrigierte Ausgabe heraus. Das war ein Witz. Er spielte darauf an, dass Emil Nolde, nach dem Lenz seinen Maler Nansen geformt hat, eine zwiespältige Rolle in der Nazi-Zeit gespielt hat. Er war NSDAP-Mitglied. Das spielt in dem Film überhaupt keine Rolle. Haben Sie sich bewusst so entschieden?
Ich habe das Buch nicht als Nolde-Roman gelesen, auch wenn man es so lesen kann. Denn Lenz hat sich von Nolde inspirieren lassen, und ja, es gibt eindeutige biografische Zuordnungen. Ich finde aber, dass der Roman trotzdem Bestand hat, zumal das für mich kein biografischer Roman über Nolde ist. Max Ludwig Nansen ist eine fiktive Figur. Sollten wir ihn im Film zum Nazi machen? Da würde der große Konflikt nicht mehr funktionieren. Oder einen Film über die historische Figur Nolde machen? Das hat uns nicht interessiert. Auch wenn wir darüber diskutiert haben.
Wie haben Sie darüber diskutiert?
Zum Beispiel darüber, ob wir die Bilder nehmen sollen, die Lenz beschreibt und die Nolde zuzuordnen sind. Wir haben dann aber einen eigenen Künstler entwickelt. Unser Max Ludwig Nansen ist eine andere Figur. Christian hat mit einer Malerin eine eigene Ästhetik der Bilder entwickelt, da kommt überhaupt kein Nolde vor.
Haben Sie erst durch die Ausstellung im Hamburger Bahnhof von Noldes Verstrickungen erfahren?
Nein, das war uns schon bekannt. Diese Recherche hatten wir vorher gemacht.
Fürchten Sie nicht, dass die Leute den Film nicht mehr unschuldig sehen können, also ohne den Gedanken an Nolde und seine Rolle?
Ich weiß es nicht. Aber, wie gesagt, wir wollten nicht die Geschichte von Nolde erzählen, sondern die einer Erwachsenengeneration, die ihren Kindern einen bleibenden Schaden zufügt. Beide Männer stehen am Ende da und sind an der Verhaftung von Siggi beteiligt. Der eine sieht ihn als Verbrecher, der andere als Kranken. Das gibt es im Roman nicht.
Ist der Film „Deutschstunde“ eine Deutschstunde, aus der das Land eine Lehre ziehen kann?
Gerade jetzt, da autoritäre Strukturen teilweise wieder gewollt sind, ist der Film schon eine Art Parabel für das, was in Deutschland geschehen ist und auch wieder geschehen kann.

