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Meteorit schlägt in Koblenz einEin Stück Weltall landet im Schlafzimmer

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Ein Meteorit ist im Koblenzer Stadtteil Güls in ein Hausdach eingeschlagen. Gesichtet wurde die Lichterscheinung unter anderem in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg.

Ein Meteorit ist im Koblenzer Stadtteil Güls in ein Hausdach eingeschlagen. Gesichtet wurde die Lichterscheinung unter anderem in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg. 

Die Feuerkugel am Himmel war am Sonntag im Westen von Deutschland deutlich zu sehen.

Ein kleines Stück Weltall kracht am Sonntagabend durch ein Hausdach im Koblenzer Ortsteil Güls, landet im Schlafzimmer, hinterlässt ein fußballgroßes Loch und viel Aufregung. Verletzt wird niemand, die Feuerwehr misst das Gestein auf chemische Substanzen und nukleare Strahlung – ohne Befund. Vor dem Einschlag sorgt ein weithin sichtbarer „hell leuchtender Flugkörper mit kurzem Feuerschein“ oder ein „Feuerblitz am Himmel“ für viele Notrufe bei den Dienststellen von Polizei und Feuerwehr in Rheinland-Pfalz und Hessen.

Meteoriteneinschläge auf der Erde sind sehr selten. In Deutschland fielen im April 2023 bei Elmshorn mehrere Teile eines Meteoriten zu Boden. Das größte Fragment war ein rund 3,7 Kilogramm schwerer Brocken, der von Wissenschaftlern untersucht und später ausgestellt wurde. Er galt damals als das schwerste gefundene Meteoritenstück seit rund 100 Jahren in Deutschland.

Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wann hat es die letzten Niedergänge von Meteoriten in Deutschland gegeben?

„Wir hatten 2002, 2016 und 2018 in Deutschland ähnlich gelagerte Fälle, bei denen Meteoriten niedergegangen sind und Material gefunden wurde. In den letzten Jahren war das sogar etwas häufiger der Fall. 2023 gab es einen Einschlag in Elmshorn, 2024 in der Nähe von Potsdam“, sagt der Augsburger Astrophysiker und Meteoriten-Experte Dieter Heinlein (69). Er ist maßgeblich am Aufbau und Betrieb des Europäischen Feuerkugelnetzes beteiligt, das Kameras zur permanenten Überwachung heller Feuerkugeln und Meteoritenfälle einsetzt.

Ein leuchtendes Objekt erscheint am Sonntagabend am Himmel über Solingen. Der helle Schein am Abendhimmel war im Westen Deutschlands zu sehen. Dann schlägt ein Meteorit in ein Hausdach in Koblenz ein.

Ein leuchtendes Objekt erscheint am Sonntagabend am Himmel über Solingen. Der helle Schein am Abendhimmel war im Westen Deutschlands zu sehen. Dann schlägt ein Meteorit in ein Hausdach in Koblenz ein.

Was passiert jetzt aus wissenschaftlicher Sicht in Koblenz?

„Jetzt haben wir diesen schönen Fall, den wir noch nicht ganz überblicken. Es gibt bisher nur einen bestätigten Gebäudetreffer in einem Hausdach, wo echte Meteorite gefunden worden sind. Wir müssen jetzt schauen, ob es an anderen Stellen weitere Fragmente gibt, um die Größenordnung besser einschätzen zu können. Es gab wohl Fragmentierungen dieser Feuerkugel. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass noch mehr gefallen sind. Wir werden das Streugebiet sehr genau absuchen.“

Warum hat man den Meteoriten von Koblenz nicht schon früher entdeckt?

„Kleine Objekte lassen sich nicht überwachen, die schlagen zufällig ein und richten kaum Schäden an. Weltweit gab es in den letzten 200 Jahren etwa 1300 beobachtete Fälle von Meteoriten, die den Erdboden erreicht haben und auch untersucht worden sind“, sagt Heinlein. „Davon sind drei vorher im Weltall entdeckt worden. Einer davon war der sogenannte Ribbeck-Fall im Havelland bei Potsdam im Januar 2024.“ Einen Meteoriten dieser Größenordnung vor dem Einschlag auf die Erde zu entdecken, sei „aber ein großer Zufall. Der war so groß wie ein Basketball. Wenn man solch einen Meteoriten 1000 Kilometer entfernt im Weltall sieht, kann man ihn allenfalls fotografieren.“ Lückenlos verfolgen kann man ihn nicht.“

DDieter Heinlein, Meteoritenexperte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), neben einem Stein, der 1989 in Blaubeuren gefunden wurde.

Dieter Heinlein, Meteoritenexperte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), neben einem Stein, der 1989 in Blaubeuren gefunden wurde.

Wie lassen sich die zum Teil sehr kleinen Fundstücke orten? Sucht man da nicht die berühmte Stecknadel im Heuhaufen?

Nein. Die von Heinlein und seinen Kollegen genutzten Netze zum Beispiel in Deutschland und Tschechien machen es möglich, durch trianguläre Messungen - das sind Aufnahmen aus verschiedenen Standorten - die Flugbahn eines Meteoriten, seinen Ursprungsort im Sonnensystem und das mögliche Streufeld - damit ist die Landezone gemeint - präzise zu rekonstruieren. Das war zum Beispiel bei den Einschlägen in Neuschwanstein (2009) Stubenberg in Niederbayern (2016) und in Baden-Württemberg (2018) der Fall.

Was ist mit den größeren Objekten? Wie werden die überwacht?

Es gibt zwei Gremien, die beide unter dem Dach der Vereinten Nationen arbeiten. Das International Asteroid Warning Network besteht aus Astronomen, „die am Nachtmittel überall auf der Welt mit vielen Teleskopen nach Asteroiden suchen“, sagt der Asteroidenforscher Alan Harris (73), der als Berater für das DLR tätig ist. „Das ist ein ganzes Netzwerk von Beobachtern.“ Das zweite Gremium, die Space Mission Planing Advisory Group, befasst sich mit Abwehrmethoden für den Fall, dass ein Objekt auftaucht, das in ein paar Jahren die Erde bedrohen könnte. „Das ist die Beratergruppe für Weltraumagenturen, die unter Umständen eine Abwehrmission starten müssen“, so Harris.

Im Dach dieses Hauses im Koblenzer Ortsteil Güls schlug der Meteorit ein.

Im Dach dieses Hauses im Koblenzer Ortsteil Güls schlug der Meteorit ein.

Im Jahr 2024 hat der Asteroid 2024 YR4 weltweit Schlagzeilen gemacht. Was ist aus ihm geworden?

„Die Gefährdung wurde zunächst als so hoch eingeschätzt, dass wir zum ersten Mal am 6. Februar 2025 bei der UNO eine offizielle Warnung ausgesprochen haben. 2024 YR4 hat einen Durchmesser von rund 60 Metern. Als wir ihn entdeckt haben, konnten wir die Größe noch nicht genau bestimmen. Wir haben aber errechnet, dass ein Einschlag auf der Erde am 22. Dezember 2032 mit einer Wahrscheinlichkeit von gut zwei Prozent möglich ist“, so Alan Harris. „Wir haben zunächst weitere Beobachtungsdaten gesammelt und genauere Erkenntnisse über seine Umlaufbahn gewonnen. Er stellt zumindest für die nächsten 100 Jahre keine nennenswerte Bedrohung mehr für die Erde dar.“

In der Risikoliste der NASA steht 2024 YR4 heute nur noch an elfter Stelle. Für den Zeitraum zwischen 2032 und 2047 gibt es jetzt nur noch ein winziges Restrisiko eines Einschlags von 1 zu 37.000. Alan Harris macht eine Einschränkung: „Wenn er zuvor im Jahr 2032 nicht den Mond trifft. Das ist für uns nicht gefährlich, eher wissenschaftlich interessant.“

Hunderte Wissenschaftler, die den Himmel nach Asteroiden absuchen. Warum muss man so einen immensen Aufwand bei einer derart geringen Wahrscheinlichkeit betreiben?

„Da muss ich widersprechen. Das ist nicht immens. Die Teleskope sind eh vorhanden, sie werden auch für die Forschung in der Astronomie genutzt. Es sind vielleicht ein paar hundert Leute weltweit, die Asteroiden beobachten“, sagt Harris. „Die machen das teilweise in ihrer Freizeit.“

Asteroidenforscher Alan Harris, Berater des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR)

Asteroidenforscher Alan Harris, Berater des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR)

Am 26. September 2022 habe die Nasa die Dart-Sonde auf dem Asteroiden Dimorphos gezielt zum Einschlag gebracht und damit dessen Umlaufbahn um den größeren Didymos verändert und damit bewiesen, dass ein Einschlag einen Asteroiden tatsächlich messbar auf eine andere Umlaufbahn bringen kann. Aktuell läuft die Raumfahrtmission Hera der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA. „Hera ist unterwegs zu Didymos und wird im November ankommen, sagt Harris. „Sie wird den Einschlagskrater untersuchen, die verbliebenen Trümmer messen und die Masse von Dimorphos und Didymos genauer bestimmen.“

Das ist aber auch nicht billig, oder?

„Das kostet einige hundert Millionen Euro“, sagt Harris. „Wenn das aber hilft, die Umlaufbahn eines Asteroiden zu verändern, damit er an der Erde vorbeifliegt, ist das so gut wie nichts im Vergleich zu den Schäden, die er anrichten könnte.“

Gibt es momentan wieder einen dicken Brocken, der unter Beobachtung steht?

Ja. Apophis. Mit einem Durchmesser von 330 Metern ist er ein Riese unter den Asteroiden und wird am 13. April 2029 in einer Höhe von 30.000 bis 32.000 Kilometer knapp an der Erde vorbeifliegen. „Theoretisch wird man mit bloßem Auge sehen können, wie Apophis ganz langsam über den Himmel kreuzt“, sagt Harris. „Bei dieser Größe könnte so ein Objekt, wenn es auf die Erde trifft, ein kleines Land wie Belgien oder die Niederlande auslöschen. Das wird nicht passieren. Aber Apophis ist natürlich von großem wissenschaftlichem Interesse.“