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Stadtplanerin Bad Münstereifel„Um alle zufriedenzustellen, müsste man Einkaufsmeile von Wohnen trennen“

Lesezeit 5 Minuten
Ein Modellzug steht auf der neu gepflasterten Straße in der Kernstadt von Bad Münstereifel.

Die IG Kernstadt schlug unter anderem eine Bimmelbahn vor, die durch die Stadt Bad Münstereifel fahren soll.

Ein Verkehrskonzept für Bad Münstereifel zu erstellen, beinhaltet viele Schwierigkeiten. Die Kernstadt wird für viele unterschiedliche Zwecke genutzt.

Am heutigen Donnerstag wird der Stadtrat von Bad Münstereifel vermutlich ein Verkehrskonzept für die Kernstadt beschließen. Kernpunkt ist eine Fußgängerzone zwischen Orchheimer und Werther Tor sowie auf der Marktstraße. Anwohner protestieren, weil sie fürchten, nicht die Häuser und Wohnungen anfahren zu dürfen. Erarbeitet wurde das Verkehrskonzept von Svenja Gest vom Büro Isaplan in Leverkusen, die Einblicke in ihre Tätigkeit gibt.

Die Möglichkeiten, in Bad Münstereifel verkehrlich etwas zu ändern, sind begrenzt: Was ist die besondere Herausforderung bei der Erstellung eines Verkehrskonzepts?

Svenja Gest: Grundsätzlich muss zwischen einem Mobilitätskonzept und einem Verkehrskonzept unterschieden werden. Ein Mobilitätskonzept lässt sich wie eine Gesamtstrategie – ein Rahmenkonzept – verstehen. Es definiert eine Zielrichtung und zeigt Lösungsansätze auf, beinhaltet jedoch keine konkrete Planung.

Ein Mobilitätskonzept ist für die Stadt Bad Münstereifel in den Jahren 2019/20 in Kooperation mit dem Büro VIA eG bereits erarbeitet worden. Ende letzten Jahres wurde nun im Zuge des Wiederaufbaus eines der Themen aus dem Mobilitätskonzept aufgegriffen und zu einem konkreten und detaillierten Verkehrs- und Parkraumkonzept, die „Verkehrliche Neuregelung der Kernstadt“, weiterbearbeitet.

In der Kernstadt von Bad Münstereifel spielen dabei verschiedene Nutzergruppen eine wichtige Rolle, die sich unterscheiden in Stadtbewohnende, Stadtbenutzende und Stadtbesuchende.
Sadtplanerin Svenja Gast

Ein konkretes, ausgearbeitetes Konzept soll die Belange aller Verkehrsteilnehmenden herausstellen und bedarfsgerecht berücksichtigen. In der Kernstadt von Bad Münstereifel spielen dabei verschiedene Nutzergruppen eine wichtige Rolle, die sich unterscheiden in Stadtbewohnende, Stadtbenutzende und Stadtbesuchende. Sie bilden mit ihrem individuellen Verhalten und ihren Belangen die Grundlage für die Neuorganisation der Verkehre – sei es fließend oder ruhend, zu Fuß gehend oder mit dem Fahrrad fahrend.

Wie muss man sich die Erstellung des Konzepts vorstellen? Ist das reine PC-Arbeit, oder fahren Sie mehrfach in die Stadt, um sich alle Gegebenheiten anzuschauen? Wie ist der zeitliche Ablauf?

Am Anfang steht immer eine ausführliche Besichtigung, Erfassung und Beurteilung des Bestandes. Zusätzlich werden alle vorhandenen Informationen und Daten zusammengetragen und gesichtet. Wiederholt werden Begehungen der Örtlichkeit vorgenommen, idealerweise mal in den Morgenstunden und auch in den Abendstunden, um jeweils das zum Zeitpunkt der höchsten Verkehrsbelastung Geschehende zu beobachten. Zusätzlich zur selbst durchgeführten Bestandserfassung finden Beteiligungsformate statt.

Hier werden die Bürgerinnen und Bürger zur Mitarbeit aufgerufen, um ihre Belange bestmöglich zu erfassen und im Laufe des Planungsprozesses bedarfsgerecht zu berücksichtigen. Nach erfolgter Bestandserfassung werden die Daten ausgewertet und Handlungsschwerpunkte erarbeitet.

Darauf aufbauend werden verschiedene Konzeptvarianten ausgearbeitet, gegeneinander abgewägt und eine Vorzugsvariante herausgestellt. Wichtig im gesamten Planungsprozess ist die interne Abstimmung mit der Verwaltung und gegebenenfalls dem Straßenbaulastträger.

Grenzenlos oder stadtmauernlos gedacht: Was wäre in Bad Münstereifel nötig, um ein Verkehrskonzept zu erstellen, das alle zufriedenstellt?

Ehrliche Antwort: Ein Konzept zu erarbeiten, das zur Zufriedenstellung aller Beteiligten führt, ist grundsätzlich, und zwar nicht nur in Bad Münstereifel, leider nur schwer – wenn nicht sogar gar nicht – möglich. Um aber auf die Frage zurückzukommen, was nötig wäre, um ein für alle zufriedenstellendes Konzept zu erarbeiten, müssen wir einen Schritt zurückgehen und uns anschauen, über welchen Planungsraum wir sprechen. Der Planungsraum umfasst das Zentrum von Bad Münstereifel, Innenstadtlage.

Um ein Konzept zu erstellen, welches den Belangen aller Nutzergruppen zu 100 Prozent gerecht wird, müsste man die Einkaufs- und Flaniermeile von der Wohnnutzung konsequent trennen.
Stadtplanerin Svenja Gast

Unabhängig von der spezifischen Situation, dass die Kernstadt von Bad Münstereifel von einer Stadtmauer umgeben ist, zeichnet sich eine innerstädtische Bebauung grundlegend dadurch aus, dass Häuser dicht aneinandergereiht stehen, Straßenquerschnitte eher schmal als breit sind und das Stadtbild durch Einzelhandel und Gastronomie geprägt wird.

Aufgrund der vielfältigen Nutzungen auf geringem Raum sind Nutzungskonflikte in Innenstadtlagen am häufigsten zu verzeichnen. Und nun mal grenzenlos oder stadtmauernlos gedacht: Um ein Konzept zu erstellen, welches den Belangen aller Nutzergruppen zu 100 Prozent gerecht wird, müsste man die Einkaufs- und Flaniermeile von der Wohnnutzung konsequent trennen.

Auf der einen Seite wäre eine Straße denkbar, in der Trubel herrschen darf, in der die Aufenthaltsqualität an erster Stelle steht und kein Kraftfahrzeugverkehr notwendig und zulässig ist, Lieferverkehr ausgenommen. Auf der anderen Seite eine Straße, die durch Wohnbebauung geprägt ist und rund um die Uhr für den Kraftfahrzeugverkehr erreichbar ist. Ich als Planerin stelle mir dann die Frage: Ist solch eine Trennung überhaupt wünschenswert? Lebt eine Innenstadt nicht gerade durch die gemeinsame Nutzung?

Sind die Reaktionen – öffentlich geäußert wird ja überwiegend Kritik – normal, wenn man ein Verkehrskonzept erstellt, oder ist das vielleicht auch wegen der Fußgängerzonenproblematik in Bad Münstereifel anders?

Eine Veränderung lang gelebter und eingespielter Routinen bedeutet zunächst eine Umstellung, das ist uns Planern selbstverständlich bewusst. Für uns stehen jedoch das finale Ergebnis und die Vorteile, die daraus für alle Verkehrsteilnehmenden entstehen, im Vordergrund. Eine Abwägung des Für und Wider gehört dabei zu unseren täglichen Aufgaben.

In welchem Umfang positive oder negative Kritik öffentlich geäußert wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie stark die verkehrliche Neuregelung geplant ist und welche Veränderungen sich im Alltag der jeweiligen Nutzergruppen ergeben.

Kernstück des Verkehrskonzepts ist die Fußgängerzone: Warum sollte es eine solche sein, und welche Alternativen gäbe es, um den Verkehr in Bad Münstereifel zu minimieren?

Im Zuge diverser Beteiligungsformate im Rahmen des Mobilitätskonzeptes wurde deutlich, dass sich die Bürgerinnen und Bürger eine weitere Verkehrsberuhigung in der Kernstadt wünschen. Gerade im zentralen Bereich der Orchheimer Straße, wo Straßenquerschnitte beengt und Ladenlokale beidseits angesiedelt sind, sollte ein verträgliches Miteinander gefunden werden.

Obwohl die Orchheimer Straße heute bereits als verkehrsberuhigter Bereich ausgewiesen ist, und sich somit der Kraftfahrzeugverkehr rein rechtlich dem Fußverkehr unter zu ordnen hat, führt die gemeinsame Nutzung von Kfz-, Fuß- und Radverkehr wie oben bereits erwähnt häufig zu Konfliktsituationen.

Hol- und Bringverkehre zu Schulbeginn oder -ende sowie Zielverkehre der Kernstadt fordern den vorhandenen Verkehrsraum ein und sorgen so für Konfliktsituationen mit Schülerströmen, Outletbesuchern und Anwohnenden. Mit der Ausweisung einer Fußgängerzone würde der Fokus klar auf der Aufenthaltsqualität dieser wunderschönen, mittelalterlichen Innenstadt und deren Nahmobilität – dem Fuß- und Radverkehr – liegen, indem der Kfz-Verkehr auf ein absolutes Mindestmaß reduziert wird.

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