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Karneval und SexismusTänzerinnen aus dem Kreis Euskirchen reagieren auf übergriffiges Verhalten

7 min
Die Mitglieder der Tanzgruppe haben sich zu einer Menschenpyramide formiert.

Freuen sich, wenn sie fürs Können gelobt werden. Auf Körperbewertungen dagegen verzichten sie gerne: die Palm Beach Girls.

Die Erfahrungen von Tanzgruppen mit übergriffigem Verhalten im Karneval unterscheiden sich. Was sagt der Verein Frauen helfen Frauen?  

Ein Griff in den Schritt, ein Kniff in den Po, abwertende Kommentare über den Körper und sexuelle Anspielungen unterster Schublade – hiervon berichten Astrid Belle (51) und Sara Belle (26), Trainerinnen der Tanzgruppe Palm Beach Girls aus Palmersheim, und Angelina Fischer (37), Trainerin der Sugar Girls aus dem Kreis Euskirchen, wenn sie über zurückliegende Auftritte im Karneval sprechen.

Die Trainerinnen der gemischten Tanzgruppe High Energy aus Billig, Jana Madré (35) und Rebecca Kraus (32), haben nach eigenen Angaben von den 50 Mitgliedern keine vergleichbaren Schilderungen gehört. Laureen Mundt (30), Trainerin der Lommersum Dancing Cheers, ebenso wenig. Trotz der unterschiedlichen Eindrücke sind sich die Trainerinnen einig, dass übergriffiges Verhalten weder im Karneval noch außerhalb etwas verloren hat.

Abwertendes Verhalten gegenüber Frauen wird häufiger erkannt

In Gesprächen mit dieser Zeitung geraten wiederholt Herrensitzungen in den Fokus, wenn es um verbale oder körperliche Übergriffe geht. Die Trainerinnen stellen unabhängig voneinander klar, dass sich die Situationen auf den Sitzungen nicht verallgemeinern ließen – so sei jede Sitzung unterschiedlich, was Stimmung und Benehmen der Teilnehmer anbelange. Die Trainerinnen verweisen zudem auch auf übergriffiges Verhalten bei Damensitzungen, das sie aber als Frauen nicht betroffen habe.

Nach ihrer Einschätzung steigt das gesellschaftliche Bewusstsein für das Erkennen abwertenden Verhaltens gegenüber Frauen. Übereinstimmend loben sie die Veranstalter in der laufenden Session, auch was die Sicherheit durch die Security auf einigen karnevalistischen Veranstaltungen betrifft. Eine Vorsicht vor übergriffigem Verhalten bleibt bei den Sugar Girls und den Palm Beach Girls trotzdem bestehen. Sie schildern die Gründe.

Ein Bierfass steht auf einem Tisch, dahinter kleine Schnapsflaschen.

Eine Täter-Opfer-Umkehr sieht Elena Fastabend, wenn nach übergriffigem Verhalten Alkoholkonsum vorgeschoben wird.

„Vor einigen Jahren hat mir ein junger Mann, vermutlich um die 18, nach einem Auftritt in den Schritt gefasst“, erinnert sich Angelina Fischer. Eine Sicherheitskraft habe ihn anschließend vor die Tür gesetzt. In der vergangenen Session, als sie ein Kind erwartete, sei ein Mann auf sie zugekommen und habe ihr vor einer Gruppe gesagt, dass er sein Glück versucht hätte, wenn sie nicht schon schwanger wäre.

„Ein Mann hat mich beim Tanzen auf der Bühne unter dem Rock gefilmt“, schildert Sara Belle: „Als er nicht aufhören wollte, habe ich ihm das Handy aus der Hand getreten.“ Sie und ihre Mutter Astrid Belle berichten vom Einlauf ihrer Tanzgruppe auf einer Herrensitzung 2024, bei dem die Tänzerinnen in die Hocke gegangen seien. Sie zitieren den Kommentar: „Die perfekte Höhe haben sie jetzt schon.“

Einer Tänzerinnen wurde in den Hintern gekniffen

Bei einer anderen Sitzung sei einer der Tänzerinnen in den Po gekniffen worden. Der Grapscher habe, darauf angesprochen, entgegnet, dass er mit einem Kumpel um 50 Euro darum gewettet habe, die Tänzerinnen anzufassen.

Die Tänzerinnen gehen nach eigener Darstellung selbstbewusst mit Grenzüberschreitungen um, ihr Wohlbefinden im Karneval leide aber beträchtlich darunter. „Wir sagen den Mädels nicht mehr, dass sie immer nett sein müssen“, stellt Astrid Belle klar: „Wir sind es leid, als Stücke Fleisch gesehen zu werden!“

Wenn die Veranstalter eine Haltung zu Übergriffen zeigen, dann hat das eine große Wirkung!
Elena Fastabend, Frauen helfen Frauen

Die Sugar Girls tragen in der Session 2025/26 bewusst geschlossene Outfits. „Man wird sonst von einigen Männern schnell verurteilt,“ erläutert Angelina Fischer. Die Gruppe wolle schlichtweg ihre Ruhe haben.

Wie wohl sie sich bei Auftritten fühlen, hänge häufig mit der Professionalität und der Organisation seitens der Veranstalter zusammen, erläutern Sara und Astrid Belle. Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Veranstaltungen könnten sie nicht ausmachen. Angelina Fischer vermutet, dass bestimmte Anmoderationen wie „Jetzt kommt was Zuckersüßes“ oder „Euch fallen gleich die Augen raus“ die Sichtweise des Publikums beeinflussen.

Bei den Auftritten geht es um das sportliche Können der Tänzerinnen

„Wenn die Veranstalter eine Haltung zu Übergriffen zeigen, dann hat das eine große Wirkung!“, sagt Elena Fastabend vom Fachbereich Sexualisierte Gewalt beim Verein Frauen helfen Frauen.

Anstelle von abwertenden Ankündigungen wünschen sich die Sugar Girls mehr Moderationen, die auf die sportliche Leistung der Performerinnen abstellen. Alle Trainerinnen sind sich einig, dass es bei den Auftritten um das Können der Tänzerinnen geht – lobende Worte hierzu könne man gerne loswerden. Auch nette Kommentare zu den Kostümen seien erwünscht. Derbe Anmache habe man hingegen satt.

Sexismus ist ein ernstes Thema.
Horst Meurer, Regionalverband Rhein-Sieg-Eifel

„Karneval ist ein Fest der Anbahnungen“, sagt Elena Fastabend: „Es gibt ganz viele Menschen, die sich einvernehmlich kennenlernen – die Leute kommen sich näher, Partner finden sich, da ist Karneval ganz reichhaltig.“ Menschen, die diese offene Atmosphäre für Grenzüberschreitungen ausnutzen, machen dies in Fastabends Worten absichtlich: „Und auf unsere Kosten.“

Weiter unterscheidet die Expertin einen Flirt von einem Übergriff: „Beim Flirt möchte ich, dass es dem anderen gefällt und dass ich dem Gegenüber gefalle. Ich achte darauf, wie die Person auf meine Annäherung reagiert. Menschen, die übergriffig sind, ist es egal, ob der andere die Nähe auch will.“ Sie stellt klar: „Die Betroffenen haben keine Pflicht, ,Nein' zu sagen. Sie haben nur Rechte.“ Etwa das Recht, sich Hilfe zu holen.

In der laufenden Session sind dem Verband RSE keine Vorkommnisse bekannt

„Sexismus ist ein ernstes Thema“ sagt der Präsident des Regionalverbandes Rhein-Sieg-Eifel (RSE), Horst Meurer: „Wir haben null Toleranz dafür.“ Die Mitgliedsvereine sensibilisiere man regelmäßig vor Sessionsbeginn, so Meurer. In der aktuellen Session seien ihm und dem verantwortlichen Bezirksvorsitzenden im Kreis Euskirchen keine Vorkommnisse bekannt.

Auch Ronald Reuter, Präsident des Regionalverbandes Düren (RVD) gibt an, für die laufende Session keine Rückmeldungen der Vereine zu sexistischem Verhalten bekommen zu haben. Der RVD deckt neben dem Kreis Düren das Stadtgebiet Zülpich und Teile der Eifel ab.

Auf Herrensitzungen kommt immer wieder übergriffiges Verhalten vor

Meurer räumt ein, dass übergriffiges Verhalten auf Herrensitzungen immer wieder vorkomme. Er und Reuter raten Betroffenen, sich bei den zuständigen Vereinen zu beschweren und Anzeige zu erstatten: „Wenn wir davon erfahren, können wir den betroffenen Karnevalisten suspendieren oder ausschließen“, so Meurer.

Weiter betont er: „Karnevalisten verhalten sich respektvoll!“ Reuter sagt zu übergriffigem Verhalten im Sitzungskarneval: „Ich kann mir schon vorstellen, dass es bei Veranstaltungen, auf denen viel getrunken wird, theoretisch dazu kommt.“ Persönlich habe er das noch nicht erlebt. Reuter: „Da kommen junge, hübsche Mädchen in knappen Kostümen auf die Bühne – man kann sich vorstellen, dass es die eine oder andere Äußerung gibt.“

Dass solche Äußerungen unter derartigen Umständen wahrscheinlicher werden, können sich auch Angelina Fischer, Sara und Astrid Belle vorstellen. Sie betonen aber, dass die Kostümierung keine abwertenden Kommentare rechtfertige. „Ein Kleid ist keine Einladung“, sagt Astrid Belle. Und verweist mit ihrer Tochter auf eine Kampagne der Polizei Köln: „It's a dress, not a yes“.

Tänzerinnen sollen bei Übergriffen ein klares Zeichen setzen

Auf die Frage, wie man weiter gegen Fehlverhalten auf den Herrensitzungen vorgehen könne, sagt Reuter, dass der RVD sich dafür stark mache, Schulungen für Vereine anzubieten. Reuter nimmt aber auch die Trainerinnen in die Verantwortung: „Gerade junge Tänzerinnen sollten von den Trainerinnen darauf hingewiesen werden, dass sie bei Übergriffen ein klares Zeichen setzen, etwa auf die Finger zu hauen.“ Die Trainerinnen entgegnen, dass sie als Teams im engen Austausch stünden und die Tänzerinnen wüssten, dass sie sich jederzeit bei ihnen melden könnten. Sie machen zudem klar, dass ihre Performerinnen nicht für das Verhalten der Herren verantwortlich seien.

Angesprochen auf das Fehlverhalten von Männern, verweist Reuter auf deren Alkoholkonsum: „Bei den Herrensitzungen ist manchmal Kampftrinken angesagt.“ Der Gruppenzwang führe zu erhöhtem Konsum. Die Männer seien untereinander enthemmter als bei der Anwesenheit ihrer Partnerinnen, so Reuter. Elena Fastabend hält dagegen: „Erwachsene Männer sind keine zwölf Jahre alt. Sie können sich dem Gruppenzwang entziehen.“

Sie sieht eine Täter-Opfer-Umkehr, wenn die Verantwortung den Tänzerinnen und Trainerinnen zugewiesen und der Alkoholkonsum vorgeschoben wird: „Die Täter werden in Schutz genommen, was ihnen Freiräume gibt, und den Opfern wird eine Mitschuld gegeben, was sie dazu verleitet zu schweigen.“ Fastabend weiter: „Sexuelle Übergriffe sind unabhängig von der Kleidung, ob man alleine oder zusammen draußen war, ob man etwas getrunken hat oder nicht.“

Sie lässt auch Reuters Hinweis auf Enthemmung durch Alkohol und Gruppenzwang nicht gelten und zieht stattdessen den Vergleich mit anderem triebhaften Verhalten: „Man stelle sich einmal vor, ein Mann hat wahnsinnig Hunger, rennt in den Supermarkt, reißt eine Packung Chips auf und schüttet sie sich in den Hals.“ Ein derartiges Verhalten sei total abwegig. Oder: „Angenommen, ein Mann uriniert bei einer Sitzung einfach auf den Tisch. Die Anwesenden würden ihn sofort davon abhalten und zurechtweisen.“ Bei sexuell übergriffigem Verhalten seien solche Reaktionen noch nicht etabliert.