Grundschulen sind im Kreis Euskirchen auf Notfälle, Kinderschutz und soziale Herausforderungen vorbereitet. Sonderfall am Thomas-Eßer-Berufskolleg.
Polizei und Schulen arbeiten zusammenWenn die Krise im Kreis Euskirchen zum Schulfach wird

Neben Mathe, Deutsch und Kunst geht es in der Schule auch immer wieder um persönliche Krisen – die ganz unterschiedlich sein können.
Copyright: Tom Steinicke
Ob Erdnussallergie, Buspanne oder Kreislaufkollaps eines Lehrers: Auch an Schulen im Kreis Euskirchen gehören Krisen zum Alltag. In den Sekretariaten oder den Büros der Schulleitungen steht meist ein dicker Ordner. Auf zahlreichen Seiten gibt es für gefühlt jede mögliche Krise in einer Schule einen Leitfaden – untergliedert nach dem bewährten Ampelsystem.
Dazu gehört auch ein Informationsblatt für Eltern, das die Struktur des Krisenmanagements an Schulen erklärt. Herausgegeben wurde das vom NRW-Ministerium für Schule und Bildung sowie der Unfallkasse NRW.
Man merkt, dass Schulen heute auf vieles vorbereitet sein müssen – von kleinen Notfällen bis zu großen Herausforderungen.
Dementsprechend gibt es an vielen Schulen klar formulierte Abläufe für den Ernstfall. In einem Elternbrief informierte kürzlich eine Euskirchener Grundschule über ein Kind, das hochgradig allergisch auf Erdnüsse reagiert – schon Spuren könnten einen lebensgefährlichen Schock auslösen. „Auch das ist eine Krisensituation“, sagt eine Mutter: „Man merkt, dass Schulen heute auf vieles vorbereitet sein müssen – von kleinen Notfällen bis zu großen Herausforderungen.“
Krisenordner immer griffbereit An der Grundschule Dahlem steht der Krisenordner griffbereit neben dem Lehrerzimmer. Darin sind Notfallpläne, Telefonnummern, Zuständigkeiten und Abläufe verzeichnet – von medizinischen Zwischenfällen bis hin zu Problemen auf dem Schulweg. „Wenn es gut läuft, holen wir den Ordner nur zum Aktualisieren raus. Aber wenn etwas passiert, wissen alle sofort, was zu tun ist“, erklärt Schulleiterin Mirjam Schmitz.
Kinderschutz ist längst mehr als ein theoretisches Konzept
So auch, als ein Schulbus liegenblieb: „Wir haben ruhig gehandelt, die Eltern über Schoolfox informiert und die Kinder sicher abgeholt. Das hat gut funktioniert.“
Kinderschutz ist an Grundschulen längst mehr als ein theoretisches Konzept. „Für mich muss Kinderschutz alle Bereiche umfassen – und er muss gelebt werden“, betont eine Lehrerin aus dem Kreis Euskirchen.
Unterstützung erhalten die Schulen von Fachleuten. Die Schulsozialarbeiterinnen arbeiten eng mit Jugendamt, Schulleitung, Lehrern, Eltern und vor allem den Kindern zusammen.
An vielen Schulen steht der Grundsatz „Kinder brauchen besonderen Schutz – wir achten darauf“ prominent auf der Homepage. Dahinter steckt ein umfassender Ansatz: vom Umgang mit Konflikten über Schulabsentismus bis zu Prävention und Disziplin.
Zentraler Baustein im Schutzsystem ist die Schulsozialarbeit
Ein zentraler Baustein im Schutzsystem ist die Schulsozialarbeit. In Dahlem ist die Sozialarbeiterin an drei Tagen pro Woche vor Ort – und für Kinder, Eltern und Kollegium jederzeit erreichbar. „Ich bin seit sechseinhalb Jahren hier, und die Kinder wissen genau, wann und wo sie mich finden können“, sagt sie.
Sie bietet soziales Lernen in allen Klassen an, moderiert bei Konflikten und begleitet Kinder in schwierigen Situationen. „Manchmal geht es um kleine Dinge – ein Streit, Angst vor einer Klassenarbeit oder der Tod eines Haustiers. Aber für das Kind ist das in dem Moment ein großes Problem, und das nehmen wir ernst“, so die Expertin. Auch sie arbeitet eng mit Lehrkräften und Eltern zusammen, achtet aber auf ihre Schweigepflicht. „Wenn ich jemanden einbeziehen muss, sage ich das vorher. Transparenz ist wichtig.“
Auch präventiv passiert viel: Im Herbst läuft regelmäßig eine Kinderrechte-Kampagne, und das Theaterstück „Mein Körper gehört mir“ wird von der Gemeinde finanziert. Neben emotionalen und sozialen Themen spielt die Digitalisierung eine wachsende Rolle – mit Chancen und Risiken.
Die Schulen nutzen Plattformen wie Schoolfox oder Logineo NRW, um Eltern zu informieren und Kinder an den sicheren Umgang mit digitaler Kommunikation heranzuführen.
Handys sind in der Grundschule meist nur in Ausnahmefällen erlaubt
Smartwatches oder Handys sind an den meisten Grundschulen tabu. „Wir wollen keine Geräte, die fotografieren oder orten können – das weckt Neid und lenkt ab“, erklärt Schulleiterin Schmitz. Ausnahmen gelten nur für Kinder mit medizinischen Gründen, etwa bei Diabetes.
Viele Kinder bekommen zur Kommunion oder zum Schulwechsel ihr erstes Handy. Da ist es wichtig, dass sie vorher lernen, wie man sich sicher verhält.
Eine Mutter erzählt: „Viele Kinder bekommen zur Kommunion oder zum Schulwechsel ihr erstes Handy. Da ist es wichtig, dass sie vorher lernen, wie man sich sicher verhält.“
Auch die Polizei im Kreis Euskirchen spielt eine wichtige Rolle in der Präventionsarbeit. Polizeihauptkommissarin Eva Winkel ist zuständig für Schulprävention, besucht regelmäßig Bildungseinrichtungen von Kitas bis hin zu weiterführenden Schulen. „Wir wollen keine Panik auslösen, sondern Sicherheit schaffen“, betont sie: „Viele Lehrkräfte sind dankbar, wenn sie wissen, wie sie im Ernstfall richtig reagieren können.“ Die Beamtin informiert über grundlegende Abläufe bei Gefahrenlagen, Evakuierung, Kommunikation und Zusammenarbeit mit Rettungskräften. „Je besser man vorbereitet ist, desto ruhiger kann man handeln“, sagt sie.
Schwerpunkt liegt in der digitalen Bildung
Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der digitalen Bildung. Gemeinsam mit Schulen bietet die Polizei Veranstaltungen zu Medienkompetenz an – für Kinder, Eltern und Lehrkräfte.
Themen sind sicheres Verhalten im Internet, Datenschutz, Cybermobbing und der verantwortungsvolle Umgang mit Smartphones und Smartwatches. „Digitale Geräte können nützlich sein, aber sie bergen auch Risiken“, warnt die Beamtin: „Viele Verstöße, die wir heute im Schulkontext bearbeiten, hängen mit Handys zusammen – etwa unerlaubte Aufnahmen oder das Verbreiten von Bildern.“
Seriöse Quellen helfen, Ruhe zu bewahren und Kräfte dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden.
Zudem appelliert die Polizei an Eltern und Bürger, nicht alle Gerüchte oder Aussagen in den Sozialen Netzwerken zu glauben. „Immer wieder lösen unbelegte Meldungen in Whatsapp-Gruppen unnötige Aufregung aus“, sagt ein Sprecher der Polizei Euskirchen. Offizielle Informationen seien ausschließlich über die Mitteilungen der Polizei, der Schulträger oder der Gemeinden zu beziehen: „Seriöse Quellen helfen, Ruhe zu bewahren und Kräfte dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden.“ Eva Winkel ergänzt: „Wenn Lehrkräfte, Eltern und Kinder gut informiert sind, entstehen viele Krisen gar nicht erst. Das ist die beste Form des Schutzes.“
Es sind längst nicht mehr nur Matheaufgaben und Rechtschreibung, mit denen sich Schulleitungen heute beschäftigen. Torsten Wanasek, Leiter der Hermann-Josef-Grundschule in Euskirchen, spricht offen über das, was viele nicht sehen: Präventionsarbeit, Notfallpläne, psychisch belastete Kinder – und Eltern, die manchmal mehr Herausforderung als Hilfe sind.
„Wir mussten 2022 ein schulisches Präventions- und Schutzkonzept erstellen – das war verpflichtend“, erklärt Wanasek: „Das betrifft den Kern schulischer Verantwortung: Was tun, wenn sich ein Kind verletzt, bedroht fühlt oder ein Fremder auf dem Gelände steht?“
Wachsamkeit ist an vielen Schulen ein klarer Grundsatz
Weil das Schulgelände offen ist, gilt ein klarer Grundsatz: Wachsamkeit. „Wenn jemand Fremdes da ist, sprechen wir ihn direkt an: „Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie jemanden?„ Das gibt Sicherheit – für uns, aber auch für die Kinder.“
In jedem Klassenraum liegt ein roter Notfallordner mit Kontakten, Gesundheitsdaten und Sofortmaßnahmen. „Manchmal reicht gesunder Menschenverstand, aber wenn es ernst wird, brauchen wir klare Abläufe“, sagt Wanasek.
Mehrmals musste der große Krisenordner schon eingesetzt werden – etwa, als ein Kollege auf dem Schulhof zusammenbrach. „Wir haben die Kinder in die Aula gebracht, damit sie nichts mitbekommen. Das Kollegium war geschockt, aber wir mussten funktionieren.“
Messer an einem Stock – ein Bastelprojekt eines Grundschülers
Nicht immer geht es um medizinische Notfälle. „Ein Junge hatte sich ein Messer aus einem Stock und einer Klinge gebaut. Für ihn war das ein Bastelprojekt – für uns ein Risiko“, erzählt Wanasek. Solche Situationen würden sensibel mit Kindern und Eltern besprochen.
Auch Eltern selbst können Krisenfaktor sein. Ein Großvater, dessen Enkel keinen Schulplatz bekam, spuckte dem Schulleiter vor die Füße. „Ich habe ruhig gesagt: ,Bitte verlassen Sie das Gebäude’. Mehr bleibt einem manchmal nicht.“
Handys sind an Wanaseks Schule verboten – mit Ausnahmen für Kinder, die ihre Geräte aus medizinischen Gründen benötigen. „Manche Eltern möchten ihre Kinder aber ständig tracken. Da frage ich mich: Wie sind wir früher groß geworden?“
Offene Lernlandschaften bringen neue Probleme mit sich
Trotz aller Belastungen bleibt die Grundschule ein Ort des Wachstums. Pausenengel, Klassensprecherkonferenzen und die „Ich-kann-was-Show“ fördern Selbstbewusstsein und Mitbestimmung. „Hier werden Kinder wirklich beteiligt“, betont eine Mutter: „Das ist keine bloße Theorie – die Schule lebt das.“ Für Wanasek ist das Ziel klar: „Ich wünsche mir keine Uniform, sondern Verantwortung – dass Kinder lernen, füreinander und für ihre Schule einzustehen. Das ist die beste Vorbereitung auf das Leben.“
Noch mal zurück zum Notfallordner. Im Thomas-Eßer-Berufskolleg in Euskirchen setzt man sich gerade recht intensiv mit dem Thema auseinander. Nicht, weil es eine aktuelle Krise gibt, sondern einen positiven Aspekt von moderner Schule. Im von der Flut stark betroffenen Gebäude ist vor kurzem die erste offene Lernlandschaft an den Start gegangen.
Auf 1400 Quadratmetern werden dort etwa 200 Schüler so unterrichtet, wie es die neuesten pädagogischen Konzepte empfehlen. Da die Lernlandschaft aber viel größer ist als ein gewöhnlicher Klassenraum und zudem mit vielen Fenstern praktisch komplett gläsern ist, bringt das Konzept für manche schulische Krise auch Herausforderungen mit sich. Und genau die werden aktuell so angegangen, dass sie ins Handlungskonzept für Krisensituationen passen.
Unterschiedliche Krisen
Zu Beginn Des laufenden Schuljahres betonte Dorothee Feller, Ministerin für Schule und Bildung, wie wichtig sichere Lernumgebungen für alle Beteiligten seien: „Unsere Schulen sollen Orte sein, an denen sich Kinder und Jugendliche wohlfühlen können“, erklärte sie. In den vergangenen Jahren kam es vereinzelt zu Bedrohungen per E-Mail oder anderen Drohungen gegen Schulen, Lehrkräfte und Schüler. Solches Verhalten störe den Schulfrieden und erzeuge Ängste, so Feller.
Die Täter würden strafrechtlich und schulrechtlich zur Verantwortung gezogen. Um auf Krisen professionell Reagieren zu können, hat Nordrhein-Westfalen ein umfassendes schulisches und schulpsychologisches Krisenmanagement etabliert. Zentraler Baustein ist der Notfallordner „Hinsehen und Handeln“, ergänzt durch das Krisenpräventionshandbuch, das den Schulen als verlässliches Instrument dient.
Unterschiedliche Gefahrenstufen
Das Krisenmanagement unterscheidet drei Gefahrenstufen: Stufe I umfasst Krisen, die Schule selbst bewältigen kann, etwa Mobbing, Rangeleien oder Todesfälle außerhalb der Schule. Stufe II betrifft schwerwiegendere Vorfälle wie Gewaltandrohungen, Waffenbesitz oder sexualisierte Gewalt, bei denen externe Stellen wie Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste oder Beratungsstellen hinzugezogen werden. Stufe III umfasst akute Notfälle wie Amokläufe, Brände oder Geiselnahmen, die vollständig in der Verantwortung externer Einsatzkräfte liegen.
Ziel des gesamten Krisenmanagements ist es, im Ernstfall schnell zu handeln, Gefährdungen richtig einzuschätzen und den Schutz sowie die Unterstützung aller Betroffenen sicherzustellen. Die Schulen werden dabei kontinuierlich durch Schulaufsichten, Krisenberaterinnen und -berater sowie die zuständigen Einsatzkräfte begleitet, so dass sie auf alle Szenarien vorbereitet sind.


