Die Gymnasien im Kreis Euskirchen entlassen 2026 keine Abiturjahrgänge. Was heißt das für den Ausbildungsmarkt? Die Arbeitsagentur gibt Tipps.
AusbildungsmarktRückkehr zu G9: Im Kreis Euskirchen fehlt fast ein ganzer Abiturjahrgang

Während die Arbeitsagentur Brühl von einem einschneidenden Jahr spricht, sehen die befragten Unternehmen dem fehlenden Abiturjahrgang gelassen entgegen.
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Der Ausbildungsmarkt im Jahr 2026 steht vor einer besonderen Herausforderung – auch im Kreis Euskirchen. Durch die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit (G9) fällt fast ein kompletter Abiturjahrgang weg. Lediglich an den Gesamtschulen wird es Abschlussjahrgänge geben. Dadurch stehen deutlich weniger junge Menschen mit Hochschulreife zur Verfügung, die direkt in Ausbildung oder Studium starten können. Dennoch zeigt sich im Kreis Euskirchen bislang kein dramatischer Einbruch bei den Bewerberzahlen.
„Der ausbleibende Abiturjahrgang wird den Ausbildungsmarkt prägen“, sagt Ralf Holtkötter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Brühl. Betroffen seien nicht nur Betriebe, die gezielt Abiturientinnen und Abiturienten suchen, sondern grundsätzlich alle Unternehmen, die qualifizierten Nachwuchs einstellen möchten. „Unternehmen können ihre Rekrutierung nicht einfach verschieben – sie brauchen Nachwuchs“, so Holtkötter.
Betrieben droht die Gefahr, dass Ausbildungsplätze leer bleiben
Im Kreis Euskirchen betrifft die Entwicklung rechnerisch mehr als 700 Schülerinnen und Schüler in der gymnasialen Oberstufe. Diese Zahl sei jedoch nur eine Orientierung, da Bildungswege unterschiedlich verliefen und sich viele junge Menschen ohnehin zunächst für ein Studium, ein Auslandsjahr oder einen Freiwilligendienst entschieden hätten.
Dennoch werde sich das Fehlen dieses Jahrgangs bemerkbar machen: Weniger Bewerbungen, mehr Konkurrenz um geeignete Kandidatinnen und Kandidaten – und für manche Betriebe die Gefahr, Ausbildungsplätze nicht besetzen zu können.
Die Kreisverwaltung Euskirchen sieht keine gravierenden Auswirkungen
Besonders spürbar dürfte die Situation in Branchen werden, die traditionell viele Abiturientinnen und Abiturienten einstellen. Dazu zählen kaufmännische Berufe, Banken und Versicherungen, IT- und Technik-Ausbildungen sowie duale Studiengänge. Auch der öffentliche Dienst, etwa Verwaltung oder Polizei, dürfte die Entwicklung deutlich merken.
Bei der Kreisverwaltung Euskirchen bleibt die Lage dennoch stabil. Trotz des fehlenden Abiturjahrgangs habe man weiterhin eine ausreichende Zahl qualifizierter Bewerbungen erhalten, erklärt Florian Ramolla, der beim Kreis Euskirchen für die Ausbildung zuständig ist. Zwar seien die Bewerberzahlen insgesamt leicht rückläufig, gravierende Auswirkungen sehe man bislang jedoch nicht.

Ralf Holtkötter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Brühl.
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„Wir konnten trotz des fehlenden Abiturjahrgangs weiterhin eine solide Bewerberlage verzeichnen“, sagt Ramolla. Viele junge Menschen nähmen sich nach dem Schulabschluss zunächst Zeit für die berufliche und persönliche Orientierung. Entscheidungen über Ausbildung oder Studium würden heute häufig später getroffen und stärker an individuellen Entwicklungs- und Orientierungsmöglichkeiten ausgerichtet.
Gleichzeitig habe sich das Bewerbungsverhalten deutlich verändert. „Der Entschluss zur Bewerbung beziehungsweise die Bewerbung selbst verlaufen heute oft kurzfristiger und weniger verbindlich als noch vor einigen Jahren“, erklärt Ramolla. Zudem legten viele junge Menschen größeren Wert auf Flexibilität und persönliche Entwicklungsmöglichkeiten.
Die gewonnene Zeit nutzen wir sehr produktiv.
Ausgeglichen werde der fehlende Abiturjahrgang durch Bewerberinnen und Bewerber aus anderen schulischen Laufbahnen. Dazu zählen insbesondere Absolventinnen und Absolventen von Gesamtschulen sowie junge Menschen mit Realschulabschluss und anschließender Fachhochschulreife oder Fachabitur.
Auch an den Schulen selbst verändert das fehlende Abiturjahr den Alltag spürbar. Michael Mombaur, Leiter der Marienschule in Euskirchen, beschreibt das Jahr als „einen Moment des Durchatmens“. Weniger Arbeit bedeute das jedoch keineswegs. „Die gewonnene Zeit nutzen wir sehr produktiv, um Dinge anzugehen, die im Schulalltag sonst häufig zurückgestellt werden müssen“, erklärt er. So könnten neue Abläufe – etwa das kommende Download-Verfahren – in Ruhe getestet und Vorbereitungen auf kommende Veränderungen getroffen werden.
Auf die Schulen kommt das fünfte Abiturfach zu
Zudem arbeiteten die Schulen bereits an den Anpassungen durch das neue, fünfte Abiturfach, obwohl noch nicht alle Vorgaben vollständig vorlägen. „Den besonderen Stress eines kompletten Abiturjahrgangs haben wir in diesem Jahr zwar nicht – und das ist durchaus auch einmal angenehm –, aber die Zeit wird intensiv genutzt, um uns für die kommenden Herausforderungen gut aufzustellen“, so der Schulleiter.
Auch Unternehmen aus der Region berichten bislang nicht von größeren Problemen. „Wir merken keine Auswirkungen der geringeren Abiturientenzahl auf unsere Bewerbungen auf Ausbildungsplätze“, sagt Walter Bornemann, Leiter Ausbildung beim Energieunternehmen e-regio: „Im Gegenteil: In diesem Jahr haben wir besonders für die Berufe Geomatiker und Technischer Systemplaner ungewöhnlich viele Bewerbungen bekommen.“ Es freue das Unternehmen, dass Bewerberinnen und Bewerber sowohl den kaufmännischen als auch den technischen Bereich bei e-regio im Blick hätten.
Mögliche Schwankungen können wir derzeit gut kompensieren.
Im Technology Center Drives von Miele in Euskirchen hat das Fehlen des Abiturjahrgangs nach Angaben von Pressesprecher Martin Wielgus keine gravierenden Auswirkungen auf die Besetzung der Ausbildungsplätze: „Mögliche Schwankungen können wir derzeit gut kompensieren.“
Zum Ausbildungsstart 2026 beginnen in Euskirchen acht Azubis bei Miele. „Die duale Ausbildung bleibt für uns ein zentraler Bestandteil der Nachwuchs- und Fachkräftesicherung“, so Wielgus.
Unternehmen richten den Fokus auf andere Zielgruppen
Gleichzeitig beobachten Experten bereits eine deutliche Veränderung auf dem Ausbildungsmarkt. „Es wird eine Ausweichbewegung geben“, erklärt Holtkötter. Unternehmen richteten ihren Fokus verstärkt auf andere Zielgruppen – etwa Jugendliche mit Fachabitur oder gutem mittleren Schulabschluss. Auch Studienabbrecher, junge Erwachsene in der Neuorientierung oder Zugewanderte mit entsprechenden Vorkenntnissen gewännen an Bedeutung.
Viele Betriebe hätten ihre Strategien bereits angepasst. Sie suchten früher den Kontakt zu potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern, arbeiteten enger mit Schulen zusammen, böten Praktika an und nutzten verstärkt soziale Medien. Zudem würden Einstiegswege flexibler gestaltet – etwa durch zusätzliche Unterstützung während der Ausbildung oder Perspektiven zur späteren Weiterbildung.
„Das Risiko liegt darin, dass Unternehmen, die ihre Strategie nicht anpassen, im Herbst ohne Auszubildende dastehen“, warnt Holtkötter. Gerade kleinere Betriebe könnten Schwierigkeiten bekommen, wenn größere Unternehmen offensiver um Nachwuchs werben.
Der Appell an die Unternehmen sei daher eindeutig, so der Experte: frühzeitig handeln, breiter rekrutieren und offen für unterschiedliche Bildungswege sein. „Wer gute Ausbildungsbedingungen, Entwicklungschancen und echte Perspektiven bietet, wird auch in einem knappen Jahrgang erfolgreich sein“, sagt Holtkötter.
In Euskirchen beginnt ein Ausbildungscamp
Kurz vor den Sommerferien bietet sich für Jugendliche im Kreis Euskirchen eine besondere Chance: Von diesem Montag bis zum 10. Juli findet in der Alten Tuchfabrik in Euskirchen ein Ausbildungscamp statt, das sich gezielt an Schülerinnen und Schüler richtet, die kurz vor dem Abschluss stehen und noch nicht wissen, wie es beruflich weitergeht. Vor allem junge Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf sollen von dem Angebot profitieren. Die Teilnahme ist mit den Schulen abgestimmt, die Jugendlichen werden für diese Zeit vom Unterricht freigestellt.
Im Mittelpunkt steht eine intensive Woche mit vielen praktischen Einblicken. Ziel ist es, eigene Stärken zu entdecken, verschiedene Berufe kennenzulernen und sich konkret auf den Einstieg in eine Ausbildung vorzubereiten. Statt klassischer Vorträge setzt das Camp auf Mitmachen und persönliche Erfahrungen. Organisiert wird das Camp von mehreren Partnern aus dem regionalen Netzwerk „Beirat Schule und Beruf“, darunter die Kommunale Koordinierung, die Handwerkskammer Aachen, die Industrie- und Handelskammer Aachen, das Jobcenter und die Agentur für Arbeit.
Die Camp-Woche endet nicht mit dem letzten Tag: Im Anschluss wechseln die Teilnehmenden direkt in ein einwöchiges Praktikum, das gezielt zu ihren Interessen passt. So können sie erste Erfahrungen im Betrieb sammeln und im besten Fall den Grundstein für eine Ausbildung legen.
Während der Woche werden die Jugendlichen zudem täglich mit einem Mittagessen versorgt.
