Es gibt Situationen im alltäglichen Leben, in denen eine in wenigen Augenblicken getroffene Entscheidung Großes bewirken kann. Situationen, in denen ein bestimmtes Ereignis den gewohnten Trott durchbricht und Menschen völlig unverhofft vor eine Wahl stellt: wegschauen oder handeln? „Menschen stellen sich immer wieder die Frage, in welchem Land und in welcher Region wir leben wollen, doch bei ein paar Dingen finden wir als Gesellschaft wohl immer einen Konsens“, erklärte Landrat Markus Ramers, gleichzeitig Behördenleiter der Kreispolizei Euskirchen, während der Verleihung des Zivilcouragepreises in der Alten Tuchfabrik in Euskirchen.
Zu dieser Einigkeit zähle der Wunsch, in Sicherheit leben zu können, in einer Umgebung, in der Regeln einen Wert haben, Respekt wichtig ist und Behörden wie die Polizei geachtet werden. Viele Menschen haben sich in diesem Jahr für diese Werte eingesetzt und vier von ihnen wurden am Montag für ihr herausragendes Engagement ausgezeichnet.
Reinigungskraft verhindert Brandstiftung in Schule
Der erste Fall des Abends berichtete von Claudia Bayrle, die als Reinigungskraft in einer Grundschule in Schleiden arbeitet. Am 14. Juni dieses Jahres, einem Sonntag, hörte sie plötzlich wiederholtes Türschlagen in der Etage unter ihr. „Zunächst habe ich mir überhaupt nichts dabei gedacht. Manchmal kommen nämlich noch Lehrerinnen vorbei, die Unterlagen brauchen“, berichtete die 55-Jährige. Ein Detail brachte sie dann aber dennoch ins Grübeln. „Das Türschlagen hörte nicht auf. Dann habe ich aber einen Benzinkanister entdeckt und das war sehr ungewöhnlich.“ Zwar schob sie auch diese Beobachtung zunächst auf die zu diesem Zeitpunkt anhaltenden Baumaßnahmen rund um die Schule, dennoch wollte sie sich selbst ein Bild über die Lage schaffen.
Wie Laudator und Leiter der Kriminalpolizei, Ulrich Linden, berichtete, seien gegen 12.50 Uhr zwei Jugendliche in das Schulgebäude eingedrungen. In einem Büro verschütteten sie Benzin und wurden dabei von Claudia Bayrle erwischt. „Als sie mich sahen, wollten sie zuerst fliehen“, erinnerte sich die Preisträgerin. „Ich habe dann gerufen sie sollen stehen bleiben, sonst rufe ich die Polizei, und dann bekam es der Jüngere von beiden wohl mit der Angst zu tun. Für mich war es dann, ohne darüber nachzudenken, klar, dass ich mein Handy ziehe und Fotos mache.“ Fotos, mit deren Hilfe schon kurze Zeit später im Rahmen einer Nahbereichsfahndung beide Jungen angetroffen werden konnten. „Bei einem von beiden hat man eine Schachtel Zündhölzer gefunden“, berichtete Ulrich Linden. Wie sich die Situation in Schleiden ohne das Eingreifen von Claudia Bayrle weiterentwickelt hätte, könne man nur mutmaßen, dennoch sei das Verhalten vorbildlich. „Frau Bayrle war aufmerksam, hat die Gefahr erkannt und vor allem richtig reagiert“, lobte der Leiter der Kriminalpolizei.

Das Saxofonquartett musizierte.
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Landwirt stoppt Feuer auf dem Acker nahe des Billiger Walds
Der zweite Fall des Abends verlagerte den Schauplatz auf einen Acker nahe des Billiger Walds. Während seiner Arbeit auf dem Feld beobachtete Jens Becker einen sich ausbreitenden Brand, der sich später auf eine Größe von rund 400 Quadratmetern ausweiten sollte. „Herr Becker war allein auf dem Feld, nur mit seinem Traktor und seiner Ackerfräse“, berichtete Jörg Schneider, Leiter des Leitungsstabs der Kreispolizeibehörde Euskirchen. Mit diesem Gerät sei es dem 46-Jährigen dennoch gelungen, ein Umsichgreifen der Flammen zu verhindern, indem er mit der Fräse eine Art Schneise erzeugte, die das Feuer nicht überwinden konnte. „Wir können die Dimensionen, die der Brand angenommen hätte, nicht erahnen“, so Schneider. Der Großbrand nahe Düren nur wenige Tage später habe jedoch gezeigt, wie verheerend sich das Ereignis hätte entwickeln können. „Im Hürtgenwald waren etwa 300 Hektar betroffen, das sind 420 Fußballfelder. 1800 Einsatzkräfte, auch aus dem Kreis Euskirchen, waren vor Ort und ein Ortsteil musste evakuiert werden.“ Das beherzte Eingreifen von Jens Becker habe eine ähnliche Entwicklung am 10. August in Billig verhindert und daher sei auch diese Auszeichnung mehr als verdient.
Aufmerksamer Autofahrer meldet Wohnmobil in Schlangenlinien
Auf dem Weg zur Arbeit, bei einem Besuch bei Freunden oder auch für den Wocheneinkauf das Auto zu nutzen, ist insbesondere im ländlicheren Raum völlig alltäglich. So dachte sich auch Christian Lienke-Köhler nichts dabei, als er am 23. Februar wie gewohnt hinter dem Steuer seines Wagens Platz nahm. In Blankenheim fiel ihm dann jedoch ein Wohnmobil auf, das deutliche Schlangenlinien fuhr. Daraufhin alarmierte er die Polizei. Bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte habe er das Fahrzeug verfolgt und somit maßgeblich dazu beigetragen, den Fahrer schnellstmöglich aus dem Verkehr zu ziehen, wie Achim Richenzhagen, Leiter der Führungsstelle Verkehr, erklärte.
„Natürlich ist die Polizei in solchen Fällen in der Verantwortung, aber wir können nicht überall zugleich sein.“ Aus sicherem Abstand zu beobachten und Hinweise weiterzuleiten, habe der Polizei ein schnelles Einschreiten ermöglicht. Bei dem Fahrer habe es sich um einen 17-Jährigen ohne gültige Fahrerlaubnis gehandelt. Zudem seien sowohl das Wohnmobil als auch ein darin befindliches Mofa als gestohlen ausgeschrieben gewesen. „Die Straße ist ein Raum, den wir alle miteinander teilen“, so Richenzhagen. „Die Mithilfe von Bürgerinnen und Bürgern beginnt oft ganz unspektakulär, kann, wie auch in diesem Fall, trotzdem großes Bewirken.“
Eingegriffen, als andere wegschauten
Den Abschluss der Preisverleihung bildete ein Ereignis im Januar dieses Jahres, das ein weiteres Mal verdeutlichte, wie unverhofft man im Alltag mit Situationen konfrontiert werden kann, in denen Zivilcourage gefragt ist. Am späten Nachmittag des 7. Januar kam es am Euskirchener Bahnhof zu einer Körperverletzung, bei der eine Frau von einem Bekannten gegen den Kopf geschlagen wurde. Zwar versuchte sich die Betroffene, in einen Bus zu retten, doch der Mann verfolgte sie und überschüttete sie mit einer Wodkaflasche. „Der Bus war zu diesem Zeitpunkt sicher nicht leer und andere Menschen haben gesehen, was passiert“, betonte Polizeidirektorin Gabriele Mälchers. „Es sind unterschiedliche Gefühle, die dabei in einem Menschen vorgehen können. Vielleicht Scham darüber, Zeuge einer solchen Situation zu sein, oder auch die Sorge, selbst in das Geschehen hineingezogen zu werden.“ Martin Rzepka habe sich dem Angreifer dennoch entgegengestellt und der Frau zur Seite gestanden, obwohl er dadurch selbst einen Schlag des Mannes abbekam. Niemand sei aufgefordert, sein Leben oder seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, darin waren sich alle Laudatoren einig. Dennoch könne schon ein Hinweis, ein Foto oder eine andere Art, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln tätig zu werden, einen großen Unterschied bewirken.

