Im Kreiskrankenhaus Mechernich startet am 4. Februar die Portalpraxis. Damit wird eine Doppelstruktur in der Notfallversorgung abgeschafft.
PortalpraxisIn Mechernich gibt es einen gemeinsamen Tresen für alle Notfälle

Dieser Tresen ist die Anlaufstelle für die Notfallpatienten im Kreiskrankenhaus. Das System der Portalpraxis stellten Geschäftsführer Martin Milde (v.l.), Chefarzt Dr. Marcus Münch, KV-Kreisvorsitzender Frank Gummelt und Bernd Junker (GMG) vor.
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Wer krank ist, will Hilfe bekommen – und das so schnell wie möglich. Doch gerade in der Notaufnahme ist das nicht immer möglich: Ein subjektiver Notfall ist aus medizinischer Sicht eben nicht zwingend der, der sofort behandelt werden muss. Schwere und lebensbedrohliche Fälle haben Vorfahrt. Immer.
Dass dies jedoch bei den minderschweren Fällen zu Wartezeiten und Frust bei allen Beteiligten führt, ist den Verantwortlichen auch im Kreiskrankenhaus Mechernich allzu bewusst. Daher wird ab dem 4. Februar dort mit der Portalpraxis ein neuer Baustein in der Notfallversorgung an den Start gehen.
Das Ziel des von Klinik und kassenärztlichem Notdienst gemeinsam betriebenen Systems ist die schnelle und strukturierte Ersteinschätzung, so dass die Patienten möglichst schnell und ohne Doppelstrukturen dahin geleitet werden, wo ihnen geholfen wird. Mit Blick auf den einen Tresen, den dann alle Notfallpatienten ansteuern, bemüht Klinik-Geschäftsführer Martin Milde ein berühmtes Zitat Willy Brandts: „Es wächst zusammen, was zusammengehört.“
Rund 40.000 Patienten werden pro Jahr in der Notaufnahme behandelt
Rund um die Uhr ist die Zentrale Notaufnahme im Kreiskrankenhaus besetzt. Rund 40.000 Patientenkontakte bewältigt das Team von Chefarzt Dr. Marcus Münch dort pro Jahr. Die Schließung der Notaufnahme in Schleiden hat dabei nicht mal signifikante Auswirkungen. Nach Münchs Beobachtungen sind es die komplizierte Gemengelage im Gesundheitswesen, etwa mit dem Wegfall von Kliniken, die enorme Auslastung oder auch die Tatsache, dass viele keinen Hausarzt mehr haben, die dazu führen, dass viele Patienten sich nicht abgeholt fühlen.
„Wir nehmen uns in der Samstagnacht des umgeknickten Fingers genauso an wie vital bedrohter Patienten“, sagt Münch. Dass die hohe Auslastung und die kontinuierliche Priorisierung zu Wartezeiten bei weniger schweren Fällen führt, ist logisch: Im Schnitt liegt sie laut Münch in Mechernich bei 2,5 Stunden. Er zieht den Vergleich zu Unikliniken heran: Dort betrage die Wartezeit acht bis zwölf Stunden.
Die Notdienstpraxis in Mecherich besuchen rund 10.000 Patienten
Mittwochnachmittags, an Wochenenden und an Feiertagen sind die niedergelassenen Ärzte in den Notdienstpraxen am Kreiskrankenhaus und am Marien-Hospital in Euskirchen vertreten. Etwa 320 niedergelassene Ärzte gibt es laut Frank Gummelt, Vorsitzender der Kreisstelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Kreis Euskirchen. Etwa 300 davon verrichten ihren Dienst in den Notdienstpraxen. Ausgenommen sind die Augenärzte, die einen eigenen Notdienst in Bonn besetzen.
Dazu kommt der Bereitschaftsdienst, zu dem sie über die 116117 (siehe weiter unten) gerufen werden. Also gebe es auch im KV-System eine Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit – doch das sei immer noch zu wenig bekannt, sagt Gummelt: „Die meisten denken noch: Wenn der Hausarzt Feierabend hat, gibt es nur noch die Notaufnahme.“
Rund 10.000 Patienten haben im vergangenen Jahr die Notdienstpraxis in Mechernich aufgesucht, etwa 7000 waren es in Euskirchen. Den höheren Anteil Mechernichs führt Gummelt auch auf eine „Kopfsache“ zurück: Da im Mechernicher Krankenhaus im Gegensatz zu Euskirchen eine Kinderstation ist, steuerten viele Eltern mit ihrem kranken Kind auch die Notdienstpraxis in Mechernich an.
Doppelte Strukturen werden abgeschafft
Aus seinen Erfahrungen in der Notdienstpraxis beschreibt Gummelt die Krux, die sich durch das jetzige System ergeben kann: Ein massiv blutender Patient, der sich mit der Kettensäge in den Arm geschnitten hat, sei genauso in die Praxis spaziert wie einer mit einem gefährlichen Myokardinfarkt.
Natürlich werden solche Fälle sofort zur Notaufnahme geschickt – jedoch startete dort bislang das System der Einschätzungen von vorne. „Das wird so nicht mehr passieren“, sagt er über die am Mittwoch den Betrieb aufnehmende Portalpraxis.
Künftig gibt es eine Anlaufstelle für die Notfallpatienten
Die Notdienstpraxis in Mechernich wird ab dem 4. Februar nicht mehr als solche genutzt. Stattdessen steuern alle Notfallpatienten den gemeinsamen Tresen in der ersten Etage der Klinik an.
Zwei Anmeldungsplätze stehen dort zur Verfügung, die rund um die Uhr besetzt sind. Das Personal stellt die Klinik und zu den bisherigen Zeiten der Notdienstpraxis zusätzlich h der kassenärztliche Notdienst.
Speziell geschultes Pflegepersonal wendet dort den seit vielen Jahren international in der Notfallmedizin etablierten Emergency Severity Index (ESI) an, um die Dringlichkeit einzuschätzen sowie zeitkritische und lebensbedrohliche Fälle sofort zu erkennen. In Kombination kommt auch das Strukturierte medizinische Ersteinschätzungsverfahren (SmED) zum Einsatz, das übrigens auch jeder selbst online vorab durchführen kann (siehe weiter unten unter „116117“).

Die Notdienstpraxis wird nicht mehr als solche genutzt.
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Nach der Ersteinschätzung liegen die Notaufnahme und der KV-Notdienst nah beieinander.
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Aufgrund der Einschätzung geht es dann weiter: entweder den Gang geradeaus hinunter in die Notaufnahme oder nach links, wo sich die Wartezone der niedergelassenen Ärzte befindet. So sollen weniger dringende Fälle das System der Notfallmedizin nicht mehr belasten – was sich nach Einschätzung der Verantwortlichen wiederum positiv auf die Wartezeiten auswirken dürfte, wenn diejenigen herausgefiltert werden, die eben keine Notfälle sind. Ein weiterer Vorteil: Patienten müssen nicht mehr am Eingang fragen, wohin sie sich denn wenden sollen.
Komplett neu ist das System indes nicht, wie Bernd Junker, Geschäftsführer der KV-Tochter GMG (Gesundheitsmanagementgesellschaft mbH) berichtet. 83 Notdienstpraxen gebe es im Bereich Nordrhein, mehr als 50 davon werden bereits als Portalpraxen geführt. Damit sei man der Bundesinitiative bereits weit voraus. Jedoch sagt er auch: „Das geht nicht auf dem Reißbrett. Es lebt vom Willen aller Beteiligten.“ In Mechernich war die Idee laut Milde schon lange in den Köpfen, im vergangenen Jahr hat die Planung dann richtig Fahrt aufgenommen.
Wer kein Notfall ist, soll nicht die Notaufnahme belasten
Auch wenn das neue System nicht weniger Bürokratie bedeutet – laut Milde bleibt das Level gleich –, wird so eine Doppelstruktur abgebaut, die in Zeiten der Personalknappheit niemand mehr leisten kann und will.
Von vielleicht zehn Patienten pro Tag spricht Münch, die wohl besser einen Hausarzt statt der Notaufnahme aufgesucht hätten – bei etwa 150 Fällen täglich. Zu diesen zählt der oft zitierte Klassiker: Ein Patient plagt sich seit Wochen mit Rückenschmerzen herum und beschließt an einem Sonntagnachmittag, damit doch mal zur Notaufnahme zu fahren, weil er dann dort ja sofort drankomme.
Derartige Patienten sollen am gemeinsamen Tresen erfahren, doch bitte am nächsten Tag einen niedergelassenen Arzt aufzusuchen. Da die Portalpraxis eben nicht die Zentrale Notaufnahme der Klinik ist, besteht kein gesetzlicher Anspruch auf einen Arztkontakt. Wer doch darauf besteht, kann das tun – muss aber warten.
Der Rettungswagen ist keine automatisierte Vorfahrt
Wer mit dem Rettungswagen ins Kreiskrankenhaus gefahren wird, wird weiterhin in die Notaufnahme gebracht. Jedoch kann es nach der Ersteinschätzung durchaus sein, dass die KV-Ärzte die Behandlung übernehmen. Auch hier räumen die Verantwortlichen mit einer Mär auf: Nur, weil jemand mit dem RTW kommt, ist er nicht zuerst dran. Zuerst dran ist immer derjenige, der am dringendsten Hilfe benötigt.
Die 116117
Für die Ersteinschätzung muss ein Patient nicht zwingend notwendig eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus aufsuchen oder den Rettungsdienst bemühen. Bei nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Verletzungen können die Portale der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) helfen.
Telefonisch ist der ärztliche Bereitschaftsdienst der KV rund um die Uhr unter der kostenlosen Telefonnummer 116117 erreichbar. Dort wird in einem Abfragesystem eine Ersteinschätzung vorgenommen und eine Empfehlung zum weiteren Vorgehen ausgesprochen. Die Info, an wen man sich wenden soll, ist genauso denkbar wie das direkte Gespräch mit einem Arzt oder dass ein Mediziner im Zuge des Fahrdienstes den Patienten daheim aufsucht.
Online unter www.116117.de steht das Patientennavi für die Selbsteinschätzung ebenfalls zur Verfügung. Hier können sich die Patienten durch die entsprechenden Fragen klicken und Angaben zu den Symptomen machen, zu deren Schwere und seit wann sie bestehen. Selbst wenn eine der ersten Fragen nach einer möglichen Lebensgefahr mit „Nein“ beantwortet wird, ploppt der Notfall-Hinweis rot und unübersehbar auf, wenn die Antworten zur Erkrankung doch darauf schließen lassen: „Rufen Sie sofort den Rettungsdienst an“, heißt es dann. Im Gegenzug erscheint die Meldung, „Medizinische Behandlung nicht innerhalb von 24 Stunden erforderlich“, wenn eher Zipperlein angegeben werden, die schon lange bestehen.
Der Vorteil bei beiden Varianten: Die Patienten erhalten einen Code, der in der Portalpraxis angegeben werden kann, so dass die Ergebnisse dort sofort abgerufen werden können.


