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Von 1538Das wohl älteste Haus in Schleiden birgt spannende Geschichten

5 min
Zwei Männer arbeiten mit einem Holzbohrer in einem alten Haus in Schleiden, um Bohrkerne zu gewinnen.

Mit dem Holzbohrer holen Norbert Engels (r.) und Werner Schorlemer die Bohrkerne aus dem Balken.

Forscher untersuchen ein Gebäude in Schleiden: Es stammt wahrscheinlich von 1538 und hat den großen Brand von 1603 überstanden.

Es liegt etwas versteckt, das alte, zweigeschossige Fachwerkhaus zwischen Schuhhaus Müller und dem Gebäude, in dem derzeit die Schleidener Postfiliale ist. Es ist kein Schmuckstück, die Jahre und die mangelnde Pflege sind ihm anzusehen. Im Erdgeschoss war einmal die Filiale einer Versicherung, der Rest des Gebäudes war bewohnt. Seit mehreren Jahren steht es leer. Normalerweise wäre es abgerissen worden. Doch es kam anders – glücklicherweise. Denn unter der angeschmuddelten Fassade verbirgt sich eine kleine Sensation.

Es ist ein beliebter Allgemeinplatz zu behaupten, dass Geschichte neu geschrieben werden müsse. In diesem Fall gilt das, wenn auch nur für einen kleinen Teil der Schleidener Stadtgeschichte. Bisher galt, dass beim großen Brand im Jahr 1603 die ganze Innenstadt unterhalb der Vorburg abbrannte. Die Darstellung muss jetzt revidiert werden. Denn die Abteilung Baugeschichte des LVR hat ermittelt, dass das Haus Am Markt 11 wahrscheinlich aus dem Jahr 1538 stammt. Das wurde durch die dendrochronologische Untersuchung der Fachleute aus Brauweiler bestätigt.

Zwei Häuser von 1605 galten bislang als die ältesten in Schleiden

Bisher galten zwei Häuser aus dem Jahr 1605 als die historischen Schmuckstücke der Innenstadt in Schleiden. Sie waren – genau wie andere durch den Brand in Mitleidenschaft gezogene Gebäude – durch eine reichsweite Spendenaktion zügig wieder errichtet worden. Dass das Haus Am Markt 11 während des Brandes beschädigt und wiederaufgebaut worden sei, darauf gebe es keinerlei Hinweise, sagt Anne Lambert, die im Team von Dr. Kristin Dohmen das Haus unter die Lupe nimmt.

Schon der erste Eindruck, den Dohmen und Lambert beim Betreten des Hauses gewinnen, deutet die Überraschung an. „Wir gehen davon aus, obwohl es   noch nicht gründlich untersucht ist, dass wir hier einen mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Kernbau haben“, so Dohmen bei einem Blick in das Erdgeschoss. Die Bauweise mit den dicken Balken sei nicht gewöhnlich und auch nicht billig: „Hier verrät sich jetzt noch mal das späte Mittelalter, die Zeit um 1600.“ Die Bauweise sei prototypisch für die Zeit. Dazu komme ein Anbau, der wahrscheinlich aus dem 19. Jahrhundert stamme. Doch auch die Baumarkt-Ära sei nachweisbar. „Diese vielen Zeitschichten, die die Gebäude in sich tragen, werden wir rausknüseln“, sagt sie salopp.

Hans Meyer steuert eine Drohne, im Hintergrund ist ein altes Fachwerkhaus zu sehen.

Mit einer Drohne umfliegt Hans Meyer das Haus, um aus dem Material ein 3D-Modell zu erstellen.

Ein Blick in ein entkerntes Fachwerkhaus in Schleiden.

Vieles stammt hier aus dem 16. Jahrhundert.

Auf einem Computerbildschirm wird dargestellt, wie ein dreidimensionales Modell eines alten Hauses entsteht.

Eine Wolke aus Bildern schafft ein 3D-Modell des Gebäudes.

Unübersehbar sei, dass die Vorderfront ursprünglich zurückgesetzt gewesen sei, wie das am Haus Markt 9 zu sehen sei. Es sei deutlich zu erkennen, dass die neue Fassade mit dünnen Hölzern vorgesetzt sei. Denn in dem großen Raum im Erdgeschoss gebe es deutliche Rußspuren, die nicht bis zur heutigen Front reichen. „Hier spricht das Gebäude. In dem Raum kann der zentrale Ofen des Hauses gestanden haben“, vermutet Lambert. Natürlich sei es auch möglich, dass die Fassade, die nicht mehr vorhanden sei, durch den Brand 1603 in Mitleidenschaft gezogen worden sei. „Wir haben Rußspuren, aber wir haben an den Hölzern keine Brandspuren“, erklärt sie. Auch im oberen Stockwerk seien keine Brandspuren zu finden, außer denen eines Dachbrandes in den 1990er-Jahren.

Die zurückgesetzte Fassade sei um 50 Zentimeter vorgezogen worden, um eine Flucht mit der Wand im ersten Stock zu erreichen. „Bei den oberen Geschossen haben wir engmaschiges Fachwerk, ein sogenanntes Rasterfachwerk, und unten dünnere Hölzer. Das sind zwei Bauphasen, die in der Fassade zusammenkommen“, so Lambert.

Moderne Technik hilft den Forschern bei den Untersuchungen

Mit moderner Technologie wird das Gebäude auf Herz und Nieren untersucht. Hans Meyer lässt eine Drohne aufsteigen, die automatisch alle zwei Sekunden ein Foto macht. „Anschließend gehe ich mit der Drohne in der Hand durch alle Räume, um auch die Innenräume zu erfassen“, erläutert er. Mit einer Software wird daraus ein 3D-Modell errechnet, so dass das Gebäude nicht nur von außen und innen betrachtet werden kann, sondern auch exakte Schnitte durch das Haus möglich sind.

„Mein Sohn Robin hat das Haus vor rund fünf Jahren erworben“, sagt Norbert Bauer aus Schmidt. Er habe das Potenzial des Gebäudes gesehen und der Preis sei niedrig gewesen. Die Sanierung des Hauses werden sie in Eigenregie machen. „Wir sind beide handwerklich geschickt, aber es ist ein Abenteuer“, berichtet er: „Als wir das erste Mal hier waren, stand oben noch der Tisch mit der Kaffeetasse.“

Eine Frau hält einen Bohrkern aus Holz zwischn den Fingern.

Anhand der Bohrkerne können die Balken genau datiert werden.

Sorgfältig untersucht Dr. Kristin Dohmen Einzelheiten des Gebäudes.

Sorgfältig untersucht Dr. Kristin Dohmen Einzelheiten des Gebäudes.

Währenddessen untersuchen die Mitarbeiter des LVR das Haus weiter. „Das ist eher städtisches Fachwerk, denn die städtischen Häuser funktionieren vom Raumzuschnitt anders als die ländlichen zu der Zeit“, erläutert Dohmen. Während die Häuser auf dem Land in der Regel von der Traufseite erschlossen seien, sei der Eingang bei Stadthäusern auf der Giebelseite: „Bei Stadtparzellen gab es links und rechts wenig Raum.“ Denkbar wäre auch ein Gewerbe, das in dem Haus gewesen sei. Keller und ein Lastenaufzug, der in der Fassade verortet werden könne, deuten darauf hin.

Mit langen Spezialbohrern, die millimeterdünne Bohrkerne aus den dicken Holzbalken ziehen, gewinnen die Holzrestauratoren Norbert Engels und Werner Schorlemer das Material für die dendrochronologische Untersuchung. Dabei werden die Jahresringe der Balken, die charakteristische Wuchsdicken aufweisen, mit anderen Balken verglichen, die bereits exakt datiert sind. Wichtig sei dabei, die sogenannte Waldkante zu gewinnen, erläutert Lambert: „Das ist der letzte gewachsene Jahresring, an dem festgestellt werden kann, in welchem Jahr der Baum geschlagen wurde.“

Damit sei auch der Bau des Hauses datierbar: „Im Winter wurden normalerweise die Bäume geschlagen, im Sommer gesägt und verbaut.“ Die im Erdgeschoss verwendeten Eichen seien laut Gutachten in den Jahren 1535 bis 1538 gefällt worden, so dass der Sommer 1538 als frühestmögliches Datum für die Errichtung des Erstbaues gelten könne.

Noch sind die Untersuchungen nicht abgeschlossen, viele Fragen offen. So stammt die rückwärtige Fassade aus einer späteren Periode. Ob die Wendeltreppe schon im 16. Jahrhundert dort stand, wo sie jetzt zu finden ist, ist auch nicht geklärt. Stammt der Ruß an den Balken im Erdgeschoss von einem Brand oder einem Kamin? So manches wird ungeklärt bleiben, denn wenn die Substanz fehlt, um Untersuchungen vorzunehmen, helfen auch Spekulationen nicht weiter. „Wenn der Befund nicht da ist, gibt es keinen Fund. Wir nennen das: Dann sind wir im Phantasialand“, sagt   Dohmen lachend.