Rund 60 Menschen nahmen an der Enthüllung in Schleiden teil. Archivleiterin Nicole Gutmann schilderte, wie es zum Mord kam.
Mahnmal enthülltStolperstein in Schleiden erinnert an Pilot Quince Brown

Nahmen an der Enthüllung des Stolpersteins für Quince Brown teil: Martina Hilger-Mommer (l.) und Nicole Gutmann.
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Es war nichts anderes als ein Lynchmord, der sich am 6. September 1944 in Schleiden zutrug. Mit zwei Schüssen wurde der amerikanische Pilot Major Quince Lucien Brown jr., der in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war, auf offener Straße ermordet. Mit einem Stolperstein wird nun an der Stelle, an der das Verbrechen verübt wurde, an das Opfer erinnert. Am Samstagmittag wurde der Stein feierlich enthüllt.

Für Musik sorgte das Saxofon-Ensemble der Musikschule Schleiden.
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Rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelten sich zu der Feierstunde, die am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Schleiden stattfand. Für den musikalischen Rahmen sorgte das Saxofon-Ensemble der Musikschule Schleiden. Der Termin wurde auf den Jahrestag der Befreiung der Stadt Schleiden vom Nationalsozialismus, die am 7. März 1945 stattfand, gelegt.
Die Ereignisse, die zum Mord an dem amerikanischen Fliegermajor Quince Brown führten, sind gut dokumentiert, da sie vor den Augen vieler Zeugen in aller Öffentlichkeit stattfanden. Der 26-jährige Brown war ein hochdekorierter Pilot, der 13 Abschüsse aufzuweisen hatte, darunter vier an einem Tag und den ersten, den ein US-Pilot über deutschem Territorium verzeichnen konnte.
Quince Brown wurde kein Vökerrecht gewährt
Am 6. September 1944 war er in einer P47-Thunderbolt mit seiner Flugstaffel auf einer Aufklärungsmission, um den Flugplatz Vogelsang zu erkunden. Als er dort tiefer flog, wurde seine Maschine von der in Vogelsang stationierten Flak getroffen. Doch Brown konnte sich per Fallschirm retten. Während die Thunderbolt ungefähr am oberen Ende des heutigen Campingplatzes Dieffenbachtal abstürzte, landete Brown in der Nähe von Scheuren, wo er sich zu einem Bauernhof schleppte. Dort wurde er schließlich von deutschen Soldaten gefangen genommen.
„In diesem Moment griff das Völkerrecht“, betonte Nicole Gutmann, die Leiterin des Interkommunalen Archivs Südkreis Euskirchen, die die Ereignisse rekapitulierte. Brown habe sich ergeben und keinen Widerstand geleistet, schilderte Gutmann. Er habe demnach unter dem Schutz der Genfer Konvention gestanden.
Im Anschluss sei er von Soldaten zum Standortkommandanten nach Schleiden gebracht worden. Die Dienststelle des Kommandanten soll sich in der Straße „Holgenbach“ befunden haben. Da Brown sich am Bein verletzt hatte, sollte er von einer Eskorte zu einem Arzt gebracht werden, der seine Praxis gegenüber vom heutigen Alten Rathaus hatte. Doch dort kam Brown nie an.
Archivleiterin bezeichnet Erschießung als „kaltblütiger Lynchmord“
Was war geschehen? An der Kreuzung von Holgenbach und Bahnhofstraße, der heutigen Blumenthaler Straße, haben sich Gutmann zufolge zwischen 30 und 60 Soldaten, SS-Leute, aber auch Zivilisten, um ihn versammelt. Die Menschen seien aufgehetzt von der NS-Propaganda gewesen, aber auch aufgebracht wegen eines Luftangriffs in Wahlerscheid am gleichen Morgen, der Tote und Verletzte gefordert hatte. Die Lage sei eskaliert, als der SS-Sturmbannführer Rudolf Seidel aus Düsseldorf und der damalige Hellenthaler Bürgermeister Wilhelm Fischer zu der Gruppe traten. Sie sollen Brown beschimpft haben. Sie schlugen und traten ihn, bis er am Boden lag, wo er weiter misshandelt wurde.
Nur der Briefträger Peter Müller habe versucht, den Gefangenen zu schützen, doch er sei von einem der beiden SS-Männer in die angrenzenden Sträucher gestoßen worden. Mit zwei Schüssen in den Nacken von Seidel sei Brown schließlich ermordet worden. „Ein kaltblütiger Lynchmord, ausgeführt von Funktionsträgern des NS-Regimes“, nannte Gutmann die Erschießung.
Stolperstein gedenkt Opfer Nationalsozialistischen Terrors
Weiter sprach sie über die Aufarbeitung: „Im Jahr 1953 verhandelte das Schwurgericht des Landgerichts Aachen über die Ereignisse. Seidel wurde wegen Totschlags zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt, Fischer aus Mangel an Beweisen freigesprochen.“
Es sei Kontakt mit der Familie des Ermordeten aufgenommen worden, erläuterte Gutmann. Die Familienmitglieder seien dankbar für das Gedenken, aber ein aktueller Trauerfall habe ihre Anreise verhindert.

Im Gedenken an Quince Brown wurde ein Stolperstein verlegt.
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Die Initiative für das späte Gedenken an Brown kam von dem Verein „Erinnern. Bedenken. Handeln“. Dieser hatte sich aus dem Arbeitskreis „Gedenken“ gebildet, auf dessen Betreiben vor genau einem Jahr das Mahnmal vor dem Alten Rathaus eingeweiht worden war.
Mitnichten wende sich der Verein nun den militärischen Kriegsopfern zu. „Wir erinnern hier nicht an den Soldaten Quince Brown“, betonte der Journalist Franz Albert Heinen bei seiner Begrüßung. Brown sei nicht das Opfer von Kämpfen im Rahmen des Krieges geworden. Sondern: „Er wurde in einer vollends aus den Fugen geratenen Welt zum Opfer nationalsozialistischen Terrors“, stellte Heinen klar.
„Dieser Stein ist ein Mahnmal“, sagte Nicole Gutmann. Er erinnere daran, dass internationale Gesetze keine abstrakten Papiere seien. Gutmann: „Sie sind der wesentliche Schutzwall zwischen Zivilisation und Barbarei.“
Einladung zu Lesung
Für das nächste Wochenende lädt die Mechernicher Projektgruppe „Forschen – Gedenken – Handeln“ zu einer Lesung von Jennifer Teege aus ihrem Buch „Amon – Mein Großvater hätte mich erschossen“ ein. Die Autorin beschreibt darin ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, nachdem sie herausfindet, dass sie die Enkelin des für seine Grausamkeit gefürchteten KZ-Kommandanten Amon Güth ist. Die Veranstaltung findet am Sonntag, 15. März, 17 Uhr, in der Kirche St. Severinus in Kommern statt. Der Eintritt zur Lesung ist frei.

