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Café, keine Bänke, Klang- statt BeichtstuhlKirche in Stotzheim wird sich komplett verändern

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Die Visualisierung zeigt die mögliche Ausgestaltung der Stotzheimer Kirche. Es fehlen aber die Lernbereiche.

So könnte die Familienkirche in Stotzheim aussehen. Die Kirchenbänke werden weichen. Stattdessen werden Stühle aufgestellt.

Die katholische Kirche in Euskirchen-Stotzheim wird zur Familienkirche inklusive interaktiver Lernorte. Das Gotteshaus wird sich verändern.

Kinder dürfen lachen, Fragen stellen und sich frei bewegen. Eltern sollen nicht nervös zusammenzucken, wenn ihr Nachwuchs während des Gottesdienstes laut wird. Und der Glaube soll nicht nur erklärt, sondern mit allen Sinnen erlebt werden können. Mit diesem Anspruch startet eine Kirchengemeinde ein außergewöhnliches Projekt: Aus der denkmalgeschützten Pfarrkirche soll in den kommenden Monaten eine moderne Familienkirche entstehen. Rund 120.000 bis 140.000 Euro will die Gemeinde in das Vorhaben investieren.

Die Idee entstand nicht zufällig. Auf Anregung des Erzbistums Köln beschäftigen sich viele Gemeinden mit der Frage, welche pastoralen Schwerpunkte sie künftig setzen wollen. Die Pfarrei St. Martin entschied sich schnell für Familien. Sechs Kindertagesstätten, ein großer Kinder- und Jugendchor sowie die unmittelbare Nähe zu einer katholischen Grundschule bilden bereits heute ein starkes Fundament.

Wir machen in der Familienpastoral schon sehr viel. Deshalb haben wir uns gefragt: Warum schaffen wir nicht auch einen Ort, an dem sich Familien wirklich zu Hause fühlen?
Thomas Keulertz, Gemeindereferent

„Wir machen in der Familienpastoral schon sehr viel. Deshalb haben wir uns gefragt: Warum schaffen wir nicht auch einen Ort, an dem sich Familien wirklich zu Hause fühlen?“, erklärt Gemeindereferent Thomas Keulertz.

Inspiration holte sich das Planungsteam bei einem Besuch einer Kinderkirche in Porz. Aus der ursprünglichen Idee einer Kinderkirche entwickelte sich bewusst das Konzept einer Familienkirche. „Kinder kommen nie allein. Wir wollen die ganze Familie in den Blick nehmen.“

Neues Konzept verfolgt einen Perspektivwechsel

Das neue Konzept verfolgt einen grundlegenden Perspektivwechsel. Die Kirche soll künftig nicht mehr ausschließlich Gottesdienstraum sein, sondern zugleich ein Ort der Begegnung, des Lernens und des gemeinsamen Erlebens.

„Wir möchten, dass niemand Angst haben muss, weil ein Kind während des Gottesdienstes lacht oder durch die Kirche läuft. Kirche muss ein Ort sein, an dem Familien willkommen sind“, so Keulertz.

Dabei soll die bisherige Gottesdienstgemeinde ausdrücklich nicht verdrängt werden. Auch künftig werden klassische Gemeindemessen gefeiert. Der Gemeindereferent: „Uns war wichtig, keinen Gegensatz aufzubauen. Die Kirche bleibt für alle da.“

Im September startet das neue pastorale Konzept

Bereits im September startet das neue pastorale Konzept. Familienmessen, Kleinkindergottesdienste und Tauffeiern werden künftig verstärkt an diesem Standort stattfinden. Die eigentliche bauliche Umgestaltung beginnt nach den Weihnachtsgottesdiensten und soll bis zur Fastenzeit des kommenden Jahres abgeschlossen sein. Voraussetzung sind noch die erforderlichen Genehmigungen der Denkmalbehörden und der Kunstkommission des Erzbistums.

Das Bild zeigt den Gemeindereferenten in seinem Ohrensessel sitzend.

Gemeindereferent Thomas Keulertz sitzt in einem der neuen Sessel, die schon in der Stotzheimer Kirche stehen.

Am deutlichsten sichtbar wird der Wandel im Kirchenraum selbst. Die bisherigen Kirchenbänke werden entfernt und durch rund 180 mobile Stühle ersetzt. Bisher bietet die Kirche etwa 240 Sitzplätze. Die historischen Bänke sollen möglichst an andere Kirchengemeinden weitergegeben werden. Wie Keulertz verrät, könnte Frauenberg profitieren, weil dort die Kirchenbänke vom Holzwurm befallen worden seien.

Gottesdienste sollen im Kreis um einen mobilen Altar stattfinden

Durch die flexible Bestuhlung kann der Raum künftig immer wieder neu gestaltet werden. So sollen Gottesdienste beispielsweise im Kreis um einen mobilen Altar gefeiert werden können, wodurch Gemeinschaft stärker in den Mittelpunkt rückt.

Ein erfahrener Architekt begleitet die Planungen. Größere bauliche Veränderungen sind nicht vorgesehen. Vielmehr soll der sakrale Charakter des denkmalgeschützten Gotteshauses erhalten bleiben. Parallel werden noch sichtbare Flutschäden beseitigt. Bis in etwa 90 Zentimeter Höhe müssen die Wände saniert werden.

Vier interaktive Lernorte innerhalb der Kirche

Herzstück der Familienkirche werden vier interaktive Lernorte sein. Jeder Bereich ist einer Heiligen oder einem Heiligen gewidmet und lädt Kinder dazu ein, Glauben spielerisch zu entdecken.

Die heilige Cäcilia, Patronin der Kirchenmusik, erhält einen ganz besonderen Platz. Der bisherige Beichtstuhl wird zu einem sogenannten „Klangstuhl“ umgebaut. Kinder können dort Platz nehmen und über QR-Codes Musikstücke des Kinder- und Jugendchores anhören. Gedämpftes Licht, Stoffe, Notenmotive und Bilderbücher schaffen eine gemütliche Atmosphäre. Über in die Seitenwände integrierte Lautsprecher bleibt der Klang auf den Innenraum begrenzt. Auf den ehemaligen Kniebänken sollen Kinderbücher rund um Musik bereitliegen.

Kniffliges Denkspiel für den heiligen Martin

Dem heiligen Martin ist ein kniffliges Denkspiel gewidmet. Unter dem Titel „Gänse ins Gehege“ greifen Kinder die bekannte Legende auf, nach der schnatternde Gänse Martins Versteck verraten haben. Mit speziellen Puzzleteilen müssen die Tiere in ein Gehege gebracht werden, ohne sie zu bewegen. Verschiedene Schwierigkeitsstufen vom Junior- bis zum Expertenmodus sollen sowohl jüngere als auch ältere Kinder ansprechen und gleichzeitig logisches Denken fördern.

Der Lernort der heiligen Elisabeth von Thüringen greift das Rosenwunder auf. In einem Weidenkorb befinden sich Memory-Karten mit Brotmotiven auf der Vorderseite und Rosen auf der Rückseite. Wie beim klassischen Memory müssen die passenden Paare gefunden werden. Spielerisch wird so die Legende erzählt, nach der sich Brote in Rosen verwandelten.

Kleines Café und Stillmöglichkeit in der Kirche geplant

Auch der heilige Jakobus lädt zum Mitmachen ein. Kinder und Erwachsene können in Pilgerkleidung mit Hut, Mantel und Stab schlüpfen und Erinnerungsfotos vor einer passenden Kulisse machen. Muscheln aus Pappe bieten Platz für Wünsche, Hoffnungen oder Sorgen, die an einer Pilgerwand befestigt werden. Gleichzeitig soll ein großes Glas nach und nach mit echten Muscheln gefüllt werden, die Kinder aus ihren Urlauben mitbringen – als sichtbares Zeichen dafür, dass jeder Mensch seinen eigenen Glaubensweg geht.

Auch außerhalb des eigentlichen Kirchenraums entstehen neue Angebote. Im hinteren Bereich wird ein kleines Café eingerichtet. Dort sollen eine kleine Messküche, eine familienfreundliche Toilette mit Wickelmöglichkeit sowie ein geschützter Stillbereich hinkommen.

Die Möblierung orientiert sich farblich am Altarraum. Warme Grau-, Rot- und Orangetöne sollen eine freundliche Atmosphäre schaffen und den sakralen Charakter der Kirche unterstreichen.

Wenn wir diesen Weg gehen, dann möchten wir ihn auch richtig gehen. Das ist eine Investition in die Zukunft unserer Kirche.
Thomas Keulertz, Gemeindereferent

Die Finanzierung erfolgt über Eigenmittel der Kirchengemeinde, den Kirchenvorstand sowie Spenden. Bewusst setzt die Gemeinde auf eine professionelle Umsetzung durch einen Messebauer.

„Wenn wir diesen Weg gehen, dann möchten wir ihn auch richtig gehen. Das ist eine Investition in die Zukunft unserer Kirche“, sagt Keulertz. Auch künftig bleibt das Gotteshaus täglich geöffnet – zunächst bis zum Gitterbereich. Wie häufig der vollständig umgestaltete Kirchenraum zugänglich sein wird, soll sich nach der Resonanz auf das neue Angebot richten.

Mit der Familienkirche beschreitet die Gemeinde einen ungewöhnlichen Weg. Statt vor allem über sinkende Gottesdienstbesucher zu sprechen, setzt sie auf ein positives Signal: Die Kirche soll wieder zu einem Ort werden, an dem Kinder, Eltern und Großeltern gemeinsam Glauben erleben – lebendig, offen und ohne Berührungsängste.


1866 war die Einweihung der Stotzheimer Kirche

Die Pfarrei Stotzheim wurde 1316 im Liber valoris erstmals urkundlich erwähnt. Der Vorgängerbau der heutigen Kirche wurde Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet. 1864 war die Anzahl der Katholiken im Ort auf 1300 angewachsen und die Kirche war für die Gemeinde zu klein geworden. Deshalb ließ man die alte Kirche abbrechen und an anderer Stelle einen neugotischen Bau nach den Plänen von Vincenz Statz errichten.

Die Grundsteinlegung erfolgte im August 1864, ein Jahr später wurde das Turmkreuz aufgerichtet und am 7. Juni 1866 wurde die Kirche geweiht. Wegen Einsturzgefahr der Gewölbe musste die Kirche 1988 geschlossen werden und es kam zu einer vollständigen Erneuerung der Gewölbedecke und der Neugestaltung des Chorraumes. Der Backsteinbau ist eine vierjochige, kreuzgratgewölbte Hallenkirche mit drei Schiffen. Der Kirchenmaler Gustav Fischer nahm 1876 die Ausmalung der Kirche vor.

Die barocken Seitenaltäre und die Heiligenfiguren wurden in den Jahren 1936 bis 1941 angeschafft. 1953 wurden drei neue Fenster im Chor eingebaut, da die alten Fenster im Krieg zerstört wurden. 1969 wurden im Zuge einer Kirchenrenovierung der Chor umgestaltet, ein neuer Altar errichtet und die Fenster des Kirchenschiffes erneuert.