Kern der Planung für die Steinbachtalsperre bei Euskirchen-Kirchheim ist ein neues Drossel- und Auslassbauwerk. Wird sie erst 2031 befüllt?
Weil Gutachten fehlenDer Wiederaufbau der Steinbachtalsperre braucht noch mehr Zeit

Seit der Flutkatastrophe ist in der Steinbachtalsperre kein Wasser. Bis das wieder der Fall ist, werden noch mindestens drei Jahre vergehen.
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Die geplante Sanierung, der geplante Wiederaufbau der Steinbachtalsperre bei Kirchheim verzögert sich weiter. Der Grund: Es müssen noch Gutachten zum Artenschutz erstellt werden. Wie in der Verbandsversammlung des Wasserversorgungsverbands Euskirchen-Swisttal (WES) bekannt wurde, befindet sich unterhalb des Damms ein Naturschutzgebiet. Das war bisher offenbar nicht bekannt und spielte entsprechend bei den Wiederaufbauplänen für die Talsperre, die bei der Flutkatastrophe am 14./15. Juli stark beschädigt worden war, keine Rolle.
„Wir müssen eine ganze Vegetationsperiode berücksichtigen, also ein Jahr“, sagte Markus Böhm, Geschäftsführer der e-regio. Erst dann, wenn alle Gutachten vorlägen, könne man den Bauantrag stellen. Ursprünglich war geplant, diesen bis Juni dieses Jahres einzureichen – nun also frühestens im Januar 2027. Bis zur Fertigstellung könnten laut e-regio weitere zwei bis vier Jahre vergehen. Stand jetzt würde die Steinbachtalsperre also spätestens 2031 wieder mit Wasser gefüllt.
Mängelbeseitigung und Entwicklung eines modernen Bauwerks
Die e-regio betreibt die Steinbachtalsperre im Auftrag des WES. Seit fast fünf Jahren stellt die Anlage Ingenieure und Behörden vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Beseitigung erheblicher baulicher Mängel, sondern auch die Entwicklung eines modernen Bauwerks, das künftig mehrere Funktionen gleichzeitig übernehmen soll.
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Kern der Planung ist ein neues Drossel- und Auslassbauwerk. Dieses sogenannte Komplexbauwerk wurde in der Verbandsversammlung im Groben von Dr. Barbara Tönnis, Bauingenieurin bei dem mit der Planung beauftragten Unternehmen Tractebel, vorgestellt. Laut der Expertin vereint es mehrere bisher getrennte Funktionen: die Hochwasserentlastung, zwei Grundablässe sowie Anlagen zur Wasserentnahme. Zusätzlich wird über dieses Bauwerk ein weiterer Zugang zum Kontrollgang im Inneren des Damms geschaffen. Geplant ist eine Art „Entenschnabel“, in den das Wasser von drei Seiten einlaufen und dann kontrolliert an den Steinbach unterhalb des Damms abgegeben werden kann. Wie groß dieser „Schnabel“ einmal sein wird, ist derzeit noch offen.
Es muss massiv in den Damm eingegriffen werden
Mehr oder weniger fest steht, dass das Komplexbauwerk nicht an die Stelle gebaut wird, an der sich aktuell die Scharte befindet. Diese war nach der Flut in den Damm getrieben worden, um die Standsicherheit des Bauwerks zu erhöhen. „Wir müssen unter anderem einen zweiten Grundablass bauen. Der muss sich deutlich tiefer befinden als die heutige Scharte. Wir müssen also so oder so massiv in den Damm eingreifen“, so Tönnis. Zudem müsste das abgelassene Wasser im Bereich der heutigen Scharte gerade in Extremsituationen eine Kurve fließen, um in den Steinbach zu gelangen. Das sei bei großen Wassermengen immer problematisch, so Tönnis. Die Scharte soll wieder verfüllt werden.

Stellte den aktuellen Stand der Planungen für den Wiederaufbau der Steinbachtalsperre vor: Dr. Barbara Tönnis.
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So könnte das Bauwerk im Damm aussehen. Die Scharte soll wieder verfüllt werden.
Copyright: e-regio (Visualisierung)
Mit dieser Bündelung in einem Komplexbauwerk sollen Betrieb, Steuerung und Wartung der Anlage künftig deutlich effizienter und sicherer werden. Bevor gebaut werden kann, sind zahlreiche Gutachten erforderlich. Dazu zählen insbesondere landschaftspflegerische Begleitpläne, die Eingriffe in Natur und Landschaft erfassen und entsprechende Ausgleichsmaßnahmen festlegen. Auch artenschutzrechtliche Prüfungen sind vorgeschrieben.
Die Talsperre entspricht in Teilen nicht mehr dem heutigen Stand der Technik
Ein externes Fachbüro begleitet nach Angaben von Tönnis das gesamte Genehmigungsverfahren. Die ökologischen Kartierungen laufen bereits und werden aufgrund der jahreszeitlichen Abhängigkeit mehrere Monate in Anspruch nehmen. „Die bisherigen Untersuchungen haben deutlich gemacht, dass die Talsperre in Teilen nicht mehr dem heutigen Stand der Technik entspricht. Einzelne Bauwerke stammen noch aus den 1930er-Jahren“, erklärte Tönnis.
So gebe es aktuell nur einen Grundablass, obwohl nach aktuellen Normen zwei erforderlich seien. Zudem wurden erste Risse festgestellt. Besonders kritisch ist die Hochwasserentlastungsanlage: Beim Hochwasser im Jahr 2021 zeigte sich, dass ihre Kapazität nicht ausreicht. Das Wasser konnte nicht vollständig abgeführt werden und lief unkontrolliert über. Auch der Damm selbst weist nach wie vor Schäden auf. Ein wichtiger Drainagebereich am Dammfuß, der Sickerwasser kontrolliert ableiten soll, wurde zerstört. Ohne diese Drainage besteht die Gefahr, dass Material aus dem Damm ausgespült wird und die Stabilität leidet.
Die Steinbachtalsperre soll auch dem Hochwasserschutz dienen
Das geplante Komplexbauwerk soll künftig sicherstellen, dass im Unterlauf der Talsperre maximal zehn Kubikmeter Wasser pro Sekunde abgegeben werden – eine zentrale Vorgabe des Erftverbands für den Hochwasserschutz der unterhalb der Talsperre liegenden Orte wie Schweinheim, Palmersheim oder Odendorf. Dafür sind unter anderem große Stahlrohre im Grundablass mit einem Durchmesser von bis zu 1,40 Metern vorgesehen.
Sie werden durch moderne Steuer- und Absperrorgane geregelt, die jeweils mehrere Tonnen wiegen können. Die Steuerung soll weitgehend automatisiert erfolgen. Neben dem neuen Bauwerk werden auch die Dammkrone, die Betriebswege und die Geländer erneuert. Zudem ist ein neues Betriebsgebäude geplant, das dem Personal künftig einen besseren Überblick über die Anlage ermöglicht.
Auch ein teilweiser Neuaufbau des Damms steht im Raum
Eine Herausforderung stellt laut der Bauingenieurin der Baugrund dar. Viele der bisherigen Berechnungen basieren auf älteren Daten, die durch jüngere Veränderungen – etwa durch angeschwemmte Materialien – möglicherweise nicht mehr zutreffen. Hinzu kommen Hinweise auf unzureichend verdichtete Bereiche im Damm nach der Flut, als der sogenannte Luftbereich, also dort, wo kein Wasser gestaut wird, mehr oder weniger provisorisch stabilisiert worden war. „Sollte sich dies bestätigen, müssten Teile des Damms abgetragen und neu aufgebaut werden“, so Tönnis.
Auch die Abdichtung des Damms steht im Fokus. Die Asphaltoberfläche an der Dammkrone ist seit Juli 2021 der Witterung ausgesetzt und zeigt bereits deutliche Alterungserscheinungen. Experten gehen davon aus, dass ihre Lebensdauer begrenzt ist und mittelfristig eine Erneuerung notwendig wird.
Die Planungen erfolgen laut Böhm in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden, insbesondere der Bezirksregierung Köln. Neben der Wasserbauverwaltung sind auch Naturschutz- und Genehmigungsbehörden eingebunden. Regelmäßige Abstimmungen sorgen dafür, dass das Projekt vorangebracht wird – auch während der laufenden Artenschutzgutachten.
Chronologie der Ereignisse an der Steinbachtalsperre während der Flut
Während der Flut waren alle Augen auf die Steinbachtalsperre gerichtet. Der Grund: Der Damm drohte zu brechen. Die e-regio als Betreiber der Talsperre hat eine Chronologie der Ereignisse am 14. Juli erstellt.
16.35 Uhr: Der Pegel erreicht das Betriebsstauziel (278,88 Meter ü. NN). Das Wasser läuft ab diesem Moment über die Hochwasserentlastung in den Steinbach.
17 Uhr: Der Pegel ist um 18 Zentimeter gestiegen. Das entspricht einer Wassermenge von 300 Litern pro Sekunde, die über den Überlauf abgeleitet wird. Das meldet die e-regio an Bezirksregierung und Erftverband.
Der Damm des Steinbachs hielt in der Flutnacht
18.10 Uhr: Die Bezirksregierung wird informiert, dass der Damm mit hoher Wahrscheinlichkeit überflutet wird. Auch die Leitstelle wird in Kenntnis gesetzt. Eine Stunde später steht laut e-regio fest, dass der Damm innerhalb der nächsten Stunden überflutet wird. Stetiger Austausch der Krisenstäbe des Kreises und der Kommunen.
20 Uhr: Kronenstau: Anschließend läuft die Talsperre bis 23 Uhr über. Bis zu 120.000 Liter Wasser pro Sekunde bahnen sich ihren Weg.
Der Damm des Steinbaches hielt in der Flutnacht und auch an den folgenden Tagen. Doch was würde im Falle eines Dammbruchs geschehen? Wie hoch flösse in einem solchen Worst-Case-Szenario das Wasser durch Schweinheim? Wie viel Zeit bliebe zur Evakuierung? Fragen, die vor dem 14. Juli 2021 niemand konkret beantworten konnte. Fragen, die aber noch am Abend der Hochwasserkatastrophe aufkamen, weil die Dammkrone überspült wurde.
Worst-Case-Szenario Dammbruch: Das würde passieren
14 Monate nach der Katastrophe und 86 Jahre nach der Fertigstellung der Talsperre bei Kirchheim hatte sich die Hydrotec Ingenieurgesellschaft für Wasser und Umwelt mbH mit dem theoretischen Fall eines Dammbruchs beschäftigt. Für die Berechnungen legten die Experten folgende Parameter zugrunde: Es ist wie am 14. Juli 2021 zu einem Kronenstau gekommen. In der Talsperre befinden sich 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser. Es gibt keinen zusätzlichen Zufluss durch Regen. Der Damm bricht innerhalb weniger Sekunden komplett weg.
„Bereits zehn Minuten nach dem Dammbruch wären in Schweinheim Wasserstände von drei bis fünf Metern zu erwarten“, sagte Tobias Meurer, Abteilungsleiter Gas- und Wasseranlagen bei der e-regio. Und das Wasser würde mit sehr hoher Geschwindigkeit durch das Dorf fließen. Meurer sprach von drei Metern pro Sekunde. „Nach dem Dammbruch wäre es für eine Evakuierung zu spät. Das muss vorher passieren“, sagt Meurer über die Simulation.

